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Junghanss
Volker Junghanss: Unterwegs zur absoluten Dimension. Gott würfelt nicht - e = m ( l / t )²
Norderstedt: BoD, 2005. Gebunden, 200 Seiten – Junghanss LinksJunghanss Literatur
Wem die nachfolgende Rezension zu ausführlich ist, der lese gleich das junghanss Fazit.
Der Ausgangspunkt des Buchs von Volker Junghanss ist: die Quantentheorie und die Relativitätstheorie „vertragen sich nicht miteinander“ (Klappentext). Unterwegs zur absoluten Dimension will diese Lücke schließen und mehr. Es krempelt die derzeitige Sichtweise der Physik völlig um. Junghanss will nichts weniger als die TOE, Theory of Everything, nach der viele Physiker seit Jahrzehnten suchen (siehe Weinberg unter junghanss Links). Seine Lösung: Es gibt ein körperunabhängiges Bewusstsein, das als absolute Dimension das Weltgeschehen steuert. Mich konnte der Autor nicht überzeugen.
Wenn jemand behauptet, er hätte ein Lösung für ein vertracktes Problem oder ein Problem, das die Wissenschaft (und Menschheit) schon lange fuchste, so muss er
1. das Problem genau erläutern und
2. die Lösung begründen, damit es für den angesprochenen Kreis einsichtig wird.
3. Er sollte auch klarmachen, warum alle vor ihm bisher scheiterten.
Wenn jemand eine Problemlösung anbietet, die völlig abseits der bekannten Pfade liegt, so muss er seine Voraussetzungen und seine Argumentation penibel darlegen. Junghanss hat all dies vor, seine Darlegung lässt aber das Geforderte vermissen. Von Aufmachung und Text her gehe ich davon aus, dass der Autor sich an ein Laienpublikum wendet. Umso nötiger wäre es gewesen, die neue Weltsicht überzeugend darzubieten. Ich begnüge mich das Fehlen des Desideratums an einigen wenigen Stellen aufzuzeigen. Dabei bin ich ein physikalischer Laie, der sich eingehend mit sowohl der Quantentheorie als auch der Relativitätstheorie beschäftigt hat, ohne dafür volles Verständnis zu reklamieren.
Erster Eindruck
Der naturwissenschaftlich Interessierte wird schon beim Durchblättern des Buches stutzig. Junghanss setzt kapitelweise Aussprüche oder Gedichtauszüge von ganz unterschiedlichen Leuten voran, auffallend oft von Laotse. Berufung auf fernöstliche Philosophie oder Mystik mag kein Fehler sein, doch bei einer Abhandlung mit wissenschaftlichen Anspruch legt dies den Verdacht der Esoterik nahe. Dessen ist sich auch der Autor an manchen Stellen bewusst. Bei mir verstärkte sich der Esoterik-Verdacht mit der Lektüre. Ich werde es im Folgenden belegen.
Zufall
Schon beim Untertitel „Gott würfelt nicht“, beim Geleitwort und an vielen weiteren Stellen artikuliert Junghanss seine Abneigung gegen den Zufall. Symptomatisch zeigt sich ein wesentliches Manko des gesamten Werks: Begriffe werden umgangssprachlich eingeführt, dann im wissenschaftlichen Kontext verwendet, ohne jemals genau definiert oder expliziert zu werden (dazu mehr weiter unten). Fatal ist das durchgehend beim Begriff des Zufalls. Das Lexikon unterscheidet zwei Verwendungsweisen dieses Begriffs:
Relativer Zufall beruht auf sehr wohl kausal bedingtem, aber unbestimmbaren, scheinbar plan- oder regellosen Zusammentreffen. Beispiel: Ergebnisse beim Wurf eines Würfels.
Absoluter Zufall ist im Spiel, wenn Ereignisse ohne Wirk- oder Zielursache auftreten (Indeterminismus). Beispiel: Zufallsfolgen natürlicher Zahlen zwischen 1 und 6; der radioaktive Zerfall. Da wir beim relativen Zufall die Wirkursachen nicht genau kennen, sind für uns viele relative Zufälle scheinbar absolute Zufälle. Bei angenommenen Zufällen muss man fragen: Können nur wir keine Regel erkennen? Gibt es verborgene Parameter, die sich unserer Kenntnis (prinzipiell) entziehen? Man sollte relativen und absoluten Zufall streng unterscheiden. Junghanss unterscheidet nicht. In vielen Fällen sind seine Beispiele nur relative Zufälle, haben damit nichts mit den in Physik und Philosophie thematisierten echten = absoluten Zufällen zu tun. Sein Beispiel (S. 25) greift daher nicht: Taxis bewegen sich weder mit Funk noch ohne zufällig (S. 25). Damit zusammenhängend: der Autor findet ex-post Ereignisse „wundersam“, wenn es sich um unwahrscheinliche Ereignisse handelt. Im Geleit (S. 11-12) berichtet der Autor von der wundersamen Weise des Überlebens seines Vaters im 1. Weltkrieg. Das geschah jedoch nicht „gegen jede Wahrscheinlichkeit“. Zwar war die Wahrscheinlichkeit des Todes im Feld für einen deutschen Soldaten recht hoch. Es gab aber genügend Überlebende. Die Überlebenswahrscheinlichkeit könnten Statistiker ziemlich genau berechnen. „Gegen jede Wahrscheinlichkeit“ wäre es bei einem normalen Würfel eine Sieben zu würfeln. Selbst 15-mal hintereinander eine Sechs zu würfeln ist nicht „gegen jede Wahrscheinlichkeit“. Zudem vergisst der Autor: nur die knapp dem Tode Entronnenen können davon berichten. Die vielen Millionen Fälle, die dieses „zufällige Glück“ nicht hatten, können nichts mehr berichten. Dazu empfehle ich das vergnügliche Buch von Gerd Gigerenzer: Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken (siehe Gigerenzer unter junghanss Links). Doch mag man ja ein dichterisches Motto von Friedrich Rückert (S. 9) und ein Geleitwort noch auf die leichte Schulter nehmen. Lesen wir weiter.
Kausalität
Leider beginnt schon der erste Satz des wirklichen Textes mit einer unzutreffenden Unterstellung. Die unbedingte Geltung der Kausalität wurde – entgegen Junghanss – schon von vielen Menschen bezweifelt. Ich berufe mich mal auf David Hume, 1748 (könnte auch andere nennen):
When we look about us towards external objects, and consider the operation of causes, we are never able, in a single instance, to discover any power or necessary connexion; any quality, which binds the effect to the cause, and renders the one an infallible consequence of the other. We only find, that the one does actually, in fact, follow the other. The impulse of one billiard-ball is attended with motion in the second. This is the whole that appears to the outward senses. The mind feels no sentiment or inward impression from this succession of objects: Consequently, there is not, in any single, particular instance of cause and effect, anything which can suggest the idea of power or necessary connexion. From the first appearance of an object, we never can conjecture what effect will result from it. But were the power or energy of any cause discoverable by the mind, we could foresee the effect, even without experience; and might, at first, pronounce with certainty concerning it, by mere dint of thought and reasoning.
An Enquiry Concerning Human Understanding, VII. Of the Idea of necessary Connexion - Part I
David Hume war verstandesorientiert und hat die Kausalität (als wirklich vorhanden) bezweifelt, ja sogar auf menschliche Gewohnheit zurückgeführt. Wem Hume zu lange zurück liegt, halte sich an Judea Pearl, der die Kausalität mit der Graphentheorie behandelt (siehe Pearl unter Junghanss Links). Jetzt ist es an der Zeit, Albert Einsteins Ausspruch: „Gott würfelt nicht“ zu analysieren.
„Gott würfelt nicht“
Junghanss führt den Satz fast als Dogma ein, das gesamte Buch versucht er Einstein recht zu geben und dies auch zu belegen, jedoch unterlässt er es, die Bedeutung des Satzes zu untersuchen. Der Spruch ist verschieden überliefert (einstein Zitate Albert Einstein), doch scheint „Gott würfelt nicht“ Einsteins Absicht gut zu treffen.
„Gott würfelt nicht“ kann bedeuten:
a) Es gibt einen Gott und der überlässt nichts dem absoluten Zufall.
b) Es gibt keinen Gott.
c) Allegorisch interpretiert: egal ob Gott oder nicht: es gibt keinen absoluten Zufall.
Wenn ich das Buch richtig gelesen habe, so plädiert der Autor für den Fall a). An vielen Stellen kommt heraus, dass er den absoluten Zufall für unerträglich hält oder nicht in sein Weltbild passend. So schreibt er vom grausam anmutenden Würfelspiel (S. 52). Warum der absolute Zufall so schlimm oder gar grausam sein soll, wird nie begründet. Die lückenlose, notwendige „Unterwerfung“ unter strenge Naturgesetze erscheint mir nicht humaner als gelegentliche Auflockerung durch zufällige Ereignisse. Kurzum: ich kann am Zufall nichts „Schlimmeres“ entdecken als am „Zwang“ durch Naturgesetze, einem Gott, der zehn Gebote (oder mehr) vorschreibt) oder dem „absoluten Bewusstsein“.
Sehr vieles wird einfach behauptet
Sehr vieles wird ohne Erklärung behauptet. Vielleicht ist es ja für den Autor so selbstverständlich oder gar evident, dass er meint, eine Begründung sei überflüssig. Doch mir sträubte sich mangels Haare gelegentlich das Rückenmark. So meint Junghanss (S. 46): Der Planet holt sich die Energie von den ihm entsprechenden Feldern auf der Sonne. Wie das zugehen soll ist ungeklärt. Wie findet der Planet Mars seine Felder auf der Sonne? Automatisch über die Frequenz? Gerade der Autor als strenger Determinst müsste das exakt erläutern. Man könnte dafür das folgende Postulat nehmen: „Der Zusammenführungsprozess wirkt über jede Entfernung hinweg, da sämtlichen Systemen in Welt und Kosmos mit unausgeglichener Ladung die Tendenz innewohnt, sich in Richtung auf den/die nächstliegende Partner in Bewegung zu setzen“ (S. 53). Wieso dies irgendwie erhellender oder einleuchtender sein soll als das Gravitationsfeld (das durch die Junghansssche Theorie entfällt), entzieht sich meinem Verständnis.
Da wird eine Verpackung postuliert (S. 47), die eine besondere sein muss, da sie der Autor in Apostrophe setzt. Sie soll nicht mit der Energie verwechselt werden. Was sie aber dann ist,verrät der Autor seinen Lesern nicht.
Da gibt es laut Autor als grundlegenden Lebensprozess eine Materialisierung. Ich meine, da hat er zu oft die Science-Fiction-Serie »Star Trek« angeschaut. Auch in okkulten Traditionen mag eine Materialisierung vorkommen, doch was wir als Leser uns darunter vorzustellen haben, bleibt im Dunkeln.
Auf Seite 51 kommt zum ersten Mal die Evolutionsebene vor. Ich wusste nicht, was Junghanss darunter versteht. Er erklärt es nicht, obwohl dieser Begriff noch öfters eine wichtige Rolle spielt, so als Evolutionsstufe in der Hypothese S. 56. Erst auf Seite 116 kommt eine Aufstellung einer Komplexitätskette, die der Autor wohl als Evolutionsebenenen auffasst.
Der Titelbegriff der absoluten Dimension (auch S. 105 ff.) wird nie erläutert.
Die Unverständlichkeit beruht jedoch nicht nur auf unerklärten Begriffen, sondern auch für mich unverständliche Aussagen. Da haben Raum und Zeit plötzlich eine „jeweilige Systemgeschwindigkeit“ und eine eigene „Frequenz“ (S. 106). Ich konnte mir das nicht erklären. Ein grosser Vorwurf an das Buch: Bewusstsein ohne Materie wurde noch nie festgestellt. Junghanss nimmt es als selbstverständlich an, dass es Bewusstsein unabhängig von physikalischen Objekten geben kann (oder gar muss).
Argumentationsschwäche
Am Kapitelanfang wird sehr lobenswert vorsichtig eine Hypothese formuliert, die oft mit neuen Begriffen und/oder Behauptungen aufwartet. Ich als Leser denke, OK, das ist eine Hypothese und Junghanss verspricht sie noch genau zu belegen. Das erfolgt dann mehr oder weniger vage. Später beruft er sich flugs auf das „bewiesene“ Gesetz. Gerade im 2. Teil des Werks geht dem Autor der Gaul diesbezüglich völlig durch.
Oft werden triviale Sachverhalte etwas originell formuliert. Der Leser winkt den Gedanken zustimmend durch und schon zieht der Autor grandiose Schlüsse. Dass jede Wahrnehmung darauf beruht, dass der Wahrnehmende in Beziehung zur Welt tritt, ist trivial. Nur der Antirealist oder gar Solipsist erklärt es anders. Junghanss nennt diese Beziehung etwas enger Resonanz (S. 113) und ist von dieser jahrhundertealten Erkenntnis elektrisiert. Aber liegt dieser Gedanke nicht schon dem folgenden Vierzeiler von Johann Wolfgang von Goethe zugrunde?
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?
So löblich es ist, wenn man über die Wahrnehmung nachdenkt, so bewunderswert es ist, wenn man diese Gedanken zu Papier bringt, so erstaunt bin ich, dass man so lapidare Erkenntnisse wie, dass der Mensch sich von Objekten seiner Umwelt sein Bild macht, als Neuerung in einem Buch verkündet. Dass diese Resonanz dann in derselben Wellenlänge von wahrnehmenden Subjekt und beobachteten Objekt bestehen soll, ist rein spekulativ, wird aber vom Autor ganz locker behauptet. Obwohl ich ständig eine Vielzahl von Objekten wahrnehme und auch beliebige Objekte in den Fokus meiner Aufmerksamkeit rücken kann, erklärt uns der Autor nicht, wie das mit der Wellenlänge zusammenhängt. Haben alle Menschen, die meine Tastatur sehen, die Wellenlänge der Tastatur? Wie steht es mit den einzelnen Tasten? Dem gleichzeitig wahrgenommenen Bildschirm, meinen eigenen Finger?
Zu oft werden Sachverhalte (Wahrnehmung nur bei gleicher Wellenlänge; Aufklärung neigt sich dem Ende zu, S. 183) oder Fernwirkung per M-Felder (S. 114) behauptet und weder erklärt noch begründet.
Ganz leicht erklärbare Sachverhalte werden mystifiziert. So fragt Junghanss, warum ein schleuderndes Auto häufig auf den einzigen Chausseebaum trifft (S. 74)? Wen überrascht das? Das schleudernde Auto kann, wenn es denn überhaupt auftrifft, nur auf diesen einzigen Baum treffen. Es ist per Voraussetzung kein anderer da. Wenn es überhaupt nicht auftrifft, fahrt es eventuell weiter oder wird später aus der Wiese abgeschleppt (und kaum jemand juckt es). Nur wenn es auftrifft, gibt es spektakuläre Fotos.
Manche Vorgänge werden unrichtig oder zumindest ungenau formuliert und daraus dann Schlüsse gezogen. Wenn das für Gebiete zutrifft, die der Leser kennt, so zweifelt er auch an der Argumentation des Autors auf Gebieten, bei denen man ihm normalerweise (mangels eigener Kompetenz) vertrauen würde. Das Selektionsprinzip der Evolution (S. 79) betrifft keine Einzelwesen, sondern Populationen. Obwohl das Prinzip, dass die besser angepasste Population überlebt, den Charakter einer Tautologie hat, will es Junghanss durch die energetische Selektion ersetzen.
Esoterik
Neben den bereits genannten fernöstlichen Weisheitssprüchen (die immer Warnzeichen für drohende Esoterik sind) lassen mich viele andere Indizien das Werk unter „Esoterik“ einreichen. Der Erklärungsanspruch für alles nährt den nächsten Esoterik-Verdacht. Er könnte durch saubere Darstellung und Argumentation ausgeräumt werden. Genau dies vermisste ich, wie schon an einigen Details nachgewiesen.
  • Ein Ausgangspunkt des Werks ist, dass die derzeitige Wissenschaft in der Krise steckt (ohne es zu merken); ganz neue Sichtweisen (ganzheitlich, bewusstseinsbejahende) sind notwendig. Dieser Vorwurf kommt an verschiedenen Stellen des Buchs und ist typisch für Esoterik. Unser tradionelles Weltbild beschreibt die „Gegebenheiten des Lebens nicht in zutreffender Weise“ (S. 112). Die Begründung für diese starke Behauptung packt Junghanns in den selben Satz: „die vielen zerstörerischen Entwicklungen“. Nun stimme ich dem Befund, dass es auf unserem Planeten zu zahlreichen Fehlentwicklungen kommt, zu. Daraus ziehe ich aber keinesfalls den Schluss, dass unser Weltbild grottenfalsch sei. Ich sehe nicht einmal, wie man diesen Schluss ziehen kann (vorausgesetzt: das physikalische Weltbild ist gemeint; um dieses geht es ja im Buch). Man kann aus den zerstörerischen Entwicklungen beispielweise folgern, dass unsere politischen Systeme ungeeignet sind, oder unsere Wertevorstellungen, oder es uns am notwendigen Engagement mangelt. Doch kann ich daraus nicht folgern, unser naturwissenschaftliches Weltbild sei falsch oder gar die Gravitationskraft sei durch etwas völlig anders zu ersetzen. Nun ist diese Behauptung (S. 112) als Frage formuliert. Sollte es keine rhetorische Frage sein, so antworte ich entschieden mit: „Ja, sie zeigen es nicht“.
  • Auf derselben Seite lässt Junghanss dann die pessimistische Katze aus dem Sack: die Menschheit befindet sich in einer ausweglosen Sackgasse. Dies ist ein bekannter Vorwurf um die (esoterische) Gesamtlösung zu bringen. Selbst wenn die Diagnose zutrifft, hat das meines Erachtens wenig mit dem physikalischen Weltbild zu tun. Der diagnostizierte Zulauf zu New-Age und obskuren religiösen Gruppierungen kommt eher durch Bücher, die behaupten, fast alle bisherigen Forscher haben die Welt falsch interpretiert und nur einige begnadete Seher (siehe weiter unten: junghanss Paulinisches Erweckungserlebnis) zeigen uns, wie es richtig geht.
  • Auch beim Bewusstsein beschreiten die westlichen Wissenschaften – so Junghanss – einen Irrweg. Pauschal spricht der Autor ihnen einen Klärungsanspruch zum Bewusstsein ab. Wieviel die verschiedensten Fachgebiete zum Bewusstsein bereits enträtselt haben, ignoriert er. Was – zugegeben – derzeit noch mysteriös bleibt, ist das Entstehen des Bewusstseins im Laufe des evolutionären Prozesses. Weit entfernt ist man auch von der Wiederholung der Genese im Labor. Manache vergessen aber, dass es täglich vielen Menschen gelingt, Bewusstsein zu generieren. Mir gelang es zweimal mit – wie ich behaupte – mit gutem Erfolg.
    Man gewinnt für eine solche oder eine ähnliche Erklärung aber nichts, wenn man einfach phantomartige Felder, eine „absolute Dimension“, einen intelligenten Masterplan oder sonst etwas postuliert. Das komplizierte Problem wird „gelöst“, aber ein viel komplizierteres entsteht: wie entstehen die Felder? Woher kommt die „absolute Dimension“? Wer machte den intelligenten Masterplan? Und wie entstand der „Master“, der den Plan ausheckte?
  • Ein Merkmal esoterischer Literatur ist es auch, zunächst westlich-wissenschaftlich zu argumentieren (obwohl man der westlichen Wissenschaft die Kompetenz abspricht), dann aber immer mehr in ein saloppes Fahrwasser zu gleiten. Typisch ist hier die Trennung in Ego und Selbst (S. 122 ff); oder, nachdem das ganze Werk zunächst ein Plädoyer für den lückenlosen Determinismus ist, wird plötzlich der freie Wille für jedes lebendige Wesen konstatiert (S. 127). Das beisst sich nicht nur mit dem Determinismus sondern auch mit dem alltäglichen Verständnis, dass beispielsweise ein Gänseblümchen keinen freien Willen hat. Nun mag der Alltagsverstand hier irren, aber dies muss dann schon besser begründet werden als nur durch Fettdruck.
  • Da wird oft ein „somit“ eingeschoben, obwohl man den Folgerungscharakter als Leser nicht erkennt. Junghanss kommt zum Ergebnis „c = l/t“. Er interpretiert: jede Geschwindigkeit eines Systems „entspricht grundsätzlich auch der Lichtgeschwindigkeit“ (S. 156; fett im Original). Schon diese Ausdrucksweise scheint mir nebulös. Wie entspricht einem 100 km/Std. fahrenden Auto mit 2 Insassen die Lichtgeschwindigkeit? Nun ist die Lichtgeschwindigkeit aber schon im Gespräch und Junghanss folgert: „Sämtliche 'Wesen' und Systeme unseres Kosmos sind Lichtwesen“ (S. 156; fett im Original). Wie man aus der genannten Formel auf diese Konsequenz kommt, ist mir rätselhaft.
Methodische Mängel
  1. Es werden Begriffe eingeführt (z. B. Dimension) ohne entsprechende Erklärung. Das ist bei allgemein verwendeten Begriffen, wenn sie ebenso lexikalisch eingesetzt werden, nicht zu bemängeln. Junghanss setzt aber viele Begriffe anders ein oder mit anderen Eigenschaften voraus (z. B. Bewusstsein). Auch Unterscheidungen werden eingeführt (Evolutionsebenen, Evolutionsstufen oder natürliches und menschliches Bewusstsein), ohne sie ausreichend zu erläutern oder zu begründen.
  2. Es werden Begriffe entgegen allem Sprachgebrauch, sei es alltäglich oder wissenschaftlich, definiert. So spricht Junghanss' Definition des menschlichen Bewusstseins (S. 121) fast allen Menschen eben jenes ab. Wer – ausser dem Autor – erfüllt schon seine Bedingung? Andrerseits spricht er jedem lebenden Wesen, also auch dem Gänseblümchen oder Einzellern Bewusstsein zu (S. 159).
  3. Viele Prämissen der Argumentation werden nicht erläutert, geschweige begründet, sondern stillschweigend als akzeptiert vorausgesetzt. Gerade da, wo es darauf ankommt (z.B. Trennung in Ego und Selbst, S. 122 ff), wird drauflos fabuliert. Da gibt es beim Ego plötzlich negative Energien usw. Ich bestreite beispielsweise die Annahme, dass im Universum „kontinuierlich neue System mit zunehmender Komplexität erschaffen werden“ (S. 124). Derzeit mag diese Annahme auf der Erde zutreffen. Doch wie lange? Und kann man von der Erde, dem winzigen Winzling auf das Universum schließen?
  4. Oft formuliert der Autor wissenschaftlich vorsichtig Hypothesen oder im Konjunktiv (z. B. gleich zu Beginn des Kapitels „Die Psychoenergetische Bilanz des Menschen“, S. 128). Dann wird aber allmählich der Konjunktiv fallengelassen und die Argumentation bedient sich der ehemaligen Hypothesen.
  5. Durchgehend wird ein anthropomorphe Sprechweise eingesetzt. Da kennt das Licht keine Zeit (S. 19), was trivial ist, da das Licht überhaupt nichts kennt. Der Planet holt sich etwas von der Sonne (S. 46). Der Mond ist „ein dankbares und großzügiges Kind“ (S. 45).
Junghanss hatte nicht nur ein Paulinisches Erweckungserlebnis, sondern gleich zwei (S. 197-198). Solch blitzartigen Erhellungen folgt oft eine Religionsgründung oder zumindest eine Heilsverkündung. Nun mag man ja sagen: Es gibt viele Welterklärer, mehr oder weniger wissenschaftlich fundiert (Junghanss steht trotz allem näher beim „mehr“), sie sind ganz nett zu lesen, doch kaum einer nimmt sie ernst. Und wenn doch, was soll's? So einfach ist es spätestens ab Seite 184 nicht mehr. Hier stellt der Autor, aufgrund seiner bahnbrechenden Erkenntnis mit ihren weitreichenden Konsequenzen, in Frage, ob wir uns noch um so banale Dinge wie Betrüger und Kriegstreiber kümmern sollen.
Der Autor will scheinbar unvereinbare Theorien erklären und führt einen Schwung neuer Prinzipien ein:
  • ein mysteriöser Energieausgleich,
  • einen allgemeinenen Evolutionsgrundsatz (S. 56)
  • Synchronizität und Lebensfelder (S. 61)
  • Bewusstsein in allem Lebendigen
  • Lichtwesen (S. 156).
Wer ein Problem damit lösen will, dass er fünf neue Löcher aufmacht, hat einen schwierigen Stand.
Gero von Randow, Wissenschaftsjournalist:
"Revolutionäre Hypothesen sind zulässig, sie müssen nur besonders gut hergeleitet und experimentell überprüfbar sein." Gero von Randow: Das Ziegenproblem. Denken in Wahrscheinlichkeiten, S. 152, Junghanss Rezension
Keine der beiden Erforderungen wird von Unterwegs zur absoluten Dimension erfüllt. Wer solch revolutionäre Hypothesen aufstellt, wie: "Wir sind Lichtwesen" und die zwei Bedingungen nicht erfüllt, der bietet keine Theorie an, sondern verweigert eine solche (Gero von Randow: Das Ziegenproblem, S. 152).
Fazit
Gott würfelt nicht, na klar, genauso wenig wie Rübezahl. Dazu muss man aber nicht dieses Buch lesen. Dass es Bewusstsein ausserhalb irgendeines physikalischen Körpers gibt, muss erst mal belegt oder wenigstens wahrscheinlich gemacht werden. Derzeit kenne ich nicht ein Indiz dafür. Vielleicht hat Volker Junghanss ja einige zutreffende neue Gedanken. Er müsste sie halt belegen und zeigen, dass sie die Welt besser erklären. Bis dahin kann man sich die Lektüre dieses Buches sparen.
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Links
JunghanssAutorenportrait
Andere empfehlenswerte Werke in diesem Genre und zu den genannten Themen:
Junghanss Rezensionen und Bibliografien zum Bewusstsein
Junghanss Barrow, John D.: Die Entdeckung des Unmöglichen. Forschung an den Grenzen des Wissens
Junghanss Brockman, John, Hg.: Die neuen Humanisten. Wissenschaft an der Grenze
Junghanss Dürr, Hans-Peter, Franz-Theo Gottwald, Hg. Rupert Sheldrake in der Diskussion
Junghanss Genz, Henning: Wie die Naturgesetze Wirklichkeit schaffen. Über Physik und Realität
Junghanss Gigerenzer, Gerd: Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken
Junghanss Morris, Richard: Gott würfelt nicht. Universum, Materie und kreative Intelligenz
Junghanss Brigitte Röthlein: Die Quantenrevolution. Neue Nachrichten aus der Teilchenphysik
Junghanss Roth, Gerhard: Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen
Junghanss Weinberg, Steven: Der Traum von der Einheit des Universums
Literatur
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Junghanss JunghanssVolker Junghanss: Unterwegs zur absoluten Dimension. Gott würfelt nicht - e = m ( l / t )² . Norderstedt: BoD, 2005. Gebunden, 200 Seiten Morris
Richard Morris: Gott würfelt nicht. Universum, Materie und kreative Intelligenz. Hamburg: Europa, 2001. Dirk Oetzmann, Übs. 240 Seiten morris
Junghanss Rezension
Unter dem Titel Gott würfelt nicht gibt es (Video und DVD) noch ein kreationistisches Werk von Fritz Poppenberg, das aber niemand zugemutet und schon garnicht empfohlen werden kann.
Fritz Poppenberg: Gott würfelt nicht. Über den erbitterten Kampf zwischen Wissenschaft und Ideologie. Video 2001. Siehe dazu Junghanss Ulrich Kutschera: Streitpunkt Evolution.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.9.2005