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Putnam
Zeigt das Wasser auf der Zwillingserde, daß Bedeutungen nicht im Kopf sind?
Eine Replik auf Hilary Putnams "... 'meanings' just ain't in the head!"
1 Traditionelle Auffassung
  1.1 Argument der traditionellen Auffassung
  1.2 Anmerkungen zum Argument der traditionellen Auffassung
    1.2.1 Zu (1)
    1.2.2 Zu (2)
    1.2.3 Zum Argument insgesamt
2 Putnams Folgerung
3 Gedankenexperimente
4 Hilfsannahmen
5 Kritik der Hilfsannahmen
  5.1 Ostentativer Akt
  5.2 Indexikalität
  5.3 Essentialismus
    5.3.1 Keine wesentlichen Eigenschaften
    5.3.2 Klassifikation durch die Naturwissenschaft
    5.3.3 Unveränderlichkeit der Arten
  5.4 Gleichheitsbeziehung
    5.4.1 Korrigiertes Argument
    5.4.2 Gedankenexperiment 1750
    5.4.3 Folgerung
  5.5 Bedeutungswandel, Kontinuität in der Zeit
  5.6 Keine Rückwirkung
6 Sprachgebrauch
Literatur
Hilary Putnam behauptet in seinem ”Aufsatz "The Meaning of 'Meaning'” die traditionelle Auffassung zur Bedeutung beruhe auf einer fehlerhaften Theorie (S. 219). Er kondensiert seine These in der griffigen Wendung: "... 'meanings' just ain't in the head!" (S. 227, Kursivsetzung im Original).
Ich versuche nachzuweisen, daß die Gedankenexperimente mit der Zwillingserde, die seine Argumentation tragen, untauglich sind, den Nachweis zu stützen, daß Bedeutungen nicht im Kopf sind. Mit ähnlichen Gedankenexperimenten werde ich im Gegenteil zeigen, daß die traditionelle Auffassung zur Bedeutung haltbar und sogar überlegen ist.
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1 Traditionelle Auffassung
1.1 Argument der traditionellen Auffassung
Unter der traditionellen Auffassung versteht Putnam die folgende Argumentation (S. 219).
(1) Die Bedeutung eines Ausdrucks zu kennen besteht darin sich in einem bestimmten psychologischen Zustand zu befinden.
(2) Die Bedeutung eines Ausdrucks (im Sinne der "Intension") legt die Extension fest.
Aus diesen Annahmen folgt:
(3) Ein bestimmter psychologischer Zustand legt die Extension des Ausdrucks fest.
1.2 Anmerkungen zum Argument der traditionellen Auffassung
1.2.1 Zu (1)

In der ersten Prämisse verwendet Putnam "knowing", das im Deutschen sowohl mit "kennen" als auch mit "wissen" übersetzt werden kann. Dabei unterscheidet man im Deutschen:
a) Ich weiß einen Sachverhalt, der durch einen ganzen Satz p ausgedrückt wird und behaupte das mit "Ich weiß, daß p" oder nur mit "p".
b) Ich kenne eine Person oder ein Objekt dann, wenn ich über Unterscheidungs- und Wiedererkennungskriterien verfüge.
c) Ich kenne die Bedeutung eines Ausdrucks, der auf eine Person oder ein Objekt verweist, wenn ich über geeignete Unterscheidungs- und Wiedererkennungskriterien verfüge. Das ist für das "kennen" in Prämisse (1) relevant. Dazu mehr in der folgenden Erläuterung.
1.2.2 Zu (2)
Zur Bedeutung eines Ausdrucks gibt es verschiedene Theorien. Sie stehen in Putnams Aufsatz "The Meaning of 'Meaning'" unter verschiedenen Aspekten auf dem Prüfstand. Als Hintergrund führe ich die bekannten Bedeutungstheorien anhand des einfachsten Falls, dem Eigennamen, an. Die Bedeutung eines Eigennamens ist
1) das bezeichnete Objekt (J. S. Mill, Frege),
2) die Beziehung zwischen Eigenname und Objekt. Diese Beziehung kann auf verschiedene Arten gesichert werden.
2a) Die Beziehung wird durch einen eindeutige Beschreibung, die man mit dem Eigennamen assoziert, hergestellt (Russell). Diese Beschreibung muß nicht bei jedem Benutzer des Eigennamens gleich sein und man kann sie sich auch non-verbal vorstellen.
Beispiel: Eigenname "Zugspitze". Hinreichende Beschreibungen: "der höchste Berg Deutschlands", "der höchste Berg im Wettersteingebirge", "die Spitze des Bergkamms im Süden, die am Garmischer Bahnhof am weitesten rechts zu sehen ist". In diesen Beispielen wird wiederum vorausgesetzt, daß der jeweilige Sprecher die Bedeutung der Ausdrücke "Deutschland", "Wettersteingebirge", "Süden" usw. kennt. Mit der dritten Beschreibung vermag auch ein Sprachunkundiger das Objekt zu individuieren; er könnte, körperliche Eignung vorausgesetzt, die Zugspitze besteigen.
2b) Die Beziehung steht am Ende einer kausalen Kette (Kripke, Devitt). Die Kette beginnt bei einem historischen oder mythischen Taufakt und wird von kompetenten Sprechern weitergegeben.
3) Hybride Bedeutungstheorie (Gary Evans, Devitt, Putnam). Die Beziehung wird durch eine kausal übermittelte Beschreibung hergestellt. (Fn 1)
1.2.3 Zum Argument insgesamt
Wer die Bedeutung des Ausdrucks "Abendstern" kennt, muß nach dem traditionellen Argument also in der Lage sein, den Abendstern (jetzt aufgefasst als Extension dieses Ausdrucks) zu individuieren. Er weiß beispielsweise, daß dies in unseren Breiten der hell leuchtende Stern am frühen Abendhimmel ist, legt damit die Extension des Ausdrucks "Abendstern" fest, unabhängig davon, ob er weiß, daß dies die Venus ist. Die Extension eines Ausdrucks wurde einst von der Sprechergemeinschaft festgelegt und dann tradiert. Sie kann in verschiedenem sozialen oder regionalen Umfeld variieren. Dieser Umstand wird in der oben aufgeführten traditionellen Auffassung nicht angesprochen. Die Zulässigkeit der Variation ist innerhalb des traditionellen Arguments jedoch nicht außer Acht zu lassen.
Wichtig für die Bedeutung eines Eigennamens oder eines Ausdrucks für eine Person oder ein Objekt ist es, daß er – wenn wir mit Hilfe des Ausdrucks überhaupt auf ein existierendes Objekt referieren – ausreicht, das Objekt eindeutig zu individuieren. Schwierigkeiten entstehen durch nicht eindeutige Benennungen, durch unterschiedliche Kontexte und durch Bedeutungswandel (regional, zeitlich). So mag jemand die Bedeutung von "Abendstern" in der Opernarie im "Tannhäuser" noch so gut kennen, wenn er nicht die Beziehung zum astronomischen Objekt schafft (visuell oder zum Lexikoneintrag "Venus"), wird man ihm die Kenntnis der "richtigen" Bedeutung des Ausdrucks "Abendstern" absprechen.
Die bisherige Argumentation bezog sich auf die Bedeutung von Ausdrücken ganz allgemeiner Art. Weitergehende Schwierigkeiten entstehen bei der Bedeutung von natürlichen Arten ("Tiger", "Bärenlauch", "Wasser") oder künstlichen Arten ("Bleistift", "Stadt", "Spiel"). Natürliche Arten sind begrifflich zusammengefasste Objekte, die ohne Zutun des Menschen existieren. Dazu gehören besonders biologische Arten und Massenterme. Künstliche Arten sollen hier begrifflich zusammengefasste Objekte sein, die durch Menschen entstanden sind; darunter fallen auch abstrakte Begriffe, wie "Kapitalismus". Putnam will anhand natürlicher Arten (Massenausdrücken wie "Wasser" und "Aluminium" oder Einzelarten wie "Buche" und "Ulme") zeigen, daß die traditionelle Auffassung nicht haltbar ist.
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2 Putnams Folgerung
Putnam zeigt mit mehreren Gedankenexperimenten, daß bei genau gleichen psychologischen Zuständen (Prämisse (1) trifft zu), die Extension des Begriffs unterschiedlich sein kann. Die Folgerung (3) wäre dann falsch. Deshalb können nicht beide Prämissen zugleich zutreffen. Zur Lösung schlägt Putnam im wesentlichen die Rückweisung der Prämisse (1) vor. Er propagiert einen Bedeutungsbegriff, der eine gesellschaftliche und eine indexikalische Komponente hat (S. 245). Von Putnams Gedankenexperimenten werde ich die Ausführungen zur Bedeutung der Wörter "Buche" und "Ulme" unberücksichtigt lassen. Sie werden zum einen von Searle behandelt (S. 252), zum anderen zwingen sie, so weit ich sehe, nicht zur Rückweisung der Folgerung und damit zur Aufgabe einer Prämisse. Putnam zeigt mit "Buche" und "Ulme" lediglich die gesellschaftliche Arbeitsteilung bei der Bedeutung von Wörtern auf. Allenfalls muß man die These "Die Bedeutung ist im Kopf" präzisieren zu "Die Bedeutung ist in den Köpfen". Searle beugt dieser Präzisierung schon vor, indem er die Folgerung im Plural formuliert:
(3a) "Psychische Zustände legen die Extension fest" (S. 251).
Meine Argumentation konzentriert sich auf die Gedankenexperimente mit der Zwillingserde. Ich werde zeigen, daß sie nicht die Schlußfolgerung der traditionellen Auffassung falsifizieren und damit keine der Prämissen verworfen werden muß.
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3 Gedankenexperimente
Die Gedankenexperimente mit der Zwillingserde sind Science-Fiction Stories. Ich rufe sie kurz ins Gedächtnis zurück.
Terristrische Astronauten (Erdlinge) entdecken einen entfernten Planeten, der unserer Erde genau gleicht. Die Bewohner dort (Zwerdlinge) sprechen (in dem der Erde entsprechenden Kulturraum) ebenso Deutsch wie wir. Insbesondere kennen die Bewohner der Zwillingserde (ich benutze "Erde" und "Zwillingserde" hier als starre Bezeichner, unbeachtet lassend, daß die Bewohner ihre Zwillingserde natürlich "Erde" nennen) ebenfalls das Wasser und benennen es so. Die zunächst nicht hinterfragte Vermutung der Besucher von der Erde wird sein, daß "Wasser" auf der Erde und Zwillingserde dieselbe Bedeutung hat. In einem Labor wird den Erdlingen jedoch mitgeteilt, daß Wasser auf der Zwillingserde eine komplizierte chemische Formel, abgekürzt XYZ, als Struktur hat. Sie berichten zur Erde:
"Auf der Zwillingserde bedeutet »Wasser« XYZ."
Wären Astronauten der Zwillingserde zuerst auf die Erde gelangt, wäre die Geschichte ähnlich verlaufen, nur der Funkspruch zurück zur Zwillingserde würde lauten: "Auf der Erde bedeutet »Wasser« H2O." Jetzt versetzt Putnam seine Leser ins Jahr 1750 (Fn 2). Weder auf der Erde noch auf der Zwillingserde war die chemische Zusammensetzung von Wasser bekannt. Oskar1 auf der Erde hat einen physikalisch und mental identischen Doppelgänger Oskar2 auf der Zwillingserde. Hier lasse ich außer Acht, daß Wasser als Beispiel der völligen Gleichheit sich als ungünstig erweist, da die Körper von Oskar1 und Oskar2 selbst diesen Stoff enthalten. Damit wäre die körperliche Gleichheit in der Voraussetzung nicht mehr gegeben.
Obwohl sich im Jahre 1750 Oskar1 und Oskar2 im selben psychologischen Zustand befinden, meinen sie, wenn sie auf Wasser zeigen, etwas Verschiedenes. Putnam geht nun von einer theoretischen Beziehung aus, die bereits bei der Namensgebung ostentativ und indexikalisch festlegt, daß Wasser derjenige Stoff ist, als der er sich in der späteren Geschichte der Chemie erweisen wird.
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4 Hilfsannahmen
Daß sich im zuletzt geschilderten Gedankenexperiment Oskar1 und Oskar2 im selben psychologischen Zustand befinden, sei unbestritten. Fraglich ist die Annahme, dadurch würden verschiedene Extensionen festgelegt. Diesem Einwand begegnet Putnam mit einer Reihe von Hilfsannahmen.
1) Die Namensgebung ist ein ostentativer Taufakt, der implizit eine Gleichheitsbeziehung festlegt. Jeder Stoff und nur der Stoff, der dem gleicht, auf den man "zeigt" gehört zur Extension (Putnam S. 225). Hier unterstützt das deutsche Wort "be-deuten" Putnams Annahme des ostentativen Akts. Jemand zeigt auf einen Teich, um die Bedeutung von "Wasser" festzulegen. Nur Stoffe, die die Gleichheitsbeziehung mit dem Stoff im Teich erfüllen, sind fürderhin Wasser. Mit dieser Annahme wird die Bedeutung eines Begriffs durch eine indexikalische Beziehung etabliert. Je nach Beschaffenheit der Welt hat beispielsweise "Wasser" eine andere Bedeutung.
Dieser Annahme Putnams liegen noch drei weitere zugrunde, die als Essentialismus bekannt sind. Es handelt sich um die folgenden Annahmen:
1a) Natürliche Arten haben wesentliche (essentielle, daher Essentialismus) Eigenschaften. Dies sind Eigenschaften, ohne die ein Objekt nicht zur jeweiligen Art gehört. Natürliche Arten selbst kann man ganz allgemein als in der Natur vorkommende Objekte, Substanzen und Phänomene auffassen. Sie werden mit einem Sammelbegriff, sozusagen der Eigenname der natürlichen Art, bezeichnet. Beispiele: "homo sapiens", "Maiglöckchen", "Granit", "Wärme". Beim "homo sapiens" deutet sich an, daß der Arteigenname durchaus beschreibend sein kann. So heißt eine Blumenart beispielsweise Rundblättriger Sonnentau. Die Grenze zwischen Eigenname und Beschreibung wird verschwommen.
1b) Die Klassifizierung in die natürlichen Arten geschieht durch die Naturwissenschaft.
1c) Die Klassifizierung ist unveränderlich oder höchstens erweiterbar.
Die Annahmen Putnams werden im Folgenden kritisiert.
2) Die Gleichheitsbeziehung beruht auf
a) semantische Marker (Putnam S. 229-230). Dies sind Eigenschaften, die zur Bedeutung des Ausdrucks für die natürliche Art gehören. Man erwirbt die Kenntnis der semantischen Marker durch wiederholte Ostentation und Abstraktion der gemeinsamen Eigenschaften oder durch die übermittelnde, beschreibende Aufzählung der Eigenschaften. Dazu kann auch die Unterordnung der Art ("Eisen ist ein Metall", "Wasser ist eine Flüssigkeit") oder die Zurechnung von Unterarten ("Zu den Gesteinen zählen Gneis, Glimmer, ...") oder die Hervorhebung von Unterschieden ("Der Frühlingsenzian hat nur eine einzige Blüte") gehören.
b) Stereotype (Putnam S. 230). In Stereotype sind die standardisierten Beschreibungen der Eigenschaften, die für eine Art typisch sind, zusammengefaßt. Es sind nur die Eigenschaften, die als Kritierien für die Artbestimmung durch ein Mitglied der Sprachgemeinschaft dienen. Zum Stereotyp gehören daher nicht unbedingt alle artbestimmenden Merkmale. Beispiel für ein Stereotyp: Wasser ist farblos, Durst löschend, durchsichtig, fällt vom Himmel, ....
c) innere Struktur. Die Einteilung in die Arten erfolgt über die innere Struktur. Das ist beispielsweise die genetische Ausstattung, die chemische Zusammensetzung oder die Reduktion auf mikrophysikalische Phänomene. Beispiel: Wärme ist die mittlere kinetische Energie.
3) Die Gleichheitsbeziehung bringt es mit sich, daß es gegebenenfalls unaufhörlicher wissenschaftlicher Untersuchungen bedarf um die Bedeutung festzulegen (Putnam S. 225).
4) Die Festlegung der Bedeutung erfolgt in sozialer Arbeitsteilung ("division of linguistic labor", Putnam S. 228). Der Biologe (nicht der Seemann oder Fischer) erkennt und legt fest, daß der Wal ein Säugetier ist. Daß der Wal wie ein Fisch im Wasser lebt ist keine wesentliche Eigenschaft zur Artbestimmung.
5) Selbst wenn eine Festlegung der Bedeutung erfolgte, ist diese für spätere wissenschaftliche Untersuchungen offen. Sie ist revidierbar und zwar im Sinne von Putnam rückwirkend (S. 225). Mit rückwirkend ist gemeint, daß die Extension des Begriffs zwar mit der Gleichheitsbeziehung festgelegt ist, aber in vielen Fällen erst später oder nie genau angegeben werden kann.
Jede der Hilfsannahmen Putnams ist bezweifelbar, keineswegs so klar, wie Putnam es wohl annimmt und in vielerlei Art nicht mit dem Spracherwerb und -gebrauch vereinbar.
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5 Kritik der Hilfsannahmen
5.1 Ostentativer Akt

Putnam geht davon aus, daß nicht mentale Stati oder Prozesse in den Köpfen die Referenz festlegen, sondern der Gegenstand selbst. Der Gegenstand wurde "irgendwann" per Zeigen darauf herausgehoben. Das stellt man sich nicht in einem einzelnen Akt vor, sondern in einem kooperativen Einigungsprozeß einer Sprechergemeinschaft über einen langen Zeitraum (Phylogenese). Beim Spracherwerb des einzelnen Menschen (Ontogenese) erscheint der ostentative Akt durchaus angemessen. Die Mutter deutet auf verschiedene Wasser unter ständiger Äußerung des Wortes oder ganzer Sätze wie "Das ist Wasser". Das Kind wiederholt, abstrahiert die gemeinsamen Wahrnehmungsinhalte und bildet sich den Begriff "Wasser". Mit dem Zeigeakt verbindet Putnam, daß damit die Beziehung Wort – natürliche Art festgelegt ist und zwar so, daß alles, das mit dem Stoff identisch ist, künftig unter den Begriff fällt.
Das entspricht nicht dem Spracherwerb. Ohne Blüten und Geschmacksprüfung sind Bärenlauch und Maiglöckchen nicht unterscheidbar. Der Vater zeigt auf einer Frühjahrswanderung dem Sohn Bärenlauch, der noch nicht blüht. Die vom Sohn aufgenommenen Eigenschaften treffen auf Bärenlauch zu. Wenige Wochen kommen sie wieder vorbei und es sind blühende Maiglöckchen. Selbstverständlich korrigiert der Vater und damit auch der Sohn sein Urteil. Der erste Zeigeakt wird revidiert. Er fundierte keine Gleichheitsbeziehung für Bärenlauch.
5.2 Indexikalität
Mit dem ostentativen Akt und der weiteren Bedeutungsweitergabe verbindet Putnam auch die Indexikalität. Dazu erläutere ich zunächst in einer kurzen Exkursion die de-re und de-dicto Redeweise.
De-re und de-dicto Redeweise
Allerdings nicht am sattsamen bekannten Beispiel des "Mörders von Smith", sondern am Beispiel des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (FMB), der als 16-jähriger ein berühmtes Oktett Opus 20 schrieb. Verwende ich den Eigennamen FMB, beispielsweise im Satz "Felix Mendelssohn Bartholdy war ein musikalisches Genie", so ist das eine Redeweise über die "Sache" FMB, somit eine de-re Redeweise. Die Extension dieses Ausdrucks ist ein Individuum des 19. Jahrhunderts. Fällt mir gerade sein Name nicht ein, ich weiß aber, daß er das Oktett Opus 20 geschrieben hat, so kann ich ebenso gut sagen: "Der Komponist des Oktetts Opus 20 war ein musikalisches Genie". Dies wäre, weil ich damit eindeutig FMB meine, wieder eine de-re Redeweise. Bei der de-re Redeweise geht der Sprecher vom vollzogenen Bezug zum Objekt aus. Die zur Bezugsherstellung verwendete Beschreibung ("Komponist des Oktetts Opus 20") ist sekundär gegenüber dem intendierten Objekt.
Wenn ich aber das Oktett zum ersten Mal höre und mein Bekannter teilt mir mit: "Stell dir vor, der Komponist dieses Oktetts war erst sechzehn Jahre, als er es schrieb", so kann ich antworten: "Der Komponist des Oktetts Opus 20 war ein musikalisches Genie" und spreche damit de-dicto. Ich meine, der Komponist des Oktetts op. 20 - wer immer es war - war ein musikalisches Genie. Die Extension dieser Redeweise ist FMB, könnte aber, wenn spätere Forschung ergibt, das Oktett stammt nicht von FMB, jemand anderes sein. Bei der de-dicto Redeweise wird der Bezug zum Objekt erst durch die verwendete Beschreibung ("Komponist des Oktetts Opus 20") hergestellt. Diese Beschreibung ist primär gegenüber dem intendierten Objekt.
Putnam setzt die Indexikalität ein um eine sonderbare de-re und de-dicto Auffassung zu begründen. Zunächst wird, so Putnam, im ostentativen Akt eine natürliche Art de-re – was immer ihre derzeitige oder künftige Beschreibung sei – herausgegriffen. Dieser Taufakt erhält seine Indexikalität dadurch, daß konstitutiv die Beziehung natürliche Art – Namensgeber aufgenommen wird. Die rein lexikalische Beschreibung des Wassers ("farblos, Durst löschend, durchsichtig, fällt vom Himmel, ...") zum Zeitpunkt des Taufakts genügt nicht für die erfolgreiche Bezugnahme. Die konstitutive Beziehung des Taufakts geht in die Gleichheitsbeziehung (siehe 5.4 unten) ein. Ab dem Taufakt gilt über die Gleichheitsbeziehung eine de-dicto Kette. Alle Objekte, die mit dem so indexikalisch bestimmten Erstobjekt übereinstimmen, gehören aufgrund der Gleichheitsbeziehung zur selben natürlichen Art, obwohl die Beschreibung der gleichen Eigenschaften nicht einmal bekannt sein muß (siehe "Bedeutungswandel" weiter unten).
Die indexikalische Bestimmung einer natürlichen Art und der Anspruch, alle ihre relevanten Eigenschaftsbeschreibungen, aufgefaßt als de-dicto Redeweisen, damit einzubeziehen, ist verfehlt.
Zu jedem Objekt gibt es verschiedene de-dicto Redeweisen. Es gibt auch verschiedene de-dicto Redeweisen, die unabhängig voneinander das Objekt eindeutig bestimmen. Belege dafür sind de-dicto Redeweisen über den oben angeführten FMB: "Der Komponist des Oktetts für Streicher Opus 20 in Es-dur" oder "Der berühmte Komponist, geboren am 3. Februar 1809 in Hamburg" können beides hinreichende de-dicto Redeweisen sein.
Bei natürlichen Arten ist es nicht so stringent, wie Putnam uns das glauben macht. Viele der Kriterien der Art sind nach der Indexikalitätsauffassung Putnams lange Zeit nicht bekannt. Trotzdem wird kompetent über beispielsweise Gold geredet. Die mikrostrukturell relevanten Eigenschaften – die Putnam als so entscheidend hervorhebt – sind zunächst nicht bekannt. Trotzdem wird kompetent über beispielsweise Wasser geredet und Wasser einwandfrei verwendet.
Würde man mit der Indexikalität wie Putnam es zu tun scheint, sofort alle relevanten Eigenschaften der gezeigten natürlichen Art verbinden, so wäre die Bedeutung des Begriffs unnötig unbestimmt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß zukünftig relevante Eigenschaften entdeckt werden, die zu einer Revision der Bedeutung oder einer Untergliederung der natürlichen Art führen (siehe "Gedankenexperiment 1750" weiter unten).
Die indexikalische Bestimmung hat bei Putnam die versteckte Annahme: "Diese Art mit all ihren bekannten und künftig entdeckten Eigenschaften ... " oder zumindest mit: "Diese Art mit all ihren bekannten und künftig entdeckten strukturell relevanten Eigenschaften ..." und stimmt nicht mit unserem Sprachgebrauch überein.
5.3 Essentialismus
Ohne ihn explizit zu nennen, scheint der Argumentation Putnams ein Essentialismus zugrunde zu liegen. Dessen wichtigste Prinzipien habe ich schon unter "Hilfsannahmen" weiter oben aufgezählt. Es sind dies: jede natürliche Art hat wesentliche Eigenschaften; die Klassifikation geschieht durch die Naturwissenschaften; sie ist unveränderlich oder allenfalls erweiterbar.
Dieser Essentialismus ist heute aus vielerlei Gründen überholt. Die auf Putnams Essentialismus zutreffenden Gründe führe ich nachfolgend an.
5.3.1 Keine wesentlichen Eigenschaften
Für viele Begriffe und damit auch natürliche Arten gibt es keine allgemein gültige Kombination essentieller Eigenschaften, die allen Individuen oder Teilmengen der Art gemeinsam ist. Bei den künstlichen Arten gibt es ebenso, man denke an Wittgensteins Beispiel zum Begriffsumfang von "Spiel" (§66). Wittgenstein prägte deshalb den Begriff "Familienähnlichkeit" (§67). Das System der biologischen Arten wurde beispielsweise von Carl von Linné entwickelt. In der Folge von Darwins Überlegungen zum Urspung der Arten wichen die Biologen vom Denken in starren Arten auf das Denken in wandelbaren Populationen aus. Der Biologe Kevin de Queiroz will Linnès System durch ein neues System, basierend auf dem Phylocode, der nur auf der Abstammung und nicht auf der Ähnlichkeit der Arten beruht, ersetzen (Queiroz 1988; Anhäuser 2004).
Zudem ist es problematisch von Individuen oder Proben einer natürlichen Art auf ihre Gesamtheit zu schließen (Mellor S. 301).
Man vermindert die aufgezeigten Diskrepanzen des Essentialismus, wenn man die Bedeutung nicht im Objekt, also hier in der natürliche Art, sucht, sondern sie als die Beziehung zwischen Ausdruck und Objekt auffasst. Damit ist die Bedeutung nicht mehr an einen mehr oder minder unveränderlichen Gegenstand starr gebunden, sondern ändert sich mit dem Gebrauch des Ausdrucks und mit eventuell nötigen Korrekturen oder Erweiterungen der Klassifikation.
5.3.2 Klassifikation durch die Naturwissenschaft
Die essentialistische Annahme, daß die Klassifikation unserer Begriffe für natürliche Arten durch die Naturwissenschaft geschieht, trifft zu. Insofern stimmt der Essentialismus mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zumindest in der westlichen Welt überein. Die Naturwissenschaften haben in unserem Kulturkreis in diesen Fragen Vorrang. Es müßte aber nicht so sein. Es ist vorstellbar, daß unsere Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte. Statt einer auf Naturwissenschaft fixierten Gesellschaft würde gegebenenfalls die natürliche Heilkunst und Ernährung dominieren. Die "richtige" Bedeutung von Wasser wäre dann eventuell nicht H2O sondern die heilsame Kneippfunktion dieser (und anderer) Flüssigkeiten. Die Klassifikation der Pilze wäre nicht nach biologischen Arten sondern in "Nierenschädling", "Blutstiller" und "Magenkrampfer". Der Vorrang der Naturwissenschaft betrifft ja nicht nur die Klassifikation sondern auch das von einem gebildeten Mitglied der Diskursgemeinschaft erwartete Wissen zu einem Begriff. Dazu gibt es in Deutschland derzeit geradezu einen Streit, der zugespitzt auf eine Konfrontation der Naturwissenschaft mit den Geisteswissenschaften hinausläuft. (Fn 3)
Da die anderen Prinzipien ausreichend für eine Abkehr vom Essentialismus sprechen, vertiefe ich diesen Punkt nicht und gehe zur unterstellten Unveränderlichkeit der Arten über.
5.3.3 Unveränderlichkeit der Arten
Besonders in der Biologie erkennt man, daß natürliche Arten keineswegs unveränderlich sind. Die Veränderlichkeit der Arten ist im Gegenteil geradezu der Motor der Evolution. Doch auch in den anderen Naturwissenschaften werden Arten neu klassifiziert oder unterteilt. Siehe dazu das nachfolgende "Gedankenexperiment 1750", das eine Neuklassifikation von Wasser nötig machen würde. Zusammenfassend führt der von Putnam unterstellte Essentialismus zu unbefriedigenden Folgerungen. Etwas grob, aber in der Sache durchaus berechtigt fällt Mellor das Urteil: "In short, our essentialists' premises are false, their arguments invalid, and the plausibility of their conclusion specious. Their essences can go back in their Aristotelian bottles, where they belong" (S. 311).
5.4 Gleichheitsbeziehung
Die Kriterien der Gleichheitsbeziehung spezifiziert Putnam zwar näher (S. 232), sie bleiben aber doch einer gewissen Beliebigkeit anheim gestellt, wie ich im nächsten Gedankenexperiment zeigen möchte. Es soll aber auch zeigen, daß die Extension von vagen Beschreibungen (und hier stimme ich Putnam zu: jede Beschreibung muß gegenüber späteren wissenschaftlichen Erkenntnissen erweiterbar und revierbar bleiben) wissens- und damit zeitabhängig ist.
5.4.1 Korrigiertes Argument
(4) Erdling weiß nicht, daß Wasser H2O ist.
(5) Zwerdling weiß nicht, daß Wasser XYZ ist.
Für beide, Erdling und Zwerdling, gründet sich die Intension von Wasser nur auf die semantischen Marker und den Stereotyp.
Ich meine im Gegensatz zu Putnam, daß nun gefolgert werden kann und muß:
(6) Die Extension des Begriffs Wasser ist für Erdling und Zwerdling aufgrund ihrer Intension {H2O, XYZ, ....}
Zur Motivation der Folgerung (6) dient das folgende Gedankenexperiment.
5.4.2 Gedankenexperiment 1750
In weit entfernten künftigen Zeiten entdeckt man daß in bestimmten Moorseen, beispielsweise im badischen Mummelseetal, ein Wasserstoffisotop (zusätzlich zum derzeit bekannten Deuterium und Tritium) vorherrschend ist, das im "normalen" Wasser kaum nachweisbar ist. Isotope eines chemischen Elements haben eine verschiedene Anzahl von Neutronen im Atomkern. Sie haben untereinander dieselbe Ordnungszahl, aber unterscheiden sich eben wegen der Neutronen im Kern in der Massenzahl. Der häufige Genuß dieses neuen Wassertyps im Mummelseetal schützt vor der Krankheit AIDS. Das dortige Wasser erhält also eine neue, bisher ungenutzte Funktion. Das Wasser kommt unter dem Namen Aidser und, da sehr selten, zu hohen Preisen auf den Markt. Es wird künftig klar unterschieden zwischen dem gemeinen Wasser und Aidser. Anfang des 19. Jahrhunderts hat Eduard Möricke diese Wasser im Gedicht "Die Geister am Mummelsee" erwähnt. Wie war die Extension Mörickes für Wasser in diesem Gedicht? Die Rede "Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!" in der Intention Mörickes bezog sich auf das Wasser im Mummelsee. Die Extension von Mörickes Begriff der natürlichen Art Wasser umfaßte beide Wasserarten. Die Extension im künftigen Sprachgebrauch war ebenfalls {Wasser, Aidser}, zumindest bis zur Entdeckung des neuen Wasserstoffisotops. Künftige Differenzierungen oder hinzu kommende Spezifikationen ändern an der Extension vergangener Zeiten im Normalfall nichts. Mörickes Gedicht muß nicht umgeschrieben oder auch nur umgedeutet werden.
5.4.3 Folgerung
Was ich am Beispiel des Möricke-Gedichts zeigte, gilt ebenso für die Bedeutung des gegenwärtigen Begriffs vom Wasser.
Solange die Intension dem Benutzer eines Begriffs im wissenschaftlichen Sinne nur unzureichend bekannt ist, kann man keine genaue Extension fordern oder annehmen. Der Umfang der Extension ist gemäß der groben Intension recht weit. Ähnlich zu meiner Folgerung (6) sind Überlegungen, die die Extension für Erdlinge und Zwerdlinge mit H2O v XYZ angeben und daraus folgern: Daher ist die Extension von "Wasser" auf der Erde und der Zwillingserde identisch (Zemach S. 118).
5.5 Bedeutungswandel, Kontinuität in der Zeit
Während München vor ein paar Jahrhunderten nur das bedeutet, was innerhalb der Stadtmauer lag (davon zeugen noch heute die Tore in der Mauer: Isartor, Sendlinger Tor, Karlstor), ist seit Jahrzehnten auch Schwabing ein Stadtteil Münchens. Es ist völlig undurchsichtig, wie dieser Bedeutungswandel durch Putnam erklärt wird. Soll hier eine lange Reihe von ostentativen Taufakten angenommen werden? Dies ergäbe keinen kontinuierlichen Begriff, sondern eine Aneinanderreihung vieler verschiedener Begriffe, die nur der Bequemlichkeit halber dasselbe Wort verwenden. Die Aussage: München hatte im 16. Jahrhundert x Einwohner, heute hat es y Einwohner, wäre geradezu falsch. Das "es" im Satz würde sich eben nicht auf das genannte München beziehen.
Nun bezeichnet "München" freilich keine natürliche Art. Doch Bedeutungswandel kommt auch bei natürlichen Arten vor. Das Binnenvolk der Mongolen legte seinen Begriff von Wasser mittels Bächen, Seen und Regenwasser fest. Vielleicht erst nach Jahrhunderten lernten die Mongolen Salzwasser kennen. Ihr Begriff von Wasser erweiterte sich. Während der Taufakt mit Süßwasser erfolgte und damals der semantische Marker "durstlöschend" gebildet wurde (im Gegensatz zum ebenfalls flüssigen und durchsichtigen Apfelschnaps), bleibt dieser Marker für "Wasser" trotz der Erweiterung um das Salzwasser bestehen. Je nach Kontext wird er berücksichtigt oder nicht.
Nun läßt ja auch Putnam die Definition einer natürlichen Art für die Zukunft offen (Hilfsannahme 5), doch in dem Sinne, daß spätere Erkenntnis (beispielsweise: Wasser ist XYZ) auch die Extension von 1750 festlegen. Genau besehen ist dies freilich kein Bedeutungswandel sondern eine zeitlich rückwirkende Bedeutungsbestimmung. Schon beim Taufakt irgendwann in mythischen Zeiten nahm Wasser nach Putnam die Extension H2O an. Daraus ergibt sich, daß kein Sprecher vor 1790 die Bedeutung von Wasser wirklich kannte. Das erscheint mir nicht zutreffend. Es würde zu Ende gedacht auch bedeuten, daß die Sprecher Oskar1 und Oskar2 keine unterschiedliche Bedeutung von Wasser hatten, da sie ja die Bedeutung von Wasser vor 1790 nicht wirklich kannten. Sie sind dann zwar beide im selben psychologischen Zustand, dem jedoch – wenn überhaupt – nur eine vage Bedeutungsungleichheit entspricht.
Der vorwissenschaftliche Sprecher und Entdecker der Zusammensetzung H2O muß aber über die Bedeutung des Wortes "Wasser" schon vor seiner Entdeckung verfügen, da er sonst die Gleichsetzung Wasser = H2O nicht hätte vornehmen können.
Jede Theorie, die das Ergebnis hat, daß wir oder auch unsere sprachkompetenten Vorfahren die richtige Bedeutung von beispielsweise "Wasser" nicht wissen können, kann nicht korrekt sein (Zemach 123). 5.6 Keine Rückwirkung
Bedeutungen von Wörtern ändern sich, sie unterliegen einem Bedeutungswandel. Mit der Bedeutung ändert sich oft auch die Extension. Das kann verschiedene Ursachen haben. Eine der möglichen Ursachen sind neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Der Bedeutungswandel erfolgt aber nicht rückwirkend.
Solange also (um das Jahr 1750) weder Erdling noch Zwerdling über das Kriterium der chemischen Zusammensetzung verfügen, solange ist die Extension ihres Wasserbegriffs wie in (6) angeführt.
Solange man die chemische Zusammensetzung von Wasser nicht kennt, umfaßt die Extension alles, was aufgrund der semantischen Marker und Stereotype darunterfällt. Erst wenn man die chemische Zusammensetzung entdeckt und als signifikanten Unterschied zwischen den natürlichen Arten ansieht, ergibt sich ein Bedeutungswandel. Wird jetzt zusätzlich (zur inzwischen bekannten chemischen Zusammensetzung) noch Aidser entdeckt, so kommt es gegebenenfalls zu zwei Worten in unterschiedlicher Bedeutung. Wasser mit der Extension {H2O normale Isotope} und Aidser mit der Extension {H2O besondere Isotope}. Hat das Wasser im Mummelsee keine Heilwirkung oder sonstige signifikante Unterschiede (außer der Isotopverteilung) zum "normalen" Wasser, so gibt es voraussichtlich weder einen Bedeutungswandel noch die Einführung eines neuen Begriffs. Die Extension des Begriffs Wasser bleibt bei {H2O normale Isotope; H2O besondere Isotope}.
Ein weiteres Gedankenexperiment zeigt, daß keine rückwirkende Veränderung der Extension erfolgt. Angenommen die Astronauten der Erde auf der Zwillingserde erhalten menschlichen Nachwuchs. Die Bedeutung des Wortes "Wasser" erlernt das Kind durch Zeigen auf XYZ. Keiner der Erdlinge sagt dem zweijährigen Kind etwas von H2O oder XYZ. Nach fünf Jahren kehren die Erdlinge zurück. Das Astronautenkind verfügt über die völlig gleiche Bedeutung von "Wasser" wie ein gleichaltriger Erdenbewohner. Solange es nichts über die chemische Struktur oder gar die Formeln H2O und XYZ weiß, ist die Extension {H2O, XYZ, ...}. Erst wenn das Kind die unterschiedlichen Strukturen kennenlernt, wird sich die Bedeutung ihres Begriffs von Wasser und damit dessen Extension ändern. Das Putnamsche Gedankenexperiment zur Zwillingserde kann man sich auch ohne Zwerdlinge vorstellen. Die Erdlinge trinken auf der unbewohnten Zwillingserde das XYZ-Wasser, es gehört zur Extension ihres Begriffs von Wasser. Diese Situation fällt unter das Schema mit dem Wasserstoffisotop. Je nachdem, ob man je die chemische Struktur des Wasser auf der Zwillingserde untersucht, werden die Erdlinge einen neuen Begriff prägen (und es damit aus der Extension von Wasser entfernen) oder es ohne jeglichen Zweifel immer unter ihre Extension von Wasser eingereiht lassen.
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6 Sprachgebrauch
Putnam überlässt die gegenwärtige Bedeutung natürlicher Arten künftigen Untersuchungen. Das hätte die eigentümliche Konsequenz: wir kennen eigentlich nie die Bedeutung einer natürlichen Art, außer über die Gleichheitsbeziehung.
Da die Sprecher einer Sprachgemeinschaft die Kriterien der Gleichheitsbeziehung nicht kennen, könnten sie die Wörter ihrer Bedeutung gemäß nur unter Vorbehalt verwenden. Kommunikation zwischen kompetenen Sprechern ist möglich, wird ständig praktiziert und sie gelingt. Unterm Gelingen verstehe ich, daß aus dem folgenden Verhalten der Gesprächsteilnehmer geschlossen werden kann, daß sich die Gesprächsteilnehmer gegenseitig verstanden haben. Zum Gelingen einer Kommunikation gehört, Zufälligkeiten vernachlässigend, daß die Bedeutungen der Sätze und Wörter intersubjektiv im Großen und Ganzen übereinstimmen.
Damit spricht auch der Sprachgebrauch gegen Putnams Bestimmung der Extension über eine gegenwärtig vieles offen lassende Gleichheitsbeziehung, die sich auf eine in zukünftiger Ferne vollständige Bestimmung einer Art verlässt.
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Literatur
Anhäuser, M., 2004, "»Sapiens ohne Homo«. Biologen fordern neue Klassifizierung aller Lebewesen", Süddeutsche Zeitung, 21. Juli, S. 10.
Mellor, D. H., 1977, "Natural Kinds", British Journal for the Philosophy of Science 28, S. 299-312. Putnam, H., 1975, "The Meaning of 'Meaning'", in: Mind, Language and Reality. Philosophical Papers, Volume 2, Cambridge. S. 215-271.
Queiroz, K. de, 1988, "Systematics and the Darwinian Revolution", Philosophy of Science 55, S. 238-259.
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putnam Anfang
Fußnoten
(Fn 1) Zu den Bedeutungstheorien siehe Reimer, 2003. (zurück)
(Fn 2) Um 1790 äußerte Antoine Laurent Lavoisier die Vermutung, daß Wasser kein Element, sondern eine Verbindung aus Sauerstoff und Wasserstoff sei. Im Jahre 1804 wiesen Joseph Louis Gay-Lussac und Alexander von Humboldt nach, daß Wasser aus zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff besteht. (zurück)
(Fn 3) Was soll man wissen? Was darf man wissen? Was wird gar als verpöntes Trivialwissen abgelehnt? Die Bedeutung von „Abendstern“ könnte bei anderen Prioritäten durchaus im „Tannhäuser“ und nicht mit dem Fernrohr zu suchen sein. (zurück)

Putnam
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