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Hume
David Hume: Dialoge über die natürliche Religion
[Dialogues Concerning Natural Religion, 1779] – Auszüge
   "Seht Euch um in der Welt; betrachtet das ganze und jeden Teil; Ihr habt darin eine einzige große Maschine, geteilt in eine unendliche Anzahl kleinerer Maschinen, deren jede wieder bis zu einem Grade Untereinteilungen gestattet, die menschliche Sinne und Fähigkeiten nicht mehr zu verfolgen und erklären vermögen. Alle diese verschiedenen Maschinen und selbst ihre kleinsten Teile sind einander mit einer Genauigkeit angepaßt, die jedermann, der sie jemals betrachtet hat, in staunende Bewunderung versetzt. Die wunderbare Angemessenheit von Mitteln und Zielen durch die ganze Natur, gleicht vollkommen, wenn sie auch weit darüber hinausgeht, den Hervorbringungen menschlicher Kunst, menschlicher Absicht, Weisheit und Einsicht. Da also die Erfolge einander gleichen, sind wir auf den Schluß geleitet, daß auch die Ursachen einander gleichen und daß der Urheber der Natur dem Geist des Menschen einigermaßen ähnlich sei, freilich ausgestattet mit viel größeren Fähigkeiten, entsprechend der Größe des Werkes, das er hervorgebracht hat. Durch diesen Beweis a posteriori und durch diesen Beweis allein begründen wir zugleich das Dasein einer Gottheit und ihre Ähnlichkeit mit menschlichem Geist und Verstand."
   "Ich bin so frei, Cleanthes!, erwiderte Demea, "Euch zu sagen, daß ich von Anfang an Eurem Schluß bezüglich der Ähnlichkeit der Gottheit mit dem Menschen nicht zustimmen konnte; noch weniger kann ich den Mitteln zustimmen, wodurch Ihr dieselbe zu begründen sucht."
   "Wenn wir ein Haus sehen, Cleanthes, schließen wir mit der größten Gewißheit, daß es einen Architekten oder Erbauer hat, weil dies genau die Art des Erfolgs ist, der nach unserer Erfahrung von dieser Art von Ursache hervorgebracht wird. Aber sicher wollt Ihr nicht behaupten, daß das Universum solche Ähnlichkeit mit einem Hause hat, daß wir mit derselben Gewißheit auf eine ähnliche Ursache schließen können, oder daß hier die Analogie vollkommen ist. Die Unähnlichkeit ist so in die Augen fallend, daß Ihr allerhöchstens in Anspruch nehmen dürft durch Raten, Vermuten, Präsumieren auf eine ähnliche Ursache zu kommen; und wie dieser Anspruch von der Welt aufgenommen werden wird, überlasse ich Euch in Betracht zu ziehen."
   "Aus diesem Grundsatz der Nachforschung, Demea, folgt (und stillschweigend wird dies von Cleanthes selbst zugestanden), daß Ordnung oder Zusammenstimmung von Endursachen an und für sich noch nicht ein Beweis von Absicht ist, sondern nur sofern durch Erfahrung bewiesen ist, daß sie aus diesem Prinzip herfließt. Bloß unsere Erkenntnis a priori angesehen, kann Materie so gut unsprünglich die Quelle von Ordnung in sich enthalten, als der Geist es tut; und es ist keine größere Schwierigkeit in der Vorstellung, daß die verschiedenen Elemente aus einer inneren unbekannten Ursache in die allerwunderbarste Anordnung hineingeraten, als in der Vorstellung, daß ihre Gedankenbilder in dem großen allgemeinen Geiste aus einer gleichen inneren unbekannten Ursache in diese Anordnung geraten. Die gleiche Möglichkeit dieser beiden Annahmen ist zugestanden. Aber durch Erfahrung werden wir nach Cleanthes belehrt, daß zwischen ihnen ein Unterschied ist. Man werfe einige Stücke Eisen zusammen, ohne Gestalt oder Form, sie werden nie sich so anordnen, daß sie eine Uhr zusammensetzen. Steine und Mörtel und Holz werden ohne Baumeister nie ein Haus errichten. Dagegen die Gedankenbilder im Menschengeist sehen wir durch eine unbekannte unerklärliche Einrichtung sich so anordnen, daß sie den Plan einer Uhr oder eines Hauses bilden. Erfahrung beweist also, daß im Geist ein ursprüngliches Prinzip der Ordnung ist, nicht in der Materie. Aus ähnlichen Erfolgen schließen wir auf ähnliche Ursachen. Die Zusammenfügung von Mitteln zu Zielen ist ähnlich im Universum wie in einer von Menschenhand gemachten Maschine. Die Ursachen also sind ähnliche."
David Hume: Dialoge über die natürliche Religion, Zweiter Teil. Aus: Die digitale Bibliothek der Philosophie
   "Doch ich weiß, Namen und Autoritäten haben nicht viel Einfluß bei Euch; ich will daher versuchen, die Unzuträglichkeiten des Anthropomorphismus, welchen Ihr angenommen habt, etwas genauer darzulegen, und zu beweisen, daß kein Grund zu der Annahme ist, es sei ein Plan der Welt, aus unterschiedenen und verschiedentlich angeordneten Vorstellungen bestehend, in dem göttlichen Geiste gebildet worden, in gleicher Weise als ein Baumeister in seinem Kopfe den Plan eines Hauses, welches er zu erbauen beabsichtigt, bildet."
   "Ebenso wenn gefragt wird, welche Ursache Ordnung in die Vorstellungen des höchsten Wesens bringt, könnt Ihr Anthropomorphisten einen andern Grund anzeigen, als daß es eine Vernunftkraft ist, und daß dies die Natur der Gottheit ist? Weshalb aber eine ähnliche Antwort zur Erklärung der Ordnung der Welt, ohne Rückgang auf einen intelligenten Schöpfer, wie Ihr verlangt, nicht ebenso genügend sein soll, möchte schwierig sein zu bestimmen. Man braucht bloß zu sagen, daß dies die Natur materieller Dinge ist und daß sie alle ursprünglich mit einer Kraft der Ordnung und Verhältnismäßigkeit ausgestattet sind. Es sind das bloß gelehrtere und mühsamere Wege, unsere Unwissenheit zu gestehen, die eine Annahme hat vor der anderen keinen Vorzug, außer daß sie den Vorurteilen der Menge angemessener ist."
   "Die Ordnung und Anpassung der Natur, die wunderbare Zusammenstimmung von Endursachen, die offenbare Nützlichkeit und Bestimmung jedes Teiles und Organes, alles dies verkündet in der deutlichsten Sprache einen intelligenten Urheber. Himmel und Erde vereinigen sich in demselben Zeugnis; der ganze Chor der Natur erhebt einen Hymnus zum Preise seines Schöpfers; Ihr allein, fast allein, stört diese allgemeine Harmonie. Ihr bringt abstruse Zweifel und ausgetiftelte Einwendungen vor. Ihr fragt mich, was ist die Ursache dieser Ursache? Ich weiß es nicht, ich frage nicht danach, es geht mich nicht an. Ich habe eine Gottheit gefunden und hier stelle ich mein Nachforschen ein. Mögen die weiter gehen, welche weiser oder unternehmender sind."
David Hume: Dialoge über die natürliche Religion, Vierter Teil. Aus: Die digitale Bibliothek der Philosophie
   "Es gibt in den Werken der Natur manche unerklärliche Schwierigkeiten, welche, wenn wir die Vollkommenheit des Urhebers als a priori bewiesen zulassen, leicht zu lösen sind und zu bloß scheinbaren Schwierigkeiten werden, entspringend aus der engbegrenzten menschlichen Fähigkeit, welche unendliche Beziehungen nicht bis zu Ende verfolgen kann. Aber für Eure Folgerungsweise werden dies alles wirkliche Schwierigkeiten und man könnte sie als neue Züge der Ähnlichkeit mit menschlicher Kunst und Erfindung ausbeuten. Wenigstens müßt Ihr anerkennen, daß wir von unserm beschränkten Gesichtspunkte aus unmöglich sagen können, ob dies System, verglichen mit andern möglichen oder auch wirklichen Systemen, große Fehler enthält oder irgend erhebliches Lob verdient. Könnte ein Bauer, dem die Äneide vorgelesen wird, urteilen, daß dies Gedicht absolut fehlerfrei sei oder ihm auch nur den ihm zukommenden Rang unter den Erzeugnissen menschlichen Geistes anweisen, er, der kein anderes Erzeugnis dieses Geistes gesehen hat?"
David Hume: Dialoge über die natürliche Religion, Fünfter Teil. Aus: Die digitale Bibliothek der Philosophie
 

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