Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Schallplatte
Herbert Haffner: His Master’s Voice. Die Geschichte der Schallplatte
Berlin: Parthas, 2011. Broschiert, 208 Seiten – Haffner LinksHaffner Literatur
Auf dem Plastikumschlag prangt das Bild der Schelllack-Platte: „Ich küsse ihre Hand, Madame“ von Jack Smith, Bariton, aus dem Jahre 1928. Beim Durchblättern wird der gute erste Eindruck verstärkt. Der Inhalt kann da mithalten: man hat ein empfehlenwertes Sachbuch in Händen.
Der Schwerpunkt liegt auf der Geschichte der Schallplatte von den Anfängen der Tonaufzeichnung bis zu den grossen Umbrüchen im digitalen Zeitalter. Die ersten zehn Kapiteln gehören der Schallplatte, nebenbei auch Tonband und Kassette. Die beiden letzten Kapitel behandeln die Auswirkungen der CD, des Internets, der unbeschränkten Reproduzierung und Speicherung in Clouds. Der Autor scheute sich nicht ganz zum Schluß die Frage: „Wie geht es weiter?“ zu beantworten (S. 192ff).
Der Wiederlektüre fiel mir auf, dass die Vinyl-Renaissance nur angedeutet wird. Vielleicht war sie aber zum Zeitpunkt des Erscheines des Buchs noch nicht so ausgeprägt wie im Jahr 2015. Siehe dazu die Links unter Haffner Vinyl-Renaissance.
Der Erläuterung der Herkunft von „digital“ (S. 162) ist nicht ganz korrekt. Es kommt zwar vom englischen „digit“, bedeutet aber – im Gegensatz zu analog – die diskontinuierliche Aufzeichnung.
Die Kurzanalyse der Krise der Musikindustrie (S. 171-172) ist überzeugend.
Der Text ist gut lesbar und durch zahlreiche schwarz-weiß Abbildungen aufgelockert. Gelegentlich wird die Chronologie der Ereignisse einer durchgehenden Thematik geopfert (z.B. S. 116, S. 141). Das verwirrt.
Autor Haffner will alles genau erklären und schießt damit manchmal übers Ziel hinaus, so hier: „... da das europäische PAL-Fernsehsystem mit seinen 576 Bildzeilen mehr Speicherplatz erfordert als das US-amerikanische und japanische NTSC-Format, das jedoch mehr speichern kann, ...“ (S. 162).
Der musikalische Schwerpunkt liegt bei der Klassik, der Popbereich kommt auch nicht zu kurz, zum Jazz gibt der Text aber wenig her, auch wenn die Tonaufzeichnung gerade für die improvisierte Musik enorm wichtig ist (S. 175).
Die Labelgeschichte spielt durchgehend eine grosse Rolle (Wer kaufte wen auf?), doch für einzelne Labels bleibt kein Platz, außer für das Klassiklabel Naxos (S. 172ff). Im Pop fehlen aber z.B. Atlantic und Chess, im Jazz fehlt Blue Note.
Der regionale Schwerpunkt liegt auf den USA, GB und D, wass dem deutschsprachigen Lesepublikum entgegen kommt.
Korrekturen und Berichtigungn
Bei den Verkaufszahlen beruft sich Haffner mehrfach auf Curt Riess: Knaurs Weltgeschichte der Schallplatte (1966).
  • Vom Titel "Valencia" sollen 1927-1929 allein durch die Lindström-Gesellschaft 22 Millionen Platten verkauft worden sein (S. 79).
  • Andrerseits wird auf derselben Seite behauptet, dass 1928 die Platte "Der Erzengel Gabriel verkündet den Hirten Christi Geburt" als erste die Millionengrenze überschritten hat. Könnte es sein, dass sich dieser Rekord auf Deutschland bezieht?
    Der Titel lautet 1928 korrekt: "Erzengel Gabriel verkündet den Hirten Christi Geburt" mit Basilica-Chor, Orgel und Glocken, gesprochen von Fr. Eva Mannsfeld (Grammophon).
  • Dagegen sprechen andere Quellen "Whispering" von Paul Whiteman schon 1921 zwei Millionen verkaufte Exemplare zu (siehe Paul Whiteman unter Haffner Links). Walter Haas & Ulrich Klever billigen Paul Whiteman mit "Whispering" schon 1920 eine Goldene Schallplatte zu (Haas 1958, S. 166).
  • Nach Haffner erhielt Capitol Records die erste Goldene Schallplatte für den Titel "Cow Cow Boogie". Gemeint ist wohl, die erste Goldene Schallplatte für Capitol (nicht die erste Goldene Schallplatte überhaupt).
    Ella Mae Morse & Freddie Slack & his Orchestra: "Cow-Cow Boogie" (1942)
    Die erste Goldene Schallplatte überhaupt ging – nach anderen Quellen – 1931 an Gene Autry für "That Silver Haired Daddy of Mine". Die erste, offiziell verliehene Goldene Schallplatte für über 1 Million verkaufte Platten ging 1942 an Glenn Miller für "Chattanooga Choo Choo" (siehe Goldene Schallplatte unter Haffner Links).
Manchmal pendelt der Autor zu sehr zwischen den Kontinenten und Jahren.
  • Als in 1929 RCA die Firma Victor übernimmt, befindet Haffner: "Victors Künstler reichen nun von Glenn Miller und Perry Como bis zu Arturo Toscanini" (S. 81).
  • Doch Perry Como erhält erst 1943 einen Schallplattenvertrag.
  • Glenn Miller zählte 1929 allenfalls indirekt zu Victors Künstleriege: er spielte noch bei Ben Pollack, dann bei Red Nichols.
Dass die Gesamteinspielung (!) von Richard Wagners Ring der Nibelungen (16 LPs) unter Georg Solti mit 18 Millionen verkauften Exemplaren das meist verkaufte Album der Klassik ist (S. 142-143) bezweifle ich. Das umso mehr, wenn die meist verkaufte Einzelproduktion der Klassik „nur“ 13 Millionen Käufer fand („Die drei Tenöre“, S. 169).
Nach meiner Erfahrung setzte bei den US-Aufnahmen Mitte der 30-iger Jahre ein Qualitätsschub an. Man kann es an den viel produzierenden Orchestern wie Benny Goodman und Duke Ellington nachvollziehen. Dafür fand ich keine Erklärung, außer der Hochfrequenz-Vormagnetisierung, die der Autor aber Ende der Dreißiger Jahre und in Deutschland ortet (S. 111).
Ein Sachregister fehlt, auch ein Titelregister vermisste ich. Im Personenregister gibt es zahlreiche Lücken, so fehlen die Beatles, Eagles, Bob Dylan und die Rolling Stones, obschon die Stones im Textteil sogar mehrfach auftreten.
Es freute mich zu lesen, dass die US-Musikergewerkschaft den "Record ban" einen Tag nach meiner Geburt am 27. Oktober 1943 für V-Discs aufhob (S. 102).
Vergleiche den Haffner 26. Oktober im Laufe der Geschichte.
Mit der Haffner Sinfonie hat der Autor nichts zu tun, er beginnt aber die Geschichte der Schallaufzeichnung weit ausholend im 16. Jahrhundert. Daraus wird dann eine faktenreiche Geschichte der Schallplatte, der CD und der Musik.
Jedem Schallplatten-, CD- und Musikfreund sehr zu empfehlen.
Zur Ergänzung empfehle ich (derzeit nur antiquarisch): Haas, Walter, Klever, Ulrich: Schallplattenbrevier. Ein kleines Handbuch für Plattensammler (siehe Haffner Literatur).
Links
HaffnerHerbert Haffner
Haffner"His Master's Voice" - Die Geschichte der Schallplatte (Parthas)
HaffnerDie Schallplatte feiert Geburtstag! SWR, 30.09.2011
Haffner Fifties
HaffnerGoldene Schallplatte
Haffner Jazz
Haffner Klassik
Vinyl-Renaissance

VinylBack in Black: Die Renaissance der Schallplatte, Der Spiegel

VinylVinyl lebt! Die Rückkehr der Schallplatte, ZDF 27.12.2015

Vinyl(HD) Vinyl lebt! - Die Rückkehr der Schallplatte (Doku) (ZDF-Doku ohne Ton am 30.12.2015)

VinylWho, Exactly, Is Fueling the Vinyl-Records Renaissance? The Atlantic, 11. Juli 2014

VinylComeback der Schallplatte - jetzt vor dem Aus? Die Welt, 14.12.2014

HaffnerPaul Whiteman
Haffner Zu Werken, Büchern und Verschiedenem zur Klassischen Musik
Literatur
Haas, Walter, Klever, Ulrich (1958): Schallplattenbrevier. Ein kleines Handbuch für Plattensammler. Frankfurt: Ullstein. 195 Seiten
Bei Amazon nachschauen  
Haffner HaffnerHerbert Haffner: His Master’s Voice. Die Geschichte der Schallplatte. Berlin: Parthas, 2011. Broschiert, 208 Seiten
Haffner Anfang

Schallplatte
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 30.12.2015