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Lena Hofer: (Re)Produktion empirischer Szenarien
Lena Hofer: (Re)Produktion empirischer Szenarien
Paderborn: mentis, 2015. Broschiert, 238 Seiten – Hofer LinksHofer Literatur
Ein Grundpfeiler und wichtiges Gütekriterium des Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit ist die Wiederholbarkeit von Experimenten und Beobachtungen.

Das vorliegende Werk – eine überarbeitete Version der Dissertation der Autorin an der LMU München – behandelt die Produktion und Reproduktion von wissenschaftlichen Experimenten in einem weiten Sinne, Beobachtungen einschließend.
Angesichts der Zentralität des Begriffs der Reproduzierbarkeit ist es bemerkenswert, dass dazu bisher wenig Arbeiten vorgelegt wurden. Die Autorin musste viele Begriffe im Laufe der Arbeit einführen und entwickeln.
Nach Vorwort und Einleitung gliedert sich das vorliegende Werk in vier Hauptteile:

1 Zur Ebene der Empirie
2 Grundzüge einer Theorie zur Beschreibung von Reproduktionsmechanismen
3 Zur Anwendung von TnF in der Wissenschaftstheorie
4 Zur Ebene der Theorie
Im ersten Teil werden wichtige zum Teil neue Begriffe herausgearbeitet: Reproduzierbarkeit, empirisches Szenario und Arrangement, Klassifikation nach Forschungskontext.

Zwei Beispiele der Begriffsarbeit im Neuland:

Empirisches Arrangement
„Ein empirisches Arrangement ist eine Gesamtheit von Aspekten der empirischen Welt, die im Rahmen der Forschung als Einheit erfahren werden, und zwar im Bezug auf ein Ergebnis, dem eine wissenschaftlich-empirische Erkenntnis entspricht” (S. 32).

Experiment
Ein empirisches Arrangement wird nur dann als Experiment bezeichnet, „wenn es mit einer intendierten  Manipulation eines primären Objekts einhergeht” (S. 40).

Bei der Ordnung der Ebene der Empirie geht die Autorin auf den grundlegenden Katalog empirischer Szenarien von Francis Bacon (1620) zurück, der jedoch nur noch als Ideengeber verwendet werden konnte.
Dazu entwickelt sie die folgende Klassifikation von Forschungskontexten:
Forschungskontext Common Sense wird
1. Affirmation bekräftigt
2. Investigation konkretisiert
3. Invention ausgebaut
4. Diskussion diskutiert
5. Exploration erweitert

Im zweiten Teil – dem Kern des Werks – wird eine Theorie zur Beschreibung von Reproduktionsmechanismen entwickelt, die die Autorin „Theorie der n-Fachung” (TnF) nennt. Dank der strengen analytischen Darstellungsweise werden alle Begriffe nicht nur exakt definiert, sondern auch begründet, warum sie (neben vielleicht bereits vorhanden, meist ungenau verwendeten Begriffen) neu eingeführt werden. Vom formalen Rahmen der Mengenlehre ausgehend wird dann im Rahmen der strukturalistischen Wissenschaftskonzeption weiter formalisiert. Diese Vorgehensweise mag einige Leser abschrecken, hat aber neben der Präzision den Vorteil, dass mit ihr Sachzusammenhänge aufgedeckt werden, die ansonsten im Dunkel blieben. Es entsteht ein Formalismus, der von künftigen wissenschaftlichen Untersuchungen übernommen werden kann.

Unterstützend dazu dient das dritte Kapitel, das Probleme der Anwendung von TnF diskutiert. Die Beschreibung von empirischen Arrangements müssen gewissen Normen genügen, damit die Reproduktion gewährleistet ist.

Das vierte, abschließende Kapitel geht zu den Auswirkungen der Anwendung von TnF auf die Ebene der Theorien über.

Es verwundert die Leser nicht, dass die Autorin als (auch) Ethnologin viele Beispiele aus diesem Wissenschaftsbereich verwendet. Das kommt – da man in Arbeiten dieser Art meist mit Beispielen aus den  Naturwissenschaften konfrontiert wird – dem Text und Verständnis entgegen.

Im Fazit resümiert die Autorin, dass die vorgelegte Konzeption erhellen kann, wie sich Wissen auf empirischer Basis entwickelt, verändert und bewährt, Wissen, das den Standards der Wissenschaftlichkeit genügt. Diesem Fazit kann der aufmerksame Leser voll zustimmen.
Das bahnbrechende Werk richtet sich an alle Wissenschaftstheoretiker, aber auch an alle Wissenschaftler, die mit Experimenten und Beobachtungen Theorien, Hypothesen oder Forschungsergebnisse liefern oder überprüfen wollen. Kann es in der Wissenschaft noch zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen – man denke nur an die Bewertung der Auswirkungen des Einsatzes von Glyphosat –, wenn Normen der Reproduzierbarkeit festgemacht und eingehalten werden? Eine topaktuelle Frage, für deren Beantwortung die vorliegende Arbeit Grundlagen aufzeigt. Auch wer nicht in die letzten Feinheiten des formalen Apparates (Kapitel 2) eindringt, wird dazu wertvolle Hilfestellung und Einsichten erhalten.
Links
HoferHofer: (Re)Produktion empirischer Szenarien @mentis
HoferReproduzierbarkeit
Zur Einführung: HoferClaus Christian Schroeder: Was ist Wissenschaft? (pdf)
Hofer Wolfgang Balzer: Die Wissenschaft und ihre Methoden: Grundsätze der Wissenschaftstheorie. Ein Lehrbuch
HoferFrancis Bacon
Literatur
Jim Giles (2006): „The trouble with replication”. Nature 442:7101, S. 344–347.
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Hofer HoferLena Hofer: (Re)Produktion empirischer Szenarien. Paderborn: mentis, 2015. Broschiert, 238 Seiten
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