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Grayling
A.C. Grayling: Against All Gods: Six Polemics on Religion and an Essay on Kindness
London: Oberon, 2008. Gebunden, 64 Seiten – Grayling LinksGrayling Literatur
Kurz nach Dawkins: The God Delusion herausgeschnellt, auf nur 64 Seiten etwas zusammen gefetzt, arge Verrisse in manchen Foren und bei Online anbietern. Lange zögerte ich. Selbst wenn trotzdem ein gutes Buch vorliegt, was kann es auf 64 Seiten bringen und vor allem: was könnte neu sein und es lesenswert machen?
Doch lasst euch nicht scheu machen. Grayling sagt wenig, gibt aber manchem einen neuen Dreh und bringt sogar neue (zumindest für mich) Argumente.
In der Einleitung legt Grayling seine Karten auf den Tisch: aus einer nicht-religiösen Position will er Religion als Glaubenssystem und die Institutionen, die sie weiterverbreiten kritisieren. Sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart bezeugen die großen Schäden, die sowohl die religiös Gläubigen als Fanatiker als auch die jeweiligen Kirchen verursachten.
Im zweiten Kapitel gesteht Grayling Religionen keinen besonderen Schutz zu
Seine These "Religiöser Glaube ist ein Bekenntnis zu Überzeugungen entgegen den Belegen und der Vernunft" (S. 15) wird zwar oft bestritten, doch eine Widerlegung las ich noch nie. Meist wird doch eingewendet: Belege und Vernunft braucht es da nicht.
Grayling beruft sich auf Sören Kierkegaard und den ungläubigen Apostel Thomas (beides – wie auch im übrigen – ohne Quellenangabe; der Kürze und dem scharfen Angriff ("Polemics") im Titel geschuldet). Beim Thomas äugt Grayling wohl auf Joh 20,24-25. Thomas will dem Zeugnis der anderen Aposteln nicht vertrauen, sondern verlangt stärkere Belege.
Jeder hat schützenswerte Gefühle; den Gefühlen der Religiösen steht dabei keine Vorrangstellung zu.
Dann bestreitet Grayling, dass Atheisten fundamentalistisch werden können. Sie zeichnen sich durch den Abwesenheit vom Glauben an Über- oder Aussernatürliches aus. Diese Argumentation überzeugte mich nicht ganz. Dafür stimme ich zwei anderen wesentlichen Punkten aus diesem Kapitel voll zu.
• Mit klaren Worten prangert Grayling an, dass von der Geburt an die Kinder der religiösen Indoktrination ausgesetzt sind. Er plädiert dafür sie erst im späteren Alter mit den verschiedenen Religionen vertraut zu machen und sie dann wählen zu lassen (S. 26). Sein Argument ist stichhaltig: alle Religionen erheben Wahrheitsansprüche, die sich grossenteils widersprechen; also kann nur eine Recht haben. Meist bleibt man aber (aus verschiedenen Gründen) in der Religion verhaftet, mit der man ausgezogen wurde.
• Statt "Atheisten" sollten sich diejenigen, die den Glauben an Übernatürliches als ungerechtfertigt ablehnen "Naturalisten" nennen. Sie müßten sich ja für manche Glaubenssysteme auch als A-Koboldist usw. nennen (S. 28, S. 34). Dieser Vorschlag wurde schon durch die neutrale Bezeichnung "The Brights" (Grayling Links) realisiert.
Die Bezeichnung und die verschiedenen Begriffe: Säkularist, Humanist, Atheist, vertieft Grayling im folgenden Kapitel.
Das mehr angedeutete als ausgeführte Theodizee-Problem (S. 37-38) kommt zu knapp weg.
Das 5. Kapitel Graylings stösst voll in das Horn Richard Dawkins, wird aber deshalb weder überflüssig noch gar hinfällig. Der religiöse Glaube verzichtet auf rationale Begründung. Alvin Plantinga weist die Forderung, die religiösen Überzeugungen sollten, wie auch andere Überzeugungen proportional zu den Belegen akzeptiert werden, nachdrücklich zurück (Grayling Literatur). Wenn man aber die Einstellung annimmt, Überzeugungen unabhängig von dafür sprechende Gründe und Belege anzunehmen, ist man offen für alle möglichen Überzeugungen (gründe braucht's ja nicht, hat man gelernt) und auch Scharlatane. Grayling: dass Vertrauen genügt um alles zu legitimieren, vom Aberglauben bis zum Massenmord, beunruhigt "people of faith" keinen Deut (S. 43). Fast resigniert Grayling ob dieser, den rationalen Denker umtreibenden Überlegungen: "Do not expect a rational reply; an appeal to faith will beenough, because with faith anyting goes" (S. 44).
In der sechsten Polemik, das ist das 7. Kapitel "The Death Throes of Religion", behauptet Grayling, die Religionen seien am absterbenden Ast. Diesen Silberstreif sehe ich nicht.
Im letzten Kapitel entwirft Grayling schließlich eine Alternative für die schienar ohne Religion fehlende Normen der Moral. der Humanismus leistet dies allemal.
Kritik an Graylings Against All Gods auf Webauftritts
Kritiker auf den Webseiten der Online-Versender monieren fehlende Argumente. Andere stufen kritische Werke, wie die von Dawkins und Grayling, als polemisch ein. Beides enthebt die Kritiker von der Last auf Inhalte einzugehen.
Grayling nennt seine kurze Streitschrift sechs Polemiken. Trotzdem stößt man unentwegt auf Argumente – die oft nur knapp skizziert sind –, wenn man sie nur wahrhaben will.
Nur zwei Beispiele von einer der ersten Seiten (S. 9, Grayling Einleitung):
(1) Anhänger religiöser Glaubenssysteme und die Kirchen als Institutionen brachten in Vergangenheit und bringen gegenwärtig viel Leid.
(2) Folgerung: Deshalb werde ich die Verursacher kritisieren.
Zugegeben: in (1) stecken mindestens vier Prämissen, die man einzeln aufführen (und bestreiten) könnte. Die Folgerung wird erst mit einer Zusatzprämisse (die Grayling nicht hinschreibt, da trivial) schlüssig:
(1a) Leid finde ich kritikwürdig.
Zweites Beispiel:
(1) Je unsicherer Leute sind, je weniger sie ihren Überzeugungen vertrauen, desto aggressiver reagieren sie auf verbale Angriffe.
(2) Diese Reaktionen gehen bis zur Anwendung von Gewalt.
(3) Folgerung: Wer auf verbale Angriffe gewalttätig wird, zeigt, dass er auf schwachem Boden steht. Damit untergraben und widerlegen sie sich selbst.
Wieder ein Argument, dessen Prämissen man attackieren könnte; dessen Folgerung nicht zwingend ist (auch mit hervorragend begründeten Ansichten kann man gewalttätig werden, hat es aber eigentlich nicht nötig).
Doch wenn jemand meint, es ist unmöglich auch nur ein Argument zu finden, hat er/sie das Buch nicht gelesen oder er/sie überliest Argumente einfach (oder mutwillig?).
Grayling führt an,
• dass noch nie wegen Theorien der Wissenschaft, beispielsweise der Biologie, Kriege geführt wurden.
Dazu ein Kritiker: Schließt dies den Kreationismus ein?
Das ist ein Doppelfehler:
1) Kreationismus ist keine Theorie der Biologie, sondern ein Gedankengebäude von amateurhaften Bibelexegeten.
2) Um Kreationismus ja oder nein, wurde tatsächlich noch nie Krieg geführt. Dagegen sehr wohl um Katholizismus oder Protestantismus.
Grayling führt weiter an,
• dass viele Kriege in Vergangenheit und Gegenwart religiöse Auseinandersetzungen waren oder zumindest religiös mit verursacht waren und sind.
Dazu ein Kritiker: Was ist mit Stalin?
Derselbe Kritiker meint aber gleich anschließend (und damit trifft er den Punkt vieler Religiösen): man darf die Weltanschauung des Übeltäters nicht unbedingt für seine Taten als verursachend annehmen. Richtig. Weder darf man aus Adolf Hitlers Angriffskriege katholische Kriege machen, nur weil Hitler bis zuletzt Katholik war, genausowenig darf man aber die Schandtaten des Priesterseminaristen und späteren Atheisten Josef Stalin seiner Weltanschauung zurechnen.
Des öfteren führt Grayling »Faith is what I die for, dogma is what I kill for« an.
Wie man einem Zeitungsartikel desselben Autors entnehen kann, ist es ein Sprichwort:
"»Faith is what I die for, dogma is what I kill for,« as the saying has it; and the trouble is that all faith is based on dogma." A.C. Grayling: "The last word on Faith", Grayling Literatur.
Glaubt den Ein-Stern-Kritikern nicht! Dieses handliche Werk ist durchaus lesenswert und bringt – in aller Kürze – sogar Gesichtspunkte, die man bei Dawkins & Co. nicht findet. Lesen!
Links
GraylingAnthony GraylingGraylingWikipedia
GraylingThe BrightsGraylingBrights Deutschland
GraylingBook review by Anthony Campbell
GraylingCal McCrystal: "Gullibility fuels faith", The Independent, 29 April 2007
GraylingStephanie Merritt: "Better God-fearing than sneering. In attacking religion, AC Grayling's Against All Gods and Sam Harris's Letter to a Christian Nation, do little more than show an ignorance of basic human needs". The Observer May 6 2007
GraylingPursue pleasure: it’s the natural way to do good in the world, The Sunday Times March 18, 2007
Grayling Religiöser Glaube und Vernunft mit ausführlichen Grayling Literaturhinweisen und -angeboten
Grayling A.C. Grayling: Russell: A Very Short Introduction. Oxford: Oxford UP, 2002. 168 Seiten
Grayling Zitate von A. C. Grayling
Literatur
A.C. Grayling: "The last word on Faith". The Guardian, Saturday June 24 2000 – Graylingonline
Alvin Plantinga: "religious belief, epistemology of". In: Jonathan Dancy, Ernest Sosa, Hg.: A Companion to Epistemology. Oxford: Blackwell, 1998. S. 436-441.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.4.2012