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Bettina Walde
Bettina Walde. Metaphysik des Bewußtseins. Ein naturalistischer Erklärungsansatz
Paderborn: Mentis, 2002. Broschiert, 210 Seiten
Das Bewußtsein (Wesen, Entstehung) wirft schwierige erkenntnistheoretische und ontologische Fragen auf. Im Jahre 1880 bezeichnete Emil Du Bois-Reymond die Frage nach der Entstehung von Bewußtsein als unlösbar und zählte sie zu den sieben Welträtseln (walde »Ignorabimus«). Die Erklärung des Geistes speist auch im 21. Jahrhundert eine aktuelle und kontroverse Debatte. Einen wichtigen Ansatz lieferte dazu David J. Chalmers in The Conscious Mind: In Search of a Fundamental Theory, 1996. Mit einem Gedankenexperiment versucht Chalmers nachzuweisen, daß physische Duplikate ohne Bewußtsein vorstellbar sind. Aus dieser Möglichkeit verneint er die reduktive Erklärung von Bewußtsein und plädiert für einen naturalistischen Dualismus ("a kind of naturalistic dualism"). Ähnliche Gedankenexperimente stellten auch schon andere Philosophen, am berühmtesten wohl die Wissenschaftlerin Mary vom australischen Philosophen Frank Jackson. Der Physikalismus oder Materialismus kann nicht alles erklären, er weist eine Lücke auf.
Genau hier schaltet sich Bettina Walde in die Diskussion ein. Sie weist nach, daß die gegen den Materialismus vorgebrachten Gedankenexperimente eine Konzept der Modallogik voraussetzen, die es auch erlauben würde, eine Lücke zwischen beispielsweise Wasser und H2O auszumachen. Diesen Weg wird wohl kaum ein Dualist mitgehen wollen. Als Lösung schlägte Walde eine Trennung zwischen metaphysischer und logischer Möglichkeit und Notwendigkeit in der Semantik der möglichen Welten vor. Der behaupteten ontologischen Irreduzibilität bestimmter Eigenschaften des Bewußtseins wird so der Boden entzogen. Im abschließenden Kapitel stellt Walde einen eigenen Ansatz mit einer monistischen Ontologie vor. Das Bewußtsein wird naturalistisch erklärt, den phänomenalen Eigenschaften wird aber eine epistemische Irreduzibilität zugestanden.
Trotz der schwierigen Materie kann der Leser gut folgen. Zugegeben, manches technische Kapitel muß ich, nach Zwischenlektüre bei Kripke, David Lewis oder Hughes / Cresswell, nochmals lesen. Doch die Autorin findet das rechte Mittelmaß zwischen klarer, strikter Argumentation und Wiederholung von Begriffen oder Thesen. Beispielhaft setzt sie zur psycho-physischen Identitätsaussage die bereits bekannten beiden Relationen in Klammern hinzu (S. 62). Der Leser erspart sich lästiges Rückblättern. Ein weiteres Beispiel für die Lesefreundlichkeit. Für eine adäquate Theorie des phänomenalen Bewußtseins wird die Erklärung der epistemischen Irreduzibilität gefordert. Uups, wo war denn die erläutert? Keine Angst, bevor ich den Index konsultiere oder gar zurückblätternd suche, kommt mir die Autorin entgegen. Gleich im nächsten Satz wiederholt sie, was unter epistemischer Irreduzibilität zu verstehen ist.
Zudem hilft die Kapitelübersicht am Ende der Einleitung für einen ersten Überblick und für späteres Nachlesen einzelner Abschnitte.
Der Mentis-Verlag bemüht sich nicht nur um die Herausgabe der Werke jüngerer deutschsprachiger Philosophen, er bereitet sie oft auch optisch ansprechend auf. Diese Absetzung bestimmter Thesen oder Argumente erleichtert die Lektüre. In Metaphysik des Bewußtseins wurde gar eine farbige Fläche gedruckt (S. 27).
Ich denke, man sollte vor der Lektüre schon mit einigen grundlegenden Werken zum Thema Bewußtsein vertraut sein und die wichtigen Ideen der neueren Debatte kennen. Dann verspricht die Lektüre von Metaphysik des Bewußtseins neue Erkenntnisse und ein gehobenes Verständnis für die gegenwärtige Debatte. David Chalmers arbeitet in Tucson, Arizona. Alle anderen Vertreter jeder Art von Dualismus müssen sich nach der Lektüre dieses Buches warm anziehen.
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walde Bettina WaldeBettina Walde. Metaphysik des Bewußtseins. Ein naturalistischer Erklärungsansatz. Paderborn: Mentis, 2002. Broschiert, 210 Seiten.


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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.10.2003