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Oberhummer
Heinz Oberhummer: Kann das alles Zufall sein? Geheimnisvolles Universum
Salzburg: Ecowin, 2008. Gebunden, 169 Seiten Thomas Wizany (Illustrator) – Oberhummer LinksOberhummer Literatur
Der Haupttitel ist etwas reißerisch und wird erst am Ende des Werks behandelt. Auch das Umschlagschlagwort „Auf der Suche nach der Weltformel“ soll eher Käufer anlocken. Behandelt wird es im fünften Abschnitt. Aufschluss über den Inhalt gibt der Untertitel „Geheimnisvolles Universum“.
Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis läßt zunächst keinen Plan erkennen. Doch das täuscht.
Heinz Oberhummer, Professor für Theoretische Physik an der TU Wien, Sohn des "Oberlehrers Oberhummer in Obertauern", geht – entgegen dem ersten Anschein – recht systematisch vor. In fünf Abschnitten erzählt er vom und erklärt er das Universum in verständlicher, formelfreier Sprache.
Die Abschnitte behandeln
• das Universum,
• die Entstehung des Universums,
• die Sterne,
• die Erde und das Leben auf ihr und im Universum und
• zuletzt – in einer philosophischen Grundlegung – wird das Anthropische Prinzip diskutiert.
All diese Themen werden verständlich an den Leser gebracht. Man gewinnt eine Vorstellung, welche Probleme Astrophysiker und verwandte Wissenschaftler beschäftigen ud warum sich die Beantwortung der Fragen lohnt. Nicht jede Antwort auf die Wissensneugier des Menschen muss sich in Heller und Pfennig niederschlagen. Man lese dazu und zur gesamten Menschheitsproblematik den Kasten in der Zusammenfassung S. 129 ganz unten.
Wissenschaftsgeschichte und –theorie
Dem Autor gelingt es – neben der reinen Wissensvermittlung – beim Leser deutlich zu machen, wo etwas aus den Fakten abgeleitet werden kann und dann eine wissenschaftlich gut begründete Annahme ist und wo etwas reine Spekulation ist.
So wird die Existenz der dunklen Materie aus der von ihr erzeugten Gravitation abgeleitet. Der Übergang zwischen direkt beobachtbaren Objekten und Sachverhalten und erschlossenen ist fließend. Liest man aufmerksam wird man feststellen, dass
  1. viele wissenschaftliche Vorstellungen im Laufe der Jahrhunderte – hauptsächlich von Theologen – als ketzerisch verfolgt wurden. Giordano Bruno taucht oft im Text auf, ist aber nur eine krasser, paradigmatischer Fall. Das läßt die Vermutung zu, dass auch heutige Positionen der Religionen, die nur auf vermeintlich heiligen Schrift beruhen und naturwissenschaftlichen Positionen widersprechen, irgendwann ad acta gelegt werden.
  2. innerhalb der Wissenschaft die Auseinandersetzung um Theorien sehr offen geführt wird. Sind noch nicht ausreichende Belege vorhanden bestehen unterschiedliche Positionen nebeneinander, die Oberhummer entsprechend abwägt.
Naturwissenschaft & Religion
Obwohl Oberhummer auf die Schnittstellen der Naturwissenschaft mit Religion, Theologie und Philosophie zu sprechen kommt, liegt das etwas außerhalb seines Anspruchs. An mindestens einer Stelle zeigt er deutlich, dass die Mythen der Religionen oder die gesetzten Barrieren der Theologie die Naturwissenschaft ziemlich kalt lassen. Sie haben bei vielen Fragen, auf die die Religionen recht unterschiedlich und in einer Art „Tummelplatz“ antworten, schon längst passable Antworten (S. 132). Dazu zitiert der Autor etwas abgewandelt den bekannten Witz (S. 132): “Was ist der Unterschied zwischen Physik, Philosophie und Theologie? Physik ist, wenn jemand in einem finsteren Raum eine schwarze Katze sucht. Philosophie ist, wenn jemand in einem finsteren Raum mit verbundenen Augen eine schwarze Katze sucht, die höchstwahrscheinlich nicht da ist. Theologie ist, wenn jemand in einem finsteren Raum mit verbundenen Augen eine schwarze Katze sucht, die gar nicht da ist und ruft: »Hurra, ich hab sie!«”
Angenehm für religiös Gläubige ist sicher, dass Oberhummer nie auf die Pauke haut (wie etwa Richard Dawkins), sondern recht wissenschaftlich die Sachverhalte nur darstellt und den Leser zum selbst nachdenken anregt, so auch im Pluralitätsargument.
Pluralitätsargument (S. 133)
Die Religionen verkünden unterschiedliche Wahrheiten. Dies ist zunächst möglich, da diese Wahrheiten meist auf der Fantasie der Schreiber, Gurus oder Religionsstifter beruhen. Der Fantasie sind keine Schranken gesetzt.
In der Natur der dogmatischen Religionen liegt es, dass diese Wahrheiten einmal festgelegt wurden und sich dann nie oder nur marginal änderten. Es gibt keine Entscheidungsinstanz (wie die Natur und Experiment in den Naturwissenschaften) über wahr, teilweise wahr oder falsch.
Die Unzahl von verschiedenen Religionen behaupten fast alle die Wahrheit zu verkünden.
Unter diesen verschiedenen Religionen mit sich widersprechenden Wahrheiten kann nur eine richtig sein.
Unterargument
Die Religion des einzelnen Menschen wird durch den Ort der Geburt, die Religion der Familie und dem religiösen Umfeld bestimmt, also durch rein äußere Einflüsse.
Die Wahrscheinlichkeit ist äußerst gering, dass in dieser „Riesenlotterie“ die durch die äußeren Einflüsse zwangsweise angenommene Religion die richtige ist (wenn überhaupt eine die richtige ist).
“Wenn Sie sich aber vorstellen, dass unter all den Religionen nur eine einzige richtig sein kann, ist die Wahrscheinlichkeit in dieser Riesenlotterie äußerst gering, dass Sie genau mit Ihrer Religion richtigliegen.” (S. 133)
Oberhummer stellt diese Argumentation dem Urteil des Lesers anheim. Er legt nahe, dass eine Reduktion auf einen in nahezu allen Religionen gemeinsamen Gott, eine geeignete Wahl sei.
(Das – meines Erachtens nicht ziehende – Gegenargument der Theologen zum Pluralitätsargument ist, dass ihre jeweilige Position die einzig wahre sei. Es gibt also keine Lotterie. Ich meine, das ist eine petitio principii.)
Allerdings argumentiert der Autor vehement gegen den Wahrheitsanspruch der Religionen. Angesichts des unzähligen Leids, das dieser Wahrheitsanspruch über die Menschheit gebracht hat, lehnt er diesen Anspruch ab (S. 134).
Didaktik
• Oberhummer schreckt nicht vor ausführlichen Wiederholung zurück. So behandelt er die Energieerzeugung der Sterne im dritten Abschnitt nochmals. Der Leser nimmt es dankbar hin.
• Am Ende jedes Abschnitts bringt er eine Zusammenfassung, die den späteren Wiedereinstieg erleichtert.
• Gerade im mehr metaphysischen letzten Kapitel glänzt Oberhummer mit überzeugender Argumentation. Man lese nur die Gegenüberstellung der Erklärungsversuche zur Feinabstimmung im Universum, dem Anthropischen Prinzip (S. 152).
• Wenn man liest, die Sonne verbrennt pro Sekunde 584 Millionen Tonnen Wasserstoff zu Helium (S. 79), erschrickt man und hofft, es reicht noch fürs eigene Leben. Man kann so grosse Zahlen schlecht einordnen. Keine Angst, der Autor setzt es später in zeitliche Beziehung (S. 85).
• Oft benutzt Oberhummer überflüssige und unangebrachte Superlative: man sieht es ihm nach.
Zwei kleine Anmerkungen
• Kurz hintereinander ist die Milchstrasse 2000 und 3000 Lichtjahre dick (S. 37)
• Etliche Male verweist der Autor im Zusammenhang mit Atomwaffen auf den Iran. Da macht er sich zu sehr die üblich Hiebtaktik zu eigen. Warum die Atombomben des Irans gefährlicher sein sollen, als diejenigen der derzeit Atomwaffen-besitzenden Staaten ist mir unerklärlich.
Oberhummers Buch strebt sichtlich nach der didaktischen Einfachheit, die bei angelsächsischen Wissenschaftlern oft gelobt wird. Das gelingt ihm hervorragend. Dem Anspruch der Verständlichkeit und der Formelfreiheit geschuldet wird mancher Sachverhalt nicht ganz klar, aber immer so, dass man nach der Lektüre über vieles (dunkle Materie, schwarzes Loch, dunkle Energie) esoterikfrei mitreden kann. Das ist ein hoher Verdienst dieses sehr empfehlenswerten Werks.
Links
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