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Tetens
Holm Tetens: Geist, Gehirn, Maschine. Philosophische Versuche über ihren Zusammenhang
Ditzingen: Reclam, 1994. Broschiert, 174 Seiten – Geist AutorGeist LinksGeist LiteraturGeist Zitate
Der Autor Holm Tetens entwirft hier seine Position zu Hirn, Geist und Bewusstsein, die das Kernstück des Leib-Seele-Problems lösen will: Wie können mentale Zustände in ein kohärentes Weltbild eingefügt werden? Seinen Vorschlag nennt er neurokybernetischen Naturalismus und damit wird seine Stoßrichtung klar. Tetens erklärt Bewusstsein in Übereinstimmung mit dem Stand des derzeitigen naturwissenschaftlichen Wissens naturalistisch. Er bemüht keine zusätzlichen ontologischen Entitäten. Die mentalistische und alltagspsychologische Sprechweise erklärt er als mit seiner naturalistischer Position, die nur physisch verursachtes Geschehen kennt, vereinbar. Es gibt zwei inkompatible Vokabulare, das physikalische und das alltagspsychologische, die sich aber aus dasselbe Geschehen beziehen.
Verhalten ist alltagspsychologisch richtig beschrieben und durch einen mentalen Zustand M zutreffend erklärt, wenn (a) das Verhalten tatsächlich mit den Inhalten des mentalen Zustandes M entsprechend zeitlich koordiniert ist und (b) dem Verhalten unter anderem verhaltenswirksame interaktive Zuschreibungen und Selbstzuschreibungen eben des mentalen Zustandes M vorhergehen oder folgen. Die Eigenschaften (a) und (b) alltagspsychologisch erklärbaren Verhaltens sind aber damit verträglich, daß das Verhalten ein lückenlos physisch verursachtes Geschehen ist. (S. 34-35)
Ich halte Tetens Position für sehr plausibel. Insbesondere seiner Erklärung der Erklärungslücke (»explanation gap«) stimme ich zu. Wenn zwei Personen dasselbe Objekt wahrnehmen, dann geschieht das unabhängig voneinander. Sie sind nicht miteinander verschaltet, was die Voraussetzung zur Beseitigung der Erklärungslücke wäre (S. 55-56). Das schließt aber nicht aus, daß sich in beiden Personen rein physische Vorgänge abspielen. Dies erläutert er durch zusammenfassende Beantwortung von zwei Fragen auf Seite 76. Anschließend übertreibt er aber aus didaktischen Gründen (denke ich) mit dem fiktiven Dialog: "Ja, aber warum erlebe ich überhaupt etwas, wenn sich das alles physisch abspielt? Kann das Erleben deshalb etwas Physisches ..." "Stop! Hör auf, so zu fragen! Vergiß es! Aber befürchte nicht, dir könnte etwa Interessanter über uns Menschen entgehen, wenn du dich mit diesen Fragen nicht mehr beschäftigst!" (S. 76). Dabei wäre die Antwort auf die eben abgewürgte Frage mit evolutionären Gründen zu geben.
Wer eine allgemeine Einführung in die Problematik erwartet, sollte eher zu anderen Werken greifen, beispielsweise Godehard Brüntrup: Das Leib-Seele-Problem (Brüntrup Rezension) oder Thomas Zoglauer: Geist und Gehirn (Zoglauer Rezension) oder noch umfassender Ansgar Beckermann: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes (Beckermann Literatur) und Peter Bieri, Hg. Analytische Philosophie des Geistes. 3. Auflage (Peter Bieri Literatur).
Allerdings schreibt Tetens sehr klar und muß, um seine Position hiebfest zu präsentieren, alle wichtigen Themen anführen. Zur Qualia-Diskussion erwartet man heute mehr, doch das Reclam-Bändchen ist von 1994. Als Stolperstein der Naturalisierung erkennt er die Qualia (S. 143, Fn. 11), sie dominierten auch die Diskussion seither. Er gesteht zu Beginn ein, daß es nicht möglich ist, einen (seinen) Entwurf "als die wahre Weltsicht zu beweisen und alle anderen definitiv widerlegen zu wollen" (S. 27).
Sehr empfehlenswerte Darstellung einer Position in der Bewusstseinsdebatte
tetens Anfang
Holm Tetens, * 1948
Studium der Philosophie, Mathematik und Soziologie
Lehrtätigkeit an den Universitäten in Erlangen, Brasilia, Marburg, Göttingegn, Paderborn
Professor am Institut für Philosophie, Freie Universität Berlin; Arbeitsgebiet Wissenschaftstheorie
Links
Holm Tetens ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin
TetensProf. Dr. Holm TetensTetensWikipedia
tetensHolm Tetens: "Die erleuchtete Maschine. Das neurokybernetische Modell des Menschen und die späte Ehrenrettung für den Philosophen Julien Offray de La Mettrie". Die Zeit 24/1999
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  Peter Bieri Ansgar Beckermann. Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. Berlin: Gruyter, 2000. Broschiert, Seiten Ansgar Beckermann Beckermann
Peter BieriPeter Bieri. Analytische Philosophie des Geistes. Beltz Athenäum, 1997. Broschiert, 372 Seiten
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