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Kummer
Christian Kummer: Evolution als Höherentwicklung des Bewusstseins. Über die intentionalen Voraussetzungen der materiellen Selbstorganisation
Freiburg (Breisgau): Alber, 1987. Symposion 80. Broschiert, 325 Seiten – kummer Linkskummer Literatur
Evolution als Höherentwicklung des Bewusstseins ging aus der Dissertation des Autors an der Hochschule für Philosophie, München, hervor. Inzwischen steht Dr. Christian Kummer nicht mehr zu allem, was er vor zwanzig Jahren schrieb (Persönliche Mitteilung im Seminar "Selektion und Emergenz. Zum Erklärungsbedarf der evolutiven Höherentwicklung", April 2006). Trotzdem lohnt sich die Auseinandersetzung mit seinen damaligen Überlegungen.
Am Anfang steht ein zweigeteilter längerer historischer Exkurs (Typus + Gestalt). Zuerst wird der Begriff des Typus von Platon über Goethe zu moderneren Autoren betrachtet. Ohne dass sich das für mich ergeben hat, scheint nun für den Autor eine Höherentwicklung festzustehen. Jedenfalls beginnt das Unterkapitel zur Gestaltbildung nicht mit den erwarteten Kriterien der Höherentwicklung, sondern diese wird als gegeben angenommen und es werden drei Sichtweisen diskutiert. In diesem Sinne schreibt Kummer, dass es nur noch um die adäquate Beschreibung der Höherentwicklung geht (S. 61). Mir blieb mit Blick auf das einsichtsreich entwickelte Bild des Stammbusches (statt eines Baums oder einer kopfstehender Pyramide) unklar: Höher entwickelt bezüglich was?
  • Horizontal: Menschen stehen ganz rechts und sind damit höher entwickelt als Affen und alles weiter links;
  • Vertikal: Menschen stehen zeitlich am Ende, sind eine rezente Art und damit höher entwickelt als die gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Affe.
  • Komplexität
Jedenfalls gibt Kummer nun drei Sichtweisen der Höherentwicklung
  • Höherentwicklung als zufälliges unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Mechanismen der biologischen Rassenbildung: die neutrale Evolutionstheorie (Kimura 1980). Die Entdeckung und mathematische Beschreibung der Zufallsdrift der Nukleotidsequenzen der DNA in Populationen wurde als „Non-Darwinian Evolution“ bezeichnet. Dies scheint nicht ganz fair gegenüber Charles Darwin, der die Gendrift bereits als "a fluctuating element" in der Selektion beschrieb:
„ ... This preservation of favourable individual differences and variations, and the destruction of those which are injurious, I have called Natural Selection, or the Survival of the Fittest. Variations neither useful nor injurious would not be affected by natural selection, and would be left either a fluctuating element, as perhaps we see in certain polymorphic species, or would ultimately become fixed, owing to the nature of the organism and the nature of the conditions. ...“
The Origin of Species. [1859] London, 1928, S. 81. Hamburg: Nikol, 2004, S. 121
  • Höherentwicklung als Stufenfolge auf rein zufällig-selektionistischer Basis
    Es entsteht eine Zickzacklinie der Höherentwicklung zu immer komplexeren Systemen (S. 61; Fn 8, S. 276).
„Ebenfalls gerichtet verläuft die Höherentwicklung (Anagenese). Da in einer variablen Population die funktionstüchtigsten Individuen durch die Selektion begünstigt sind, wird die Evolution auf die gesteigerte Vervollkommnung vorhandener und Entstehung neuer Organe gedrängt. Deshalb entstehen allmählich immer höher organisierte Formen. Meist ersetzt der Zuwachs an Typen nicht das Vorhandene, sondern erschließt sich neue, noch ungenutzte Biotope. So konnten die Muscheln mit dem Erwerb leistungsfähiger Siphonen und Kiemenpumpen das Sediment-Innere besiedeln, die Säugetiere mit ihrer konstanten Körpertemperatur Klimazonen, die den Reptilien verschlossen waren. Die Evolution verläuft demnach additiv.“
Bernhard Ziegler: Allgemeine Paläontologie. Stuttgart, 1972. S. 95
  • Bildung von Gestalten
    Zur Darstellung der lebendigen Formenvielfalt ist die Einführung des Begriffs "Typus" notwendig (S. 62). Die Ebene von Selektions- und Systemtheorie wird nicht als überflüssig, aber als unzureichend empfunden.
Gestaltebene
Hierzu zitiert Kummer einen instruktiven Vergleich aus Adolf Portmann: Biologie und Geist. Frankfurt am Main, 1978. 2. Auflg. (S. 261; bei Kummer: 62-63): die Betrachtung im Theater vor und hinter der Bühne. Vor der Bühne = morphologische Sicht, hinter der Bühne = molekularbiologische Sicht. Unter der Rücksicht des Verstehens ist der Standort vor der Bühne der wesentlichere.
1) Ein Lebewesen ist gekennzeichnet durch eine bestimmte Gestalt.
2) Diese Gestalt wird durch fortschreitende Höherentwicklung hervorgebracht.
3) Das Hervorbringen der Gestalt geschieht nicht durch äußere Ursachen, sondern von innen, vom Organismus selbst her. Die Darstellung der Gestalt fordert also die Annahme eines »Selbst«, eines Subjekts, eines inneren Trägers dieser Darstellung. (S. 64)
Wenn man also bereit ist, den Primat der Gestalt im Bereich des Lebendigen anzuerkennen, dann ist allein die Entstehung von Gestalt noch vor aller phylogenetischen Blickrichtung nur mit dem Begriff der »Höherentwicklung« zu beschreiben, und fordert die Tatsache der Höherentwicklung zu dieser Gestalt hin einen materiell nicht zu fassenden Träger dieser Entwicklung, also eine intentionale Struktur, die in einer noch genauer zu bestimmenden Weise mit dem Begriff ,»Bewußtsein« zu belegen sein wird. (S. 65). Damit hat Kummer in einer eleganten Schleife – die freilich nicht jeder mitdrehen wird – sowohl die Höherentwicklung, als auch das Bewußtsein eingefangen.
Höherentwicklung in der Ontogenese
Was sich in der Ontogenese bildet nähert sich dem immanenten Ziel der Gestalt. Es entwickelt sich höher im Sinne einer vielfältigeren Organisation, einer umfassenderen Lebensleistung und einer größeren inneren Einheit des Organismus.
Höherentwicklung in der Phylogenese
Kummer meint nun, wenn schon die Ontogenese als ständige Höherentwicklung aufzufassen ist, dann sollte das in noch weit höherem Maß für die Phylogenese gelten. "So wird die gesamte Evolution zum in Raum und Zeit ausgebreiteten unendlichen Versuch, sich immer näher auf die absolute Gestalt hinzuentwicklen. Evolution ist gar nicht anders denkbar denn als verzögerte, graduelle Höherentwicklung" (S. 96). Spätestens hier kann ich dem Autor nicht mehr zustimmen und schließe mich seinem Eingeständnis an, dass er einen "spekulativ gewonnenen Begriff von Höherentwicklung" (S. 96) verwendet. Und ich stimme ihm auch zu, wenn er darauf verweist, dass die Verwechslung von Anpassungsvervollkommnung und Höherentwicklung fehlerhaft ist (S. 96). indem Kummer die Gestalt als Ziel vor den Karren gespannt kommt er zu einer Höherentwicklung.
Höherentwicklung und Selbstorganisation
Die Höherentwicklung in der Sicht der modernen Biologie ist die notwendige Folge aus zufälligen materiellen Selbstorganisationsprozessent. demgegenüber ist Kummers Konzeption von Höherentwicklung ist teleologisch.
Höherentwicklung und Bewußtsein
Höherentwicklung ist für Kummer ein idealistischer Begriff. Die ontogenetische wie die phylogenetische Evolution begreift er als Annäherung an eine dem jeweiligen Bewußtsein zugrunde liegende Gestaltidee. Höherentwicklung zielt damit auf ein immer umfassenderes Bewußtsein.
Die doch stark spekulative und teleologische Sichtweise Kummers kann ich nicht mittragen. Eine Höherentwicklung in der biologischen Evolution ist nur sehr eingeschränkt festzustellen, etwa so, wie wenn in einer Stadt S mit 1000 Einwohnern jeder 1000 Euro Monatseinkommen hat. Im Laufe der Jahre entwickelt sich einer der Einwohner zum neuen Bill Gates mit einem Monatseinkommen von mehreren Millionen Euro. Nur sehr bedingt kann man behaupten, dass die Einkommen der Stadt S sich höher entwickelt haben.
Links
kummer Christian Kummer: Philosophie der organischen Entwicklung
evolution Links zur Evolution
evolution Literatur zur Evolution
Literatur
Kimura, Motoo 1980: "Die »neutrale« Theorie der molekularen Evolution". Spektrum der Wissenschaften, S. 94-102
Kimura, Motoo 1983: The Neutral Theory of Molecular Evolution. Cambridge: Cambridge UP
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