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Ratzinger
Joseph Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs.
Die Herausforderungen der Zukunft bestehen
Freiburg: Herder, 2005. Taschenbuch: 156 Seiten – Joseph LinksJoseph Literatur
Dieser Sammelband erfordert eine eingehende Besprechung. Wem es zu lange dauert gehe gleich zum Joseph Fazit.
Der Herder-Verlag nutzte die anstehende Wahl des Präfekten der katholischen Inquisitionsbehörde Joseph Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. aus. Wenige Tage vor der Papstwahl erschien das hier zu besprechende Werk. Dafür stellte der Verlag recht heterogene Reden und Aufsätze Ratzingers zusammen. Das Kalkül ging auf: Die erste Auflage war schnell vergriffen. Andrerseits läßt diese Sammlung aus einer Spanne von über zwölf Jahren auf eine breite Palette zum Thema "Werte" hoffen.
Alle Erwartungen meinerseits wurden zum Teil erfüllt. Wiederholungen (geht aufs Konto des Verlags, nicht des Autors, der selbstverständlich in Triest dasselbe sagen kann wie in München oder Caen) prägen sich umso tiefer in den Leser ein und zeigen ein umfassendes Verständnis von der abendländischen Geschichte und Kultur beim Autor, aber auch, dass er ("betriebsblind"?) anscheinend nicht mehr vorurteilsfrei dem Nicht-Christen die notwendigen Werte und ihre Fundierung vermitteln kann.
Hauptthesen aus den verschiedenen Beiträgen
  1. Vernunft und religiöser Glaube müssen Hand in Hand gehen; beide sind konstituitiv für ein freiheitliches Europa.
  2. Der religiöse Glaube zeigte und zeigt pathologische Züge; ebenso aber die Vernunft. Sie bedingen sich also gegenseitig zur jeweiligen Grenzsetzung.
  3. a) In einer freiheitlichen Demokratie muß es einen Kern von Werte geben, der sich dem Relativismus, dem Zugriff der Staatsmacht und jeder Einschränkung entzieht.
    b) Diesen Wertekern gibt es.
  4. Zu alledem ist der Glaube an Gott als den Schöpfer unerlässlich.
  5. Niemand darf entgegen seinem Gewissen handeln.
Alle diese Hauptthesen (und noch mehr Nebenthesen) sind – entgegen den Annahmen Ratzingers – zweifelhaft bis falsch.
Zu 2) Pathologie der Vernunft
Ratzinger nennt die drei "mythisch vereinseitigten Werte": Fortschritt, Wissenschaft, Freiheit (S. 23-24). Er nennt nicht die zahlreichen in den politischen und wissenschaftlichen Institutionen eingebauten Kontrollmechanismen; manchen gehen diese Mechanismen als Fortschrittsbremsen sogar zuweit. Während also diese möglichen Pathologien der Vernunft durch politische und wissenschaftsimmanente Instrumente in Schach gehalten werden, gibt es das bei den Religionen – wie die Geschichte und die Praxis in vielen Staaten zeigen – kaum. Zu geschickt verbinden sich die Religionsfürsten mit den politisch Mächtigen. Die von Ratzinger geforderten, einschränkenden Maßstäbe gibt es also auf Seiten der Vernunft. Bei der Religionen gibt es die Terror-Eindämmung nicht oder sie ist wirkungslos.
Moralische Steuerung braucht außerdem (eine der stillen Unterstellungen Ratzingers) nicht des religiösen Glaubens. Damit sind die Thesen 1 und 2 stark angeknackst.
Vollends unklar ist, warum eine fehlgesteuerte Vernunft der ebenfalls pathologischen Religiösität bedarf um in die rechten Bahnen zu kommen. Um im christlichen Jargon zu bleiben: warum soll man den Teufel mit Beelzebub bekämpfen? Das "Deswegen muss" (S. 39) ist fehl am Platze.
Zu 3) Wertekanon
Zum Wertekanon, wenn ihn Ratzinger anspricht und ausbuchstabiert, zählen: Friede, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Gleichheit der Menschen, gleiche Würde der Geschlechter, Freiheit des Denkens und Glaubens (S. 25), Unantastbarkeit des menschlichen Lebens (S. 26).
Wenn Ratzinger diese "allgemein anerkannten" (S. 25) Werte überhaupt begründet, dann mit dem Naturrecht. Das steht aber unter starkem argumentativen Beschuß (siehe Joseph Naturrecht). Vieles spricht für einen moralischen Relativismus (Joseph Moralischer Relativismus). Zudem verfällt Ratzinger gerade bei der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens in eine Verabsolutierung, vor der er bei anderen Werten (Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit) nicht müde wird zu warnen. Er fordert dazu "die Entmythisierungen der Begriffe Freiheit und Wissenschaft" (S. 26), hebt aber das Menschenleben (sonderbarerweise nicht, wenn es um den gerechten Krieg geht; Beispiele siehe unter Joseph Ein weiteres Manko) auf den Absolutheitssockel. Das Recht des ungeborenen Lebens wird über das des geborenen Lebens gestellt.
Es findet sich nirgends eine Begründung für den Primat des Menschenlebens. Ist er für den Autor so selbstverständlich, dass er ihn keiner Begründung für nötig hhält?
Zu 3b) Dass es "in sich stehende Werte" gibt, behauptet Ratzinger nur (S. 31). Geschickt fügt er "also" ein; es ist aber ein "Non sequitur", das "also" also eingeschmuggelt. Da hilft auch nichts, wenn er mit dem Fuß aufstampft: "muss es doch ein Recht geben, das aus der Natur, dem Sein des Menschen selbst folgt" (S. 34). Nach Ratzinger muß dieses Recht nur gefunden werden (es scheint also nicht so evident, wie er an anderer Stelle annimmt) und wir haben "das Korrektiv zum positiven Recht" (S. 34). Nun sucht mal schön recht, könnte man sagen.
Dem widersprechend erkennt er (und da stimme ich zu), "dass es diese Evidenz als in sich ruhende und zuverlässige Grundlage aller Freiheit nicht gibt" (S. 45). Ebenso gibt es auch keine anderen evidenten Werte.
Zu 4) Glaube an Gott als den Schöpfer unerlässlich
Oftmals betont Ratzinger, dass der Vernunft, die vielfach ihre eigenen Grenzen nicht beachtet (bedingungslose Wissenschaftsgläubigkeit, Machbarkeitswahn, etc.), der Glaube an Gott als (moralisches) Regulativ entgegen gestellt werden muß. Ratzinger selbst kommt dieser Vorschlag fragwürdig vor. Er stellt die richtigen Fragen, z.B. ob es angebracht ist, die Religion, die zu Intoleranz und Terror neigt und fähig ist, der Vernunft entgegen zu stellen (S. 32-33). Leider gibt er die falsche Antwort ("Ja!").
Andrerseits kann das Regulativ nicht vom Staat autoritär festgesetzt werden. Der Staat kann nicht bestimmen, was das Gute ist. Die Begründung der Moral muß von anderer Seite kommen.
Man kann diesen Thesen durchaus zustimmen. Viele Gründe sprechen aber gegen Ratzingers Lösung.
  • Als möglicher Kandidat für ein Regulativ bzw. eine Fundamentierung kommt allerlei in Betracht und Ratzinger weiß es. Er schreibt bei den moralischen Grundlagen eines freiheitlichen Staates von der "Verantwortung der Philosophie" (S. 29). Richtig, das ist ein möglicher Gegenkandidat zum Gottesglauben. Aber auch: "die reine Einsicht der Vernunft" (S. 63).
  • Akzeptiert man den Gottesglauben als Fundamentierung der Moral ersetzt man den zurecht beanstandeten Zwang durch den Staat nur durch anderen Zwang, z.B. den Dekalog.
  • Ratzinger erkennt die schlimmen "Pathologien" des religiösen Glaubens in Vergangenheit und Gegenwart. Dieser Glaube ist daher ein denkbar schlechtes Regulativ. Den gefährlichen Al Capone läßt man ja auch nicht von Jesse James bewachen.
  • Die meines Erachtens richtige Vorgehensweise beschreibt der Autor kurz ohne sie aufzugreifen und auszuarbeiten: "Die Prinzipien der Gesellschaft können demnach nicht begründet, nur diskutiert werden. Am Ende muss man darüber entscheiden" (S. 61). So ist es.
Zu 5) Niemand darf entgegen seinem Gewissen handeln
Zum Gewissen hat der Autor eine gut ausgearbeitete Position, die er im Kapitel "Wenn du den Frieden willst ... Gewissen und Wahrheit" (S. 100-122) darlegt. Einem klaren Gewissensspruch muß man immer folgen (S. 101). Lassen wir das so stehen, dann argumentiert Ratzinger weiter und gerät in ein Dilemma:
(1) Das Gewissen ist unfehlbar (deshalb muss man ihm folgen).
(2) Gewissensurteile widersprechen sich.
(3) Andrerseits vertritt Ratzinger aber die Position, es gibt eine moralische Wahrheit; den moralischen Relativismus lehnt er ab.
Die sich widersprechenden Gewissensurteile (nach 2) können nicht alle wahr sein. Was tun?
In einer genialen Argumentation windet sich Ratzinger aus diesem Dilemma. Wie kann man akzeptieren, dass Hitler und andere politischen Verbrecher völlig zurecht gemäß ihrem Gewissen handelten (S. 104)? Ratzingers Lösung liegt darin, dass die Menschen die zu (von außen betrachtet) abzulehnenden Gewissensurteilen kommen, schon früher (bei der Formung ihres Gewissens) gefehlt haben (S. 108). Keinesfalls überzeugend finde ich, dass jeder Mensch die "Wahrheit Gottes" (die moralische Wahrheit) erkennen kann. Wer moralisch falsch handelt, tut dies, weil er sich selbst an dieser Erkenntnis gehindert hat (S. 106-107). Vielleicht ist dies aber nur eine andere Formulierung der Lösung auf S. 108.
Es ist dies – so erkläre ich mir den Sachverhalt – ähnlich wie der Gewalttätige im Alkoholrausch. Dieser sieht sein Unrecht nicht mehr ein, erhält vor Gericht mildernde Umstände (außer im Straßenverkehr). Seine Verfehlung ergibt sich daraus, dass er sich zuvor in diesen enthemmten, willensschwachen Zustand versetzt hat.
An Ratzingers Gewissensauffassung irritiert mich, was ich an der Lage im Dritten Reich erläutern will. Franz Jägerstätter handelte seinem Gewissen gemäß: er verweigerte den Kriegsdienst (zu Jägerstätter siehe Joseph Links). Dem unfehlbaren Gewissen ist zu folgen. Das Gute und Wahre ist identisch (S. 116). Alle anderen, die den Kriegsdienst nicht verweigerten luden damit Schuld auf sich (S. 106): irgendwann vorher müssen sie versagt haben. Ratzinger nennt es "eine gefährliche Erkrankung der Seele" (S. 106) (wobei er mich verwirrt, wie kann eine Erkrankung zur Schuld werden? Vielleicht indem man diese Erkrankung hätte verhindern können?). An anderer Stelle spricht Ratzinger die anderen frei: "Sie haben ganz einfach ihre Pflicht [...] zu tun versucht" (S. 143).
Fazit für mich: Ratzingers Gewissensauffassung mag noch so genial konstruiert sein, mir scheint ein moralischer Relativismus die Dilemmata überzeugender zu lösen.
Ein Manko des Sammelbands Werte in Zeiten des Umbruchs ist, dass Ratzinger einige Grundpositionen voraussetzt und davon – unausgesprochen, unausdiskutiert – ausgeht: es gibt einen Gott, der unsere Welt erschaffen hat; es gibt Werte, die jeder guten Willens erkennen kann; der Mensch als eine Art ist so einzigartig, dass ihm durch den göttlichen Schöpfungsakt ein Wert an sich zukommt.
Andrerseits kann Ratzinger in Vorträgen oder Aufsätzen vor oder für meist katholisches Publikum nicht jedesmal die Grundfundamente der katholischen Theologie erläutern. Der Leser sollte sich dieses Umstands bewußt sein. Wer also über die Werte und besonders ihre Fundierung lesen will, sollte mit diesen Grundpositionen mitgehen. Ansonsten bleibt er fast so ratlos wie vor der Lektüre.
Ein weiteres Manko ist es, dass Ratzinger vieles sagen und schreiben kann, was sich widerspricht oder zumindest nicht zusammen paßt oder nicht zur Lage in der Katholischen Kirche paßt. Wenige Leser merken es, da dem Autor ein Papstbonus zugesprochen wird und von vielen Seiten "brilliante [sic!] Argumentationen", Scharfsinn, "glasklare Stringenz" (aus Besprechungen bei Amazon) zugeschrieben werden.
Ein paar Beispiele
  • Ratzinger sieht den "ehedem mythischen Glanz des Wortes Revolution" verblassen (S. 10). Gleich anschliessend beschreibt er das Gegenteil. Frühere Perioden haben sich für "das Erhalten und das Verteidigen des Bestehenden" eingesetzt; jetzt geht es, "so scheint es, nicht darum, den gegenwärtigen Zustand zu bewahren, sondern darum ihn zu überwinden" (S. 10).
  • Die Unantastbarkeit des Lebens wird verabsolutiert (S. 26). Gemeint ist damit sonderbarerweise nur das ungeborene Leben. Das "geborene" Leben wird nämlich mehrfach relativiert, so wenn Ratzinger dem totalen Pazifismus eine Absage erteilt und für den gerechten Krieg wirbt: es gibt anscheinend Werte (Freiheit, Recht, etc.), die dann über dem Menschenleben stehen.
    – "die Unhaltbarkeit eines absoluten Pazifismus" (S. 124).
    – Recht und Gerechtigkeit können den Einsatz militärischer Mittel rechtfertigen (S. 141).
    – Die deutschen Soldaten haben im Zweiten Weltkrieg "ganz einfach ihre Pflicht" getan (S. 143).
  • Den Dekalog – also die 10 Gebote – sieht Ratzinger als allgemeingültig an: er ist "höchster Ausdruck moralischer Vernunft" (S. 26). Nichts ist Falscher. Das Sabbatgebot (ein Bestandteil des Dekalogs) ist einem Hindu oder Agnostiker wohl kaum Ausdruck moralischer Vernunft. An anderer Stelle besinnt er sich und gesteht die "faktische Nichtuniversalität der beiden großen Kulturen des Westens" (christlicher Glaube; säkulare Rationalität) zu (S. 37).
  • Dem widersprechend ist auch die Ablehnung des Moralischen Relativismus. Untergrabend, sagt Ratzinger, dass die rationale, ethische oder religiöse Weltformel, auf die sich alle einigen, nicht gibt (S. 38). Bravo! Volle Zustimmung.
  • Ratzinger spricht sich dagegen aus, den Glauben zwanghaft aufzulegen. Er solle "auf frei gewonnenen Überzeugungen" beruhen (S. 47). Sein Wort in Gottes Ohr: in der Katholischen Kirche ist die Zwangstaufe üblich.
  • "Wahrheit ist unerreichbar" (S. 53). Dem stimme ich zwar nicht zu: wir können sie wohl erreichen, wissen es aber eventuell nicht. Doch ein paar Seiten weiter liest man: Das Christentum lehrt absolute Wahrheit und Werte (S. 56).
  • Laizistischen Staaten sind, so Ratzinger, "[a]ngesichts der Fragilität der Vernunft" "brüchig und diktaturanfällig" (S. 80). Nehmen wir Frankreich. Wo ist die Dikatur? Hier wurde wohl der Wunsch zum Vater der Behauptung.
Ein drittes Manko scheint mir zu sein, dass die Katholische Kirche aus ihren unrühmlichen (milde gesagt) Verbandelungen mit der Macht und Gewalt in der Vergangenheit zu wenig gelernt hat; diese verdrängt und heute wieder vieles in der Bibel und ihrer Morallehre so hinbiegt, dass es den Herrschenden entgegenkommt.
Dazu zwei Beispiele
  • Obwohl – zumindest aus meiner Sicht – und da bin ich nicht alleine – die Katholische Kirche sich schon mal mit Verbrechern verbündete, beharrt Ratzinger darauf: "es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt" (Röm 13,1; S. 17). "Sofern sie [die Staatsorgane] Frieden und Recht garantieren, entsprechen sie einer göttlichen Verfügung" (S. 18). Eine konkrete Einschränkung nennt Ratzinger: "Wo der Staat das Christsein als solches unter Strafe stellt" (S. 19). Da beißt's aus. Konkret: wenn das Schulgebet verboten wird oder wenn die Kreuze aus den Klasszimmern verschwinden, dann ist Widerstand gegen die Staatsgewalt angebracht. Wenn dagegen Nicht-Christen verschwinden wird ein Konkordat abgeschlossen ratzinger.
  • Zum Dritten Reich: "Einem Verbrecher und seinen Parteigängern war es gelungen ..." (S. 123). Wenn es doch nur 1 Verbrecher gewesen wäre. Nein, lieber Ratzinger, es waren viele.
Lavieren und Splitter sehen (Mt 7,3)
Ein Problem – nicht nur der Katholischen Kirche – ist es, dass einerseits Praktiken der religiösen Splittergruppen vermiest werden müssen (damit der Zulauf zu diesen Gruppen eingedämmt wird), andrerseits dieselben Praktiken bei der eigenen Kirche natürlich einwandfrei sind. Ähnliches gilt auch gegenüber anderen großen Religionen: es werden zunächst Allianzen mit dem Judentum, dem Islam usw. gesucht (in der Abwehr der Atheisten und Kommunisten; die für Ratzinger eh identisch sind), dann aber gilt es wieder zu differenzieren und auf Extra ecclesiam nulla salus (siehe Joseph Links) zu bestehen. Dies ist schon eine Vorstufe zur Joseph Kuckuckstaktik.
Wer – beispielsweise – im Hinblick auf das mit dem Kometen kommende Raumschiff sich in einer Sekte zusammenschließt, fällt unter das Verdikts des Apostels Paulus: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen" (2 Thess 3,10; S. 19). Hier blendet Ratzinger zahlreiche christliche Orden aus, die ihr Leben voll in die Erwartung der Wiederkunft des Herrn stellen (siehe Bettelorden unter Joseph Links).
Die Heilsverheißungen der Nationalsozialisten und Kommunisten verurteilt Ratzinger – zurecht; ich stimme zu – an vielen Stellen (S. 22). Da das Christentum auf eine Heilsverheißung ausgerichtet ist, muß Ratzinger den "U-Turn" schaffen. Das Heil der Christen ist nicht von dieser Welt. Allerdings sehe ich da für das diesseitige, derzeitige Leben und Verhalten nicht den großen Unterschied. Das Christentum macht sich damit immun gegen Widerlegung und legimitiert ein Leben, ausgerichtet auf das verheißene Heil.
"Viele Gottheiten der Religionen der Welt sind schrecklich, grausam, egoistisch oder undurchschaubar, gemischt aus Gutem und Bösem" (S. 148). Wie wahr! Der Gott der Bibel und der Christen hat all diese Eigenschaften. In Ratzingers Befund ist das "oder" durch "und" zu ersetzen, damit es auf den Christengott paßt.
Kuckuckstaktik
Mehrfach wendet Ratzinger eine Taktik an, die ich "Kuckuckstaktik" nenne. Man trifft sie sehr oft in theologischen Exkursen. Zunächst wird ein Begriff oder ein Sachverhalt in Frage gestellt oder schlecht gemacht oder gar verteufelt: aus dem Nest geworfen. Dann kommt als Rettung der religiöse Glaube ins Spiel. Der Kuckuck wird ins Nest gelegt. Doch nun will man oft auf das zuvor Verteufelte nicht verzichten und holt es mit allen möglichen Tricks wieder an Bord.
Typisches Beispiel für diese Taktik ist andrerorts der Angriff auf die Wissenschaft (bei Ratzinger in geringerem Umfang an mehreren Stellen vor allem aber unter "Fortschritt" und "Wissenschaft", S. 23-24). Dem Wissenschaftler oder Anhänger einer fortschrittsgläubigen Wissenschaft wird das Zugeständnis abgenommen, dass alles nur Vermutungswissen ist, alles nur Wahrheitsanspruch innerhalb bestimmter Theorien hat. Es gibt keine unumstößlichen Fundamente. Wenn man das anerkannt hat (und wer täte es nicht?), dann wird als Variante der Gottesglaube (wenn's um Evolution geht, kommt der Kreationismus als gleichwertige Theorie in Frage; siehe Evolution – Intelligent Design – Kreationismus unter Joseph Links) in die Diskussion geworfen. Dabei geht es nun plötzlich um unumstößliche Wahrheit (S. 56; ein recht häufiger Begriff im vorliegenden Buch).
Ein anderes Beispiel für die Kuckuckstaktik ist die Vernunft.
Moralischer Relativismus
An vielen Stellen wendet sich Ratzinger gegen einen Moralischen Relativismus (siehe Joseph Links). Dieser bestreitet die Objektivität moralischer Aussagen und geht von einer grundlegenden Relativität der Werte und Normen aus. Manchmal kann Ratzinger den (zeitlichen) Moralischen Relativismus nicht verbergen.
"Es gibt heuer einen veränderten Wertekanon" (S. 25). Das alleine spricht für (Teil-)Relativismus; da Ratzinger mit Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung für diesen Kanon zentrale Werte nennt, spricht diese Feststellung des veränderten Wertekanons für einen heftigen Relativismus.
Auf Seite 50 stellt Ratzinger der Position eines moralischen Relativismus eine aller Politik oder Mehrheitsenscheidung vorangehende Wahrheit gegenüber. Mit der Wahl des Wortes "Wahrheit" suggeriert der Autor bereits, es gäbe eine (überprüfbare) objektive moralische Wahrheit. Eine weitere Begründung folgt zunächst nicht und wird dann auf dem Naturrecht aufgebaut.
Naturrecht
Das Naturrecht ist ein durch alle Zeiten schillernder Begriff. Es ist ein allen Menschen mit der "recta ratio" aus der Natur unmittelbar einsichtiges Recht. Es ist damit erstrangige Rechtsquelle, allem anderen Recht vorausgehend und übergeordnet und dient zur Legitimierung des positiven Rechts. Das positive Recht erhält seine Verbindlichkeit gerade durch die Übereinstimmung mit dem Naturrecht.
Was das Christentum konkret darunter versteht (wohl die Menschenwürde; aber ist das alles?) ist mir nicht klar und geht auch aus Ratzingers Ausführungen nicht hervor.
Der Autor meint, das Naturrecht sei nicht mehr allen unmittelbar einsichtig. (Aha! Damit ist es wohl weg vom Fenster.) Es wird als "eine katholische Sonderlehre" betrachtet (S. 25).
  • Naturrecht ist eine philosophische Richtigung, ausgehend von der Naturphilosophie der Vorsokratiker. Es entschwand nie aus der philosophischen Diskussion. Insofern ist "katholische Sonderlehre" anmaßend. Robert Spaemann, Philosoph und prinzipiell dem Papst wohl gesonnen, sieht das ebenfalls anders. Für ihn umfasst das Naturrecht „die vornehmste Rechtstradition Europas, in der sich die Erkenntnisse »Jerusalems, Athens und Roms« verbunden haben. Nach dieser Sicht ist es so, dass es das Rechte und Falsche einfach gibt, in der großen Natur ebenso wie in der Natur des Menschen, und dass es sich mit Vernunft erkennen lässt.“ Spaemann"Alle dürfen mehr als der Papst", Welt Online, 30.9.2011
  • Das Naturrecht war und ist umstritten. Viele sehen durch einen Blick in die Natur oder durch ein Studium der Natur keine unmittelbaren moralischen Grundsätze. Von Evidenz (allen einsichtig) kann nicht geredet werden. Daraus zieht Ratzinger den falschen Schluß: die "recta ratio" scheint nicht mehr zu antworten (S. 25). Nein: vernünftige Menschen können in der Natur keine Moral erkennen. Man lese dazu über den Naturalistischen Fehlschluss , siehe Joseph Links .
  • Richtig bemerkt Ratzinger, dass die Annahme, dass die Natur selbst vernünftig sei (eine wesentliche Voraussetzung für das Naturrecht, so Ratzinger S. 35), mit der Evolutionstheorie "zu Bruche gegangen" ist.

Vermischtes
  • Evidenz verwendet Ratzinger (ähnlich wie Kardinal Christoph Schönborn in einer Fehlübersetzung des englischen "evidence"; siehe Joseph Christoph Schönborn) irreführend. Wenn etwas nicht von allen Kulturen anerkannt ist, kann es sich um keine Evidenz handeln (S. 31, 33, 64). Später gibt es steigernd die reine Evidenz (S. 45).
  • Geistige Strömungen oder Richtungen, die dem Autor nicht behagen sind an allerlei Stellen abwertend "Ideologien2.
  • Die Evolutionstheorie betrachtet Joseph Ratzinger – so lese ich es heraus – immer noch sehr skeptisch. Sie warf (wie bedauerlich!) die Idee des Naturrechts über den Haufen (S. 35). Er verweist auf das Evolutionslehrbuch mit stark kreationistischem Einschlag von Reinhard Junker und Siegfried Scherer (Fußnote 2, S. 35). Joseph Rezension Reinhard Junker, Siegfried Scherer: Evolution. Ein kritisches Lehrbuch. Den Zufall in der Evolution attributiert Ratzinger mit "irrational" (S. 94). Das tun meist notorische Gegner der Evolution. Da müßte der Autor schon sagen, was er damit meint. Der Zufall ist in dem Sinne irrational wie es auch beispielsweise ein Wasserstoffatom oder die Primzahl 7 ist. Indirekt zeigt Ratzinger die von mir vermutete Ablehnung der Evolution.
    1) Es gibt einen absoluten Wertekanon (Hauptthese 3b; siehe oben)
    2) "In einer evolutionär gedachten Welt ist auch von selbst einsichtig, dass es absolute Werte [...] nicht geben kann, sondern die Güterabwägung den einzigen Weg moralischer Normenfindung darstellt" (S. 95).
    Daraus folgert man: Ratzinger denkt sich die Welt nicht evolutionär, ansonsten müßte er seine Hauptthese 3b aufgeben. Andrerseits gibt er im Zitat genau den Weg der Vernunft vor, den sie zur Normenfindung einschlagen muß und kann. Er wird an anderer Stelle mehrfach verneint und dann der religiöse Glaube ins Rennen gebracht (siehe Joseph zu 4).
  • Entgegen der behaupteten Evidenz des Naturrechts und der angeblich festgestellten Fraglichkeit der relativistischen Position (S. 54) meint Ratzinger an anderer Stelle wieder, dass die Werte und Prinzipien der Gesellschaft nicht begründet werden können; sie könne nur diskutiert werden. Sie werden vom "moralischen Glauben erkannt" (S. 61). Daran ist Mehreres unklar.
    a) Über was soll man diskutieren, wenn nicht über gute oder nicht so gute Gründe für Werte oder deren Priorisierung?
    b) Die beste Begründung wäre ja mit der jedem Vernünftigen zugänglichen Einsicht (Evidenz) in natürliche Werte. Zählt das nicht als Begründung oder gibt der Autor nun das Naturrecht preis?
    c) Durch einen Glauben, gleich welcher Art, wird nichts erkannt, sondern man glaubt einen ansonsten nicht erkennbaren Sachverhalt.
  • Eurozentrismus. Die Ausweitung Europas nach Amerika und Asien "ohne große Kultursubjekte" (S. 77) zeigt wenig Achtung vor der Kultur der indigenen Völker jener Kontinente. Besonders peinlich wird es, wenn man bedenkt, wie gerade die katholischen spanischen Konquistatoren und die katholischen Ordensleute dort vieles zerstörten und niedermetzelten.
  • Ratzinger versteigt sich dazu, dass dem Nicht-Gottesgläubigen die Ehrfurcht vor dem Heiligen und vor Gott zumutbar ist (S. 87). Das ist wohl abwegig. Warum soll ich vor Allah, Wotan oder Erzengel Michael – von allen bin ich überzeugt, dass es sie nicht gibt – Ehrfurcht zeigen? Der Autor selbst billigt auf der nächsten Seite zu, dass diese Ehrfurcht nur möglich ist, wenn einem das Heilige nicht fremd ist (S. 88). Damit stellt er eine Forderung, die nicht erfüllbar ist. Jedes Soll (hier: "Ehrfurcht zeigen") bedingt aber das Können (das spricht Ratzinger denjenigen abseits vom Gottesglauben ab).

Fazit
Diese Sammlung von Reden und Aufsätzen ist inhaltsreich. Autor Ratzinger geht von allerlei Annahmen aus, die ihm nicht mehr als solche bewußt sind und die man nicht teilen muß. Dass er vieles weder erläutert noch begründet liegt am Charakter der Texte: er wandte sich damit großenteils an Christen.
Im Verhältnis Religion und Kirche versus Staat weist Ratzinger auf wichtige Punkte hin. Zum Gewissen zeigt er eine fein ziselierte Argumentation.
Dass seine Ausführungen viele Ungereimtheiten enthalten (wie die genannte Priorisierung des ungeborenen Lebens; an anderer Stelle die Abwägung des geborenen Lebens gegen andere Werte) liegt wohl an seiner jahrzehntelangen "Betriebszugehörigkeit". So ist das Buch weniger eine Richtschnur um die Herausforderungen der Zukunft zu bestehen (wie der Untertitel verheißt), als ein Lehrbuch zur Verabsolutierung der eigenen Position. Doch genau das ist ja ein Merkmal der Pathologie der Religionen und ihrer Würdenträger und daher zu erwarten.
Joseph Anfang
Allgemeine Ergänzung
Angesichts seiner Position als oberster politischer Führer eines der beiden "Gottesstaaten" (Islamische Republik Iran, katholischer Vatikan; papstWikipedia; vor Gottesstaaten warnt der papstVerfassungsschutz NRW) und als oberster Herr aller Katholiken (über 1 Milliarde weltweit, papstkathpedia) wird Joseph Ratzinger als Theologe und Denker überschätzt. Joseph Ratzinger war Dekan des Kardinalskollegiums und Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und damit direkter Nachfolger der Inquisition. Zu seinem 75. Geburtstag stellte er ein Rücktrittsgesuch, das von Karol Woityla (Papst Johannes Paul II.) abgelehnt wurde. Während Ratzinger sich mit 75 Jahren als nicht mehr kardinals- geeignet einstufte, war er zwei Jahre später papst-geeignet.
Ratzingers Biografie Jesus von Nazareth stand ob solch großer Devotheit monatelang in den Bestsellerlisten Deutschlands. Dazu zwei Stimmen:
Kardinal Karl Lehmann: „Der Papst hat ein sehr umsichtiges und bedächtiges, abgewogenes und feinsinniges, ausgesprochen stilles und nüchtern begeisterndes Buch geschrieben, das viele auf den Weg Jesu mitnehmen möchte und gewiss auch mitnehmen wird.“ lehmannPapst stürmt Bestsellerliste FAZ 16. April 2007
Literaturkritiker Denis Scheck: „In seinem wirren, weil unstrukturierten und auch sonst recht flachen Buch über Jesus ...“. Büchermarkt, DLF 3.8.2007
Wer viel Zeit hat und wen die Biografie des Religionstifters interessiert, der möge sie selbst lesen und urteilen, siehe unter ratzinger Literatur.
Zur Ergänzung sei als Gegengift empfohlen:
Gerd Lüdemann: Das Jesusbild des Papstes
Hubertus Mynarek: Papst-Entzauberung, beide sind unter ratzinger Literatur zu finden.
Journalist Wiglaf Droste über Papst Benedikt XVI.:
„Der Katholizismus und sein Hauptdarsteller haben außer Macht und Machtdarstellung nichts zu bieten. Ich habe allerdings den Fehler gemacht, die Schriften Benedikts zu lesen, und die sind von geradezu unheimlicher und auslöschender Dummheit. Aus dem Papst spricht naturgemäß eine gewisse Kirchengelehrtheit, aber sein Stil ist die reine Rechthaberei, er heideggert ungeheuer herum“ – "Versage und schreibe", SZ, 7.1.2012, S. V2/4
Vergleichsliteratur
Albert Albert, Hans: Joseph Ratzingers Rettung des Christentums: Beschränkungen des Vernunftgebrauchs im Dienste des Glaubens
Joseph Dawkins, Richard: The God Delusion
Joseph Düwell, Marcus, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner, Hg.: Handbuch Ethik
Joseph Harris, Sam: The End of Faith. Religion, Terror, and the Future of Reason
Joseph Martini, Carlo Maria, Umberto Eco: Woran glaubt, wer nicht glaubt?
Intoleranz Päpstliche Intoleranz
Joseph Ratzinger, Joseph, Paolo Flores d'Arcais: Gibt es Gott? Wahrheit, Glaube, Atheismus
pinochet Rezensionen politischer und verwandter Bücher
pinochet Weiterführende Literatur
Links
RatzingerAuszüge aus dem neuen Buch von Joseph Ratzinger (3sat)
Rezensionen
RatzingerVerlag Herder
RatzingerPerlentaucher
RatzingerUwe Justus Wenzel, NZZ 30.4.2005
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Bettelorden: RatzingerKathpediaRatzingerLexikon Kirche & ReligionRatzingerMönchtum im Abendland
RatzingerWikipedia
Joseph Evolution – Intelligent Design – Kreationismus
Joseph Extra ecclesiam nulla salus
Joseph Franz Jägerstätter
Joseph Naturalistischer Fehlschluss
Posener Posener, Alan (2009): Benedikts Kreuzzug: Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft
Joseph Religiöser Glaube und Vernunft – Faith and Reason
Joseph Zitate von und über Joseph Ratzinger aka Benedikt XVI.
Literatur
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ratzinger RatzingerJoseph Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen. Freiburg: Herder, 2005. Taschenbuch: 156 Seiten ratzinger
Joseph Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen. Steinbach Sprechende Bücher 2006. 4 Audio CDs, Specher: Edgar M. Böhlke Ratzinger
jesus jesus Joseph Ratzinger aka Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Freiburg: Herder, 2007. Gebunden corell
Richard Corell, Ronald Koch: Papst ohne Heiligenschein? Joseph Ratzinger in seiner Zeit und Geschichte. Zambon 2006. Broschiert, 340 Seiten Ratzinger
kissler jesus Alexander Kissler: Der deutsche Papst. Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat. Freiburg: Herder, 2005. Gebunden, 192 Seiten. Besprechung zu Kissler Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam jesus
Gerd Lüdemann: Das Jesusbild des Papstes. Über Joseph Ratzingers kühnen Umgang mit den Quellen. Zu Klampen 2007. Gebunden, 157 Seiten Ratzinger
mai jesus Klaus-Rüdiger Mai: Benedikt XVI. Joseph Ratzinger: sein Leben - sein Glaube - seine Ziele. Lübbe 2005. Gebunden, 255 Seiten. 2., Aufl. mynarek
Hubertus Mynarek: Papst-Entzauberung. Books on Demand 2007. Gebunden, 288 Seiten mynarek
Nuzzi Nuzzi Gianluigi Nuzzi: Seine Heiligkeit: Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI. Enrico Heinemann, Walter Koegler, Christiane Landgrebe, Übs. Piper, 2012. Gebunden, 416 Seiten Politi
Marco Politi: Benedikt: Krise eines Pontifikats. Rotbuch, 2012. Gebunden, 544 Seiten Politi
Joseph Anfang

Ratzinger
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