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John D. Barrow Entdeckung Unmögliche Forschung Grenzen Wissen
John D. Barrow: Die Entdeckung des Unmöglichen. Forschung an den Grenzen des Wissens
[Impossibility. The Limits of Science and the Science of Limits]. Heiner Must, Übs.
Heidelberg: Spektrum, 1999. 411 Seiten
Barrow
By courtesy of John D. Barrow
John David Barrow ist Professor im Dept. of Applied Mathematics & Theoretical Physics an der Cambridge University, England. Er ist Mathematiker und Astrophysiker und versteht es, wie soviele Angelsachsen, anspruchsvolle Wissenschaftsliteratur zu schreiben.
Wie so oft ist der Untertitel "Forschung an den Grenzen des Wissens" aussagekräftiger als der Buchtitel und der englische Untertitel ist noch präziser, was den Inhalt des Buches anbelangt. Es geht um die Grenzen des Wissens und der Wissenschaft und um die Erforschung dieser Grenzen. Wenn man das Unmögliche ernst nimmt, ist es eigentlich nicht zu entdecken, ansonsten wäre es schlicht nicht unmöglich.
Barrow zitiert in jedem Kapitel mehr oder weniger treffende Weisheiten, hierzu Ludwig Wittgenstein: "Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müßten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müßten also denken können, was sich nicht denken läßt)." Tractatus logico-philosophicus. "Vorwort".
Die Struktur des Buches war mir nicht klar; auch einige Passagen blieben mir unverständlich. Das lag aber nicht an Barrows Stil. Der ist klar, nicht abschweifend, kein Gelabbere. Doch bringt er das Gewünschte oft zu kompakt. Barrow hat ein immenses Wissens und er jongliert etwas damit, ähnlich wie in Daniel Dennetts Darwin's Dangerous Idea. Dabei ist Die Entdeckung des Unmöglichen eher eine Gegenthese zu John Horgans The End of Science. Dieser ausgezeichnete Wissenschaftsjournalist behauptet in diesem Buch kurzerhand, daß im Wesentlichen alles erforscht sei, was bei ihm auch voraussetzte, daß das (mögliche) Wissen begrenzt sei.
Nun, Barrow behauptet daß
  • es zahlreiche Grenzen in den Wissenschaften gibt
  • diese Grenzen teils hinausschiebbar und / oder nicht überschreitbar sind.
Seine Paradebeispiele sind Quantenmechanik, Kosmologie, Mathametik und Logik. Selbstverständlich gibt er auch Kurt Gödels Unvollständigkeitssätzen gehörig Raum. Doch bezweifle ich dabei, ob ein unbedarfter Leser (der damit wenig vertraut ist), dem folgen kann. Jedenfalls erhält man jederzeit genügend Stoff zum Weiterdenken (es fehlen jedoch gezielte Literaturhinweise), wie zum Beispiel die Möglichkeit, daß sich die Natur nicht durch eine endlich Anzahl von Axiomen erfassen läßt (S. 333).
Mit oben genannten Fragen ist eng verbunden: ist das mögliche Wissen begrenzt und – unabhängig davon – wird die Menschheit immer weiter Wissen anhäufen. Selbst bei unendlichem Wissen könnten ja Schranken der Wirtschaftlichkeit oder Handhabung Grenzen setzen. These Barrows: "In der Praxis ist die Wissenschaft eher durch die Grenzen behindert, die in den Wissenschaftlern selbst liegen, als durch die grundsätzlichen Grenzen der Erkenntnis" (S. 172). Unterstellt man mit Karl Popper prinzipiell Vermutungswissen, so wird der Versuch unsere Theorien zu falsifizieren, nie zuende gehen. Eine andere Überlegung leuchtet mir auch sofort ein. Das Universum brachte nach Jahrmilliarden das komplizierte organische Leben hervor; es wäre wohl vermessen, daß dieses Leben nach wenigen Jahrhunderten die Struktur dieses Universum voll begreifen könnte (S. 176).
Barrow bleibt weder bei den physikalischen und wissenschaftstheoretischen Überlegungen stehen, sondern macht immer wieder Ausflüge in die Philosophie. Er überlegt auch die Konsequenzen seiner Thesen und stellt fest: "Der Fortschritt macht das Dasein komplizierter und Katastrophen verheerender" (S. 228). Andrerseits scheut Barrow auch nicht vor spekulativen Ausflügen zurück, bettet aber alles in solide Basisannahmen ein; er gleitet nie in Pseudowissenschaft oder gar Esoterik ab. Nur selten ist er dabei zu konservativ. Er meint, "Zeitreisen dürfen nicht beinhalten, daß die Vergangenheit verändert oder rückgängig gemacht wird" (S. 303); schon zuvor hatte er mit ähnlicher Überlegung Zeitreisen abgelehnt: die Kreuzigung Jesus hätte schon viele Zeittouristen angezogen (S. 297). Doch er ignoriert hier die mögliche Parallelität möglicher Welten (David Lewis ist da anderer Meinung). Kurz darauf spricht Barrow die Mehrweltentheorie dann doch ganz kurz an (S. 304).
Oft zog aus Nebensächlichkeiten zusätzlichen Gewinn. In Tabelle 4.8 (S. 159) wurde mir gesagt, daß die Anzahl der Atome in einem Zuckerwürfel (10 hoch 24) bei weitem größer ist als die Anzahl der Sekunden seit dem Urknall (10 hoch 19).
Ein faktenreiches Buch, mit phantastischem Blick auf das Mögliche und damit indirekt auf das Unmögliche. Man kann es wohl bei einmaligem Lesen nicht ausschöpfen.
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John David BarrowJohn D Barrow
Buchausgaben derzeit (10/2002) vergriffen)
John D. Barrow. Die Entdeckung des Unmöglichen. Forschung an den Grenzen des Wissens. Spektrum, 1999. Gebundene Ausgabe, 411 Seiten Barrow
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Barrow John D. BarrowJohn D. Barrow. Impossibility. Vintage, 1999. Taschenbuch, 290 Seiten. Barrow
John D. Barrow. Impossibility. The Limits of Science and the Science of Limits. Oxford UP, 1999. Taschenbuch, 296 Seiten.John D. Barrow

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