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Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel Der universelle Republikanismus
Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel: Der universelle Republikanismus (1796)
Veranlaßt durch die Kantische Schrift zum ewigen Frieden

      Der Geist, den die Kantische Schrift zum ewigen Frieden atmet, muß jedem Freunde der Gerechtigkeit wohltun, und noch die späteste Nachwelt wird auch in diesem Denkmale die erhabene Gesinnung des ehrwürdigen Weisen bewundern. Der kühne und würdige Vortrag ist unbefangen und treuherzig und wird durch treffenden Witz und geistreiche Laune angenehm gewürzt. Sie enthält eine reichliche Fülle fruchtbarer Gedanken und neuer Ansichten für die Politik, Moral und Geschichte der Menschheit. Mir war die Meinung des Verfassers über die Natur des Republikanismus und dessen Verhältnis zu anderen Arten und Zuständen des Staates vorzüglich interessant. Die Prüfung derselben veranlaßte mich, diesen Gegenstand von neuem zu durchdenken. So entstanden folgende Bemerkungen.
      "Die bürgerliche Verfassung", sagt Kant, "in jedem Staate soll republikanisch sein. - Die erstlich nach Prinzipien der Freiheit der Glieder einer Gesellschaft (als Menschen), zweitens nach Grundsätzen der Abhängigkeit aller von einer einzigen gemeinsamen Gesetzgebung (als Untertanen), drittens die nach dem Gesetz der Gleichheit derselben (als (Staatsbürger) gestiftete Verfassung ist die republikanische." Diese Erklärung scheint mir nicht befriedigend. Wenn die rechtliche Abhängigkeit schon im Begriffe der Staatsverfassung überhaupt liegt, so kann sie kein Merkmal des spezifischen Charakters der republikanischen Verfassung sein. Da kein Prinzip der Einteilung der Staatsverfassung überhaupt in ihre Arten angegeben ist, so fragt sichs, ob durch die Merkmale der Freiheit und Gleichheit der vollständige Begriff der republikanischen Verfassung erschöpft sei. Beide sind nichts Positives, sondern Negationen. Da nun jede Negation eine Position, jede Bedingung etwas Bedingtes voraussetzt, so muß ein Merkmal (und zwar das wichtigste, welches den Grund der beiden anderen enthält) in der Definition fehlen. Die despotische Verfassung weiß von jenen negativen Merkmalen (Freiheit und Gleichheit) nichts: sie wird also auch durch ein positives Merkmal von der repubikanischen Verfassung verschieden sein. Daß der Republikanismus und Despotismus nicht Arten des Staates, sondern der Staatsverfassung seien, wird ohne Beweis vorausgesetzt, und was Staatsverfassung sei, nicht erklärt. – Die angedeutete Deduktion des so definierten Republikanismus ist ebensowenig befriedigend als die Definition. Es scheint wenigstens, als würde behauptet: die republikanische Verfassung sei darum praktisch notwendig, weil sie die einzige ist, welche aus der Idee des ursprünglichen Vertrages hervorgeht. Aber worauf gründet sich denn diese Idee, als auf das Prinzip der Freiheit und Gleichheit? Ist das nicht ein Zirkel? – Alle Negationen sind die Schranken einer Position und die Deduktion ihrer Gültigkeit ist der Beweis, daß die höhere Position, von welcher die durch sie limitierte Position abgeleitet ist, ohne diese Bedingung sich selbst aufheben würde. Die praktische Notwendigkeit der politischen Freiheit und Gleichheit muß also aus der höheren praktischen Position, von welcher das positive Merkmal des Republikanismus abgeleitet ist, deduziert werden.
      Folgender provisorische Versuch einer Deduktion des Republikanismus und einer politischen Klassifikation a priori scheint mir der Prüfung des Lesers nicht ganz unwürdig zu sein.
      Durch die Verknüpfung der höchsten praktischen Thesis (welche das Objekt der praktischen Grundwissenschaft ist) mit dem theoretischen Datum des Umfangs und der Arten des menschlichen Vermögens erhält der reine praktische Imperativ so viel spezifisch verschiedene Modifikationen, als das gesamte menschliche Vermögen spezifisch verschiedene Vermögen in sich enthält; und jede dieser Modifikationen ist das Fundament und das Objekt einer besonderen praktischen Wissenschaft. Durch das theoretische Datum, daß dem Menschen, außer den Vermögen, die das rein isolierte Individuum als solches besitzt, auch noch im Verhältnis zu anderen Individuen seiner Gattung das Vermögen der Mitteilung (der Tätigkeiten aller übrigen Vermögen) zukomme, daß die menschlichen Individuen durchgängig im Verhältnis des gegenseitigen natürlichen Einflusses wirklich stehen oder doch stehen können, – erhält der reine praktische Imperativ eine neue, spezifisch verschiedene Modifikation, welche das Fundament und Objekt einer neuen Wissenschaft wird. Der Satz: das Ich soll sein, lautet in dieser besonderen Bestimmung: Gemeinschaft der Menschheit soll sein, oder: das Ich soll mitgeteilt werden. Diese abgeleitete praktische Thesis ist das Fundament und Objekt der Politik, worunter ich nicht die Kunst verstehe, den Mechanismus der Natur zur Regierung der Menschen zu nutzen, sondern (wie die griechischen Philosophen) eine praktische Wissenschaft, im Kantischen Sinne dieses Wortes, deren Objekt die Relation der praktischen Individuen und Arten ist.
      Eine jede menschliche Gesellschaft, deren Zweck Gemeinschaft der Menschheit ist (die Zweck an sich, oder deren Zweck menschliche Gesellschaft ist) heißt S t a a t. Da aber das Ich nicht bloß im Verhältnis aller Individuen, sondern auch in jedem einzelnen Individuo sein soll und nur unter der Bedingung absoluter Unabhängigkeit des Willens sein kann, so ist politische Freiheit eine notwendige Bedingung des politischen Imperativs und ein wesentliches Merkmal zum Begriff des Staates: denn sonst würde der reine praktische Imperativ, aus dem sowohl der ethische als der politische abgeleitet ist, sich selbst aufheben. Der ethische und der politische Imperativ gelten nicht bloß für dies und jenes Individuum, sondern für jedes; daher ist auch politische Gleichheit eine notwendige Bedingung des politischen Imperativs und ein wesentliches Merkmal zum Begriff des Staates. Der politische Imperativ gilt für alle Individuen; daher umfaßt der Staat eine ununterbrochene Masse, ein koexistentes und sukzessives Kontinuum von Menschen, die Totalität derer, die im Verhältnis des physischen Einflusses stehen, z. B. aller Bewohner eines Landes oder Abkömmlinge eines Stammes. Dies Merkmal ist das äußere Kriterium, wodurch der Staat sich von politischen Orden und Assoziationen, welche besondere Zwecke haben, also auch nur gewisse, besonders modifizierte Individuen angehen, unterscheidet. Alle diese Gesellschaften umfassen keine Masse, kein totales Kontinuum, sondern verknüpfen nur einzelne zerstreute Mitglieder.
      Die Gleichheit und Freiheit erfordert, daß der allgemeine Wille der Grund aller besonderen politischen Tätigkeiten sei (nicht bloß der Gesetze, sondern auch der anwendenden Urteile und der Vollziehung). Dies ist aber eben der Charakter des Republikanismus. Der ihm entgegengesetzte Despotismus, wo der Privatwille den Grund der politischen Tätigkeit enthält, würde also eigentlich gar kein wahrer Staat sein? So ist es auch in der Tat, im strengsten Sinne des Wortes. Da aber alle politische Bildung von einem besonderen Zweck, von Gewalt und von einem Privatwillen – von Despotismus – ihren Anfang nehmen, und also jede provisorische Regierung notwendig despotisch sein muß, da der Despotismus den Schein des allgemeinen Willens usurpiert und wenigstens für einige ihm interessante Zivil- und Kriminalfälle die Gerechtigkeit toleriert, da er sich von allen anderen Gesellschaften durch das dem Staat eigene Merkmal der Kontinuität der Mitglieder unterscheidet, da er neben seinem besonderen Zwecke [1] das heilige Interesse der Gemeinschaft wenigstens nebenbei befördert und wider sein Wissen und Wollen den Keim eines echten Staates in sich trägt und den Republikanismus allmählich zur Reife bringt: so könnte man ihn als einen Quasistaat, nicht als eine echte Art, aber doch als eine Abart des Staates gelten lassen.
      Aber wie ist der Republikanismus möglich, da der allgemeine Wille seine notwendige Bedingung ist, der absolut allgemeine (und also auch absolut beharrliche) Wille aber im Gebiete der Erfahrung nicht vorkommen kann und nur in der Welt der reinen Gedanken existiert? Das Einzelne und das Allgemeine ist überhaupt durch eine unendliche Kluft voneinander geschieden, über welche man nur durch einen Salto mortale hinüber gelangen kann. Es bleibt hier nichts übrig, als durch eine Fiktion einen empirischen Willen als Surrogat des a priori gedachten absolut allgemeinen Willens gelten zu lassen und, da die reine Auflösung des politischen Problems unmöglich ist, sich mit der Approximation dieses praktischen x zu begnügen. Da nun der politische Imperativ kategorisch ist und nur auf diese Weise (in einer endlosen Annäherung) wirklich gemacht werden kann: so ist diese höchste fictio juris nicht nur gerechtfertigt, sondern auch praktisch notwendig; jedoch nur in dem Falle gültig, wenn sie dem politischen Imperativ (der das Fundament ihrer Ansprüche ist) und dessen wesentlichen Bedingungen nicht widerspricht.
      Da jeder empirische Wille (nach Heraklits Ausdruck) in stetem Flusse ist, absolute Allgemeinheit in keinem angetroffen wird, so ist die despotische Arroganz, seinen (väterlichen oder göttlichen) Privatwillen zum allgemeinen Willen selbst, als demselben völlig adäquat zu sanktionieren, nicht nur ein wahres Maximum der Ungerechtigkeit, sondern auch barer Unsinn. Aber auch die Fiktion, daß der individuelle Privatwille, z. B. einer gewissen Familie für alle künftigen Generationen als Surrogat des allgemeinen Willens gelten solle, ist widersprechend und ungültig: denn sie würde dem politischen Imperativ (dessen wesentliche Bedingung die Gleichheit ist) ihr eigenes Fundament und also sich selbst aufheben. Die einzig gültige politische Fiktion ist die auf das Gesetz der Gleichheit gegründete: Der Wille der Mehrheit soll als Surrogat des allgemeinen Willens gelten. Der Republikanismus ist also notwendig demokratisch; und das urerwiesene Paradoxon, daß der Demokratismus notwendig despotisch sei, kann nicht richtig sein. Zwar gibt es einen rechtmäßigen Aristokratismus, ein echtes und von dem abgeschmackten Erbadel, dessen absolute Unrechtmäßigkeit Kant so befriedigend dargetan hat, völlig verschiedenes Patriziat: sie sind aber nur in einer demokratischen Republik möglich.
      Die Kraft der Volksmehrheit, als Proximum der Allheit und Surrogat des allgemeinen Willens, ist die politische Macht. Die höchste Klassifikation der politischen Erscheinungen (aller Kraftäußerungen dieser Macht), wie aller Erscheinungen, ist die nach dem Unterschied des Beharrlichen und des Veränderlichen. Die Konstitution ist der Inbegriff der permanenten Verhältnisse der politischen Macht und ihrer wesentlichen Bestandteile. Die Regierung hingegen ist der Inbegriff aller transitorischen Kraftäußerungen der politischen Macht.
      Heilig ist, was nur unendlich verletzt werden kann, wie die Freiheit und Gleichheit: der allgemeine Wille. Wie Kant also den Begriff der Volksmajestät ungereimt finden kann, begreife ich nicht. Die Volksmehrheit, als das einzige gültige Surrogat des allgemeinen Willens, ist in dieser Funktion des politischen Fingenten ebenfalls heilig, und jede andere politische Würde und Majestät ist nur ein Ausfluß der Volksheiligkeit. Der hochheilige Tribun, zum Beispiel, war es nur im Namen des Volkes, nicht in seinem eigenen; er stellt die heilige Idee der Freiheit nur mittelbar dar; er ist kein Surrogat, sondern nur ein Repräsentant des heiligen allgemeinen Willens. –
      Der Staat soll sein und soll republikanisch sein. Republikanische Staaten haben schon um deswillen einen absoluten Wert, weil sie nach dem rechten und schlechthin gebotenen Zweck streben. In dieser Rücksicht ist ihr Wert gleich. Sehr verschieden aber kann er nach den Graden der Annäherung zum unerreichbaren Zweck sein. In dieser Rücksicht kann ihr Wert auf zweifache Weise bestimmt werden. Die technische Vollkommenheit des republikanischen Staates teilt sich in die Vollkommenheit der Konstitution und der Regierung.
      Die technische Vollkommenheit der Konstitution wird bestimmt durch den Grad der Approximation ihrer individuellen Form der Fiktion und der Repräsentation zur absoluten (aber unmöglichen) Adäquatheit des Fingenten und Fingierten, des Repräsentanten und Repräsentierten. Die negative technische Vollkommenheit der Regierung wird bestimmt durch den Grad der Harmonie mit der Konstitution; die positive durch den Grad der positiven Kraft, mit der die Konstitution wirklich ausgeführt wird.
      Der politische Wert eines republikanischen Staates wird bestimmt durch das extensive und intensive Quantum der wirklich erreichten Gemeinschaft, Freiheit und Gleichheit. Zwar ist die gute moralische Bildung des Volkes nicht möglich, ehe der Staat nicht republikanisch organisiert ist und wenigstens einen gewissen Grad technischer Vollkommenheit erreicht hat: aber auf der anderen Seite ist herrschende Moralität die notwendige Bedingung der absoluten Vollkommenheit (des Maximums der Gemeinschaft, Freiheit und Gleichheit) des Staates, ja sogar jeder höheren Stufe politischer Trefflichkeit.
      Bisher war nur vom partiellen Republikanismus eines einzelnen Staates und Volkes die Rede. Aber nur durch einen universellen Republikanismus kann der politische Imperativ vollendet werden. Dieser Begriff ist also kein Hirngespinst träumender Schwärmer, sondern praktisch notwendig, wie der politische Imperativ selbst. Seine Bestandteile sind:
1. Polizierung aller Nationen;
2.Republikanismus aller Polizierten;
3. Fraternität aller Republikaner;
4. die Autonomie jedes einzelnen Staates und die Isonomie aller.

      Nur universeller und vollkommener Republikanismus würde ein gültiger, aber auch allein hinlänglicher Definitivartikel zum ewigen Frieden sein. – Solange die Konstitution und Regierung nicht durchaus vollkommen wäre, würde, selbst in republikanischen Staaten, deren friedliche Tendenz Kant so treffend gezeigt hat, sogar ein ungerechter und überflüssiger Krieg wengistens möglich bleiben. Der erste Kantische Definitivartikel zum ewigen Frieden verlangt zwar Republikanismus aller Staaten: allein, der Föderalismus, dessen Ausführbarkeit so bündig bewiesen wird, kann schon seinem Begriffe nach nicht alle Staaten umfassen; sonst würde er gegen Kants Meinung ein universeller Völkerstaat sein. Die Absicht des Friedensbundes, die Freiheit der republikanischen Staaten zu sichern, setzt eine Gefahr derselben, also Staaten von kriegerischer Tendenz, d. h. despotische Staaten voraus. Die kosmopolitische Hospitalität, deren Ursprung und Veranlassung durch den Handelsgeist Kant so geistreich entwickelt, scheint aber sogar unpolizierte Nationen vorauszusetzen. Solange es aber noch despotische Staaten und unpolizierte Nationen gäbe, würde auch noch Kriegsstoff übrigbleiben.
1. Der Republikanismus der kultivierten Nationen;
2. der Föderalismus der republikanischen Staaten;
3. die kosmopolitische Hospitalität der Föderierten

würden also nur gültige Definitivartikel zum ersten echten und permanenten, wenngleich nur partiellen Frieden, – statt der bisherigen, fälschlich sogenannten Friedensschlüsse, eigentlich Waffenstillstände, – sein.
      Man kann sie auch als Präliminarartikel zum ewigen Frieden ansehen, den sie beabsichtigen und an den vor dem ersten echten Frieden gar nicht zu denken ist. - Der universelle und vollkommene Republikanismus und der ewige Friede sind unzertrennliche Wechselbegriffe. Der letzte ist ebenso politisch notwendig wie der erste. Aber wie steht es mit seiner historischen Notwendigkeit oder Möglichkeit? Welches ist die Garantie des ewigen Friedens?
      »Das, was diese Gewähr leistet, ist nichts Geringeres, als die große Künstlerin Natur«, sagt Kant. So geistreich die Ausführung dieses trefflichen Gedankens ist, so will ich doch freimütig gestehen, was ich daran vermisse. Es ist nicht genug, daß die Mittel der Möglichkeit, die äußeren Veranlassungen des Schicksals zur wirklichen allmählichen Herbeiführung des ewigen Friedens gezeigt werden. Man erwartet eine Antwort auf die Frage: Ob die innere Entwicklung der Menschheit dahin führe. Die (gedachte) Zweckmäßigkeit der Natur (so schön, ja notwendig diese Ansicht in anderer Beziehung sein mag) ist hier völlig gleichgültig: nur die (wirklichen) notwendigen Gesetze der Erfahrung können für einen künftigen Erfolg Gewähr leisten. Die Gesetze der politischen Geschichte und die Prinzipien der politischen Bildung sind die einzigen Data, aus denen sich erweisen läßt, »daß der ewige Friede keine leere Idee sei, sondern eine Aufgabe, die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziel beständig näher kommt«; nach denen sich die künftige Wirklichkeit desselben und sogar die Art der Annäherung zwar nicht weissagen – thetisch und nach allen Umständen der Zeit und des Ortes –, aber doch vielleicht theoretisch (wenngleich nur hypothetisch) mit Sicherheit vorherbestimmen lassen würde. – Kant macht zwar hier sonst (wie sich erwarten läßt) keinen transzendenten Gebrauch von dem teleologischen Prinzip in der Geschichte der Menschheit (welches sogar kritische Philosophen sich erlaubt haben): jedoch in einem Stücke scheint mir der praktische Begriff der unbedingten Willensfreiheit mit Unrecht in das theoretische Gebiet der Geschichte der Menschheit herübergezogen zu sein. – Wenn die Moraltheologie die Frage aufwerfen kann und muß: welches der intelligible Grund der Immoralität sei – ob sie es kann und muß, lasse ich hier an seinen Ort gestellt sein –, so weiß ich auch keine andere Antwort als die Erbsünde im Kantischen Sinne. Aber die Geschichte der Menschheit hat es nur mit den empirischen Ursachen des Phänomens der Immoralität zu tun; der intelligible Begriff der ursprünglichen Bösartigkeit ist im Gebiete der Erfahrung leer und ohne allen Sinn. – Das behauptete Faktum, daß es durchaus keinen Glauben an menschliche Tugend gebe, ist unerwiesen; und wie kann die offenbare Bösartigkeit im äußeren Verhältnis der Staaten – die Immoralität einer kleinen Menschenklasse, welche aus leichtbegreiflichen Ursachen im Durchschnitt aus dem Abschaum des menschlichen Geschlechtes besteht – ein Argument wider die menschliche Natur überhaupt sein?
      Es ist ein hier unfruchtbarer Gesichtspunkt, die vollkommene Verfassung nicht als ein Phänomen der politischen Erfahrung, sondern als ein Problem der politischen Kunst zu betrachten; da wir nicht über ihre Möglichkeit, sondern über ihre künftige Wirklichkeit und über die Gesetze der Progression der politischen Bildung zu diesem Ziele belehrt sein wollen.
      Nur aus den historischen Prinzipien der politischen Bildung, aus der Theorie der politischen Geschichte läßt sich ein befriedigendes Resultat über das Verhältnis der politischen Vernunft und der politischen Erfahrung finden.
Fußnote [1]
Jeder Staat, der einen besonderen Zweck hat, ist despotisch, mag dieser Zweck auch anfänglich noch so unschuldig scheinen. Wie viele Despoten sind nicht vom Zweck der physischen Erhaltung ausgegangen? Er ist aber allemal bei glücklichem Erfolg in den der Unterdrückung ausgeartet. Den praktischen Philosophen können die schrecklichen Folgen jeder auch gutgeweinten Verwechslung des Bedingten und Unbedingten nicht befremden. Das Endliche darf die Rechte des Unendlichen nicht ungestraft usurpieren. Zurück zum Text
Immanuelmmanuel Kant Zum ewigen FriedenImmanuel Kant: "Zum ewigen Frieden" (1795)

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.6.2002