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Junker
Reinhard Junker, Siegfried Scherer: Evolution. Ein kritisches Lehrbuch
Giessen: Weyel, 1998. 328 Seiten, Mitarbeit: Harald Binder, 4., völlig neu bearb. Aufl.
junker Hauptanliegenjunker Links – Inzwischen liegt eine Neuauflage von 2001 vor, siehe: junker Literatur
Um dieses Werk gab es manchen Streit. Der Grund: es ist durchweg kritisch gegenüber der Evolution eingestellt (auch wenn die Kritik nur wenige, aber entscheidende Thesen der Evolution betrifft; vieles zur Evolution wird von den beiden Autoren akzeptiert). Das reicht nicht zu einem professionellen Streit, denn es gibt zahlreiche vernachlässigbare Werke, die die gesamte Evolution oder mehr angreifen.
Hier ist es aber so, dass aufgrund der exzellenten Sachkenntnis der Autoren Junker & Scherer kein Pfusch (wie beispielsweise hier junker Machwerke) vorliegt, sondern ein ernsthaft zu prüfendes Werk. Dazu kommt, dass der Untertitel "Lehrbuch" den Anspruch grundlegender Information erhebt. Es war auch schon mal in einem deutschen Land als Schullehrbuch zugelassen.
Die Ausführungen hier beziehen sich auf die 4., völlig neu bearbeitete Auflage von 1998.
Allgemeines
  • didaktisch hervorragend aufbereitet: farbliche Absetzung, Boxen; viele Sachverhalte werden ausgezeichnet visuell unterstützt dargestellt.
  • Grenzüberschreitendes (damit meinen die Autoren religiöse und andere weltanschauliche Bezüge) wird in extra Textkästen gebracht; das ist prinzipiell korrekt, doch hebt es gerade diese Grenzüberschreitungen hervor und macht sie so wichtiger als sie sind; es setzt zum Teil historische Vorgänge auf eine Stufe mit außerwissenschaftlichen Spekulationen.
  • gute Quellenangaben, ausser bei Albert Einstein, aber da scheint es Usus zu sein, dass er aus dem Stehgreif zitiert wird und für so Allerlei herhalten muss. Zur gründlichen Untersuchung der Zitierweise, siehe Andreas Beyer: "Fehlerhafte Zitate im Lehrbuch von Junker und Scherer" unter junker Links.
  • gute und begründete Worterläuterungen, die manchmal zu spitzfindig sind, aber immer motiviert werden. Beispiel: Unterscheidung zwischen »Evolutionstheorie« und »Evolutionslehre« im grauen Kasten S. 47. Leider gehen Junker & Scherer aber mit anderen Begriffen, wie »Höherentwicklung« nicht so sorgsam um (s. oben).
  • die vermeintlichen Erklärungslücken und die eher unwichtigen Unstimmigkeiten in der Evolution werden zu sehr betont. Fehlende Detailerklärungen werden in eine Fundamentalkritik an der Evolutionstheorie umgemünzt.Wichtige Sachverhalte, die als Tatsachen gelten können, werden penetrant im Popperschen Sinne als Vermutungswissen deklariert. Was wäre von einem Geschichtsbuch (konzipiert als Lehrbuch) zu halten, das nach jeder Jahreszahl schreibt "nach bisherigem Wissensstand", "vermuten die meisten Historiker derzeit"?
  • immer wieder wird die Evolution auf den Rang einer blossen Vermutung heruntergestuft und dann konziliant zugestanden "gilt auch für die Schöpfungslehre" (S. 18). So wird der Eindruck erweckt, Evolution und Schöpfungslehre seien gleichrangig und man könne – je nach Gusto oder Weltanschauung – das eine wählen, genauso gut aber das andere; siehe junker Gleichsetzung.
  • fehlende Experimente werden als "Fehlschläge" und "Scheitern evolutionärer Erklärungsansätze" (S. 19) bezeichnet. Die naturalistische Grundauffassung der Wissenschaft wird als "Grenzüberschreitung" (S. 19) bezeichnet. Beides ist verfehlt.
Erklärungslücken
führen dann nicht zu einer Aufgabe einer Theorie, wenn keine bessere oder gleichwertige alternative Theorie vorliegt. Das ist bei der Evolution der Fall: es gibt derzeit keine Alternative. Junker & Scherer bringen an keiner Stelle eine adäquate Alternative, da das ständig bemühte Schöpfungsmodell keine ist. Es wäre geradezu eine unzulässige Grenzüberschreitung, wenn die Naturwissenschaft eine aussernatürliche Kraft postuliert oder transzendente Wesen einführt. Die US-Biologin Eugenie Scott prägte dafür den Begriff "science stopper"; auch Mathias Gutmann bediente sich dieser Argumentation (siehe evolution Evolutionstheorie - Pro und Contra 12.1.2006): Wer einen Schöpfer oder Designer zur Erklärung von Lücken zulässt, kann sie/ihn immer einsetzen. Wissenschaftliche Forschung wäre überflüssig.
Die Naturwissenschaft befasst sich mit der Natur und nicht mit dem Ausser- oder Übernatürlichen, zumindest dann nicht, wenn es keine Wirkung in der Natur ausübt.
Gleichsetzung der Evolution mit der Schöpfungslehre
Indem der Evolution eine Grenzüberschreitung unterlegt wird, und diese gleich darauf auch für die Schöpfungslehre zugegeben wird, werden Evolution und Schöpfungslehre als gleichwertig eingestuft. Die wissenschaftliche und methodologische Gleichsetzung von Evolution und Schöpfungslehre durchzieht das gesamte Werk (siehe besonders S. 20).
Ärgerlich
  • Nicht ins Konzept der Autoren passende Sachverhalte sind "(einseitige) Deutung von zahlreichen naturwissenschaftlichen Daten" durch Darwin (S. 24) oder es ist "das reiche, aber einseitig gedeutete Befundmaterial Darwins und anderer Naturforscher".
    Riposte: Wer eine (neue) Theorie aufstellt belegt sie mit empirischen Daten. Da kann man schlecht von "einseitig" reden. Empirische Daten lassen zwar alternativen Deutungen zu, aber nur im naturalistischen Rahmen werden sie nicht zum Science stopper (siehe evolution Erklärungslücken).
  • Die Testbarkeit der Evolution wird immer wieder bestritten. Dagegen wird von der Schöpfungslehre die Testbarkeit "können ebenfalls testbare Fragestellungen formuliert werden") behauptet. Nun bezieht sich diese Testbarkeit (siehe S. 152, S. 204) immer auf Lücken in der Evolution (z. B. Vorausage fehlender Bindeglieder) nie auf den eigentlichen Knackpunkt des Schöpfungsmodells = Schöpfung durch einen oder mehrere Designer.
  • Zudem gegen die Autoren aber an mehreren Stellen (wenn auch immer stark einschränkend) den Fund der Bindeglieder zu: Bindeglieder wurden "nur sehr selten gefunden" (S. 206); also doch. fast keine unbestrittenen "missing links" wurden gefunden (S. 243): "fast keine" heisst doch: es wurden welche gefunden.
  • Lästig ist (wenn auch aus Sicht der Autoren verständlich, da – wenn ich es richtig gelesen habe – ihr Hauptkritikpunkt) die ständige Betonung und Ausrichtung auf die Frage: wird dadurch die Makroevolution bestätigt (z.B. S. 204 und an vielen anderen Orten)?
  • Ärgerlich ist es, wenn so ziemlich alle Befunde aus den betroffenen Wissenschaften als "interpretiert" oder "gedeutet" bezeichnet werden. Das führt dann zu Feststellungen wie dieser: "Grundsätzlich ist eine Bildung der fossilführenden Erdschichten über große Zeiträume hinweg notwendig, um die evolutionstheoretische Deutung zu ermöglichen" (S. 206). Das heisst, selbst diese (vage) Deutung ist noch unter dem Vorbehalt einer notwendigen Bedingung.
Louis Pasteur: “omne vivum ex vivo”
Oft (immer?) merken Evolutionsgegner – egal welchen Coleurs – nicht, dass sie sich selbst argumentativ das Bein stellen. Ein Beispiel: Junker & Scherer berufen sich auf Pasteurs Aussage “omne vivum ex vivo” und versteigen sich zur Behauptung, sie sei unwidersprochen (S. 135).
  1. Sie widersprechen sich dazu auf den folgenden Seiten selbst mehrfach, indem sie die Anstrengungen schildern, wie man die Entstehung des Lebens abiotisch (im Gegensatz zu Pasteurs Motto) zu erklären versucht (Ursuppe, usw.).
  2. Das gesamte Kap. VII.15 (und es durchzieht eigentlich das gesamte Buch) wollen Junker & Scherer die Erschaffung des Lebens glaubhaft machen. Entweder sie müssen im Schöpfungsmodell der Aussage Pasteurs rigoros widersprechen und stattdessen sagen: “omne vivum ex deo” oder sie postulieren die Schaffung des Lebens durch Gott aus dem Nichts, also “omne vivum ex nihil” oder sie beziehen Gott in das Lebendige ein, damit sie an Pasteurs Aussage festhalten können.
Die weitergehende Erklärung "Gott selber ist das Leben" (Reinhard Junker in einer privaten Mitteilung am 17.7.2006) hilft für die erstmalige Erschaffung des Lebens. Der Grundsatz “omne vivum ex vivo” wird dafür eingehalten; der oben angeführte Punkt 2 ist hinfällig. Wenn aber Gott selber Leben ist, dann gilt in dieser Sichtweise auch für Gott (= Leben) der Grundsatz “omne vivum ex vivo”. Man braucht einen weiteren Schöpfer, der ja wohl mindestens die Eigenschaften Gottes (des erschaffenen Gottes) haben müßte, also eine Art Supergott. Wird auf dieser neuen Ebene ähnlich argumentiert (Grundsatz “omne vivum ex vivo”; Supergott ist Leben) muss man wohl eine unendliche Hierarchie von Göttern in Kauf nehmen.
Ergänzend zum letzten Punkt: die Evolutionsgegner greifen oft mit einer Behauptung die Evolution an, vergessen diese Behauptung dann bei ihrem eigenen Gegenmodell oder behaupten keck: Ja, bei unserem Modell gelte die Forderng (z.B. alles Komplexe erfordert einen Designer oder alles Leben entsteht nur aus Leben) nicht.
evolution Anfang
Vergleich der Schöpfungslehre an den 3 Kriterien für eine gute Theorie (S. 14-15)
Kriterium  
kein Widerspruch zu bekannten Daten
  1. Junker & Scherer geben aber mehrfach zu, dass "missing links" zwischen den Grundtypen gefunden wurden (z. B. S. 206, S. 243).
  2. Der selbst genannte Test S. 204 für das Schöpfungsmodell scheitert genau an diesem Kriterium.
Erklärungskraft die ist für das Schöpfungsmodell gleich Null, da ein oder mehrere nicht natürliche Schöpfer nichts (oder alles) erklären.
testbare Schlussfolgerungen die Vertreter des Schöpfungsmodells können die These aufstellen: der Schöpfer wird den Schöpfungsakt wiederholen. Warten wir es ab.
Thesen der Evolution, die angegriffen und/oder stark bezweifelt werden
  • Es gibt keine (nachweisbaren) Übergange zwischen den Grundtypen (Grundtypen ist ein erweiterter Artbegriff). Daraus wird abgeleitet (eventuell ist es auch andersherum: die Autoren können sich nicht mit der gemeinsamen Abstammung allen Lebens anfreunden und bestreiten deshalb die Übergänge): die Grundtypen verfolgen von Anbeginn eigene Lebensbüsche.
  • Da sie mit dieser These bezüglich Wahrscheinlichkeit des mehrfachen (mindestens pro Grundtyp) Auftreten von Leben in Bedrängnis geraten, muss eine übernatürliche Macht das vollbringen.
  • Da diese These auch schlecht mit der Kontinentalverschiebung, mit Inselabtretungen usw. zusammenpasst (wie würde man erklären, dass die von Anfang an existierenden Grundtypen und Arten sich gerade rechtzeitig zur Abtrennungszeit auf der Landzunge, die zur Insel wird, versammelten?), müssen Junker & Scherer auch eine sehr viel jüngere Erde annehmen und die entsprechenden Methoden zur Altersbestimmung als unkorrekt darstellen.
Hauptanliegen des Werks (S. 5):
unbekannte Deutungsprobleme und offene Fragen der Evolution thematisieren. Das ist überreichlich gelungen. Von einem Lehrbuch erwarte ich allerdings primär die Evolution darzustellen, ohne ständig herumzunörgeln. Das schließt einen angemessenen Raum für offene Punkte ein. Das löst beispielsweise Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie viel besser.
Links
EvolutionEvolution - ein kritisches Lehrbuch bei der Studiengemeinschaft WORT und Wissen
EvolutionslehrbuchEvolution - Ein kritisches Lehrbuch bei der Studiengemeinschaft WORT und Wissen
EvolutionslehrbuchU. Kutschera: Bücher zum Thema Evolutionsbiologie
EvolutionStudiengemeinschaft Wort und Wissen = Kreationisten evolution
schererDr. Siegfried Scherer
junkerDr. Reinhard Junker
neukammAndreas Beyer: "Fehlerhafte Zitate im Lehrbuch von Junker und Scherer" (pdf)
neukammReinhard Junker, Siegfried Scherer, Henrik Ullrich: "Fehlerhafte Zitate in »Evolution – ein kritisches Lehrbuch«? Richtigstellung von Reinhard Junker, Siegfried Scherer und Henrik Ullrich"
Martin Neukamm: neukammRezensionneukammAntwort auf R. Junkers KommentarneukammDie kreationistische Grundtypenbiologie in der Kritik
grundtypGrundtyp (Kreationismus)
evolution Evolutionstheorie - Pro und Contra Diskussion mit Siegfried Scherer und Mathias Gutmann
evolution Links zur Evolution
evolution Literatur zur Evolution
evolution Kutschera, Ulrich: Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung
evolution Martin Neukamm, Hg.: Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus. Darwins religiöse Gegner und ihre Argumentation
Literatur
Das aktuelle Lehrbuch ist zur Zeit vergriffen. Eine neue und aktualisierte Auflage wird voraussichtlich im Sommer 2006 erscheinen, siehe neukammEvolution – ein kritisches Lehrbuch und zur neukammNeuauflage.
Carroll, Sean B. (2001): "The Big Picture - Macroevolution". Nature 409, S. 669.
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junker blablaJunker, Reinhard, Siegfried Scherer: Evolution. Ein kritisches Lehrbuch. Unter Mitarb. von Harald Binder. Giessen: Weyel, 2001. 328 Seiten, 5., völlig neu bearb. Aufl.
evolution Anfang

Junker
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 30.11.2009