Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Schnädelbach
Herbert Schnädelbach: Was Philosophen wissen: und was man von ihnen lernen kann
München: Beck, 2012. Gebunden, 236 Seiten – Schnädelbach LinksSchnädelbach Literatur
Zur Philosophie gibt es viele Missverständnisse.
Dazu gehören:
  • Philosophie sei nur spekulativ, Philosophen können nichts wissen
  • In der Philosophie gibt es keinen Fortschritt
  • Als Hauptthemen der Philosophie unterstellt man Suche nach Glück und Lebenssinn oder nutzlose Wortklauberei ohne Bezug zu unserem wissenschaftlich bestimmten Lebensumfeld.
Die beiden ersten Missverständnisse werden durch dieses Buch gründlich widerlegt. Das dritte Missverständnis wird implizit widerlegt, da die Suche nach Glück und Lebenssinn allenfalls kursorisch behandelt wird.
schnädelbach
© Herbert Schnädelbach
Mit freundlicher Genehmigung
Anmerkung
Zu diesen Missverständnissen passt die empirische Feststellung, dass viele Philosophiestudierende ihr Studium abbrechen, weil sie sich ein falsches Bild von der (akademischen) Philosophie gemacht hatten.
Peter Moser: „Editorial”. Information Philosophie 5/2012, S. 3
Gegen diese Missverständnisse argumentierend behandelt Schnädelbach viele der (derzeit) zentralen Themen der philosophischen Diskussion, wenn auch nicht alle in eigenen Kapiteln. Die aktuelle Willensfreiheitsdiskussion findet man im Kapitel 12, zur Kausalität findet man verstreut kurze Bemerkungen, zu Physikalismus, Dualismus (inklusive Leib-Seele-Problem) oder dem Problem der Induktion findet man nahezu nichts. Doch darin zeigt sich die Vielfalt der gegenwärtigen Philosophie: jeder findet andere Probleme als vordringlich. 
Intention
Schnädelbach will vor allem zeigen, dass „die Philosophie über einen wenig umstrittenen Kernbestand philosophischen Wissens verfügt” (S. 14), der über die Jahrhunderte erarbeitet wurde und was das derzeitige Philosophenwissen ist. Damit verbunden ist ein Plädoyer für den Gebrauchswert der Philosophie, auch wenn Schnädelbachs seinen Schwerpunkt „aus Kompetenzgründen” (S. 14) primär auf die Theoretische Philosophie legt.
Wie wenig davon im Bewusstsein der Öffentlichkeit ist, sieht man beispielsweise daran: Im Deutschen Ethikrat sind zahlreiche Theologen, Juristen, auch Mediziner, aber unter 26 Mitgliedern nur ein einziger Philosoph. Dabei ist die Ethik eine Teildisziplin der Philosophie!
Inhalt
Einen ersten Eindruck, was Schnädelbach im Zusammenhang seiner Intention für vordringlich hält, gibt das Inhaltsverzeichnis
1   Philosophie und Wissenschaft – eine kurze Problemgeschichte
2   ‹Wissen›
3   Sinn und Bedeutung
4   Das Urteil
5   Denken und Sprechen
6   Das Ich und ich
7   Subjekt – Objekt
8   Selbstbewusstsein
9   Gesetze
10 Naturalistischer Fehlschluss
11 Werte und Normen
12 Handlung
13 Vernunft
14 Analytisch – synthetisch
Schnädelbach geht in jedem der Kapitel auf die historische Diskussion ein, manchmal etwas zu ausführlich, da er ja eigentlich darlegen will, was man heute verbindlich weiß. Doch dazu ist es ganz gut, wenn man weiß, wie es dazu gekommen ist. Eine These Schnädelbachs ist, dass auch das Ausschalten von Irrwegen ein Fortschritt ist und zum Wissensbestand zählt (S. 30). Wer diese Geschichte nicht kennt, rennt in schon längst abgelegte Sackgassen und wirft der Philosophie dann akademische Scheuklappen vor.
Oft betont der Autor zum Abschluss eines Kapitels, was daran nun akzeptiertes Wissen ist. Manchmal muss man es selbst erschließen, beispielsweise wenn er feststellt: „Wissen ist fehlbar, aber das ist kein Grund auf den Wissensbegriff zu verzichten” (S. 31).
Manchmal besteht das Wissen auch lediglich darin, dass man weiß, wo ein Problem vorliegt. Das Problem der Intentionalität, wie wir uns sprachlich auf etwas außerhalb der Sprache beziehen können (S. 38), ist immer noch offen. Laien ist es aber nicht bewusst, ja nach meiner Erfahrung kaum überhaupt als zentrales Problem einsehbar zu machen. Auch das Problem der Willensfreiheit gesteht Schnädelbach als noch offen ein (S. 189ff), gibt dazu aber gleich weiterführende Literaturhinweise.
Nur einmal pflichtete ich Schnädelbach bezüglich einem angeblichen Konsens nicht bei: Werturteile lassen sich nicht auf Sollensätze zurückführen und umgekehrt (S. 165). Schnädelbach verlangt da noch die Prämisse: „Was gut ist, soll auch sein und ist dem Schlechten vorzuziehen” (S. 174). Für mich ist „gut” genau deshalb gut, weil ich etwas vorziehe und umgekehrt. Die fehlende Prämisse drückt – Quine hin oder her – eine Synonymie aus.
Vieles fehlt freilich, weil der Autor viele Themen, aber nicht alle behandelt. So scheint mir Konsens zu sein, dass in der Ethik Sollen Können voraussetzt (Schnädelbach Links ). Aber nirgends wird ja behauptet, das Buch behandele alles, was Philosophen wissen.
In den historischen Betrachtungen kommen zeitgenössische Philosophen etwas zu kurz. Schnädelbach beruft sich immer wieder auf die Antike, Descartes, Kant, Hegel, die Neukantianer und die Sprachphilosophen des 20. Jhdts.
Philosophische Neulingen kann das Werk nicht empfohlen werden: zuviel setzt Schnädelbach voraus. Wer die grundlegenden Aufsätze von Gottlob Frege („Der Gedanke”, „Über Sinn und Bedeutung”) oder von Bertrand Russell („On Denoting”) nicht kennt, wird mit den sprachphilosophischen Ausführungen, besonders in Kapitel 3 „ Sinn und Bedeutung” kämpfen. Auch die Kapitel 5 und 6 sind für Laien nur schwer verstehbar. Aber wer hat je behauptet, Philosophie sei einfach?
Die Kapitel folgen nur einer groben Richtschnur, keiner erkenntbaren Leitlinie. Entgegen des Klappentextes – „brillanter Grundkurs Philosophie” – ist es genau dies nicht: Schnädelbach beschränkt sich auf bestimmte Teilbereichen und geht für einen Grundkurs nicht systematisch genug vor.
Um dem philosophischen Wissen auch später nachzugehen wäre ein Sachindex unerläßlich.  Wer später die Ausführungen zu „logos” (S. 131) oder dem Werturteilsstreit (S. 163) nachlesen will, wird sich hart tun. Ich verstehe nicht, warum so oft auf Indices verzichtet wird.
Schnädelbach belegt vielfach, dass im Laufe der Philosophiegeschichte manche Irrtümer erkannt wurden und sich schon allein daraus ein Fortschritt ergibt. Es hat sich zudem ein – wenn auch kleiner – Kernbestand philosophischen Wissens herausgeschält. Dazu gibt der Autor zahlreiche, selektive Beispiele. Mit einigen Kapiteln wird der Leser arg gefordert. Für Leser, die endlich wissen wollen, was die Philosophen wissen, ist die anstrengende Lektüre sehr zu empfehlen.
Vergleichsliteratur
Obwohl das Buch im Klappentext als „ein brillanter Grundkurs in der Philosophie” gepriesen wird, ist es gerade dies nicht. Die Themen sind zu selektiv und stehen nahezu unverbunden nebeneinander. Daher kann man Was Philosophen wissen nicht mit Einführungsbüchern vergleichen, sondern  mit Werken, die ebenfalls den Nutzen der Philosophie darlegen wollen oder mit Missverständnissen zur Philosophie aufräumen wollen:
Norbert Bolz: Wer hat Angst vor der Philosophie?
Kurt Salamun: Was ist Philosophie? Neuere Texte zu ihrem Selbstverständnis
Hans-Martin Schönherr-Mann: Vom Nutzen der Philosophie. Pragmatismus als Lebenskunst
Kurt Wuchterl: Streitgespräche und Kontroversen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts
Soweit ich diese Werke kenne schneidet dabei Herbert Schnädelbach: Was Philosophen wissen hervorragend ab. Siehe dazu unter Schnädelbach Literatur.
Links
SchnädelbachProf. Dr. Herbert SchnädelbachWikipedia
Besprechungen
SchnädelbachPerlentaucher
SchnädelbachHans Bernhard Schmid: Überzeugungen und Wahrheiten - Herbert Schnädelbach weiss, «was Philosophen wissen», NZZ 12. Dezember 2012
SchnädelbachDipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer

Schnädelbach Gottlob Frege: „Der Gedanke”
Schnädelbach Gottlob Frege: „Über Sinn und Bedeutung”
Schnädelbach Bertrand Russell
Schnädelbach Naturalistischer Fehlschluss – Sein-Sollen Fehlschluss
Schnädelbach Geert Keil, Herbert Schnädelbach, Hg. Naturalismus. Philosophische Beiträge
Schnädelbach Herbert Schnädelbach: Vernunft
Schnädelbach “Sollen impliziert Können” – “Ought Implies Can”
SchnädelbachTractatus 2012: Der hochdotierte Essay-Preis des Philosophicum Lech ging an Philosoph Herbert Schnädelbach, für „Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann“
Herbert Schnädelbach Zitate
Literatur
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Schnädelbach SchnädelbachHerbert Schnädelbach: Was Philosophen wissen: und was man von ihnen lernen kann. München: Beck, 2012. Gebunden, 236 Seiten
Vergleichsliteratur
Bolz Schnädelbach Norbert Bolz, Hg.: Wer hat Angst vor der Philosophie? München: Wilhelm Fink, 2012. Gebunden, 239 Seiten Salamun
Kurt Salamun: Was ist Philosophie? Neuere Texte zu ihrem Selbstverständnis. Stuttgart: UTB, 2009. Taschenbuch, 408 SeitenSchnädelbach
Nutzen Schnädelbach Hans-Martin Schönherr-Mann: Vom Nutzen der Philosophie. Pragmatismus als Lebenskunst. Hirzel, 2012. Gebunden, 208 Seiten Wuchterl
Kurt Wuchterl: Streitgespräche und Kontroversen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Stuttgart: UTB, 1997 Schnädelbach
Schnädelbach Anfang

Schnädelbach
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 1.1.2013