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Lakatos
Imre Lakatos, Hg.: The Problem of Inductive Logic. Proceedings of the International Colloquium in the Philosophy of Science, London, 1965, Volume 2
Amsterdam: North Holland, 1968. Reihe: Studies in logic and the foundations of mathematics – Lakatos LinksLakatos Literatur
Dieses Buch ist der zweite Band der Tagungsbücher zum International Colloquium in the Philosophy of Science, London 1965. Es enthält die folgenden grundlegenden Aufsätze
Hans Freudenthal: Realistic Models in Probability
Wesley C. Salmon: The Justification of Inductive Rules of Inference
Henry E. Kyburg: The Rule of Detachment in Inductive Logic
Richard C. Jeffrey: Probable Knowledge
Jaakko Hintikka: Induction by Enumeration and Induction by Elimination
Mary B. Hesse: Consilience of Inductions
Rudolf Carnap: Inductive Logic and Inductive Intuition
Imre Lakatos: Changes in the Problem of Inductive Logic
All diese Aufsätze – mit Ausnahme des letzten, der eher einführenden Überblickscharakter hat – werden in den weiteren Aufsätzen kommentiert, diskutiert und kritisiert von Patrick Suppes, Yehoshua Bar-Hillel, Ian Hacking, William C. Kneale, Karl Popper, L. Jonathan Cohen, Henry E. Kyburg, J. L. Mackie, Marion Bunge u.v.a.
Der jeweilig Kritisierte hat dann das letzte Wort in einer Antwort auf die Repliken.
Das Problem der Induktion ist auch Jahrzehnte nach dieser Tagung nicht völlig gelöst. Die hier versammelten Beiträge sind zu einem grossen Teil immer noch aktuell oder müssen zumindest in der heutigen Diskussion mit bewertet werden. Viele der darin aufgeworfenen Fragen harren noch der endgültigen Beantwortung – so man eine solche überhaupt erwarten darf.
Vor der Drucklegung wurden die Beiträge vom jeweiligen Verfasser nochmals gesichtet, revidiert und erweitert. Daraus ergibt sich, dass auch die Diskussionsbeiträge gut ausgearbeitet sind.
Eine Grundfrage der Aufsätze ist: Brauchen wir die Induktion in der Wissenschaft? Die Antwort fällt schwer angesichts David Humes berühmten Nachweis, dass die Induktion letztendlich nicht zu rechtfertigen ist. Hume stimmen die Autoren zu, trotzdem bejahen die meisten die Notwendigkeit der Induktion. Nur Popper & Sympathisanten beharren bekannterweise auf dem "Nein".
Wer die Induktion für unentbehrlich hält, steht vor schwierigen Fragen.
Die Lösung des strikten Probabilismus (Carnap, Jeffrey) behagt nur wenigen. Daher suchen sie nach einer induktiven Abtrennung. Zwischen Kyburg und Bar- Hillel entspinnt sich im Tagungsband eine Kontroverse, wie diese Abtrennung zu benennen und bewerten ist (»rule of detachment«, »rule of acceptance«, »inductive detachment« lauten die Vorschläge) und vor allem, wie sie einzusetzen ist. Unterschiedlich ist auch die Interpretation der Wahrscheinlichkeit bei den Autoren. Diese ist nicht unwichtig, da die meisten doch übereinstimmen: die Wahrscheinlichkeit einer Aussage oder Hypothese erlaubt die entsprechende rationale Zustimmung. Das Schema dazu stammt von Carnap und Jeffrey:
  • e ist die Gesamtheit der Belege für die Hypothese h
  • c (h, e) = p, lies: die Glaubwürdigkeit c der Hypothese h, gegeben e ist p; dabei ist p ein Wahrscheinlichkeitsmass.
  • dann: glaube h mit dem Grad p
Kyburg argumentiert, ohne eine induktive Abtrennungsregel kommt man zu keinen Generalisierungen. Ohne Generalisierungen bricht aber die Wissenschaft zusammen oder ist auf reine Beobachtungssätze angewiesen, wie es anfangs die logischen Empiristen forderten. Eine so akzeptierte (generalisierte) Hypothese oder Theorie führt dazu, dass (zunächst) die Rechtfertigung dafür eingestellt wird: die Theorie ist in der Wissenschaftsgemeinde akzeptiert und wird in der Schule gelehrt. Die Akzeptanz einer Verallgemeinerung (z.B. "Alle Raben sind schwarz") hat auch zur Folge, dass nunmehr widersprüchliche Beobachtungen, beispielsweise
BSR: "Ich sah gerade einen buntscheckigen Raben",
dazu führen, dass diese Beobachtung angezweifelt wird und nicht die akzptierte Theorie bezweifelt wird.
Würde man die Verallgemeinerung – wie es die strikten Probabilisten fordern – mit dem Zusatz einer hohen Wahrscheinlichkeit 1 < e führen, müsste man – vorausgesetzt es gibt keine Akzeptanzregeln, alle Aussagen haben den "Wahrscheinlichkeitsaufleber" – BSR mit einer Wahrscheinlichkeit zwischen 0 und e akzeptieren, auch wenn e noch so klein ist. Denn: Wenn man einen kleinen Gegenstand wiegt, so ist das Messergebnis von 5,0731 Gramm verschwindend gering wahrscheinlich, wenn auch nicht ausgeschlossen. Wird es aber gemessen akzeptiert man es. Analog müsste man auch den buntscheckigen Raben akzeptieren (Kyburg S. 108).
Nicht akzeptierte Generalisierungen, also beispielsweise wieder Aussagen mit dem Zusatz der Wahrscheinlichkeit p = 1 < e versehen, können nicht als Prämissen in deduktiven Argumenten verwendet werden. Die strikten Probabilisten stört das wenig, da sie all ihre Thesen, Aussagen und Hypothesen nur in Wahrscheinlichkeitsableitungen einsetzen.
Salmon rechtfertigt die Induktion pragmatisch: “A method that does its job successfully is a good one” (S. 35). Mit Reichenbach hält er die Induktion in gewissen Rahmen als vielsprechendste Methode um zu Generalisierungen zu kommen.
Bar-Hillel zu Kyburgs Abtrennung: Wenn Kyburg unter »inductive rule of detachment« das Schema von Carnap und Jeffrey verstünde, wäre dagegen kaum etwas einzuwenden. Doch Kyburg will mehr. Aufgrund des Schemas kommt er zur Regel: akzeptiere h.
Carnap hat sich ausdrücklich dagegen ausgesprochen: “According to a widely held view, it is the proper aim of inductive logic to supply rules of acceptance, i.e., rules which determine for given e and h either that h is to be accepted or that it is to be rejected or that it is to be left suspended. I do not agree with this view. My position is rather:
(14) Rules of acceptance as ultimate rules for inductive reasoning are inadequate.”
(Carnap 1963, S. 972)
Carnap, Rudolf (1963): "Replies and systematic expositions". In: Paul Arthur Schilpp, Hg.: The Philosophy of Rudolf Carnap. La Salle, Illinois: Open Court, S. 859-1013 (Lakatos Literatur).
Bar-Hillel hat noch einen dritten Einwand zur induktiven Akzetanzregel im Sinne von Kyburg: man läßt damit Information unter den Tisch fallen. Das trifft zu. Doch die Vorteile überwiegen zur Alternative: jede Theorie, These oder Aussage müßte einen kleinen Anhänger mit der Wahrscheinlichkeit mit sich führen. Diese Zahlen müßten ständig auf dem Laufenden gehalten werden. Das ist für jeden menschlichen Agenten undurchführbar und für künstliche Agenten nur bis zu einem gewissen bescheidenen Grad ausführbar.
Diskussionskultur
Yehoshua Bar-Hillel führt eine kecke Zunge, wie überhaupt die Kritiker direkter formulierten als heutzutage. Zwei Beispiele:
• “Kyburg's new meta-rule, »Employ rules of inference only so long as they don't land you into trouble, otherwise forget about them«, is a very interesting one but might need some further investigation before being accepted.” (Bar-Hillel 1968, S. 123, Fn. 1)
• “I am afraid that in spite of Kyburg's lengthy discussion, I could find (in his words) no justification at all for any of these three claims. Since I believe, in addition, that no justification could possibly be found for them, I shall jsut state categorically that all three claims are wrong.” (Bar-Hillel 1968, S. 127). Bar-Hillel, Y. (1968): "On alleged rules of detachment in inductive logic" im Tagungsband, S. 120-130.
Aus meiner Besprechung des Tagungsbandes ergibt sich, dass sein Studium auch für das Verständnis der heutigen Diskussion höchst empfehlenswert ist. Umso bedauerlicher, dass der Band nicht mehr regulär verfügbar ist. Welch ein Segen, dass man ihn in allen gut ausgestatteten Bibliotheken ausleihen kann.
Links
Lakatos Rudolf Carnap
Lakatos Einführungsliteratur zur Logik
Lakatos Ian Hacking: An Introduction to Probability and Inductive Logic
Lakatos Ian Hacking: The Emergence of Probability: A Philosophical Study of Early Ideas about Probability, Induction and Statistical Inference
Lakatos Colin Howson: Hume's Problem. Induction and the Justification of Belief
Lakatos Mark Kaplan: Decision Theory as Philosophy
Lakatos Henry E. Kyburg, Jr., Choh Man Teng: Uncertain Inference
LakatosImre Lakatos
LakatosProblem of induction
Lakatos Rezensionen zur Erkenntnistheorie
Lakatos Rezensionen philosophischer und verwandter Bücher
Lakatos Brian Skyrms: Einführung in die induktive Logik
LakatosWolfgang Spohn: "Wo stehen wir heute mit dem Problem der Induktion?" (pdf)
Lakatos Wolfgang Stegmüller: Das Problem der Induktion: Humes Herausforderung und moderne Antworten
Literatur
Levi, Isaac (1969): "Review: The Problem of Inductive Logic, Proceedings of the International Colloquium in the Philosophy of Science, London, 1965, Vol. II by Imre Lakatos". Synthese 20:1, S. 143-148.
Michalos, Alex C. (1972): "Review: The Problem of Inductive Logic by Imre Lakatos". Philosophy of Science 39:1, S. 90-91.
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Lakatos CohenImre Lakatos, Hg.: The Problem of Inductive Logic. Proceedings of the International Colloquium in the Philosophy of Science, London, 1965, Volume 2. Amsterdam: North Holland, 1968. Reihe: Studies in logic and the foundations of mathematics carnap
Paul Arthur Schilpp, Hg.: The Philosophy of Rudolf Carnap. La Salle, Illinois: Open Court, 1963. Taschenbuch, 1088 Seiten Lakatos
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