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Tindale
Christopher W. Tindale: Fallacies and Argument Appraisal
New York: Cambridge UP, 2007. Taschenbuch, 218 Seiten – rezension Linksrezension Literatur
Beim Folgern verhält es sich anders als beispielsweise in der Lyrik. Aus schlechten Gedichten kann man nahezu nichts über gute Poesie lernen, aus fehlerhaftem Folgern kann man sehr wohl lernen, dieses zu erkennen und/oder zu vermeiden. Genau dies will das Werk. (Das war gerade eine Analogieargument, siehe Kap. 10.) Ich gehe nur auf einige wenige der vielen Erörterungen und Beispiele ein:
1 Introduction to the Study of Fallaciousness
Eine erste Annäherung an die Fehlschlüsse, genauer: fehlerhaftes Argumentieren, ist Charles L. Hamblins Definition: „A fallacious argument, as almost every account from Aristotle onwards tells you, is one that seems to be valid but is not so.“ (Hamblin, S.12, zitiert nach Tindale, S. 2). Diese Definition hat einige Mängel.
• Sie schließt den argumentativen Diskurs aus, da sie Fehlschlüsse auf Argumente beschränkt.
• Die Petitio principii wäre nach Hamblins Verständnis kein Fehler, da mit ihr ein Argument durchaus gültig ist.
• Es gibt so vage Aussagen, dass völlig unklar ist, ob sie überhaupt ein Argument darstellen (S. 64-69). Tindale weitet den Bereich fehlerhaften Argumentierens daher aus und ersetzt in obiger Definition das „valid“ durch „correct“ (S. 10).
Neben der Klassifizierung der Fehlschlüsse legt der Autor erhöhten Wert auf deren Einschätzung. So wird er nicht müde zu erklären, dass es nicht genügt, eine Aussage oder ein Argument mit einem Aufkleber „XY- Fehlschluss“ zu versehen, sondern klar zu beschreiben, warum es fehlerhaft ist (S. xiv, 5, 13, 83-84, 97).
Jeder Fehlerart fügt er eine Liste kritischer Fragen an, mit denen ermittelt werden kann, ob es sich tatsächlich um einen abzulehnenden Fehler handelt. Besonders bei den Ad-hominem-Argumenten ist dies überraschend. Sie schwächen (im besten Falle) den Glauben an eine Aussage oder Konklusion aufgrund der verminderten Glaubenswürdigkeit des Äußerers. Sie sagen aber nichts über die Wahrheit der Aussage oder Konklusion aus. Auf alle Fälle hat der Äußerer ein Recht darauf, dass man sich mit seiner Argumentation auseinandersetzt.
2 Fallacies of Diversion
Hier werden diskutiert: „Straw Man“, Strohmann – „Red Herring“, Ablenkungsmanöver – ignoratio elenchi fallcy, als Oberbegriff für alle Argumentationen, die nicht das zeigen, was behauptet wurde – „non sequitur“, es folgt nicht.
3 Fallacies of Structure
Tindale gibt interessante Ausführungen zu den „Fallacies of Distribution” (besonders „the Fallacy of Negativity“, S. 48-49) und dem weitverbreiteten Fehler die Konsequenz zu bestätigen und auf den Antezedens zu schließen. Typisch: „Die Strasse ist nass, daher hat es geregnet“, ausgehend von „Wenn es regnet, wird die Strasse nass“.
4 Problems with Language
Unter die sprachlich verursachten Fehler fallen beispielsweise die Mehrdeutigkeit eines Wortes. Mit der Äquivokation wird so ein Wort merhfach verwendet, aber jeweils mit einer anderen Bedeutung. Das scheinbar korrekte Argument kann zu falschen Folgerungen führen.
5 Ad Hominem Arguments
Ad hominem Argumente (beispielsweise Tu Quoque-Argumente und Mitschuldig durch Zugehörigkeit „Guilt by Association“) sind weit verbreitet. Sie werden sehr schnelle in die Kiste „faul“ geworfen. Doch auch hier mahnt Tindale genauer hinzusehen und den Kontext zu betrachten. So kann ein in der Vergangenheit unverläßlicher Diskutant berechtigen auch seine neuen Äußerungen zu bezweifeln. Er kann aber auch in einer Domäne unverläßlich sein, in einer anderen aber zuverlässig.
Tindale steckt als die fehlerhaften Ad hominem Argumente recht eng ab. Nur Schimpfworte zu gebrauchen macht noch kein Ad hominem Argument aus: „Calling someone names, while counterproductive to good communication, is not itself fallacious“ (S. 92).
6 Other „Ad“ Arguments
Auch andere Ad-Argumente werden oft benützt:
• Ad Populum: Berufung auf die Mehrheit oder sehr viele Menschen, die dieselbe Meinung teilen.
• Ad Baculum: droht dem Gegenüber mit negativen Konsequenzen
• Ad Misericordiam: appelliert an das Mitgefühl
• Ad Ignorantiam: beruft sich auf das Fehlen von Belegen gegen eine These und wertet dies pro These.
7 The Ad Verecundiam and the Misuse of Experts
Ein Argument Ad verecundiam beruft sich auf Einstein oder andere Autoritäten. Das muss nicht falsch sein, doch man sollte an solche Argumente wieder einige kritische Fragen stellen, je nach Art des Arguments Ad verecundiam. Dann kann man leichter die Spreu vom Weizen trennen. Tindale stellt – zu meiner Erleichterung – auch fest, dass Vorurteile notwendig und nicht per se verwerflich sind (S. 140)
8 Sampling
Dieses Kapitel enthält einige bemerkenswerte Anmerkungen zur übereilten Verallgemeinerung („hasty generalization“) und zur Beurteilung von Statistiken aufgrund von Stichproben.
9 Correlation and Cause
In diesem Kapitel behandelt Tindale das fehlerhafte oder korrekte (!) post hoc ergo propter hoc, das Übersehen gemeinsamer Ursachen, Sonstiges zur Korrelation und Verursachung und die berühmte Slippery Slope Argumentation = „Argument der schiefen Ebene“ – Dammbruchargument (dieses kommt speziell auch noch im letzten Kapitel über Analogien.
10 Analogical Reasoning
Das Argumentieren mit Analogbeispielen ist zurecht weit verbreitet, aber nicht ohne Fehler. Auf diese weist Tindale im letzten Kapitel hin. Zur Diskussion kommt das Argument mit dem Präzedenzfall, das wiederum auf einem Prinzip der Gleichbehandlung. Sehr wichtig ist das abschließende Argument mit dem Vorwurf: andere tun es auch oder so ähnlich („Two Wrongs by Analogy“).
Fazit
Selbstverständlich werden – verstreut über die Kapitel – auch allgemeine Themen angesprochen, wie Beweislast „burden of proof“, S. 14) oder Prinzip („priciple of charity“, Prinzip des Entgegenkommens, S. 31). Diese Stellen sind leicht erschließbar, da der Index sehr genau Auskunft gibt.
Sehr hilfreich sind die kritischen Fragen nach jeder Argumentart, die helfen sollen, herauszufinden, ob ein Argument tatsächlich verwerflich und abzulehnen ist.
Jedem Kapitel folgen sehr instruktive Beispiele. Sie sollen den Leser anregen, die kritischen Fragen anzuwenden.
Da vermisste ich Lösungen, wenn nicht für alle, so doch für ausgewählte Beispiele. Ohne diese war ich nicht motivert sie gründlich zu begutachten.
Über die verschiedenen Argumentationsarten und ihre Einschätzung anhand konkreter Fragen kenne ich kein besseres Werk. Vor allem der häufige Hinweis der kontextuellen Bewertung prägte sich mir ein. Besonders empfehlenswert für alle, die an Diskussionen und dem Austausch von Argumenten teilnehmen.
Links
rezension Anmerkungen zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
TindaleFallacies and Argument Appraisal, Cambridge University Press
TindaleBrent Brossmann "Fallacies and Argument Appraisal". Argumentation and Advocacy. 2 Jun, 2011
rezension Literatur zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
Literatur
Gough, James, Christopher Tindale (1985): "'Hidden' or 'Missing' Premises". Informal Logic 7:2-3, S. 99-106.
Hamblin, Charles L. (1970): Fallacies. London: Methuen.
Hansen, Hans V., Pinto, Robert C. (1995): Fallacies: Classic and Contemporary Readings. University Park, Tenn.: Penn State UP.
Krabbe, Erik C. W. (2009): "Christopher W. Tindale, Fallacies and Argument Appraisal". Argumentation 23, S. 127-131.
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Tindale Tindale Christopher W. Tindale: Fallacies and Argument Appraisal. New York: Cambridge UP, 2007. Taschenbuch, 218 Seiten Tindale
Christopher W. Tindale: Fallacies and Argument Appraisal. New York: Cambridge UP. Gebunden, 218 Seiten Tindale
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