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Plantinga
Historisches Argument für den Theismus bei Alvin Plantinga
Aus: Warranted Christian Belief, 2000, in Verbindung mit David Johnson: Truth Without Paradox
Plantinga LinksPlantinga Literatur
Alvin Plantinga, ein christlicher Philosoph und Apologet, hält das Historische Argument für den Theismus nicht für stark genug für fundierten (“warranted”) Glauben (nicht Wissen! an anderer Stelle spricht Plantinga aber wieder vom Hintergrundwissen) der Kernsätze der christlichen Lehre. Die historische Argumentation “isn't strong enough to produce warranted belief that the main lines of Christian teaching are true—at most, it could produce the warranted belief that the main lines of Christian teaching aren't particularly improbable” (Plantinga 2000, S. 271).
Anmerkung
Das bedeutet nicht, dass der christliche Glaube für Plantinga nicht gerechtfertigt wäre, ganz im Gegenteil. Er ist es nur nicht durch die historische Argumentation: “I don't need a good historical case for the truth of the central teachings of the gospel to be warranted in accepting them” (S. 259). Er benötigt diese Rechtfertigung nicht, weil er den christlichen Glaube für unmittelbar hält: “Christian belief is immediate; it is formed in the basic way” (S. 259).
Was man vom Historischen Argument für den Theismus höchstens erwarten könne – so Plantinga – sei, dass die Kernsätze der christlichen Lehre wahrscheinlich sind: “Such a case for the truth of the main lines of Christianity could be at most a case for the probability that these teachings are true” (S. 272). Plantinga geht von diesen Fragen aus:
• Kann man die hohe Verläßlichkeit der Aussagen in der Bibel – ähnlich wie die der Aussagen in den Schriften von Herodot und Xenophon – erkennen?
• Kann man aus der hohen Verläßlichkeit dann folgern, dass die zentralen Aussagen der Bibel wahr sind? (S. 271)
Zur Beantwortung müßte man so vorgehen.
  1. Keine theologischen Vorannahmen über die Verläßlichkeit der Bibel oder zur Person Jesus.
  2. Position des HBC (“historical bible criticism”) einnehmen, der eine historisch-kritische Methode zur Auslegung der Bibel anwendet. Diese Position innerhalb des Christentums wurde von Ernst Troeltsch (1865-1923, Plantinga Links) miteingeleitet. Sie spricht sich gegen die konservative christliche Bibelinterpretation aus und soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Plantinga bezieht im weiteren Text auch Position gegen die HBC-Richtung (siehe weiter unten; für Plantinga ist der christliche Glaube – wie oben schon zitiert – unmittelbar und grundlegend rechtfertigbar).
Für die weitere Argumentation Plantingas sind das Hintergundwissen K und die zentralen Aussagen G wichtig.
Das Hintergrundwissen K bleibt reichlich vage und umfangreich:
(K) Hintergrundwissen K
“what we all or nearly all know or take for granted or firmly believe, or what at any rate those conducting the inquiry know or take for granted or believe” (S. 272).
(G) Konjunktion wichtiger christlicher Kernaussagen
“sin (human beings are in need of salvation), incarnation (Jesus is the incarnate second person of the trinity), atonement (by virtue of his suffering and death, he atoned for our sin and enables us to attain eternal salvation), and general availability (salvation isn't restricted to just one group of people, for example, the Jews)” (S. 272-273).
Nun weiter im Vorgehen zur Bewertung des Historischen Arguments.
3. Zur Frage steht: Ist Pr(G/K) – die Wahrscheinlichkeit der Konjunktion G, gegeben das Hintergrundwissen K – ausreichend (“verläßlich” in den obigen Fragen) hoch?
Ohne es explizit zu sagen, scheint Plantinga diese Frage zu komplex, schließlich ist G die Konjunktion einiger substantieller Aussagen. Er schlägt daher ein stufenweises Vorgehen vor. Man nehme zuerst eine Proposition T, beispielsweise die Bejahung der Existenz Gottes, so dass Pr(T/K) hoch ist. Dann die Proposition R, dass Gott gewisse Wahrheiten der Menschheit kundgetan hat, so dass Pr(R/K&T) genügend hoch ist. Um es abzukürzen, am Ende steht Pr(G/K&T&R ... &M) ist genügend hoch.
Party-Beispiel
Das nötige Vorgehen zeigt Plantinga am folgenden Beispiel (S. 273).
Zu einer Party sind unter anderen Paul, Eleonore, Vonnie und Jim eingeladen. Wie wahrscheinlich ist es Eleonore auf der Party anzutreffen?
(H) Hintergrundwissen Wahrscheinlichkeit
(P) Paul ist auf der Party 0,9
(E) Eleonore ist auf der Party, vorausgesetzt, Paul ist dort 0,9
Pr (E/H) >= Pr (P/H) x Pr(E/(P & H))
Pr (E/H) >= 0,9 x 0,9 = 0,81
Die Wahrscheinlichkeit, dass Eleonore auf der Party anzutreffen ist, kann größer 0,81 sein, wenn Eleonore eventuell auch zur Party geht, wenn Paul nicht dort ist. Um diesen Fall zu berechnen muss die Wahrscheinlichkeit für (E) gewichtet werden mit der Wahrscheinlichkeit für (E) wenn (P) und der Wahrscheinlichkeit für (E) wenn (¬P), das ist
Pr (E/H) = [Pr (E/(P & H)) x Pr (P/H)] + [Pr (E/(¬P & H)) x Pr (¬P/ H)].
Das Beispiel kann um Vonnie (V) erweitert werden. Wenn sie beispielsweise mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,8 auf der Party ist, vorausgesetzt ihre Freundin Eleonore ist dort. Dann ist Pr (V/H) >= Pr (P/H) x Pr(E/(P & H) x Pr(V/(E & P & H)
Pr (V/H) >= 0,9 x 0,9 x 0,8 = 0,648
Und wenn auch noch Jim mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,95 zur Party geht, vorausgesetzt Vonnie ist dort, dann ist die Wahrscheinlichkeit auf der Party Jim anzutreffen 0,616.
Schwindende Wahrscheinlichkeit
Plantinga rechnet mit dem beschriebenen Verfahren den Fall für den christlichen Glauben (Konjunktion G) durch und kommt auf Pr(G/K) >= 0,35, betont aber abschließend – der Leser atmet auf –, dass es albern ist hier den Propositionen Wahrscheinlichkeiten in Zahlen zuzuordnen (S. 279). Jedenfalls hält er aber Pr(G/K) nicht für ausreichend. Er urteilt:
“The conclusion to be drawn, I think, is that K, our background knowledge, historical and otherwise (excluding what we know by way of faith or revelation), isn't anywhere nearly sufficient to support serious belief in G. If K were all we had to go on, the only sensible course would be agnosticism: »I don't know whether G is true or not: all I can say for sure is that it is not terribly unlikely.« The main problem for such a historical case, as I see it, is what we can call the principle of dwindling probabilities: the fact that in giving such a historical argument, we can't simply annex the intermediate propositions to K (as I'm afraid many who employ this sort of argument actually do) but must instead multiply the relevant probabilities.” (S. 280).
Plantingas Vorgehensweise scheint einigermaßen transparent. Ich verdeutliche sein Vorgehen anhand eines weiteren Arguments.
Kritik des HBC – “historical bible criticism”
Plantinga distanziert sich von der historisch-kritische Methode zur Auslegung der Bibel HBC.
Anmerkung
Dies steht nicht im Widerspruch dazu, dass Plantinga beim Historischen Argument für den Theismus vorschlug, die Position des HBC einzunehmen. Und zwar deshalb nicht, weil Plantinga – wie bereits erwähnt – einen anderen Zugang zu den christlichen Kernaussagen hat. Sie sind für ihn unmittelbar zugänglich und grundlegend. Wenn man dagegen das Argument für den Theismus zur Begründung der christlichen Kernaussagen anwendet, müßte man die Position des HBC einnehmen. Das scheitert aber – wie oben gezeigt – an den schwindenden Wahrscheinlichkeiten.
Plantinga fragt, warum der HBC-Standpunkt für so wenige traditionelle Christen überzeugend ist. Ignorieren diese einfach die Forschung? Er hält folgende Gründe, wenn auch vielleicht bei den meisten traditionellen Christen nur unterschwellig, für plausibel (S. 402).
  1. Die Vertretern des HBC sind untereinander sehr uneinig. Der traditionelle Christ findet also keine einfach zu übernehmende wissenschaftliche Position zur Bibel und deren Interpretation vor.
  2. Einige Argumente des HBC sind schlicht nicht überzeugend.
  3. Nochmals verdeutlicht Plantinga das fehlerhafte Vorgehen, das die schwindenden Wahrscheinlichkeiten ignoriert. “Perhaps the endemic vice or at any rate the perennial temptation of HBC is what we might call »the fallacy of creeping certitude,« which is committed by those who ignore the principle of dwindling probabilities. To practice this fallacy, you note that some proposition A is probable (to .9, say) with respect to your background knowledge k; you therefore annex A to k. Then you note that a proposition B is probable with respect to k&A; you therefore add it too to k. Then you note that C is probable to .9 with respect to A&B&k, and also annex it to k; similarly for (say) D, E, F, and G. You then pronounce A&B&C&D&E&F&G highly probable with respect to k, our evidence or background information. But the fact is (as we learn from the probability calculus) that these probabilities must be multiplied: so that in fact the probability of A&B&C&D&E&F&G is .9 to the seventh power, that is, less than .5!” (S. 402) Das Einfügen der einzelnen Propositionen in die Wissensbasis, ohne dass dieser Wissenstatus überprüft und revidiert wird, begeht den Fehler der fallenden Sicherheit.
Würfelparadox
Man kann die Aussagen A ... G nicht mit je 0,9 akzeptieren. Das begründet Plantinga mit einer Art Lotterieparadox anhand eines Würfels.
“Note, of course, that we can't simply add theism to the relevant body of knowledge K on the grounds that it is more probable than not on what we know; that way lies contradiction. It is more probable than not that this die will not turn up ace; the same, of course, for each of the other five possibilities; so if we could add each of these propositions (it won't come up 1, it won't come up 2 . . . ) to K, we wind up with the contradiction that the die will come up showing some number between 1 and 6 (inclusive) and also that it will not.” (S. 274, Fn. 357)
Zwei Anmerkungen
1) Unter “theism” im obigen Zitat versteht Plantinga wohl wieder die Konjunktion der Kernsätze des Christentums. Sein Analogon zum Würfel wäre es dann die einzelnen Kernsätze mit je 0,9 Wahrscheinlichkeit dem ursprünglichen Hintergrundwissen einfach hinzuzufügen, da jeder einzelne über der Akzeptanzschwelle liegt.
2) Plantinga verwendet einmal “K”, im anderen Argument “k” für das Hintergrundwissen.
Plantinga wirft also denjenigen, die einzelne Propositionen nur aufgrund ihrer Wahrscheinlichkeit > Akzeptanzschwelle annehmen, einen methodischen Fehler vor. Sie berücksichtigen nicht die schwindenden Wahrscheinlichkeiten nach dem Multiplikationsgesetz der Wahrscheinlichkeitstheorie und akzeptieren schlimmstenfalls sogar Widersprüchliches, siehe Würfel / Lotterieparadox.
Links
Plantinga Anmerkungen zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
Plantinga David Johnson: Truth Without Paradox
Johnson Literatur zum Lotterie-Paradox und Vorwort Paradox
Johnson Lotterie-Paradox und Vorwort Paradox
Plantinga Themen der Philosophie
PlantingaErnst Troeltsch, deutscher Theologe, Kulturphilosoph und liberaler Politiker
Literatur
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Plantinga PlantingaAlvin Plantinga: Warranted Christian Belief. Oxford: Oxford UP, 2000. Taschenbuch, 528 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.5.2011