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Nagl
Walter Nagl: "Grenzen unseres Wissens am Beispiel der Evolutionstheorie"
mit kritischen Folgeartikeln. Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur 4 (1993). S. 3-16. Folgeartikel: S. 16-109 – nagl Kritikennagl Links
Das Verfahren der Zeitschrift Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur scheint zu sein: ein Wissenschaftler liefert einen Hauptartikel (hier: Walter Nagl, Biologe), dem von Kollegen mit eng begrenzten kritischen Aufsätzen geantwortet wird. Der Ursprungsautor gibt eine Replik und ein weiterer (hier: Peter Sitte, Biologe) liefert eine Metakritik.
Das führt in diesem Fall zu einer bunten Auseinandersetzung, vor allem weil Walter Nagl die sachliche Ebene mit einer wissenschaftshistorischen und einer wissenschaftstheoretischen vermischt. Zudem weist sein Hauptartikel ein paar Missverständnisse zur Evolution auf. Dadurch provoziert er Widerspruch.
Typisch scheint mir gleich Nagls Eingangsstatement zu sein: "Sieht man von den Kreationisten ab, die man ja wohl kaum zur scientific community rechnen kann, zweifelt heute kein Naturwissenschaftler daran, daß Evolution stattgefunden hat und immerzu stattfindet" (S. 3). Typisch deshalb, weil Nagl abschnittsweise Thesen aufstellt, denen scheinbar er selbst zustimmt, die er aber gleich anschließend unterminiert.
Gemäss seinem Aufsatztitel will Nagl eine Metakritik anhand der Evolutionstheorie üben. Das ist ein denkbar ungeeignetes Objekt, da sie oft ungerechtfertigter Kritik ausgesetzt ist. Nagls Vorhaben misslingt auch. Er bringt die üblichen Vorwürfe, die – wenn überhaupt – nicht spezifisch für die Evolutionstheorie gelten:
  • die Evolution wird als bewiesen behauptet (stimmt in diesem metakritischen Sinne nicht)
  • die Evolutionstheorie wird zum Dogma erhoben (ebenfalls unzutreffend): sie ist empirisch bestens belegt, was für ein Dogma unnötig ist.
  • Die Beobachtungsdaten werden nur noch im Rahmen dieser Theorie gedeutet (S. 3);
  • die Theorie wird nicht aufgegeben, bis die Dogmengeneration ausstirbt (Hinweis auf Max Planck, S. 6; siehe nagl Max Plancks Prinzip)
  • es gibt mehrere Evolutionstheorien (S. 4): das erschüttert den zweiten Vorwurf, denn in einer Disziplin gibt es nicht gleichzeitig zu einem Vorgang mehrere, sich widersprechende Dogmen; mit diesem Vorwurf soll der Eindruck erweckt werden, die Biologen etc. seien untereinander uneins: die Evolutionstheorie sei im Kern umstritten.
  • Mit Hinweis auf K. J. Hsü: "Evolution, ideology, Darwinism and Science". Klinische Wochenschrift 67.17 S. 923-928, wirft Nagl, obwohl er betont, er wolle sich damit nicht beschäftigen, auf, ob die Evolutionstheorie überhaupt eine wissenschaftliche Theorie sei.
Sein nächstfolgender Satz zerstört auch sofort den Eindruck, den der soeben erweckte ("daß Evolution stattgefunden hat und immerzu stattfindet"): "Die meisten, in ihrem Spezialgebiet auch noch so kritischen Fachwissenschaftler gehen aber ohne Reflexion von der Annahme aus, daß Evolution bewiesen sei, eine Realität sei, und (was noch viel tragischer ist), daß auch die Mechanismen der Evolution sowie ihre treibenden Kräfte weitgehend geklärt sind" (S. 3). Fachwissenschaftler gehen meist davon aus, dass die basics aus den Lehrbüchern zutreffen. Nicht jeder Mathematiker überlegt sich, was Zahlen "wirklich" sind. Er ist deshalb kein schlechterer Mathematiker als sein Kollege, der dies tut. Dass es Nagl nicht um eine Realismus-Antirealismus-Debatte geht verrät er beispielsweise wenn er von "der einen Wirklichkeit, der unteilbaren Wahrheit" schreibt (S. 4). "Mit der Zeit wird aber die Interpretation, das Modell, mit der Realität gleichgesetzt und zum Dogma (»Paradigma«) erhoben. Die Experimente und Daten werden dann bewußt oder unbewußt nur noch im Rahmen dieser Theorie gedeutet" (S. 3).
Mir scheint, Nagl bekundet, an den Lehrbuchsätzen nicht zu zweifeln, greift sie dann aber aus anderer Richtung an. Er stimmt zu, dass man heute nicht von einem "Ziel der Evolution" und nicht von der "Krone der Schöpfung" redet (S. 4). Er wertet aber sogleich und nennt den Menschen den größten Schädling der Evolution (S. 4). Einen Schädling gibt es nur bezüglich eines Ziels.
Dann unterminiert er die Zielabsage weiter, indem er einen Trend zum Komplexen feststellt. Er hält das dynamische Element der Arten für Teil jeder Evolutionstheorie (S. 5) und greift dann die Selektion an: sie entsprang dem Zeitgeist (unterschwellig: rein wissenschaftlich hätte sie sich nicht durchgesetzt). Er vermengt Übertragungen der Selektion auf Soziologie und Geschichte. Er wirft derm Selektionsmechanismus religiösen Charakter vor: "wurde sie [Theorie des Evolutionsmechanismus] zum Dogma, wobei anstelle von Gott die Allmacht der Selektion trat" (S. 5).
Nagl greift also ein Element der Evolutionstheorie (die Selektion) heraus und watscht es ab: es kann nicht die treibende Kraft der Evolution sein (S. 6). Richtig, wenn man diese Metapher gebraucht, dann allenfalls für die Mutation und Rekombination (im Zusammenhang mit der Selektion oder ihr vorausgehend). Obwohl sich Nagl zur ziellosen Evolution bekannte, greift er später die Selektion an, da sie die Höherentwicklung der Organismen nicht vorantreiben könne (S. 6). Diesen Popanz vernichtet er dann mit der Folgerung: "Der Darwinismus bietet also gar keinen vernünftigen Grund für eine Höher-Entwicklung, und schon gar nicht kann die negative, auslöschende Kraft der Selektion die Ursache dafür sein" (S. 6). Korrekt, aber überflüssig, wenn man erst keine Höherentwicklung konstatiert.
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Kritiken
Eine vollständige Auflistung aller Aufsätze findet man unter Erste Diskussionseinheit und Metakritik, siehe nagl Links.
"Die naive Vorstellung von der Evolution als einen Prozeß, der – wenn auch auf Umwegen – immer besser angepaßte, tüchtigere, höherentwicklet Organismen hervorbringt, sollte zwar längst zu den Akten der Wissenschaftsgeschichte gelegt worden sein, aber sie ist dennoch schwer aus der Welt zu schaffen" leitet Wolfgang Wieser seine Kritik ein (S. 88).
Christian Kummer beginnt seine Replik wie folgt: "Evolution besagt ganz allgemein einen Verlauf vom Einfachen zum Komplexen" (S. 44). Michael Schmitt kritisiert den vermeintlichen Trend zum Komplexen (ich stimme ihm zu) und führt an, dass oft auch Einfaches aus Komplexem hervorgegangen ist (S. 68).
Die kritischen Artikel gehen von Zustimmung oder teilweisen Zustimmung bis zur völliger Ablehnung. Eine Ablehnung aus formalen Gründen scheint mir übertrieben. Wolfgang Wickler beteiligt sich nicht am Verfahren, da Nagls Aufsatz schon durch das Fehlen von Referenz auf Ernst Mayr zu wünschen übrig lässt (S. 88).
Es ist sehr zufriedenstellend wie breit die Kritiken auseinandergehen. Schon dadurch widerlegen sie Nagls Behauptung der dogmatischen Evolutionstheorie.
Der Autor von "Darwinsche Evolution – Selbstporträt einer Industriekultur" (S. 34-37), Prof. Dr. Herbert Huber, Universität Kaiserslautern, ist übrigens ein zufällige Namensgleichheit. Die Gene des Stammbaums Huber hatten schon immer eine hervorragende Durchsetzungskraft. huber
Links
naglErwägen Wissen Ethik Vormals: Ethik und Sozialwissenschaften - Streitforum für Erwägungskultur
naglErste Diskussionseinheit und Metakritik, (1993) Heft 1
nagl Ernst Mayr: "Evolution - Grundfragen und Mißverständnisse"
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 24.4.2006