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Kotthaus
Jochem Kotthaus: Propheten des Aberglaubens. Der deutsche Kreationismus zwischen Mystizismus und Pseudowissenschaft
Münster: Lit, 2003. Broschiert, 156 Seiten – kotthaus Linkskotthaus Literatur
Der reißerische Titel verspricht ein Pamphlet, bestenfalls eine Streitschrift. Doch spätestens beim 1. Teil wußte ich es besser. Der Autor klärt alle Begriffe des Buchtitels und Untertitels, sogar die Beziehung zwischen Glaube – Aberglaube und Wissenschaft – Pseudowissenschaft (S. 18). Ab da – ich gebe es zu – war ich positiv voreingenommen.
Kotthaus definiert den Kreationismus (S. 20) fast so, wie ich ihn verstehe:
  1. Schöpfungsglaube
  2. naturalistische Erklärung reicht nicht aus
  3. mindestens eine wichtige Aussage der Evolution wird bestritten.
Den dritten Punkt hat Kotthaus nicht explizit in seinem Begriff von Kreationismus, führt ihn aber bei allen folgenden systematischen Beschreibungen der Spielarten des Kreationismus aus.
Im 2. Teil werden bekannte Vertreter des Kreationismus beschrieben, eingeordnet und gewürdigt. Der Schwerpunkt liegt bei den deutschen Kreationisten. Kotthaus' Darstellung bleibt immer fair.
Die beiden folgenden Buchteile behandeln die Vorgehensweise der Kreationisten und die Beurteilung des Kreationismus aus wissenschaftstheoretischer Sicht. Kotthaus gelingt es ausgezeichnet zu klären, warum die Vorwürfe der Kreationisten gegen die Evolutionisten ungerechtfertigt sind und meist nur auf sie selbst zurückfallen. Typische Vorwürfe sind ja: die Evolutionstheorie ist nur eine Theorie, die von vielen Wissenschaftlern bezweifelt wird; sie vermengt wissenschaftliche Aussagen mit unzulässigen metaphysischen; sie lässt Erklärungslücken, die vom Kreationismus gefüllt werden; sie sei nicht falsifizierbar und damit unwissenschaftlich; sie übt ein Meinungsdiktat aus.
Kotthaus weist darauf hin, dass gerade die Unsicherheiten und unterschiedlichen Positionen der Biologen in Detailfragen zeigen, dass die Evolution in eben diesen Detailfragen sehr wohl falsifizierbar ist; dass sie in der Scientific Community kritisiert wird: Meinungsdiktat und Unwissenschaftlichkeit der Evolution wird von der kreationistischen Argumentation selbst widerlegt.
Klug beschränkt sich der Autor auf wissenschaftstheoretische, philosophische und gesellschaftliche Aspekte. Er will also nicht fachliche kreationistische Aussagen widerlegen, nicht dem Leser nachweisen, dass die Erde älter als 6000 Jahre ist. Das kann man in Lehrbüchern nachlesen.
Aber er zeigt,
  • warum es unmöglich ist, dass Evolution und Kreationismus auf Augenhöhe behandelt werden
  • warum Evolution und Bibel sehr wohl vereinbar sind.
  • warum, obwohl in der Evolutionslehre kein Gott vorkommt (so wie in allen anderen wissenschaftlichen Theorien), das nichts mit Atheismus zu tun hat.
Kotthaus behandelt die Gegner der Evolution nüchtern; er schreibt Bezüge auf Gott zuvorkommend mit grossem Buchstaben, z. B. "Er". Etwas hart (aber wohl zurecht) geht er mit den Zeugen Jehovas um. Zu deren öfters vorausgesagten Weltuntergängen entkommt ihm eine schelmische Bemerkung. Die Zeugen geraten in Erklärungsnotstand, wenn der prophezeite Weltuntergang ausblieb, "(was bisher immer der Fall war)" (S. 100). Ja, wer hätte das gedacht.
Gerne liest man aus berufenem Munde Bestätigungen des eigenen Weltbilds, so zum immer wieder heiß diskutierten Sinn des Lebens: "Mit der Selektion ist der Sinn des Lebens nicht mehr vorgegeben, er muss individuell gesucht werden" (S. 141). Auch ohne Bezug auf die Selektion stimme ich voll zu.
Das Kapitel 2 "Blanced Treatment" im 3. Teil behandelt die Evolution- / Kreationismusbehandlung in den US Schulen im 20. Jahrhundert, siehe dazu Kotthaus Geschichte des Kreationismus in den USA.
Ein hervorragendes Werk zur Positionierung von Kreationismus und Evolution, das zudem den Vorteil angenehmer Kürze hat.
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Links
kotthaus Aberglaube – auch heute noch weit verbreitet
Kotthaus Evolutionsunterricht in verschiedenen Ländern
Kotthaus Geschichte des Kreationismus in den USA
Kotthaus Links zur Evolution
kotthaus Literatur zur Evolution
Vergleichsliteratur
kotthaus Ulrich Kutschera, Hg.: Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen. Berlin: Lit, 2007. Broschiert, 370 Seiten
Literatur
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 10.10.2005