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Kissler
Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam
München: Pattloch, 2008. 287 Seiten – Kissler LinksKissler Literatur
Vorbemerkungen
Für den schnellen Überblick lese man die Zusammenfassung (Kissler Fazit); dann erübrigt sich für manche Leser eine lange Auseinandersetzung mit dem reichhaltigen Gedankenkuddelmuddel in Der aufgeklärte Gott. Da religionsbejahende und katholische Werke gerne lobend ins Blickfeld der öffentlichen Diskussion kommen (dafür sorgen – ohne Kritik daran zu üben – katholische Verlage, Bibliotheken und Bibliotheksdienste), gehe ich hier ausführlicher als verdient auf den aufgeklärten Gott ein. Trotz des unstrukturierten Vorgehens des Autors versuche ich diese Besprechung zu gliedern.
Ich habe die Thesen, die Alexander Kissler insbesondere aus The God Delusion nennt, nicht im einzelnen überprüft; zum Teil deshalb, weil er sie nicht mit Seitenangaben belegt hat. Ich gehe von der journalistischer Korrektheit des Autors aus.
Gliederung
Erwartung
Inhaltliche Übersicht
Glaubensargument
Kisslers Position
Kuckucksmethode
Begleitende Strategie zur Kuckucksmethode
Schiefe Blickwinkel, blinde Flecken und fehlerhafte Argumente mit:
Nächstenliebe - Uralte Thesen - Argument mit der Religion oder Nicht-Religion von Wissenschaftlern - Die Vorkämpfer der Aufklärung waren gottesfürchtige Menschen - Diffamierung der Evangelisten - Aktueller Extremismus aus dem Nahen Osten - Privilegien der katholische Kirche - schwammige Vorstellung von Vernunft - Determinismus und Willensfreiheit - Zuspitzung der Aufklärung führt in den Antisemitismus - Ungültige Argumentationen - Die Beweislast für Existenzbehauptungen - Bibel als Unsinn - Zwang - Fragen, die Kissler stellt und unbeantwortet läßt - Übernahme der Menschenrechte - Menschenwürde - Frauenverachtung - Widersprüche

Historische Blindheit oder historischer Relativismus mit:
Blinde Flecken bezüglich der Kluft von Praxis und Theorie der katholischen Kirche - Kritiker wie Hans Küng und Eugen Drewermann - Verbindungen und Verbandelungen Staat und Kirche - Wissenschaft und Glaube - Sinn des Lebens - Historischer Relativismus

Gute Aussichten
Unklarheiten
Mangelnde Seriösität
Fazit
Links
Literatur
Dabei lasse ich – damit die Besprechung nicht überbordet – vieles unerwähnt, das für ein Buch, das offensichtlich mit heißer Nadel gestrickt wurde um möglichst schnell am Markt zu erscheinen, zu kleinlich wäre.
Erwartung
Man liest ein Buch immer mit einer gewissen Erwartung, die sich aus mehreren Quellen speist: Autor, Buchtitel, Besprechung in den Medien und dem Anspruch des Autors selbst.
Vom Journalisten und Autor erzkatholischer Bücher Alexander Kissler (siehe sein früheres Werk zu Joseph Ratzinger unter Kissler Literatur) erwartete ich
a) ein pointiertes, wohl fundiertes Werk über den Zusammenhang Religion, Vernunft und Aufklärung. Vom Klappentext und den Buchankündigungen her erwartete ich
b) „eine leidenschaftliche Antwort auf alle Verächter des Glaubens und der Vernunft“ und
c) „eine erste Auseinandersetzung mit den »Neuen Atheisten«.
Meine Erwartungen wurden großenteils nicht erfüllt, ja schwer enttäuscht. Teilweise merkte ich, dass meine Erwartungen falsch waren. Schon der Buchuntertitel gibt Möglichkeiten der Auslegung. Meine zeigt sich in der Erwartung a). Kissler meint mit „wie“ (in: "Wie die Religion zur Vernunft kam") nicht vornehmlich den Zusammenhang zwischen Glaube und Vernunft, sondern den zeitlichen Ablauf und er gibt daher einen historischen Abriss. Zu b) ergeben sich die Schwierigkeiten,
• dass Verächter der Vernunft oft auch die am eifrigsten Glaubenden sind; ansonsten würden diese Menschen (ohne Vernunft oder ersatzweise Glauben) völlig in der Luft hängen.
• Umgekehrt verachten viele Gläubigen die Vernunftmenschen.
Die Gründe dafür sind vielfältig:
• instinktiv erkennen sie in jenen ihre "natürlichen Feinde";
• durch den Glauben haben sie einen Zugang zur Welt, den die Vernunft gefährdet;
• Die Vernunft ist überflüssig, da der Glauben ihnen alles bedeutet.
Inhaltliche Übersicht
Überwiegend behandelt der Autor die Kirchenväter (Thomas von Aquin u.a.) und die Kirchenkritiker der letzten 2000 Jahre. Da bekommen die »Neuen Atheisten« nur einen kleinen, den 2000 Jahren entsprechenden Anteil. Insofern wird Erwartung c) nur teilweise (vom Umfang her) erfüllt; eine argumentative Auseinandersetzung fehlt so gut wie ganz. Eine Hauptthese (ist es die Hauptthese?) von The God Delusion nennt Kissler fast am Ende seines Buchs: "Glaube ist genau deshalb bösartig, weil er keine Rechtfertigung braucht und keine Diskussion duldet" (S. 262). Kissler entkräftet sie nirgends, doch kommentiert er sie mit "Sancta simplicitas!" (S. 263). Recht einfach macht sich Kissler die Erklärung des Erfolgs von The God Delusion. Dawkins war schon wegen The Selfish Gene und der darin enthaltenen "abenteuerlichen These" ein berühmter Mann (S. 264). Sancta simplicitas!
Der Gang durch die Kirchengeschichte wäre eine gute Vorgehensweise um die angeblich uralten Argumente zu benennen und ihre Widerlegung in historischer Vorzeit zu zeigen. Beides versäumt der Autor.
Unter »Neue Atheisten« versteht Kissler: Richard Dawkins, Christoper Hitchens, Sam Harris, Michael Schmidt-Salomon. Kissler behandelt ausserdem (noch kursorischer) Daniel Dennett, Karlheinz Deschner, Joachim Kahl, Eugen Drewermann, Paul Schulz, Gotthold Hasenhüttl, Hans Küng.
Zu einigen der »Neue Atheisten« findet man unter Kissler Links Hinweise auf Besprechungen.
Glaubensargument
Unter „Glaube“ verstehe ich hier immer einen religiösen Glauben (außer es wird ausdrücklich anders gesagt).
Die verschiedenen Bedeutungen von „Glauben“ werden in Diskussionen über Glaube und Vernunft oft (absichtlich) vermengt; auch von Kissler, siehe GlaubensargumentGlaubensargument.
Noch etwas erweckte beim Buchkauf falsche Erwartungen. Es geht Kissler ganz überwältigend nicht um Religion, sondern um die katholische Religion, also um eine der vielen Christentümer (diesen Plural übernehme ich von Prof. Friedrich Wilhelm Graf: „Glücklicher ohne oder mit Gott?“, SWR2 Aula 23.3.2008).
Im Gegenteil: Kissler kritisiert an den »Neuen Atheisten«, dass sie oft Beispiele aus religiösen Randgruppen anführen, die für die katholische Kirche nicht zutreffen.
In Kisslers historischer Abhandlung muß man »wie die Religion im Laufe der Jahrhunderte zur Vernunft kam«, zwischen den Zeilen lesen. Das hängt mit seinen Grundannahmen (Kissler Kisslers Position) und seiner Vorgehensweise (Kissler Kuckucksmethode) zusammen. Die durch den Klappentext suggerierte Erwartung: "Eine leidenschaftliche Antwort auf alle Verächter des Glaubens und der Vernunft" wird nicht erfüllt. Dass der Autor selbst dies nicht wahrnimmt, ist durch seine Grundannahmen (Kissler Kisslers Position) verständlich. Die Schnittmenge der Verächter des Glaubens und der Vernunft ist extrem gering. Nur wenn man Glaube und Vernunft gleichsetzt (wie es Kissler macht) ist das anders. Die Adressaten Kisslers sind daher nur wenige, außer er / man interpretiert das „und“ als „oder“. Keinesfalls sollten es aber offensichtlich vernünftige Gläubige lesen (sie verachten weder Glaube noch Vernunft).
Kisslers Position
  Gleich im ersten Satz läßt Kissler die Katze aus dem Sack: nur der Glaube kann die Vernunft zu sich selbst befreien. Wie soll man diesen kryptischen Satz auffassen? Wohl doch so: ohne Glaube ist die Vernunft keine eigentliche, richtig verstandene Vernunft. Er spricht also den religiös Ungläubigen die richtige, befreite Vernunft ab. (Die bekannte katholische Haltung »Extra ecclesiam nulla salus« bricht durch, siehe Kissler Links.) Wie so vieles, bleibt diese These unbegründet, wenn man nicht Kisslers erzkatholische Position übernimmt (dann erübrigt sich eine Begründung).
Diese umfasst (unvollständige Aufzählung):
• die Menschenwürde ist für alle Homo sapiens betoniert. Ab wann das gilt (Befruchtung? Samenerguss?), darauf legt sich Kissler nicht fest; klar auch, dass er andere Antworten auf diese Frage nicht einmal ins Auge fasst (Kritik dieser Position: Kissler Menschenwürde).
Klar auch, dass Kissler auf die Ungereimtheiten der katholischen Position nicht eingeht:
• das ungeborene Leben steht nicht zur Diskussion; wohl aber das geborene, siehe Militärgeistliche, »Bellum Justum«, Exorzismus (Kissler Links);
• die katholische Zwangstaufe wird nicht bei der (angenommenen) Menschwerdung ausgeübt sondern erst nach der Geburt; also viel zu spät. Neun Monate lang verweigert man dem Menschen das Sakrament der Taufe.
• alle päpstlichen Positionen sind einzuhalten, außer sie liegen schon ein paar Jahre zurück; insbesondere also sind die Ansichten von Karol Wojtyla aka Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger aka Benedikt XVI. anzuerkennen.
Relativismus in jeder Ausprägung ist Kissler ein Dorn im Auge (außer er braucht ihn zur Kritik an den »Neuen Atheisten«). Ob er hier nur Joseph Ratzinger nacheifert ist schwer zu sagen. Die katholische Kirche ist mit ihrem Anspruch der alleinseligmachenden Kirche (»Extra ecclesiam nulla salus«, siehe Kissler Links) ein Hort gegen jeden Relativismus. Verkannt wird dabei u.a., dass vieles in der Bibel (Steinigung, Menschenopfer, Vorhäute sammeln etc.) inzwischen auch von der offiziellen Kirche relativiert oder abgelehnt wird. Ein Wandel in den ethischen Positionen fand statt: kämpfte die Kirche früher gegen die Menschenrechte, bekennt sie sich derzeit – zumindest verbal – dazu. Vieles kann verschieden gesehen werden. Die einen heiligen Rinder, die anderen essen kein Schweinefleisch, wieder andere freitags kein Fleisch außer Fisch.
Mit diesem Anti-Relativismus wird auch Kisslers harte und ausführliche Attacke gegen Gotthold Ephraim Lessing und speziell dessen “Nathan der Weise” verständlich (S. 96-110).
  Im Zusammenhang mit Lessing kommt ein häufiger (hier sogar: mehrfacher) Widerspruch zu Papier.
• Die Vernunft wird entwertet, da sie begrenzt ist und schließlich nicht alles beantworten kann (wer wollte da nicht zustimmen?). Die Vorstellung, dass die Welt vollständig begreifbar sei, wird gebrandmarkt (S. 130). Deshalb sind auch die wissenschaftlichen Theorien nur Hypothesen (Kissler, wie Robert Spaemann (siehe Kissler Literatur), schieben die „Schuld“ Galileo Galilei (Kissler Links) zu: er versäumte es, seine Theorie als hypothetisch zu deklarieren. Er konnte – so Kissler - seine Theorie nicht beweisen; S. 190. Vielleicht nur deshalb nicht, weil sich die Kardinäle weigerten, durchs Fernrohr zu schauen?). Wenn der Wissenschaftler demütig zugestanden hat, dass es in der Naturwissenschaft keine (letzten) Beweise gibt, wird weiter diskutiert.
• Irgendwann tischen die Gläubigen dann genau die entgegengesetzte Ansicht auf. Im religiösen Bereich gibt es doch Wahrheiten (Jesus ist die Wahrheit; unser Denken kann nicht auf der Unerkennbarkeit von Wahrheit beruhen, S. 106). Selbstverständlich vertreten genau die Gläubigen die richtige religiöse Wahrheit. Wenn man darauf hinweist, dass damit alle anderen Religionen als unwahr entlarvt (diskriminiert) werden, folgt oft der Hinweis, es gäbe mehrere Wahrheiten. Abgesehen davon, dass dies arg diskutabel wäre, ist es ein starker Relativismus, der ansonsten so vehement abgelehnt wird.
• Der nächste Dreh folgt, wenn jemand in der ethischen Diskussion darauf verweist,
• man könne letztlich nur im Diskurs herausarbeiten, wann das Menschsein beginne;
• was gut oder böse, falsch oder wahr sei, müsse jeder selbst beantworten.
Dann bekrittelt Kissler das als „wohlfeilen Hinweis“, (S. 105).
• Hierzu wartet Kissler mit einem weiteren besonderen Dreh auf. Nachdem man gemeinsam festgestellt hat, dass es lückenlose Beweise in der Naturwissenschaft nicht gibt, gesteht der Autor zu, dass Beweise auch im katholischen Glauben nichts mehr zu suchen haben. Und jetzt der Hammer: ganz anders sieht es mit dem Wahrheitsanspruch aus. Dessen Aufgabe durch viele Bischöfe und Theologen beklagt er (S. 144).
• Man sitzt in der Falle: für naturwissenschaftliches Wissen gestand man den vorläufigen Status zu; für ethische Entscheidungen oder religiöse Glaubensgrundsätze wird Wahrheit reklamiert. Damit stehen empirisch bestens bewährte Aussgen im Status weitaus wackliger da, als Wissen über Hölle, Engel und Teufelsaustreibung.
  • Kissler lässt kein gutes Haar an nicht-katholischen Weltanschauungen (Kritik an Luther oder am Pantheismus Goethes usw.), weist jeglichen Relativismus brüsk ab. Die Ablehnung konkurrierender Weltanschauungen durch die »Neuen Atheisten« dürfe man keinesfalls mit Toleranz verwechseln (S. 114). Damit gilt das Attribut "intolerant" verstärkt für seine Haltung!? Keine Seite weiter tadelt Kissler den Mönch von Werkmeister ob seinem Buch Über die christliche Toleranz. Der Mönch wagte es Religion sehr weit als Sammelbegriff für Tugenden aufzufassen. Da wären ja selbst tugendhafte Protestanten noch zu tolerieren. Das geht Kissler offenbar zu weit. Werkmeisters Jesusbild mangle es an Konturen (S. 116).
• Obwohl Kissler es gelegentlich abstreitet, verfällt auch er in die durch nichts zu rechtfertigende Annahme: keine Religion (Kissler meint es wohl noch enger: kein Katholik), also keine Moral. Alles ist erlaubt (S. 18-19). Siehe dazu KisslerUngültige Argumentationen.
• Wenn säkulare Kräfte in ein Gremium berufen werden, wie in die Ethikkommission Deutschlands, dann wird es zu einem Gremium, dass verhindern soll, „dass es allzu moralisch zugeht“ (S. 19). Das hängt auch wieder mit Kisslers Ablehnung des Relativismus zusammen: wer andere ethische Positionen als seine vertritt, verhindert die Durchsetzung seiner Position. Damit hat er recht. Doch wir leben in einer pluralistischen Welt und es gilt nicht nur, was der Papst sagt. Ein Lob der Aufklärung.
• Aus Kisslers Position und Weltsicht resultieren zahlreiche schiefe Winkel und blinde Flecken
(kisslerSchieflagen).
Kuckucksmethode
Mit „Kuckucksmethode“ bezeichne ich das folgende Vorgehen, das freilich nicht nur Kissler verwendet.
• Zuerst wird der Glaube auf Augenhöhe mit der Vernunft gebracht, beispielsweise durch die Behauptung im ersten Satz, nur durch den Glauben wird die Vernunft „befreit“.
• Dann folgt der Nachweis, dass die Vernunft nicht genügt, da sie nicht alles beantworten kann; also muß man die Antworten auf diese Fragen einfach glauben. Für diese Antworten braucht man die Vernunft also nicht mehr; sie wird überflüssig.
Ein Beispiel:
Der Materialist (gerne wird hier die politisch negative Konnotation zum Materialismus mitgenommen, statt vom Physikalisten oder Monisten zu sprechen) wird gefragt: „Nun, was ist eigentlich Materie?“ oder „Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts?“
Der Materialist bleibt die Antwort schuldig.
Der Gottesgläubige triumphiert und zieht den Trumpf: „Gott!“
Die Nachfragen: „Was ist eigentlich Gott?“ und „Warum ist Gott und nicht vielmehr keiner?“ werden als unzulässig abgelehnt.
Kisslers (unterstellte) Frage an etlichen Stellen im Buch ist: „Das Universum kann nicht durch Zufall entstanden oder einfach so da sein. Wie aber sonst?“ Seine Antwort: „Gott“ provoziert sofort: „Gott kann nicht durch Zufall entstanden oder einfach so da sein. Wie aber sonst?“ Doch diese notwendige Folgefrage (notwendig deshalb, weil man ja zuerst eine Antwort auf die erste Frage als unausweichlich annimmt) stellt Kissler nicht.
• Wenn man so weit ist, kann man Glaube mit Vernunft gleichsetzen und braucht die Vernunft per se nicht mehr: sie ist quasi im Glauben enthalten, wird mit ihm ins Nest geliefert. Letzlich ist ja auch die Vernunft eine Sache des Glaubens (S. 148). Kuckucksmethode vollzogen.
Allerdings erkauft Kissler mit der Kuckucksmethode ein großes Manko für seine Position: immer wenn er die Vernunft kritisiert (unzulänglich, ...) wirft das bei Gleichsetzung Glaube = Vernunft auch tiefe Schatten auf den Glauben.
Begleitende Strategie zur Kuckucksmethode
Kissler bauscht die Vernunft zur Religion auf, unterstellt ihr Dogmatismus und Kritikfeindlichkeit (S. 14). Damit bewirkt er zweierlei:
1) dann sind beides beliebig austauschbare Weltanschauungen. Nach der Methode George W. Bush zu Intelligent Design und Evolution (Kissler Links): „Why don't we teach both?“
Bei Kissler werden Evolutions- und Relativitätstheorie (sind ja letztlich nur Glaubenssache) und Auferstehung und Schöpfung zu gleichwertigen Ansichten (S. 148) glaube.
Siehe dazu genauer unter KisslerUngültige Argumentationen.
2) die eigentliche Bremse ist ja die Vernunft, da im Gegensatz dazu die Religionen so weltoffen sind.
Schiefe Blickwinkel, blinde Flecken und fehlerhafte Argumente
Nächstenliebe
Gegen Michael Schmidt-Salomon und für das Christentum führt Kissler an, es habe die Nächstenliebe hervorgebracht (S. 160). Das mag ja sein, doch wie? Durch Rekurs auf sich selbst, also blankem Egoismus! Beispielsweise: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ Mt 7,12 und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ Mt 19,19.
Den Bezug aus eigene Ich verteufelt Kissler andrerseits an vielen Stellen in seinem Buch.
Zudem wird die Nächstenliebe von Christen kaum praktiziert: "Christianity might be a good thing if anyone ever tried it“ witzelte George Bernard Shaw (Kissler Zitate).
Uralte Thesen
Ein beliebter Vorwurf gegenüber religionskritischen Vorwürfen ist: uralte These.
• Besonders Dawkins The God Delusion wurde damit hämisch bedacht. So als ob eine These ein Verfallsdatum hätte.
Auch Kissler bedient sich dieser Methode.
• Die Weihnachtsthese des Spiegels von 2006 sei nicht mehr taufrisch. Und? Wichtig ist: ist sie gut begründet oder nicht? trifft sie zu oder nicht? Zur nicht mehr taufrischen Weihnachtsthese also:
Zum fraglichen Ursprung des Monotheismus oder seinen Anleihen in Ägypten, siehe Jan Assmann unter Kissler Literatur und den Offenen Leserbrief an den Spiegel: "Assmann distanziert sich", siehe Kissler Links.
• Karlheinz Deschners Kritik wird zum Auslaufmodell: lang genug angehört und ausgesessen, also inzwischen verpufft (S. 155).
Aber Argumente zu den uralten, nicht mehr taufrischen Vorwürfen las ich kaum.
 
  Argument mit der Religion oder Nicht-Religion von Wissenschaftlern
„Wer Wissenschaft hat, hat selten Gott“ (S. 203). An anderer Stelle beruft sich Kissler aber darauf, dass die meisten Naturwissenschaftler gläubige Menschen waren. Weder der eine Befund noch der andere spielen bei der Beurteilung Glaube und Vernunft eine entscheidende Rolle; sie wären allenfalls Indizien. Doch man muss sich für einen Befund entscheiden und kann nicht – je nachdem, was man gerade braucht – einmal so, das andere Mal entgegengesetzt befinden.
  Die Vorkämpfer der Aufklärung waren gottesfürchtige Menschen
Diese Feststellung verwendet Kissler um zu zeigen: Aufklärung und Religiösität schließen sich nicht aus. Hier wird übersehen, dass
• durch die Dominanz des Christentums ab der Geburt fast jeder Mensch einer Religion angehörte und selten den Mut hatte, sich davon öffentlich loszusagen (NB: das gilt immer noch), denn ...
• es für viele Aufklärer seit Jahrhunderten gefährlich für Leib und Leben war sich gegen die Religion oder gar gegen die katholische Kirche zu stellen. Kissler selbst führt zahlreiche Beispiele an (Wilhelm von Ockham u.a.), spielt sie aber als Einzelfälle hinunter.
 
Unfreiwillig diffamiert Kissler die Evangelisten. In der Bibel heißt es bekanntlich: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich“ Mt. 12,30; Lk 11,23 (Bibelzitate siehe unter Kissler Links). Eine rigorose Einteilung in Gute und Böse. Diese Haltung nimmt sich der Computerwissenschaftler John McCarthy zu eigen. Er teilt (hier ähnlich dem gläubigen George W. Bush) die Welt in „uns“ und die „anderen“. Kissler straft dieses biblische Denkmuster als „schlechten, alten Imperialismus“ (S. 205). Mir soll's recht sein gute, Matthäus und Lukas können nicht mehr widersprechen.
Aktueller Extremismus aus dem Nahen Osten
Manche – darunter Dawkins – führen den aktuellen Extremismus aus dem Nahen Osten auf Religion zurück (siehe Kampf der Religionen unter Kissler Links). Andere verurteilen dies als zu monokausal und reden vom Kampf der Kulturen. Kissler tadelt die kulturelle Zuschiebung des Extremismus auf die Araber und geht von einem religiösen, hier: islamischen Extremismus aus (S. 205). Der Autor mag da recht haben.
Kisslers historischer Ansatz, wie das Christentum im Laufe der Jahrhunderte zur Vernunft kam, ist nur teilweise berechtigt. Er würde ja bedeuten, dass Christentum und Vernunft seit Jahrhunderten konvergieren oder dass die beiden „Weltanschauungen“ (S. 11) aus verschiedenen Ecken inzwischen zueinander fanden. Beide Ansichten decken sich nicht einmal mit Kisslers eigenem Befund, dass Glaube und Vernunft – wenn nicht gar identisch – ziemlich nahe beieinander liegen.
Kissler sieht manchmal die Privilegien der katholische Kirche (weitere unter Kissler Links), doch oft verkennt er die Boni, die den christlichen Kirchen in Deutschland zukommen. So meint er, dass religionskritische Bücher leichter in die Bestsellerlisten kommen als religiöse oder vernunftkritische (S. 14). Ein Blick in die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch am 11. Mai 2008 erschüttert Kisslers Annahme.
1. Harpe Kerkeling: Ich bin dann mal weg (Christentum)
3. Rhonda Byrne: The Secret - Das Geheimnis (religionsnahe esoterisch)
9. Eva-Maria Zurhorst: Liebe dich selbst (religionsnahes Sinngebungsbuch: „weichspülerhaftes Psychogebabbel“, „aggressiver Predigtton“, so Denis Scheck, Literaturkritiker)
10. Esther Hicks, Jerry Hicks: The Law of Attraction, deutsche Ausgabe (Religion, so hart es klingt: ausserirdische Kollektivintelligenz)
17. Manfred Lütz: Gott. Eine kleine Geschichte des Größten Lütz Rezension
23. Hans-Christian Huf: Die Päpste. Herrscher über Himmel und Erde (Christentum)
Unter den 25 Sachbüchern auf der Bestsellerliste sind also 6 religionsnahe Bücher und man findet kein einziges religionskritisches Werk.
Während sich Kissler über ein einziges antireligiöses Kinderbuch mockiert (S. 239-241) erscheinen zahlreiche Kinderbüchern, in denen es bejahend um Gott, Engel, Teufel und Religion, Himmel und Erde geht. Ihnen wird in den Medien breiter Raum gewährt. Z.B. Michael Reitz: "Muss Gott auch zur Schule? Kinderbücher und Spiritualität". Bayern 2, Evangelische Perspektiven, 22. und 25. Mai 2008
Welch schwammige Vorstellung von Vernunft der Autor hat, schreibt er auf S. 17 (an anderer Stelle setzt er die Rationalität mit Verfahrenskorrektheit oder Widerspruchsfreiheit gleich; S. 213); wie so oft durch eine Frage, wohl um bei eventueller Kritik flexibler zu sein kissler: Vernunft sei die „Fähigkeit zu vernehmen“. Ulrich Steinvorth sieht in der Vernunft das Rechtfertigungsvermögen (Kissler Links). Man kann dies verstärken und als vernünftig ansehen, wenn man geeignete Mittel abwägt und auswählt (oder noch stärker: das beste) um ein Ziel zu erreichen. Aus Kisslers Vernunftauffassung erwächst in seinem Text dann gleich etwas Vernehmbares außerhalb dem Vernunftsubjekt, eine Instanz, eine Intelligibilität, eine Seinsvernunft, ein allem zugrundeliegendes geistiges Prinzip. So wird aus dem Verb „vernehmen“ flugs via weniger vager Begriffe ein Gottesbeweis. Mit „vernehmen“ ist wohl nur ein Aspekt der Vernunft gemeint: wenn man abwägt sind auch andere Argumente wahrzunehmen und zu berücksichtigen.
Kissler beschließt seine Ausführungen zur Vernunft damit, dass man heutzutage unter Vernunft „bloßes spontanes Denken“ (S. 17) verstünde. Ich kenne dies nur als Einwand gegen zu starke Vernunftbezogenheit. Man kritisiert, dass dann die Intuition, das spontane Handeln usw. zu kurz käme. Das alles gebiert sich aus Alexander Kisslers Kuckucksmethode (Kissler Kuckucksmethode) und der sie begleitenden Strategie. Daher kommt der Vorwurf, die heutige Gesellschaft wirft sich zu sehr auf die Vernunft (Nützlichkeitsdenken). Doch Kissler bringt auch den Gegenvorwurf, das „Überspringen der Vernunft“ sei heutiger Lebensstil (S. 23). Was stimmt jetzt?
Determinismus und Willensfreiheit
Viele Menschen, besonders Katholiken, darunter auch Kissler, haben einen Horror vor dem Determinismus und der „Illusion der Willensfreiheit“. (NB: Noch mehr Abscheu haben sie vom »blinden« Zufall, obwohl gerade dieser in objektiver Ausprägung den Determinismus durchbricht.) Weder die Willensfreiheit noch eine Illusion darüber – ein komplexes Thema – sei hier diskutiert. Doch warum Verantwortung und eventuelle Bestrafung bedingungslos an Willensfreiheit gebunden sein muss (Kisslers empörte Fragen zeigen es; S. 53-54), bleibt unklar. Tiere, darin sind wir uns wohl einig, haben keine Willensfreiheit. Trotzdem finden wir es sinnvoll, die uns nahe stehenden Arten zur Verantwortung zu ziehen, zu bestrafen bis hin zur Todesstrafe. Der „Abschied von der Willensfreiheit“ ist daher nicht notwendigerweise ein Achselzucken (S. 54).
Zuspitzung der Aufklärung führt in den Antisemitismus
Diese These Kisslers (S. 26) kann ich hier nicht detailliert untersuchen. Wenn sie stimmt, dann führt diese zugespitzte Aufklärung dorthin, wo sich die katholischen Kirche seit Jahrhunderten befand (und es später kaschierend „Antijudaismus“ nannte).
Erst im Jahre 2007 hat Papst Benedikt XVI. aka Joseph Ratzinger den alten tridentinischen Ritus wieder zugelassen. Darin wird für die Bekehrung der Juden gebetet. Die Juden erkennen darin empört den Antijudaismus früherer Jahrhunderte.
Matthias Drobinski: "Verfinsterte Mienen statt erleuchteter Herzen", SZ 23. 5. 2008, S. 3
 
  Ungültige Argumentationen
Im schwungvollen Schreibschwall von Alexander Kissler muss man gehörig aufpassen. Schnell verschiebt er eine Wortbedeutung und gelegentlich bringt er ein Argument, mit oder ohne „also“, das sich bei näherem Lesen als ungültig herausstellt. Hier ein paar Beispiele:
  Kissler paraphrasiert ein Argument von Joseph Ratzinger.
• Theologie und Philosophie, Glaube und Wahrheit haben denselben Impuls, dasselbe Ziel (Streben nach Wissen und Wahrheit). Dagegen kann man schlecht etwas einwenden.
Doch dann die versteckte Folgerung: sie sind „gleichermaßen Formen des Wissens“ (S. 193). Hoppla, das ging zu schnell. Nur weil jemand etwas glaubt, wird es nicht zum Wissen. Im folgenden Absatz wird mit dieser Folgerung weiter argumentiert. Ex falso quodlibet.
  • Die Enzyklopädie für freie Geister behauptet: Alle totalitären Ideologien setzen auf die Erziehung der Kinder. Daraus folge, so Kissler: Auch die Aufklärung, die die Herausgeber der Enzyklopädie meinen, ist ein totalitäre Ideologie (S. 232). Das folgt nicht.
Fügen wir – die wohl unterstellte – Voraussetzung dazu:
Die Aufklärung ... setzt auf die Erziehung der Kinder.
Auch dann folgt Kisslers Folgerung nicht. Er bedient sich der nicht gültigen Argumentationsfigur: Bejahung des Antezedens (wenn der Konsequens zutrifft).
So nebenbei: Chrysostomos lobte und fordert nur eine Seite vorher die religiöse Erziehung der Kinder „vom jüngsten Alter an“ (S. 231): Und Kissler stimmte zu chrysostomos.
  • Weltanschauung gegen Weltanschauung, Dogma gegen Dogma (S. 233)
Die bekannte Grundhaltung: Evolution und Kreationismus sind beides Weltanschauungen. Warum nicht beide gleichwertig im Unterricht behandeln? Zeugung, Schwangerschaft, Geburt ist die biologische Theorie; die Storchentheorie steht dagegen. Beides sind Weltanschauungen. Warum nicht beide gleichwertig im Unterricht behandeln?
Die ganzen Ausführungen dazu beruhen auf der Fehleinschätzung, dass bestens bewährte Theorien immer noch fallibel sind; andere konträre Theorien sind ebenfalls zweifelhaft. Also beides gleichwertig. Dieses fehlerhafte Bikonditional
fallible Theorie <—> zweifelhafte Glaubensrichtung
beruht auf dem oben ausführlich diskutierten Relativismus Glaubensargument.
Kissler ist mit dieser groben Gleichsetzung auf den Spuren eines kruden Relativismus.
  • keine Religion —> keine Moral
Diese fehlerhafte Argumentation ist nicht auszurotten. Sie beruht auf der Prämisse:
Religion gibt eine Moral vor. (Dass diese Moral oft nicht eingehalten wird, steht auf einem anderen Blatt.) Also (1) Religion —> Moral.
In Holzhackermanier wird gefolgert: (2) keine Religion —> keine Moral. Oft auch noch aus (2):
(3) Mensch ohne Moral —> Mensch ohne Religion, also Atheist.
Die Folgerung auf (3) ist die nicht- gültige Argumentationsfigur: Bejahung des Antezedens (wenn der Konsequens zutrifft).
Doch schon der Übergang von (1) auf (2) ist völlig verfehlt. Siehe religion Keine Religion —> keine Moral
  • Noch ein letztes Beispiel zur ungültigen Argumentationsfigur: Bejahung des Antezedens
Jedes System absoluter Autorität —> Fixierung auf Kinder und strikte Überwachung (S. 262). Kissler folgert: "Ergo ist die glaubensfeindliche Aufklärung von Hitchens und Dawkins und Harris und Schmidt-Salomon ein System absoluter Autorität" ( S. 262). Wie das folgen sollen bleibt ein Geheimnis. Doch nehmen wir mal wohlwollend an, dass Kissler auf das zuvor diskutierte Kinderbuch Wo bitte geht's zu Gott? (S. 261) abzielt. Abgesehen davon, dass dieses 1 Kinderbuch keine Indoktrination von Kindern sein kann, wenn es mit den tausenden religiösen Baby-, Kinder- und Jugendbüchern vergleicht, wollen wir es mal großzügig zugestehen. Dann haben wir also den Konsequens der obigen Implikation bestätigt. Folgt daraus der Antezedens, wie Kissler mit "Ergo" einleitend behauptet? Keineswegs. Logischer Anfängerfehler Herr Autor!
Die Beweislast für Existenzbehauptungen
wie „Es gibt einen dreifaltigen Gott“; „Allah existiert und ist der Mächtigste“; „Im Sonnensystem kreist eine Teekanne“ (Bertrand Russell); „Der Yeti lebt im Himalaya“; ... liegt beim Behaupter. Damit ist es ein entscheidender Unterschied, ob jemand behauptet, auf jeder Grashalmspitze sitzt ein transzendenter Gnom, oder jemand bestreitet dies vehement.
Nirgends bringt Kissler Belege für die von ihm unterstellte Existenz von transzendenten Wesen.
Bibel als Unsinn
Kissler meint, wer die Bibel zum Unsinn erkläre, äußere eine private Meinung. Das mag sein. Zu prüfen wäre, ob die Bibel – die zentrale Schrift vieler Weltreligionen - nicht wirklich sehr viel Unsinn enthält. Wenn man Katholiken entsprechende Stellen vorliest (meist sind sie denen neu), dann hört man sofort: „Man darf nicht alles wörtlich nehmen. Der Aufruf zur Steinigung ist aus der Zeit heraus zu interpretieren und keinesfalls eine Richtschnur für uns.“
Wer gibt dann die Interpretationsrichtlinien vor? Wohl doch Bibelforscher, ausgebildete Exegeten, kompetente Theologen. Wenn man andrerseits anführt, dass sich viele Gläubige in zentralen Glaubensfragen und Fragen der Bibelauslegung auf Experten verlassen, erntet man meist Unverständnis: Fremdbestimmung wird abgelehnt. Die Bibel kann jeder richtig lesen. Nun, was jetzt?
Wenn man die Bibel liest und einige – nicht sehr vorteilhafte – Eigenschaften des dort geschilderten Gottes aneinanderreiht (so Dawkins, S. 254-255), so ist man respektlos (S. 255). Ja, oft bringt einen Gläubigen nichts schneller in Abwehrstellung oder auf die Palme, als wenn man die Bibel zitiert.
Zwang
An vielen Stellen sprechen sich Päpste u.a. gegen Glauben und Zwang aus.
Kissler tut so, als ob dies ganz selbstverständlich wäre. Gerade mit der katholischen Kirche muss er hierzu wieder seine historischen Blindheitsbrille aufsetzen, sonst würde er vielfachen Zwang sehen.
Inquisition, Hexenverbrennung, offene und versteckte Zwänge gab es zuhauf.
• Heute ist die Zwangstaufe ganz selbstverständlicher Ritus.
• In der Erziehung wurde und wird noch mancher Zwang ausgeübt. Man sehe: "Die unbarmherzigen Schwestern" (zwang Links) und zwang Alexander Markus Homes: Heimerziehung.
• Alle Menschen hören sich zwangsweise das Kirchengeläute an; alle Menschen müssen an etlichen Feiertagen sich zwangsweise einschränken (kein Tanz, keine Party, ...)
• Versuche seitens der Kirchen religionskritische Bücher zwangsweise unter die Ladentheke zu bannen oder ganz zu verbieten, auch für Nicht-Gläubige.
• Zwangsmissionierung; übrigens nicht nur bei den "Heidenkindern"; auch bei uns werden Kinder von klein auf christlich belehrt, begründet mit der christlichen Grundlage des Abendlandes. Diese Begründung ist vielleicht nicht einmal falsch; doch kann man dann nicht gleichzeitig für die Trennung von religiösem Glauben und Zwang plädieren.
• Religionszwang für Angestellte, obwohl die sozialen Einrichtungen der Kirche grossenteils mit dem Steuergeld aller finanziert werden. Sogar für einige Hochschulen und zahlreiche Universitätslehrstühle gilt der Zwang bis hin zum Vetorecht der katholischen Kirche (ich nenne nur: Eichstätt).
• Als ob das noch genügt oder weil der religiöse Zwang so verankert ist, dass er nicht mehr wahrgenommen wird, spricht sich Kissler zustimmend zum Zwangsappell des Chrysostomos aus: „Stattet die Kinder vom jüngsten Alter an mit geistlichen Waffen aus und lehrt sie, sich die Stirn mit der Hand zu bekreuzigen“ (S. 231).
Fragen, die Kissler stellt und unbeantwortet läßt
• Kissler fragt, warum der Glauben solche Leidenschaften entfesselt (S. 37). Er ist zu eifrig um uns zu sagen, bei wem er diese entfesselt. Ich antworte Kissler auf zwei Möglichkeiten.
• Bei den Ungläubigen entfesselt der Glaube Leidenschaften, weil die Religionen vielerorts Privilegien geniessen; weil einige Religionen offensiv missionieren; weil Religionen für Krieg und Terror mitverantwortlich sind.
• Bei den Gläubigen entfesselt der Glaube Leidenschaften, weil er ewiges Wohlsein mit oder ohne Jungfrauen verspricht; weil er kirchlicherseits oft die Wahrheit beansprucht und andere zu ihrem Heil gezwungen werden müssen (oder sollte man die eigenen Angehörigen in ewige Höllenqualen laufen lassen)?
• Gleich danach fragt Kissler, warum nicht jeder Staat sein Pantheon, jede Gemeinde ihr Heiligtum, jede Familie ihren Hausaltar hat? (S. 37) Nun, sie haben dies. – In der bäuerlichen Stube findet sich oftmals ein Hausaltar. – Die Gemeinde hier machte 50.000 Euro locker für die Restaurierung eines Kirchenturms. Das heißt die Allgemeinheit (großenteils Christen, aber eben nur großenteils) unterstützt die reichste Organisation der Welt mit einem nicht unbeträchtlichen Betrag.
• Eine Fragensalve prasselt auf Dawkins nieder, weil er fordert, den übermäßigen Respekt für die Religionen zurückzuschrauben (S. 256). Dass sein Buch The God Delusion weltweit beachtet wurde, übersetzt wurde und ihm sicher auch gute Tantiemen zugeflossen sindnimmt Kissler als Beleg, dass man ja so tolerant ist und mit einem antireligiösen Buch ebenfalls einen Bestseller landen kann. Verglichen mit den zahlreichen religiösen Best- und Longsellern (siehe die Augenblicksaufnahme zur Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch) ist Dawkins' Buch ein Tropfen im Meer. Die letzte Frage nach dem Problem (S. 256) beantworte ich: Kissler selbst schildert es im ersten Absatz derselben Seite: Religion und die Religionsvertreter erhalten einen (zu) hohen Aufmerksamkeitswert bei uns.
Übernahme der Menschenrechte und Nachweis, dass im Effekt das Christentum dafür das Fundament legte (Mensch als Krone der Schöpfung = Menschenwürde); die jahrhundertelangen Stellungnahmen der Päpste gegen die Menschenrechte waren vernachlässigbare Versehen ;-)
Menschenwürde
Obwohl es Kissler nirgend explizit ausführt, aber gegen gegenteilige Positionen scharf vorgeht, nehme ich an, dass er die Menschenwürde ab der Befruchtung zuschreibt. Ausgeprägt ist seine Bindung der Menschenwürde an die Art Homo sapiens und umgekehrt, die Zuschreibung der Menschenwürde an jedes Exemplar dieser Art. Dass man es anders sehen kann – Kissler nennt Peter Singer, John Harris (S. 212-213) u.a.; dazu zählen auch Julian Nida-Rümelin – müßte Kissler zumindest anerkennen. Tut er aber nicht. Gerade "seine" katholische Kirche verweigert aber den Embryonen die Taufe. Warum, wenn sie doch volle Menschen sind, mit allen Rechten? Der Speziesismus (zwang Links), den Kissler so rigoros vertritt, hat seine Tücken und wird kontrovers diskutiert. Das müßte Kissler den anderen Positionen zumindest zuerkennen. Statt dessen polemisiert er. Kissler schreibt:
Dawkins geißelte eine Ethik des Speziesismus "also die Menschenwürde" (S. 268). Diese Gleichsetzung ist schon hinterhältig zu nennen, zumal der Autor selbst weiß, dass Dawkins und Peter Singer für eine Ausweitung der Menschenwürde über die Spezies Mensch hinaus eintreten (S. 269).
Frauenverachtung
"Frauenverachtung müssen sich im 21. Jahrhundert weder die evangelische noch die katholische Kirche vorwerfen lassen" (S. 263). Wie bitte? Die katholische Kirche praktiziert immer noch Frauenfeindlichkeit (zwang Links).
Widersprüche
Zahlreich sind die Widersprüche innerhalb Kisslers Der aufgeklärte Gott. Hier ist einer.
Kissler notiert zustimmend den Befund von Alister McGrath, dass Dawkins eine erstaunliche Wandung von einem begabten Wissenschaftler zu einem antireligiösen Propagandisten hinter sich habe (S. 264). Kissler meint zwei Seiten weiter, dass sich Dawkins dreißig Jahre treu geblieben sei (S. 266).
Historische Blindheit oder historischer Relativismus
Blinde Flecken bezüglich der Kluft von Praxis und Theorie der katholischen Kirche
Nach der Lektüre gesteht man dem Autor eine honorige Einstellung zu, die er mit dem Eifer des ob Dawkins Erzürnten vorträgt. Sie ist aber geschichtsblind, geht zu selten auf die Argumente der »Neuen Atheisten« ein und übersieht die Kluft zur Praxis in der katholischen Kirche.
Er zitiert zustimmend Romano Guardini, der dem Christentum Verzicht auf Macht empfahl (S. 25). Die Verquickung von Kirche und weltlicher Macht prangert auch Ratzinger an (S. 117). Dabei hat gerade er als Benedikt XVI. nahezu unumschränkte Macht im Vatikanstaat und in der weltumspannenden katholischen Kirche. Ob und wo der Vatikan auf Macht verzichtet, wird sich wohl erst noch herausstellen. Er ist – neben dem Iran – der einzige Staat, bei dem religiöse und staatliche Macht identisch sind.
Mehrfach scheint mir Kissler auch Glaube und Zwang abzulehnen; in der Theorie. Die Praxis sieht anders aus, siehe oben unter Zwang Zwang.
Kritiker wie Hans Küng und Eugen Drewermann
sieht Kissler konsequenterweise (konsequent aus seiner Position heraus) als Abweichler. Es gibt eben viele Christentümer (um den Plural von Graf nochmals aufzugreifen); Kissler vertritt ein anderes als die genannten Kritiker aber auch ein anderes als die C-Parteien.
Die vielfältigen Verbindungen und Verbandelungen Staat und Kirche, zumindest in Deutschland, sieht Kissler nicht oder ignoriert sie. Ebenso, dass sich gerade die katholischen Kirche weit von den Urchristen entfernt hat. Da lobt Kissler die Trennlinie der frühen Christen zur Obrigkeit. Unterwerfung und Hingabe kommt nur Gott zu (S. 40). Und was ist mit den Ekstasen und Personenkult, wenn ein Papst nach Bayern kommt?
Wissenschaft und Glaube
Für eine wissenschaftliche Erklärung der Welt kommt man ohne Glaube an Götter oder Gnome aus. Das ist den Gläubigen seit langem ein Dorn im Auge; deshalb die scharfen Attacken gegen die Evolution (sie berührt den Speziesismus unmittelbar); nicht gegen die Quantenphysik (die sehr viel Ungeheuerlicheres behauptet). Die Wissenschaft benötigt die „Tür“ nicht, von der Kissler schreibt (S. 191). Doch daraus ist ihr kein Vorwurf zu machen.
Sinn des Lebens
Wer seinem Leben nicht selbst einen Sinn geben kann (ganz im Sinne von Viktor Frankl, frankl Links), der muss zu transzendenten Entitäten greifen, die einen Sinn vorschreiben oder nahelegen; andere haben das nicht nötig und kommen im Leben ganz ohne Götterhimmel zurecht. Kissler fragt rhetorisch an anderer Stelle, wer behauptet habe, dass man Religion brauche um sich in der Welt zurechtzufinden (S. 159). Nun, er selbst tut es durchgehend, wenn auch unterschwellig; ebenso viele seiner Zeugen, die er bemüht ...
Leo XIII. „Allein Gott, das höchste Gut“, bilde auch die Grundlage der Sittlichkeit (Kissler nennt das selbst auf S. 192). ... und viele Gläubige in Diskussionen. Eine häufige Reaktion auf Agnostizimus oder Atheismus ist es ja: „Wie kommen Sie ohne religiöse Vorgaben aus?“ „Wie können Sie das Leben ertragen ohne Hoffnung aus Jenseits?“ oder „Man braucht eine Richtschnur im Leben!“ (mit Richtschnur meint man eine Religion oder zumindest ein religiöses Buch mit Geboten und Verboten oder gar eine Offenbarung an John Miller vor vielen Jahren, die bis zu uns tradiert wurde; vergleiche auch "keine Religion —> keine Moral" unter argument Ungültige Argumentationen). Damit habe ich wieder eine Frage Kisslers (die von S. 159) beantwortet :-)
Historischer Relativismus
In seinem Eifer will Kissler manche historische Begebenheit, manchen Kleriker und Papst verteidigen bis reinwaschen. Da wird selbst Kissler zum Relativisten. Sei es relativ zum Zeitkontext oder indem er die Schuld abwälzt.
• Über Galilei berichtete ich in diesem Zusammenhang schon.
• Giordano Bruno wird herunter geputzt: er war kein Wissenschaftler, „ein Meister im uferlosen, wilden Denken“. Hier verkennt Kissler eklatant, dass es ziemlich egal ist, ob Bruno Bockmist schrieb oder der Weisheit höchste Ergüsse: er wurde von der katholische Kirche ermordet. Bruno ist ein Paradebeispiel, wie diese Religionsgemeinschaft mit ihren Gegnern umgeht, wenn sie dazu mächtig genug ist.
Inquisition läuft bei Kissler unter Zeitkolorit und bei der Hexenverfolgung waren es die weltlichen Mächte, obwohl uns Experten (Harald Parigger, siehe parigger Links) die Hintergründe dafür berichten.
Gregor XVI. und sein „Mirari vos arbitramur“ (1832) wird verteidigt. Darunter der unselige Grundsatz, dass es „keine Gewalt gibt außer durch Gott“ (S. 134; Röm 13,1). Das ist einer der vielen Momente, bei denen ich froh bin, diese Grundsätze nicht teilen zu müssen.
• Den haarsträubenden „Syllabus errorum“ (1864) von Pius IX. spielt Kissler herunter. Pius schrieb „aus echter Leidenschaft und aus der Unerschütterlichkeit des Glaubens“ (S. 145). Da ging ihm (absichtlich zweideutig: Pius IX. / Kissler) wohl der Gaul durch. Wie gut, der „Syllabus errorum“ hatte nie dogmatischen Charakter Kissler.
Das ist eine beliebte Methode des Autors: wenn ein Papst Mist verzapfte, dann war's ja gut gemeint und eh nicht „ex cathedra“, also unverbindlich.
• Kissler kreidet Dawkins an, dass dieser nur einen Fall von Kindesmisshandlung aus 1858 ausführlich schildert. Obwohl es der Autor natürlich besser weiß, stellt er die (in Bayern: hinterfotzige) Frage, ob in zweitausend Jahren nur einmal ein jüdisches Kind so rabiat behandelt wurde (S. 235)? Dass nur 1 Beispiel gegeben wird, schließt nicht aus, dass es sehr oft passierte. Genauso war es auch. Kissler ist nicht nur unredlich sondern polemisch (siehe polemik Polemik). Sollte ich Kissler hier unrecht tun und er tatsächlich nicht wissen, dass Juden und jüdische Kinder jahrhundertelang von der katholischen Kirche verfolgt wurden, dann empfehle ich beispielhaft zu lesen: polemik Alexander Lohner: Die Jüdin von Trient. Schnell war den Juden Hostienfrevel oder Kindesmord untergeschoben. Die häufigen pädophilen Übergriffe des katholischen Klerus findet man unter "Die Katholische Kirche als Hort der Pädophilie". Die Misshandlung junger Menschen ist – wieder nur beispielhaft – im Film “Die unbarmherzigen Schwestern” festgehalten. Uralte Vorwürfe? Nun, der Exzorismus in Deutschland (!) ist auch nach dem Jahre 2000 belegt. Zu all diesen Themen, siehe polemik Links.
Gute Aussichten
Wenn man von der Vernunft falsche Vorstellungen hat, werden diese eventuell von den Naturwissenschaften als solche entlarvt. Es bricht dann scheinbar eine Welt zusammen, wenn sich herausstellt (wer hatte seit Charles Darwin daran gezweifelt?), dass sie ein Resultat der Evolution ist. Wer diese falschen Vorstellungen nicht hatte, muss die Vernunft auch nicht gegen die Neurowissenschaften verteidigen (S. 189). Die Neurowissenschaften stellen die Vernunft (richtig verstanden) nicht in Frage. Wenn Joseph Ratzinger für einen Humanismus der Zukunft plädiert (S. 189), kann man ihm nur zustimmen. Ratzinger fordert weiter, dass man auch jene Aspekte der Wirklichkeit erforschen müsse, die über die rein empirischen Dimensionen hinausgehen Ich will ihm den Wind nicht aus den Segel nehmen und bin gespannt; vor allem auch welche Methoden er dazu einsetzen will.
Bis jetzt sind mir keine nicht-empirischen Forschungsergebnisse über die Wirklichkeit (Mathematik, Logik. Ästhetik, und andere Denkgebäude des Menschen beiseite gelassen) bekannt.
Unklarheiten
Oft bleibt Kisslers Position im Gemenge der Fragen oder Sätze unklar.
Aufgrund seiner eigenen Position und seiner strengen Abgrenzung sind Kirchenkritiker wie Drewermann, Hasenhüttl oder Küng, aber auch Kardinäle oder Bischöfinnen, die sich etwas aufgeschlossener geben, seines Spottes sicher. Dabei blieb mir unklar, ob Kissler wirklich Kritiker der inhumanen Asylpolitik als zu sehr „in der Mitte der Gesellschaft angekommen“ (S. 21) kritisiert. Es könnte aber auch sein, dass Kissler so sehr von seiner Position überzeugt ist, dass es ihm nicht in den Sinn kommt, dass andere die Lage anders sehen und seine Kritik, seinen Spott und seine Polemik deshalb nicht nachvollziehen können.
Mancher Sinn bleibt versteckt
Kissler berichtet über Dawkins' Kritik an Juden, springt zu den ersten Christen, dann zum Römer Sueton und der antiken Religion. Sodann tadelt er die Zähleibigkeit dieser „Verungimplichung“ (S. 39). Ist er noch bei Dawkins oder den Christen oder Sueton oder wurde die antike Religion durch Hans Otto Seitschek (er setzte sie mit dem Staat gleich) verungimpflicht?
Das ist schon Teil des nachfolgend kritisierten Durcheinanders.
Durcheinander
Dazu muss man nur mal das Inhaltsverzeichnis durchgehen. Viele Kapitel beschäftigen sich mit Glaubens- und Kirchenkritiker durch die Jahrhunderte. Es geht zeitlich wirr durcheinander. Doch auch inhaltlich ist keine Richtschnur zu erkennen. So kommt auf Seite 214 nochmals ein Sprung in die Geschichte zu Auguste Comte und Francis Bacon, zehn Seiten lang.
Mangelnde Seriösität
Polemik
• Den »Neuen Atheisten« wirft Kissler alles mögliche vor, meist ohne es auch nur ansatzweise zu begründen: „Einsträngigkeit“, „Eintönigkeit“, „Zwangsjackenglück feister Selbstzufriedenheit“ (S. 17).
• Manche biografische Einzelheiten, wie ein Geburtsort in der Eifel (schier genüßlich nennt Kissler den Geburtsort von Schmidt-Salomon: „Newel- Butzweiler in der Vordereifel“; das entspricht den Leuten, die aus einem Doppelnamen wie Leutheusser-Schnarrenberger schon Unfähigkeit ableiten), scheinen nur zur Abwertung der Kontrahenten des Autors eingeflochten. Sie besagen meist sehr wenig.
• Ist man wirklich auf dem falschen Weg („weit fortgeschritten ... ins nächste Jahrhundert“), wenn man – wie der Klonforscher Hwang Woo Suk – mit vier Stunden Schlaf auskommt (S. 209). Auch Edmund Stoiber, CSU, behauptet ähnliches. Doch spricht das gegen ihn?
• Zur Polemik gehört es auch, dass Kissler oft mit Bedeutungen jongliert, sie stillschweigend wechselt und am Ende mit seiner gewünschten Folgerung herauskommt. Ein Beispiel:
Der Europäische Gerichtshof tadelte eine Bevorzugung des Christentums im norwegischen Bildungswesen. Kissler setzt Christentum mit Religion gleich (bewusst oder bei ihm ist das tatsächlich synonym, so dass er es nicht mehr merkt) und bemängelt, dass man der Religion als einem „Bestandteil abendländischer Geistes- und Normengeschichte“ den Platz im Lehrplan neidet.
• Beim Treffen des ihm unliebsamen (um es vornehm auszudrücken) Hans Küng mit Freimaurern (S. 27ff) rückt Kissler jene in die Nähe von Taliban (streng Religiöse, nebenbei bemerkt) und Terroristen (oft ebenfalls religiös motiviert). Schon ist die Nennung in Frageform gefallen, da nimmt die Kissler sie so halb zurück (S. 29).
• Den »Neuen Atheisten« wirft Kissler "Denken auf Voodoo-Art und maximal entfernt von jder Aufklärung" vor (S. 249), ohne dies zu begründen. Dagegen kann man den Voodoo der Katholischen Kirche mit dem immer noch praktizierten Exzorzismus (parigger Links) bestens belegen.
Außerirdische
• Dawkins kann sich außerirdisches Leben vorstellen, hält es für wahrscheinlich. Daraus macht Kissler: "Dawkins glaubt an Außerirdische als »überlegene Wesen«" (S. 249). Dieser Schuss geht nach hinten los. Die Christen glauben nicht nur an Außerirdische, sondern sie halten den Papst in Rom für deren Stellvertreter auf der Erde.
• Kann ein Autor, der die Inquisition als Fortschritt betrachtet (S. 161) als seriös gelten?
• Man überließ von Seiten des Klerus den weltlichen Richter die Strafverfolgung und Bestrafung der Hexenverfolgung absichtlich. Das vergass Kissler sicher nur. Er möge es bei Harald Parigger auffrischen (parigger Links). Oder bei Ratzinger, den Kissler selbst dazu anführt. Dieser bekannte sich als Vertreter der katholischen Kirche zu den Hexenverbrennungen und bezeichnete sie als „Pathologie in der christlichen Religion“ (S. 195). Dann können sie wohl nicht ganz den weltlichen Richtern zugeschoben werden. Ratzinger ist da ehrlicher oder einsichtiger.
• Die Argumentation zu den französischen Rationalisten zielt auf eine Desavourierung der Vernunft, also wohl: (Reine) Vernunft ist verwerflich. Dazu kommt an anderer Stelle: Glaube ist Vernunft und kommt aus dem Logos. Mir soll's recht sein.
Ein kleiner Kettenschluß ergibt: Glaube ist verwerflich. ;-)
Fazit
Der aufgeklärte Gott sollte besser Der verklärte Gott heißen. Es vernebelt mehr als es erhellt. Alexander Kissler hat seiner Sache einen Bärendienst erwiesen. Die Leser, die schon auf seiner Seite waren, finden sich bestätigt oder kommen ins Nachdenken ob der Dürftigkeit der Argumente.
Die anderen Lesern werden die Argumentationsschwäche mit einem gewissen Erschrecken ziemlich schnell feststellen.
Der aufgeklärte Gott lohnt sich daher nur für diejenigen, die
• Kisslers Position kennenlernen wollen, ohne dafür Begründungen zu erwarten,
• etwas über einige bedeutende historische Religions- und Kirchenkritiker (Celsus, Bruno, Lessing, Reimarus, Voltaire, Werkmeister, ...) erfahren wollen.
Darüber hinaus ist abzuraten, da Der aufgeklärte Gott wenig Struktur erkennen läßt und kaum Argumente enthält, weder für die eigene Position noch gegen die »Neuen Atheisten«.
Links
Kissler Bellum Justum — Der Gerechte Krieg
Kissler Bevorzugung der Grosssekte Christentum durch den Staat
Kissler Bibelzitate
Buggle Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann. Eine Streitschrift
Kissler Evolution – Anthropisches Prinzip – Intelligent Design – Kreationismus
satan Exorzismus: Austreibung von Dämonen, Teufeln und anderen Geistern
Joseph Extra ecclesiam nulla salus
frankl Viktor Franklfrankl Viktor Frankls Prinzip
kirche Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche
Kissler Galileo Galilei
Glaubensargument Glaubensargumente
Haught John F. Haught: God and the New Atheism: A Critical Response to Dawkins, Harris, and Hitchens
hostienfrevelHostienfrevel
kirche Die Katholische Kirche als Hort der Pädophilie
Kissler Die Katholische Kirche und die Wissenschaften
Haught Timothy Keller: The Reason for God: Belief in an Age of Skepticism
Kissler Literatur zu Terror, Religion und Geheimbünden
Neue Atheisten  
  Kissler Dawkins, Richard: The God Delusion [deutsch: Der Gotteswahn] mit einer Kissler Kritik der Besprechung durch Friedrich Wilhelm Graf, SZ 11.9.2007, S. 16
  Kissler Sam Harris: The End of Faith. Religion, Terror, and the Future of Reason
  Kissler Christopher Hitchens: God Is Not Great: The Case Against Religion
  Kissler Die vier Reiter der Gegen-Apokalypse
 
KisslerOffener Leserbrief: Assmann distanziert sich
Intoleranz Päpstliche Intoleranz
Kissler Parigger, Harald: Barbara Schwarz und das Feuer der Willkür. Ein Fall aus der Geschichte der Hexenverfolgungen
Kissler Ratzinger, Joseph: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen
Joseph Religiöser Glaube und Vernunft – Faith and Reason
Kissler Spaemann, Robert: Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne und Kissler Kommentar zu: Prof. Dr. Robert Spaemann: "Der Gottesbeweis. Warum wir, wenn es Gott nicht gibt, überhaupt nichts denken können"
homoSpeziesismus
Kissler Steinvorth, Ulrich: Was ist Vernunft? Eine philosophische Einführung
Kissler Trimondi, Victor, Victoria Trimondi: Krieg der Religionen. Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse
Satan “Die unbarmherzigen Schwestern” [The Magdalene Sisters]
VowinkelBernd Vowinkel: Buchrezension – Wie Religion die Vernunft vergewaltigt 28.03.2008
Literatur
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Kissler Kissler Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam. München: Pattloch, 2008. 287 Seiten kissler
Alexander Kissler: Der deutsche Papst. Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat. Freiburg: Herder, 2005. Gebunden, 192 Seiten Kissler
assmann Kissler Jan Assmann: Of God and Gods: Egypt, Israel, and the Rise of Monotheism. University of Wisconsin Press 2008. Gebunden, 200 Seiten  
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