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Immanuel Kant Prolegomena

Garves Brief an Kant nach dem Erscheinen der Prolegomena.

Leipzig, 13.Juli 1783
Hochzuverehrender Herr,
Sie fordern den Recensenten Ihres Werks in den Göttingischen Zeitungen, auf, sich zu nennen. Nun kann ich zwar diese Recension, so wie sie da ist, auf keine Weise, für mein erkennen. Ich würde untröstlich sein, wenn sie ganz aus meiner Feder geflossen wäre. Ich glaube auch nicht, daß irgend ein anderer Mitarbeiter dieser Zeitung, wenn er allein gearbeitet hätte, etwas so übel zusammenhängendes würde hervorgebracht haben. Aber ich habe doch einigen Antheil daran. Und da mir daran gelegen ist, daß ein Mann den ich von jeher sehr hochgeschätzt habe, mich wenigstens für einen ehrlichen Mann erkennt, wenn er mich gleich als einen seichten Metaphysiker ansehen mag: so trete ich aus dem Incognito, so wie Sie es an einer Stelle Ihrer Prolegomenen verlangen –. Um Sie aber in den Stand zu setzen, richtig zu urtheilen: muß ich Ihnen die ganze Geschichte erzählen. Ich bin kein Mitarbeiter der Göttingischen Zeitung. Vor zwei Jahren that ich, (nachdem ich viele Jahre, äußerst kränklich, müßig u. im Dunkeln, in meinem Vaterlande zugebracht hatte) eine Reise nach Leipzig, durch die Hannöverischen Lande, u. bis Göttingen. Da ich viele Erweisungen von Höflichkeit u. Freundschaft, von Heyne dem Director, u. mehrern Mitarbeitern dieser Zeitung, erhielt: so weiß ich nicht, welche Bewegung von Dankbarkeit, mit einiger Eigenliebe vermischt, mich antrieb, mich freiwillig zu dem Beitrage einer Recension zu erbieten. Da eben damals Ihre Kritik der reinen Vernunft herausgekommen war, u. ich mir von einem großen Werke das Kanten zum Verfasser hätte, ein sehr großes Vergnügen versprach, da mir seine vorhergegangenen kleinen Schriften schon so vieles gemacht hatten; u. da ich es zugleich für mich selbst für nützlich hielt, ein motif zu haben, dieses Buch mit mehr als gewöhnlicher Aufmerksamkeit durchzulesen: so erklärte ich mich, ehe ich noch Ihr Werk gesehen hatte, es zu recensiren. Dieses Versprechen war übereilt u. dies ist in der That, die einzige Thorheit deren ich mir bei der Sache bewußt bin, u. die mich noch reut. Alles folgende ist entweder eine Folge meines wirklichen Unvermögens, oder Unglück. Ich erkannte bald, da ich das Werk anfing zu lesen, daß ich unrecht gewählt hatte; daß diese Lecture, besonders jetzt, da ich auf der Reise, zerstreut, noch mit andrer Arbeit beschäftigt, seit vielen Jahren geschwächt, u. auch damals, wie immer, kränklich war, für mich zu schwer sei. Ich gestehe Ihnen, ich weiß kein Buch in der Welt, das zu lesen mir soviel Anstrengung gekostet hätte: u. wenn ich mich nicht durch mein einmal gegebnes Wort gebunden geglaubt hätte, so würde ich die Durchlesung desselben auf bessere Zeiten ausgesetzt haben, wo mein Kopf und mein Körper stärker gewesen wären. Ich bin indes nicht leichtsinnig zu Werke gegangen. Ich habe alle meine Kräfte, u. alle Aufmerksamkeit deren ich fähig bin, auf das Werk gewandt; ich habe es ganz durchgelesen. Ich glaube, daß ich den Sinn der meisten Stellen einzeln, richtig gefaßt habe: ich bin nicht so gewiß, ob ich das Ganze richtig überschauet habe. — Ich machte mir Anfangs, einen vollständigen Auszug, der mehr als 12 Bogen betrug, untermischt mit den Ideen, die mir während des Lesens sich aufdrangen. Es thut mir leid, daß dieser Auszug verloren gegangen ist: er war vielleicht, wie oft meine ersten Ideen besser, als was ich nachher daraus gemacht habe. Aus diesen 12 Bogen, die niemals eine Zeitungs-Recension werden konnten, arbeitete ich, allerdings mit vieler Mühe, (da ich auf der einen Seite mich einschränken, auf der andern verständlich sein u. dem Buche ein Gnüge thun wollte) eine Recension aus. Aber auch diese war weitläuftig genung: u. es ist in der That nicht möglich, von einem Buche, dessen Sprache erst dem Leser bekannt gemacht werden muß, eine kurze Anzeige zu machen, die nicht absurd sei. — Diese letztre, ob ich gleich einsahe, daß sie länger wäre, als die längste der Gottingischen Recensionen, schickte ich ein: in der That weil ich selbst nicht sie abzukürzen wußte ohne sie zu verstümmeln. Ich schmeichelte mir, daß man in Göttingen, entweder der Größe u. Wichtigkeit des Buchs wegen, von der gewöhnlichen Regel abweichen, oder, daß, wenn die Recension durchaus zu lang wäre, man besser als ich verstehen würde, sie zu verkürzen. Diese Absendung geschah von Leipzig aus auf meiner Rückreise. — Lange Zeit, (nachdem ich in mein Vaterland Schlesien zurückgekommen war) erscheint nichts: endlich erhalte ich das Blatt, worin das stehen soll, was meine Recension heißt. Sie können glauben, daß Sie selbst nicht so viel Unwillen oder Mißvergnügen bei dem Anblick derselben haben empfinden können, als ich. Einige phrases aus meinem Mscpt waren in der That beibehalten; aber sie betragen gewiß nicht den 10ten Theil meiner, u. nicht den 3ten der Göttingischen Recension. Ich sah, daß meine Arbeit, die wirklich nicht ohne Schwierigkeit gewesen war, so gut als vergeblich geworden, u. nicht nur vergeblich, sondern schädlich. Denn wenn der Gottingische Gelehrte, der meine Recension abkürzte u. interpolirte, auch nach einer flüchtigen Lecture Ihres Buchs etwas eignes darüber gemacht hätte: so würde es besser u., wenigstens zusammenhängender geworden sein. Um mich bei meinen vertrauten Freunden, welche wußten, daß ich für Göttingen gearbeitet hatte, zu rechtfertigen; u. bei diesen wenigstens den nachtheiligen Eindruck zu schwächen, den diese Recension bei jedermann machen mußte: schickte ich mein Mscpt. nachdem ich es in einiger Zeit von Göttingen wiedererhalten, an Rath Spalding in Berlin. Seitdem hat mich Nicolai ersucht, sie in seiner Allgem. D. B. einrücken zu lassen. Und ich habe es ihm zugestanden, mit dem Bedinge, wenn einer meiner Berlinschen Freunde sie mit der Götting. Rec. vergleichen, u. theils die dort beibehaltenen phrases abändern, th. überhaupt erst bestimmen wollte, ob es der Rede werth sei. Denn ich bin ganz außer Stande, jetzt eine Hand mehr anzulegen. — Nun weiß ich weiter nichts davon. — Mit diesem Briefe schreibe ich zugleich an HE. Spalding; u. bitte ihn, wofern das Mscpt. noch nicht abgedruckt ist, es copiren zu lassen, u. es nebst meinem Briefe an Sie zu übersenden. Alsdann mögen Sie vergleichen. Sind Sie mit dieser meiner Recension eben so unzufrieden, wie mit der Göttingischen: so ist es ein Beweis, daß ich zu Beurtheilung eines so schweren u. tiefsinnigen Buchs nicht penetration genug habe, u. daß es für mich nicht geschrieben ist. Ich glaube demohnerachtet, daß Sie, wenn Sie auch damit unzufrieden sind, doch glauben werden, mir einige Achtung u. Schonung schuldig zu sein; noch gewisser hoffte ich, daß Sie mein Freund sein würden, wenn wir uns persönlich kennten.
Ich will das nicht ganz von mir ableugnen, was Sie dem Göttingischen Recensenten Schuld geben, daß er über den Schwierigkeiten, die er zu überwinden gehabt, unwillig geworden sei. Ich gestehe, ich bin es zuweilen geworden; weil ich glaubte es müsse möglich sein, Wahrheiten, die wichtige Reformen in der Philosophie hervorbringen sollen, denen welche des Nachdenkens nicht ganz ungewohnt sind, leichter verständlich zu machen. Ich habe die Größe der Kraft bewundert, welche fähig gewesen ist, eine solche lange Reihe von äußersten Abstractionen, ohne ermüdet, ohne unwillig, u. ohne von ihrer Bahn abgebracht zu werden, zu durchdenken. Ich habe auch, in sehr vielen Theilen Ihres Buchs, Unterricht und Nahrung für meinen Geist gefunden, z.E. eben da wo sie zeigen, daß es gewisse widersprechende Sätze gebe, die doch gleich gut bewiesen werden können. Aber das ist auch jetzt noch meine Meinung, vielleicht eine irrige: daß das Ganze Ihres Systems, wenn es wirklich brauchbar werden soll, populärer ausgedrückt werden müsse, u. wenn es Wahrheit enthält, auch ausgedrückt werden könne; und daß die neue Sprache, welche durchaus in demselben herrscht, so großen Scharfsinn auch der Zusammenhang verräth, in welchen die Ausdrücke derselben gebracht worden, doch oft die in der Wissenschaft selbst vorgenommene Reform, oder die Abweichung von den Gedanken andrer, noch größer erscheinen mache, als sie wirklich ist.
Sie fordern Ihren Recensenten auf, von jenen widersprechenden Sätzen einen so zu erweisen, daß der gegenseitige nicht eines gleich guten Beweises fähig sei. Diese Aufforderung kann meinen Gottingischen Mitarbeiter angehn, nicht mich. Ich bin überzeugt, daß es in unsrer Erkenntniß Gränzen gebe; daß sich diese Gränzen eben dann finden, wenn sich aus unsern Empfindungen, solche widersprechende Sätze, mit gleicher Evidenz entwickeln lassen. Ich glaube, daß es sehr nützlich ist, diese Gränzen kennen zu lernen, u. sehe es als eine der gemeinnützigsten Absichten Ihres Werks an, daß sie dieselben deutlicher u. vollständiger als noch geschehen, auseinandergesetzt haben. Aber das sehe ich nicht ein, wie Ihre Critik der reinen Vernunft, dazu beitrage, diese Schwierigkeiten zu heben. Wenigstens ist der Theil Ihres Buchs, worin Sie die Widersprüche ins Licht setzen, ohne Vergleich klärer u. einleuchtender, (und dies werden Sie selbst nicht läugnen,) als derjenige, wo die Principien festgestellt werden sollen, nach welchen diese Widersprüche aufzuheben sind.
Da ich jetzt, auch auf der Reise u. ohne Bücher bin, und weder Ihr Werk noch meine Recension zur Hand habe: so betrachten Sie das, was ich hier darüber sage, bloß als flüchtige Gedanken, über welche Sie selbst nicht zu strenge urtheilen müssen. Habe ich hier, habe ich in meiner Recension, Ihre Meinung u. Absicht unrichtig vorgestellt, so ist es, weil ich sie unrecht gefaßt habe, oder mein Gedächtniß mir ungetreu ist. Den bösen Willen die Sache zu verstellen, habe ich nicht, u. bin desselben nicht fähig.
Zuletzt muß ich Sie bitten, von dieser Nachricht keinen öffentlichen Gebrauch zu machen. Ohnerachtet mir die Verstümmelung meiner Arbeit, in den ersten Augenblicken, da ich sie erfuhr, eine Beleidigung zu sein schien: so habe ich sie demohnerachtet, dem Manne, welcher sie nöthig gefunden, völlig vergeben: theils weil ich durch die Vollmacht, welche ich ihm ertheilt, selbst daran Schuld bin; theils weil ich außerdem Ursache habe ihn zu lieben u. hochzuschätzen. Und doch müßte er es als eine Art von Rache ansehn, wenn ich bei Ihnen dagegen protestirt hätte, nicht Autor der Recension zu sein. Viele Personen in Leipzig u. Berlin wissen, daß ich die Göttingische Recension habe machen wollen, u. wenige, daß von derselben nur der kleinste Theil mein ist, ob also gleich die Unzufriedenheit die sie, zwar mit Recht, aber doch auf eine etwas harte Weise, gegen den Göttingischen Recensenten bezeigen, in den Augen aller dieser, auf mich ein nachtheiliges Licht wirft: so will ich dies doch lieber als die Strafe einer Unbesonnenheit (denn dies war das Versprechen zu einer Arbeit deren Umfang u. Schwierigkeit ich nicht kannte) tragen, als eine Art von öffentlicher Rechtfertigung erhalten, die meinen Göttingischen Freund compromittiren müßte.
Ich bin, mit wahrer Hochachtung u. Ergebenheit
Hochzuverehrender Herr
Ihr gehorsamster F. u. D. Garve.
Leipzig d. 13 Jul. 1783.

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