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Zillmer
Hans-Joachim Zillmer: Die Evolutionslüge. Die Neandertaler und andere Fälschungen der Menschheitsgeschichte. Unterdrückte Fakten. Verbotene Beweise. Erfundene Dogmen
München: Langen/Müller, 2005. 333 Seiten – sommer Autorsommer Linkssommer Literatur
Wer so einen provozierenden Titel wählt, darf auf keine Gnade hoffen.
Die Liebe zur guten Literatur erwirbt man nicht, indem man wochenlang Liebes-Heftchenromane oder Heimat-Heftchenromane liest, sondern indem man gute Literatur liest. Dazu braucht man Anreger, Anleitung und Hinweise. Ebenso wenig funktioniert dieses Verfahren (das zum Ekel erregen vorm Rauchen empfohlen wird und mir selbst dabei zweifelhaft scheint) bei wissenschaftlicher Literatur. Besonders sollte man Bücher dieser Art nicht zur Einführung in die Evolution, Anthropologie oder Biologie des Menschen lesen oder anderen empfehlen.
Der Autor Hans-Joachim Zillmer kennt die Thesen und Befunde der Evolution nicht oder nur ungenau. Nun ist lückenhaftes Wissen das Los aller Menschen, schlimm oder gar gefährlich wird es, wenn jemand falsche Aussagen für wahr nimmt und über sie ein Buch schreibt. Das hat Zillmer mit Die Evolutionslüge getan. Er will nachweisen, dass die Evolution eine Pseudowissenschaft ist, also nichts Geringeres als: nahezu alle Biologen dieser Welt sind Dilettanten und wissenschaftliche Kurpfuscher, die sich auf unbewiesenen Hypothesen berufen. Beides gelingt ihm nicht und kann es auch nicht.
Zillmer schreibt die seiner Ansicht nach unbewiesenen Hypothesen der Evolution nirgends hin, sondern legt sofort mit einzelnen Funden los. Wenn man eine Theorie als Lüge entlarven will, muss man sie zuerst mal hinschreiben, zumal er und andere Evolutions-Pauschalkritiker immer betonen, dass es Evolutionstheorien (Plural) sind.
Man erkennt bei der Lektüre des Buches jedoch schnell, dass Zillmer die wissenschaftliche Evolutionstheorie nicht kennt.
Er benutzt den üblichen Vorwurf der fehlenden "Beweise". Da rennt er bei den Wissenschaftlern offene Türen ein, denn in den empirischen Wissenschaften gibt es keine Beweise. Siehe dazu Beweis in Philosophie, Logik, Naturwissenschaft und vor Gericht, Zillmer Links. Der Leser als Laie aber versteht das so, als seien die Hypothesen falsch. Dabei ist es wie folgt: Die Wissenschaft stellt Hypothesen innerhalb einer Theorie auf und sammelt dafür Belege. Solange die Theorie nicht widerlegt wird und keine bessere (umfassendere; genauere Vorhersagen usw.) Theorie vorliegt, gilt sie als bewährt und state-of-the-art (sommer Karl Popper sei zur Lektüre empfohlen). Die Thesen der Evolutionstheorie gehören mit der Quantentheorie zu den best bewährten der gesamten Wissenschaftsgeschichte. Während Zillmer den überwältigenden Belegen der Evolution die Beweiskraft (zurecht, wie gerade erläutert) abspricht, pocht er bei seinen Belegen auf die Beweiskraft und nennt sie von vornherein "Tatsachenmaterial" und "empirische Fakten".
Zillmers Irrtümer über die Evolution (nicht unbedingt komplett)
  • "Aus einem Affen wurde nie ein Mensch" (S. 11)
Da hat Zillmer recht. Wer will es bestreiten? Ich kenne auch niemand, der die Evolution kapiert hat, der das behauptet oder behauptet hat. Das wäre ungefähr so, als würde jemand sagen: "Ich stamme nicht von meinem Vetter ab". Auch das ist korrekt. Seit Charles Darwin und Alfred Russel Wallace und schon bei vielen anderen Denkern vorher (sommer Immanuel Kant) gilt etwas anderes: Mensch und Affen haben gemeinsame Vorfahren. Alles Lebendige hat einen gemeinsamen Ursprung. Hier eine von unzähligen andersartigen Thesen: "Es wäre völlig unsinnig anzunehmen, daß sich der Mensch aus dem Schimpansen entwickelt hat. Die heutigen Menschenaffen sind keinesfalls lebende Ahnen des Menschen" (Josef H. Reichholf: Das Rätsel der Menschwerdung. 2004, S. 28; zillmer Rezension)
  • "Höherentwicklung im Sinne der Theorien von Charles Darwin" (S. 11)
Nach der Evolutionslehre gibt es keine Höherentwicklung. Sie wird von keinem seriösen Biologen behauptet. Allenfalls wird um einen Trend zu mehr Komplexität diskutiert. Doch auch die These vom Trend hat meines Erachtens Stephen Jay Gould in Illusion Fortschritt (sommer Rezension) überzeugend widerlegt. Man kann es auch bei Franz M. Wuketits: "Evolution und Fortschritt - Mythen, Illusionen, gefährliche Hoffnungen". Aufklärung und Kritik 2/1995 (S. 39 ff.) lesen.
  • Zillmers "Haupteinwand gegen die Theorie von der natürlichen Auslese" (S. 285) geht ins Leere
Selbstverständlich schafft die Selektion nichts Neues, da sie nur vorhandene Merkmale aussiebt. Auch die Wortwahl "Auslese" zeigt wieder Zillmers falsche Vorstellung von der Höherentwicklung. Beim Kaffee oder bei Äpfeln erwartet man unter "Auslese" eine bessere Qualität. Dabei sagt die Selektion nur, dass sich auf lange Sicht, die besser angepassten Populationen durchsetzen. Das Neue in der Evolution geschieht durch Mutationen und Rekombinationen.
  • "willentliche Auswahl zur Erreichung höherer Komplexität" (S. 285)
Wie ich oben ausführte lehnen manche Biologen die Behauptung "höherer Komplexität" ab. Immerhin sind die evolutionistisch erfolgreichsten Arten die "einfachen" Bakterien. Während man zur Komplexität noch geteilter Meinung sein kann, redet kein vernünftiger Biologe davon, dass es eine "willentliche Auswahl" gäbe. Im Gegenteil: man geht von zufälligen Mutationen und Rekombinationen aus. Wieder zeigt Zillmer seine völlig verfehlte Vorstellung von der Evolution.
  • "Mutation auf gleicher Ebene wie die natürliche Auslese" (S. 286)
Immerhin kennt Zillmer die Mutation als einen der Veränderungsfaktoren. Sie musste (kursiv bei Zillmer, S. 286) nicht auf die gleiche Ebene wie die Selektion gestellt werden und wird es auch nicht. Obwohl Darwin die genauen Vorgänge nicht kannte, beruhte seine Theorie darauf, dass Eigenschaften verändert und vererbt werden (was jetzt nichts mit den vererbten Eigenschaften im Sinne Jean-Baptiste Lamarcks zu tun hat, obwohl nicht ganz klar ist, inwieweit schon Darwin dies ablehnte oder in Betracht zog).
  • Obwohl Zillmer die Mikroevolution nicht ableugnet, behauptet er rigoros, dass "eine Mutation keine positive Auswirkung erzeugt" (S. 287)
Wie dann die Mikroevolution funktionieren soll bleibt Zillmer dem Leser zu erklären schuldig. Dabei beschreibt er im letzten Absatz auf Seite 287 wie die Selektion (wenn auch nicht die natürliche, sondern die erzwungene durch Einsatz von Antibiotika durch den Menschen) funktioniert. Es verbleiben die Bakterien, die immun sind oder sich durch Mutationen immunisieren. Aus Sicht der Bakterien sind das positive Mutationen. Aus Sicht der die Bakterien bekämpfenden Menschen sind diese Mutationen ärgerlich bis verheerend. Im Sinne der These der Evolution ist es ein Prachtbeispiel von positiven Mutationen und rasch wirkender Selektion.
sommer Anfang
Gelegentlich widerspricht sich Zillmer selbst
  1. Er schreibt immer wieder von der Evolutionslüge (Titel und an vielen anderen Stellen!) gesteht aber schon auf Seite 11 die Mikroevolution als tagtäglichen Vorgang zu. Soweit her kann es mit der Lüge dann wohl nicht sein.
  2. Er behauptet, dass Mutationen immer schädlich sind (S. 287, 289), beschreibt aber positive Mutationen der Bakterien (S. 287) und nennt sie nur "fast immer" schädlich (S. 289).
Viele Behauptungen Zillmers bleiben unbelegt
So meint er, dass Mutation keine neue Informationen bringen können, schreibt aber im selben Absatz, dass sie etwa ein am Rücken wachsendes Bein erzeugen können. Hätte ich zwei solche, wäre das vielleicht ein Fortbewegungsvorteil. Warum soll ein Verfahren, dass "ein am Bauch wachsendes Ohr" laut Zillmer (S. 289) erzeugen kann, ein solches nicht auch am Schädel platzieren können?
Vollends wirr wird Zillmer spätestens im Kapitel "Ideologie, Rassismus und Terrorismus". Er stellt die absurde These auf, dass es ohne Darwinismus keinen Terrorismus gäbe. Wie er dann den Terror vor Darwin erklärt bleibt ein Rätsel.
Den Wissenschaftsbetrieb kennt Zillmer ebenfalls nicht
Man mag noch hinnehmen, dass er die Gutachterfunktion seriöser Fachzeitschriften angreift (S. 140). Immerhin stellt dies sicher, dass Zillmers Krampf nicht in Fachzeitschriften erscheint. Er behauptet aber keck, dass kaum eine Kritik der Evolutionsbiologie in "wissenschaftlichen Kreisen oder Medien verzeichnet" wird (S. 302). Wenn dem so wäre, könnten die Evolutionsbiologen ihre Forschung einpacken.
Kritik findet – so Zillmer – nicht statt. Sein Buch ist also keine Kritik.
Viele Teile von Die Evolutionslüge, in denen berichtet wird, wie vorherrschende Ansichten über Alterszuschreibungen und Entwicklungsstadien aufgrund neuer Funde revidiert wurden, wären ohne Kritik unerklärlich. Die Evolutionsbiologie müssste seit Jahren eine eingefrorene Wissenschaft sein. Umgekehrtes trifft zu: die meisten Evolutionsgegner hängen einer veralteten, jeder Kritik unzugänglichen, von millionenfachen Belegen unbeeindruckten Theorie (ich schreibe absichtlich nicht Ideologie, obwohl ich es meine) an.
sommer Anfang
Ich empfehle Zillmer daher sich in das Thema einzulesen, bevor er ein Buch darüber schreibt.
Selbstverständlich darf auch Dieter Bohlen (Wer ist das? Googeln!) Bücher schreiben und wenn er will auch eines über den Big Bang. Man sollte als Leser nur wissen, dass er darunter vermutlich keinen kosmologischen Vorgang meint. Gleichfalls sollte man bevor man Die Evolutionslüge zur Hand nimmt, wissen, dass Zillmer – wie oben belegt – unter Evolution nicht das versteht, was die Biologen meinen.
Kurz geht der Biologe Ulrich Kutschera auf Zillmers Werke Darwin’s Mistake (2003) und Die Evolutionslüge (2005) in Kutschera 2006 (sommer Literatur) ein: Etwas ausführlicher behandelte Kutschera später Zillmers Hauptthese in Darwins Irrtum ein. Sie lautet: Dinosaurier und Menschen haben vor einigen tausend Jahren gemeinsam die Erde bevölkert. „Diese und die anderen ausgedachten Absurditäten von Joachim dem I. habe ich schon vor zwei Jahren in einem bekannten Wissenschaftsmagazin widerlegt“ (gemeint ist: Kutschera 2006). Kutschera geißelt Zillmers Ausführungen als „hochkonzentrierten Unsinn“ und ärgert sich zurecht darüber: „Zillmer behauptet in seinen kreationistischen Machwerken sinngemäß, alle etablierten Biologen seien Dummköpfe und Betrüger, was in gewissen "Anti-Establishment-Kreisen" auf Zustimmung stößt.“ (Kutschera 2009).
Allen an der Evolution Interessierten empfehle ich so ziemlich alle anderen Bücher zu diesem Thema, nicht jedoch dieses. Es ist ärgerlicher als Zeitverschwendung.
Links
Hans-Joachim Zillmer (* 20. September 1950 Mölln): ZillmerWikipedia
Auf seiner Webauftritt Zillmerwww.ZILLMER.com verbreitet Hans-Joachim Zillmer weiteren Humbug. So am 10. März 2006: "Es gibt keine krankmachenden Viren!" Wer also meiner obigen Rezension nicht vertraut, sollte spätestens hier merken, welch Quacksalber hier zum Griffel greift. Titelvorschlag fürs nächste Werk: Kugelschreiber: erstunken und erlogen.
Beweis Beweis in Philosophie, Logik, Naturwissenschaft und vor Gericht
Zillmer Links zur Evolution
Zillmer Literatur zur Evolution
ZillmerLukas Schmuckermair: "Pseudowissenschaftliche Widerlegung der Evolutionstheorie", Rezension
Literatur
Kutschera, U. (2006): " A timely wake-up call as anti-evolutionists publicize their views". Nature 444, S. 679-679.
Kutschera, U. (2009): "Anti-Darwin-Propaganda 2009. Kooperative Evo- Esoterik und der deutsche Intelligent Design-Kreationismus". Laborjournal 3, S. 18-21.
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Zillmer ZillmerZillmer, Hans-Joachim: Die Evolutionslüge. Die Neandertaler und andere Fälschungen der Menschheitsgeschichte. Unterdrückte Fakten. Verbotene Beweise. Erfundene Dogmen. München: Langen/Müller, 2005. 333 Seiten
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