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Intelligent Design
Herausforderung »Intelligent Design« - Neuer Streit um die Evolution
Philosophische Woche, Montag, 10. bis Freitag, 14. Oktober 2005. Katholische Akademie Bayern, München, in Kooperation mit der Hochschule für Philosophie SJ, München
Die Katholische Akademie Bayern, München, führte in Kooperation mit der Hochschule für Philosophie SJ, München, eine Seminarwoche zum Thema Intelligent Design (ID) und Evolution durch. Die Leitung des Seminars hatte Herr Prof. Dr. Christian Kummer SJ, Professor für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie SJ, München.
Die Vorträge und Arbeitskreise:
id Harald Lesch: Das Rästel des Anfangs
id Josef H. Reichholf: Die Evolution des Menschen. Fakten und biologische Interpretation
id Reinhard Junker: Was erklärt die Evolutionstheorie? Anfragen eines Kritikers
id Podiumsdiskussion zwischen Reichholf und Junker
idHelen Schüngel-Straumann: Wie sind die biblischen Schöpfungsaussagen zu lesen?
id Siegfried Wiedenhofer: Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie. Unterscheidung und Schnittpunkt?
id Hans Dieter Mutschler: Gibt es Zwecke in der Natur?
id Johannes Seidel: Evolution im Verständnis von Teilhard de Chardin
id Arbeitskreis zu der Vorlesung von und mit Hans Dieter Mutschler
id Godehard Brüntrup: Die Evolution des Geistes und die Grenzen der Erklärbarkeit
id Achim Stephan: Emergenz in evolutionären Prozessen
id Links
id Literatur
Subjektive Anmerkungen werden in diesem Bericht zur Abhebung mit einem Rahmen versehen.
In seiner Einleitung stellte Christian Kummer klar, dass die Veranstaltung zum Intelligenten Design (ID) lange geplant war. Durch die Veröffentlichung von Christoph Schönborn, Kardinal von Wien, New York Times, 7. Juli 2005, entstand eine aktuelle Diskussion (Originalartikel siehe unter id Links).
Anmerkung 1: In der Debatte wurde nicht vornehmlich kritisiert, dass Schönborn einen ID-Standpunkt vertrat, sondern dass er gegenteiligen Positionen die Wissenschaftlichkeit absprach: „Any system of thought that denies or seeks to explain away the overwhelming evidence for design in biology is ideology, not science.“ Schönborn korrigierte seinen Artikel später und erklärte, er sei missverstanden worden.
Anmerkung 2: die Diskussion wurde schon vor dem Schönborn-Artikel wieder aktuell durch
  1. Versuche von ID-Vertretern, die Schöpfungsvariante im Unterricht von Schulen der USA gleichberechtigt neben der Evolution zu lehren und einer zustimmenden Stellungnahme durch Präsident George W. Bush.
  2. Streichung der Evolutionslehre aus den Schulplänen Italiens. Diese Massnahme wurde aufgrund von Protesten zurückgenommen.
Kummer gestand gerne zu, dass Prof. Lesch absichtsvoll als Zugpferd an den Anfang der Philosophischen Woche gestellt wurde.
id Anfang
Prof. Dr. Harald Lesch, Professor für Theoretische Astrophysik an der Universität München, Universitätssternwarte, Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie SJ, München: Das Rätsel des Anfangs
Lesch stellt zu Beginn seines Vortrags über kosmologische Fragen nach dem Anfang die theologische Position gegen / neben die wissenschaftliche. Diese erläuterte er in seinem instruktiv und gewohnt kurzweiligen Vortrag. In der Diskussion wurde gefragt, ob die Gegenüberstellung der beiden Positionen eine Dichotomie bedeute. Lesch meinte, dass die wissenschaftliche Position eine zusätzlich theologische Sicht nicht ausschließe.
Anmerkung 3: Ein erster Schock kam für mich, als ein seriös auftretender Herr eine dritte Position reklamierte: die schöpferisch-wissenschaftliche. Er erkannte nicht, das Theorien mit transzendenten Kräften, Schöpfern oder Göttern in den Bereich der Theologie gehören und damit eine theologische Position bedeuten. Diese wurde von Lesch im Vortrag erwähnt.
Lesch: Ich halte es mit Bonhoeffer [Dietrich Bonhoeffer, 1906 - 1945, Theologe; id Rezension: Ferdinand Schlingensiepen: Dietrich Bonhoeffer 1906 - 1945 Eine Biographie]: ein Gott, den man beweisen kann, ist kein Gott. Am Ende des Frageteils lobte Lesch den Zweifel als zutiefst menschliche Eigenschaft und machte das Zugeständnis, dass man die menschliche Möglichkeit des Zweifels schon fast als Gottesbeweis auffassen kann. [Hier kommt Lesch nahe an einen Widerspruch zu seiner vorherigen Aussage. Da dies in der Diskussion geschah sollte man beide Aussagen cum grano salis verstehen.]
id Anfang
Prof. Dr. Josef H. Reichholf, Professor für Evolutionsbiologie und Tiergeographie an der Universität München: Die Evolution des Menschen. Fakten und biologische Interpretation
Gleich zu Beginn bekannte Josef Reichholf Farbe: die Evolution ist eine Tatsache und durch eine schier unendliche Anzahl von Befunden abgesichert. Das bedeutet aber nicht, dass man unkritisch ihr gegenüber werden sollte. Zum Wechsel der Vorfahren des Menschen in die Savanne gab er einige Argumente, die er sogleich als Scheinargumente entlarvte und so seine Zuhörer zur erforderlichen kritischen Haltung zwang:
– das Schrumpfen der Wälder am Ende des Tertiärs zwingt zur Savanne
– das Aufrichten auf die Hinterbeine.
Das Schrumpfen der Wälder hatte eine geradezu explodierende Anzahl der Großtiere in der Savanne in Ostafrika zur Folge (Ende des Tertiärs). Für den Wechsel in die Savanne gibt es eine Reihe gleichzeitiger Gründe:
– Wechsel in der Ernährung von rein pflanzlicher Kost zum Fleisch der Großtiere, die in der Savanne besser jagdbar waren
– Die Aufrichtung des Körpers gibt in der Savanne einen besseren Überblick
– Die nackt werdende Haut des Menschen erlaubt ein besseres Kühlsystem und damit schnellere und ausdauernde Läufe.
Folge des Wechsels in die Savanne: Verdoppelung der Kinderzahl und Verdoppelung der Betreuungsleistung. Dies war nur durch eine qualitative Steigerung der Nahrung mittels Fleischverzehr möglich.
id Anfang
Dr. Reinhard Junker, Wiss. Mitarbeiter bei der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, Baiersbronn: Was erklärt die Evolutionstheorie? Anfragen eines Kritikers
Junker hatte instruktive Dias und Schemata. Seine Wortwahl zeigte sich begrenzt manipulativ: Evolutionstheorie, eingeforderte Beweise (statt Belege), beklagte Sicherheit, ....
Die Evolutionstheorie ist für Junker ein Sammelbegriff. Es gibt für ihn nicht die Evolutionstheorie. Er versteht darunter:
– Theorie von der Gesamtentwicklung der Lebewesen
– ausschließlich durch naturalistische Vorgänge hervorgerufen.
Junker gesteht der Evolutionstheorie Erklärungsfunktion auf den folgenden Gebieten zu:
1. Vergleichende Biologie: Ähnlichkeitsargument (das er später stark in Frage stellt, ja, eigentlich verwirft).
2. Paläontologie: Reihenfolge der Fossilablagerungen
3. Evolutionsmechanismen: Faktoren, die zur Veränderung von Lebewesen führten. Nach Junkers Auffassung sollen evolutionäre Abläufe jedoch nur innerhalb sogenannter „Grundtypen“ möglich sein.
Anmerkung 4: Junker begeht den Dichotomiefehler: Evolution exklusiv oder Schöpfung; wie sich später herausstellt, weil er der Bibel unbedingten Vorrang einräumt.
Junker hinterfrägt, ausgehend von der Priorität für den Bibeltext, die Beweiskraft der Evolution. Er behauptet: es gibt zahlreiche, wesentliche Erklärungslücken, die er als grundlegende Defizite der Evolution ansieht.
Zu 1. Leimruten und Kaumagen gibt es in verschiedenen Zweigen des Artenstammbaums (Konvergenz!); Gehörknöchelchen ebenso. Das Homologieargument (Ähnlichkeitsargument) wird damit in Frage gestellt. Die Befunde liefern keine sicheren Belege für die Evolutionstheorie.
Zu 2. Kritik an der Fossilfolge: es ergibt sich kein Baum der Abstammung sondern ein Busch.
Mikroevolution Makroevolution
Variation von Bestehendem; keine neuen Bauteile
Anpassung – Optimierung – Spezialisierung
Neue Konstruktionen (Baupläne) entstehen = qualitativ neue genetische Information
Junker bestreitet die Makroevolution. Er meint, dafür gebe es weder ausreichende Belege noch eine hinreichende Erklärung. Die Mechanismen der Makroevolution sind angeblich experimentell nicht belegt. In der späteren Diskussion räumt er auf Anfrage ein, dass für ihn die Bibel Vorrang hat. Er bietet stattdessen eine Grundtypen-Theorie an, die er aber nicht weiter ausführt (siehe nachfolgende Antwort zu einer Frage).
Junker gesteht aber zu: seine Folgerungen sind keine Falsifizierung.
Junker unterscheidet zwei Typen von Evolutionskritikern:
1. Evolution wird prinzipiell anerkannt, aber die natürliche Erklärung (ungelenkte Evolution) genügt nicht; 2. Evolution wird als Paradigma abgelehnt. Zu dieser Art von Kritikern zählt er sich selbst.
Anmerkung 5: dies scheint mir nicht konform mit seiner eingangs erwähnten Zustimmung zu vielen Kernpunkten der Evolution.
Junkers Gegenfrage auf kritische Fragen zu seiner Position: Wie prüfen wir das? (Belege, Experiment)
– Frage; belegt nicht beispielsweise die Entwicklung zur Kaulquappe und Frosch die Möglichkeit der Typenüberschreitung? Junker: Die Ontogenese ist kein Modell für die Phylogenese (damit meinte weder der Fragesteller noch Junker die Haeckelsche Nachbildung der Phylogenese in der Ontogenense).
– Frage: welche von Junker aufgezeigte Lücken sind prinzipiell nicht beantwortbar und welche nur noch nicht? Junker: Antwort ist offen
– Frage: wie plausibel ist die alternative Lenkungshypothese? Junker: die Themenvorgabe für sein Referat war die Kritik an der Evolution; die Lenkungshypothese behandelte er daher nicht. Er verwirft nicht die gesamte Evolution; innerhalb gleichzeitig geschaffener Grundtypen durch den Schöpfer gesteht Junker eine Mikroevolution zu.
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Podiumsdiskussion zwischen Reichholf und Junker; Leitung: Christian Kummer
In Abänderung des Programms gab es nachmittags eine Podiumsdiskussion Reichholf - Junker. Junker agierte dabei sehr gut (vom Auftritt her; Diskussionsgebaren etc.). Reichholf parierte sehr gut argumentativ. Bei den Fragen aus den Publikum war es so, dass sich die "üblichen Verdächtigten" zu Wort meldeten. Nichts Bewegendes kam zur Sprache. Es war trotzdem aufschlussreich. Junker "gestand zu", dass er die Evolutionstheorie nicht primär deshalb anzweifelt, weil er seine Einwände für derart gravierend hält, sondern einzig, weil er der Bibel Vorrang einräumt. Nach seinem Verständnis sagt ihm der Bibeltext: "Evolution kann nicht richtig sein", also sucht er nach Defiziten. So ähnlich las ich es auch in einer Einleitung zu einem Internet-Paper von ihm.
Reichholf zur Kritik Junkers: ihm, Reichholf, fehle es teilweise an den Detailkenntnissen, doch
– diese Probleme sind teilweise geklärt, bzw. beruhen auf Missverständnissen seitens Junker. Diese Missverständnisse wurden nur begrenzt von Reichholf aufgezeigt.
– Die Kritik am Stammbaum ist verfehlt, da dieses Bild Haeckels [Ernst Haeckel, 1834-1919, Biologe] 100 Jahre alt ist; auch Büsche [wie schon von Stephen Jay Gould ausgeführt] können eine Wurzel haben; Büsche als Veranschaulichung wurden schon (relativ wenig bekannt) von Schindewolf [Otto Heinrich Schindewolf, 1896 – 1971, Paläontologe] als alternative Darstellungsform in die Diskussion eingebracht.
– Mehr als 98 % der Arten sind ausgestorben;
– Mikro- und Makroevolution sind zwei Enden eines Spektrums und nicht zwei verschiedene Mechanismen
Junker: will die Belege zur Evolution nicht widerlegen, sondern nur fragen: sind die Belege stichhaltig?
Anmerkung 6: Junker will also – salopp formuliert – nur Staub aufwirbeln. Aufgrund seiner Priorität für die Bibel und seiner, vom derzeitigen Mainstream abweichenden Bibelauslegung sucht Junker nach Angriffspunkten der Evolution. Dabei bringt er keine eigenen Lösungen, sondern begnügt sich mit Kritik, die die Evolution erschüttern und zweifelhaft machen sollen. Bezeichnend ist dabei, dass er bei den vermeintlichen Erklärungslücken weitere Forschung fordert, Junker oder sein Institut Wort und Wissen aber anscheinend die angeblich nötige Forschung nicht leisten. Teilentschuldigt war seine Beschränkung auf Kritik durch die Vorgabe des Vortragsthemas.
– „Das muss man von Fall zu Fall im Einzelfall untersuchen“.
– 98 % Artensterben stimmt nicht.
Junker wurde nicht durch seine eigenen kritischen Beispiele für Erklärungslücken der Evolution zu einer Gegenposition angeregt, sondern seine Motivation erfolgte aus der Priorität für den Text der Bibel. Diesen Text legt er zudem so aus, dass Evolution und Bibel nicht kompatibel sind. Seinen a priori Glauben an die Bibel kann er naturwissenschaftlich nicht belegen.
Junkers alternative Theorie besteht in: Schöpfergott schafft Grundtypen von Lebewesen. Schöpfungseinheit ist also nicht ein Ursprung des Lebens und auch nicht einzelne Arten, sondern Grundtypen wie die Entenartigen, ... Eigenschaften der Lebewesen deuten für Junker auf ID hin.
Anmerkung 7: Insgesamt war für mich dieser Tag sehr aufschlußreich, wenn ich mir auch gewünscht hätte, man hätte beide Referenten noch mehr befragen können. Insbesondere meine, wie ich meine wohl begründetete These: Es gibt keine Funktion / Zweck ohne vorgebendes Subjekt (Junker: ohne Designer) kam erst ganz am Ende der Podiumsdiskussion von Junker zur Sprache. Formaler: Funktion impliziert Subjekt; bzw. Zweck impliziert Designer. Beide Thesen sind etwa gleichwertig. Junker vertritt auch diese These. Allerdings bewertet er die Auswirkung unterschiedlich. Meine Position ist: Da ich im Universum / in der Evolution keine Funktion (keinen Zweck) erkenne, ist die Suche noch einem Subjekt / Designer nicht notwendig (schliesst diesen aber nicht aus). Junker erkennt aber Zwecke im Universum und folgert aufgrund der These vollkommen zurecht (siehe jedoch die abweichende Ansicht speziell zu dieser Folgerung im Vortrag von Hans Dieter Mutschler): also muss es einen Designer geben. Er geht dann (wegen seiner eigentümlichen Bibelauslegung) noch weiter und folgert: Evolution kann nicht stimmen.
– Vorwurf aus dem Publikum: wenn er (Reichholf) die Biologie als historische Wissenschaft versteht, so sei sie keine Naturwissenschaft. Reichholf: Wenn man so argumentiert, dann zählen viele Wissenschaften nicht als Naturwissenschaft. Beispiel: Geologie, Paläontologie. Die Biologie ist außerdem nicht ausschließlich historische, sondern auch experimentelle Wissenschaft. Naturwissenschaft sucht nach Reichholf nicht nach Wahrheit sondern eine Annäherung an die Wirklichkeit.
– Frage: Kann man aus Schimpansen durch Genmanipulation Menschen oder Menschenähnliche machen? Reichholf: das wurde erst kürzlich auf einem Biologiekongreß diskutiert. Es ist ethisch in Europa nicht geboten und deshalb hier nicht durchführbar.
Für die Evolution gibt es ebenso wenig eine Zielgerichtetheit wie für die Geschichte. Evolution läuft weiter, sogar auf Völkerebene, siehe Ausrottung von Völkern (siehe dazu id Jared Diamond, Literatur). Rückblickend ergibt sich eine Funktion, die wir hineininterpretieren; in Wirklichkeit herrscht aber ein freies Spiel der Kräfte.
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Prof. Dr. Helen Schüngel-Straumann, Professorin für Bibelwissenschaften an der Universität Kassel: Wie sind die biblischen Schöpfungsaussagen zu lesen?
Widersprüche Evolution – Bibel ergeben sich nur, wenn man das Alte Testament (AT) wörtlich nimmt. Bei der Lektüre des AT muß man aber immer Entstehungszeit und -geschichte berücksichtigen. Im AT stehen Beziehungs- und Sinnfragen im Vordergrund und nicht wissenschaftliche Fakten.
Frau Schüngel-Straumann behandelte besonders die Aspekte der Gott-Ebenbildlichkeit und des Herrschaftsauftrags, der manchmal ungerechtfertigterweise zum Machbarkeitswahn fehlinterpretiert wurde.
Seit dem 3. Jhdt. wird vertreten, dass der Mensch das Ziel der Schöpfung sei. Dies ist eindeutig falsch. Der starke Anthropozentrismus der Genesisdeutung wurde in den letzten Jahren korrigiert.
Anregung Johannes Seidl: man spreche statt Schöpfungsbericht (suggeriert reporthaftige Wirklichkeitstreue) besser von Schöpfungshymnus oder -erzählung. Dieser Anregung spricht Frau Schüngel-Straumann voll zu.
In der Diskussion betont Frau Schüngel-Straumann, dass viele Geschichten der Bibel nicht wörtlich zu verstehen sind. So gab es – laut ihrem Beitrag – keine geschichtliches Paar Adam & Eva mit der Schlange im Paradies.
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Prof. Dr. Siegfried Wiedenhofer, Professor für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der Universität Frankfurt am Main: Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie. Unterscheidung und Schnittpunkt?
Siegfried Weidenhofer verteilte ein ausführliches Skript. Sein Thema liegt nicht in meinem Fokus.
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Prof. Dr. Hans Dieter Mutschler, Professor für Natur- und Technikphilosophie an der Hochschule 'Ignatianum' in Krakau: Gibt es Zwecke in der Natur?
Mutschlers Thema war Finalität (Ziel(e) und Zwecke in der Natur) versus Kausalität in der Natur. Die Finalität sieht die Natur als gestuftes Wertereich. Newton und Co. warfen die Finalität aus dem anorganischen Bereich. Darwin und Co. ersetzten Finalität durch Kausalität auch im organischen Bereich; im 20. Jhdt. wurde versucht auch beim Menschen die Finalität auf Kausalität zu reduzieren. Mutschler bestreitet diese Möglichkeit für den Menschen. Der Mensch als Vernunftwesen kann nicht rein naturalistisch begriffen werden. Der Mensch kann zweckhaft handeln. Es stellen sich die Fragen: Wie ist es mit Primaten? Wo ist die Grenze?
Anmerkung 8: man muss streng unterscheiden zwischen Zielen (Zwecken, Funktionen), die man in der Natur vorfindet (meines Erachtens keine) und solchen, die von einem Subjekt (z. B. Mensch) hineingelegt werden. Demzufolge muss man immer fragen, was jemand bestreitet, wenn er Zwecke beim Menschen sieht oder nicht sieht.
Die Finalität bei der ID Bewegung scheint Mutschler aber argumentativ defizitär, z.B. bei Hans Driesch [Hans Driesch, 1867 – 1941, Philosoph]. Es gibt keine eins zu eins Entsprechung zwischen materialen Prozessen und Zwecken. Zu schnell wird von Zwecken auf einen Gott geschlossen. Für Mutschler gelten folgende Implikationen: Schöpfer ==> Finalität (Zweckmäßigkeit); nicht aber Finalität ==> Gott, denn es könnte auch gelten Finalität ==> Teufel.
Anmerkung 9: schon Schöpfer ==> Finalität scheint mir eine nicht zwingende, wenn auch plausible Unterstellung. Ein Gott könnte sehr wohl eine chaotische Welt oder eine Welt ohne vorgeplante Zwecke schaffen. Dagegen halte ich die umgekehrte Implikation für notwendig, wenn man als Konsequens nicht „Gott“ einsetzt, sondern neutral (wie es die ID Bewegung aus wohlüberlegten Gründen tut) den Designer. Es gilt also meines Erachtens: Finalität ==> Designer (bewusstes Subjekt).
Mutschler bestreitet die Dichotomie zwischen Naturwissenschaften als "hard sciences" und Theologie als Spekulation.
Gerade in der Bioinformatik sieht Mutschler den Knackpunkt für die durchgehende Übersetzung von Finalität in Kausalität. Die Information hat
  • syntaktische
  • semantische und
  • pragmatische Komponenten.
Bernd Olaf Küppers will Bioinformatik auf Physik reduzieren. Nach Edward O. Wilson wird die Bioinformatik in der Biologie nicht benötigt (zu beiden Autoren: siehe id Literatur). Dabei ist nach Mutschler der Begriff der Information noch völlig unklar.
Immer wieder betonte Mutschler: „Zwecke kommen in der Physik nicht vor“.
Anmerkung 10: Da rennt er bei mir offene Türen ein; ich erweitere zu: „Zwecke kommen in der Natur an sich nicht vor“; sie kommen erst durch den Menschen oder ein anderes bewußtes Subjekt hinein.
Zweckhaft physikalische Formulierung ist nur eine Sprechweise, sie kann ohne Verlust in eine zweckfreie Sprache umformuliert werden. Biologen beanspruchen das auch für die Biologie. Mutschler sieht dabei aber ein prinzipielles Problem für die Finalität in der Natur. Es gibt keinen logischen Weg von der Finalität zur Kausalität. In der Wissenschaftstheorie wird immer vorausgesetzt, dass Finalität in Kausalität übersetzt werden kann.
id Anfang
Dr. Johannes Seidel SJ, Dozent für Naturphilosophie und biologische Grenzfragen zur Philosophie an der Hochschule für Philosophie SJ, München: Evolution im Verständnis von Teilhard de Chardin
Teilhard de Chardin versuchte eine Synthese von Naturwissenschaft und Theologie. Er sah in der Evolution eine gerichtete Höherentwicklung.
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Arbeitskreis zu der Vorlesung von und mit Hans Dieter Mutschler
Vorbemerkung
Es ergab sich zunächst über eine Stunde eine zwar informative Diskussion, die aber Grundsatzfragen und Randfragen behandelte. Die Diskutanten (oft Ingenieure und Lehrer im Ruhestand) nutzten die Gelegenheit zur grundsätzlichen Klärung von philosophischen Fragen; oft auch um ihre eigene Position darzustellen. Mutschler führte die Diskussion mit großer Umsicht und Feingefühl.
Mutschler: Wenn es einen christlichen Gott gibt, dann muß auch an ein Ziel geglaubt werden. Es sind auch andere Modelle zur Begründung der Naturfinalität in der Diskussion. Diese wollte Mutschler vorstellen.
– Finalitätskonzept von Béla Weissmahr (id Literatur) auf thomistischer Grundlage. A Priorisches Finalitätsprinzip: alles in der Welt ist zielgerichtet.
– Kontinuitätsargument von Teilhard de Chardin und Hans Jonas. Menschen haben Ziele. Dies ist evolutiv entstanden. Daher ist Finalität schon lange in der Natur angelegt.
id Anfang
Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ, Professor für Metaphysik und Geschichte der Philosophie an der Hochschule für Philosophie SJ, München: Die Evolution des Geistes und die Grenzen der Erklärbarkeit
Godehard Brüntrup sieht in der Evolution zwei wichtige Prinzipien:
Prinzip I: Die Evolution ist ein Subprozess eines physikalistischen Universums und damit ein kausaler Mechanismus.
Prinzip II: Die Evolution ist ein kontinuierlicher Prozess ohne radikale Sprünge.
Daraus zieht Brüntrup folgende Schlüsse:
1. zu II: wenn wir die "missing links" nicht finden hat die Evolutionstheorie versagt.
Anmerkung 11: dies scheint mir verfehlt. Wenn wir sie nicht finden, sagt das wenig über die Theorie aus, mehr jedoch a) darüber, wie schwierig es ist, solche Funde nach Millionen von Jahren noch zu machen, ja, sie überhaupt vernünftigerweise zu erwarten, b) über unsere Fähigkeiten.
2. Die Prinzipien widersprechen sich. Brüntrup plädiert dafür Prinzip I aufzugeben.
Problemfelder für die beiden Prinzipien sind
  1. Qualia
  2. Intentionalität und mentaler Gehalt
  3. Teleologie im mentalen Bereich.
Zu 1) Das harte Problem in der Philosophie des Geistes ist die Antwort auf die Frage: Sind Zombies möglich? Wenn ja, bleibt das Bewusstsein rätselhaft. Wenn nein, warum und wie entsteht zwingend ein Bewusstsein?
Der intrinisische Erlebnisgehalt (Qualia) der mentalen Entitäten wird nicht durch kausale Einbettung bestimmt. Dem kausal-funktionalen Diagramm (z.B. im Computer repräsentierbar) entgeht etwas Wesentliches.
Zu 2) Mentaler Gehalt kommt ansonsten in der Natur nicht vor (Physikalismus). Gedankenexperiment von John Searle mit dem Chinesischen Zimmer.
Zu 3) Teleologie im Bereich des Geistigen. Schon bestimmte Bakterien (magnetotaktische Bakterien) richten sich nach dem Magnetfeld der Erde aus. Da wir zur Natur gehören und unser Geist teleologisch arbeitet, gibt es Finalität in der Natur. Es entsteht ein Kontinuitätsproblem zwischen belebter und unbelebter Natur; eigentlich zwischen bewußter und unbewußter Natur.
Versuch einer Problemlösung
Die Evolution verläuft in Sprüngen (entgegen Prinzip II). Wenn dies richtig ist, so steht dies dem Evolutionsgedanken fundamental entgegen.
Anmerkung 12: meines Erachtens nicht, da diese Stetigkeit innerhalb der Evolution immer schon angezweifelt wurde (vgl. Stephen Jay Gould; siehe id Literatur).
Geist muß (so William James: „smoothness of evolution“) kontinuierlich bis „unten“ durchgehen.
Anmerkung 13: hier verführt das Bild des „oben“ und „unten“ zu falschen Vorstellungen. Wenn überhaupt, dann kann sich das „unten“ nur auf die zeitliche Reihenfolge beziehen.
Die Materie muß demnach bis ganz „unten“ den Geist immanent haben, damit sie überhaupt existieren kann. Die phänomenalen, intrinsischen Eigenschaften des Bewusstseins sind die einzigen Kandidaten für die Erklärung bzw. Rückführung der kausalen / funktionalen Struktur des Physischen.
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Prof. Dr. Achim Stephan, Professor für Philosophie der Kognition an der Universität Osnabrück: Emergenz in evolutionären Prozessen
Als Emergenz wird bezeichnet, wenn neuartig genuine Eigenschaften auftreten, die irreduzibel sind. Sie können durch die Eigenschaften ihrer Teile nicht vorausgesagt werden.
Physikalischer Monismus
Auch ein intelligenter Designer (nach Behe, Dembski) könnte sich alleine der Bestandteile bedienen, die der physikalische Monismus zugesteht.
Systemische Eigenschaften können allen Teilen eines Systems zukommen (z.B. Bewegung mit der Geschwindigkeit v) oder nur dem System (z.B. Fähigkeit zur Fortpflanzung). Kein Unterschied in den systemischen Eigenschaften ohne Unterschied seiner Teile. Beispiel: Graphit: weich; Diamant: hart. Chemisch ist kein Unterschied, aber ein Unterschied der Anordnung der Atome.
Vermutung: die phänomenalen Eigenschaften eines Systems (z.B. Hirn des Menschen) lassen sich nicht auf die funktionalen Zusammenhänge seiner Teile (z.B. Neuronen, Synapsen) reduzieren.
Anmerkung 14: die drei Problemzonen Brüntrups ergeben sich nur innerhalb des Systems. Nur ich (= komplexes System) kenne sie für mich. Es ist daher prinzipiell unmöglich (und daher wiederum nicht statthaft es zu fordern [*]), diese Eigenschaften von außen durch die Untersuchung der Eigenschaften ihrer Teile zu erforschen und durch die funktionalen Zusammenhänge ihrer Teile zu beschreiben oder gar voraus zu sagen.
[*] Die Forderung kommt derjenigen gleich, wenn wir z.B. von einer Eidechse als Forscher (nehmen wir an, sie wäre superintelligent) verlangen würden, herauszufinden, was menschliche mentale Zustände (Qualia, Intentionen, Ziele) wirklich sind.
id Anfang
Links
id Evolutionstheorie - Pro und Contra
id Geschichte des Kreationismus in den USA
id Links zur Evolution
id Literatur zur Evolution mit Links zu Amazon
idAllen, Colin: „Teleological Notions in Biology“. Stanford Encyclopedia of Philosophy
id„Evolution“. Internet Encyclopedia of Philosophy
id„Intelligent design“. Wikipedia, the free encyclopedia
idRuse, Michael: „Creationism“. Stanford Encyclopedia of Philosophy
idSchönborn, Christoph: „Finding Design in Nature“. New York Times, 7. Juli 2005
idSloan, Phillip: „Evolution“. Stanford Encyclopedia of Philosophy
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Literatur zur Philosophischen Woche
Brüntrup, Godehard: Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer, 2005. 176 S. 3. Aufl. id Rezension
Dennett, Daniel: "Intelligent Design: Wo bleibt die Wissenschaft?". Spektrum der Wissenschaft 10, 2005. S. 110-113.
Diamond, Jared: Der dritte Schimpanse. Evolution und Zukunft des Menschen. Frankfurt: Fischer, 1998. 499 S. [The Third Chimpanzee. The Evolution and Future of the Human Animal, 1993;
id Rezension]
Gould, Stephen Jay: Das Ende vom Anfang der Naturgeschichte. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2005. 508 S. [I Have Landed] Sebastian Vogel, Übs.
Gould, Stephen Jay: Die Lügensteine von Marrakesch. Vorletzte Erkundungen der Naturgeschichte. Essays. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2003. 442 S. [The Lying Stones of Marrakech] Sebastian Vogel, Übs.
—— Frankfurt am Main: Fischer, 2006. 400 S. Fischer Sachbücher 15787.
Gould, Stephen Jay: Zufall Mensch. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2003. 392 S.
Gould, Stephen Jay: Ein Dinosaurier im Heuhaufen. Streifzüge durch die Naturgeschichte. Frankfurt am Main: Fischer, 2002. 604 S. Fischer 15510. [Dinosaur in a Haystack] Sebastian Vogel, Cornelia Holfelder-von der Tann, Übs.
Gould, Stephen Jay: Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution. Frankfurt am Main: Fischer, 1999. 287 S. [Full House] Sebastian Vogel, Übs.
—— Frankfurt am Main: Fischer 14642.
Jonas, Hans: Organismus und Freiheit. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1973. 342 S. [The Phenomenon of Life]. Hans Jonas, K. Dockhorn, Übs.
Junker, Reinhard: Ähnlichkeiten, Rudimente, Atavismen. Holzgerlingen: Hänssler, 2002. 202 S. Junker, Reinhard: Leben - woher? Das Spannungsfeld Schöpfung – Evolution. Leicht verständlich dargestellt. Studiengemeinschaft Wort und Wissen, Hg. Dillenburg: Christliche Verl.-Ges., 2002. 228 S. Mitarb. von Harald Binder.
Küppers, Bernd-Olaf: Der Ursprung biologischer Information. Zur Naturphilosophie der Lebensentstehung. Vorw. von Carl Friedrich von Weizsäcker. München, Zürich: Piper, 1990. 2. Aufl., durchges. Neuausg. 1990. 319 S.
Lesch, Harald: Big Bang, zweiter Akt. München: Bertelsmann, 2003. 443 S.
Lesch, Harald: Kosmologie für helle Köpfe. München: Goldmann, 2006. 192 S. Goldmann Sachbücher 15382.
Köhler, Wolfgang R., Mutschler, Hans-Dieter, Hg.: Ist der Geist berechenbar? Philosophische Reflexionen. Darmstadt: WBG, 2003. 206 S.
Kummer, Christian: Philosophie der organischen Entwicklung. Stuttgart: Kohlhammer, 1996. 271 S.
Kutschera, Ulrich: Streitpunkt Evolution. Darwinismus und intelligentes Design. Münster: Lit, 2004. 311 S.
Mutschler, Hans Dieter: „Gibt es Finalität in der Natur?“. In: Christian Kummer, Hg.: Die andere Seite der Biologie. Beiträge zu einer morphologischen Naturerfassung in Erinnerung an den Jesuitenbiologen Adolf Haas (1914 – 82). München, [Kaulbachstr. 31a], 2003. 134 S.
Mutschler, Hans-Dieter: Naturphilosophie. Stuttgart: Kohlhammer, 2002. 205 S. Grundkurs Philosophie Bd. 12. Kohlhammer-Urban-Taschenbücher Bd. 396
Mutschler, Hans-Dieter: Physik und Religion. Perspektiven und Grenzen eines Dialogs. Darmstadt: WBG, 2005. 293 S.
Reichholf, Josef H.: Die Zukunft der Arten. München: Beck , 2005. 237 S.
Weissmahr, Béla: Gottes Wirken in der Welt. Ein Diskussionsbeitrag zur Frage der Evolution und des Wunders. Fankfurt am Main: Knecht, 1973. 198 S. Frankfurter theologische Studien Bd. 15.
Weissmahr, Béla: Ontologie. Stuttgart: Kohlhammer, 1991. 2., durchges. Aufl. 182 S. Grundkurs Philosophie 3. Urban-Taschenbücher Bd. 347.
Weissmahr, Béla: Philosophische Gotteslehre. Stuttgart: Kohlhammer, 1994, 2., durchges. Aufl. 174 S. Grundkurs Philosophie Bd. 5. Urban-Taschenbücher 349.
Wilson, Edward Osborne: Darwins Würfel. München: Claassen, 2000. 247 S. [In Search of Nature] Thorsten Schmidt, Übs.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.1.2006