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Albert
Hans Albert: Joseph Ratzingers Rettung des Christentums: Beschränkungen des Vernunftgebrauchs im Dienste des Glaubens
Aschaffenburg: Alibri, 2008. Broschiert, 126 Seiten – Albert LinksAlbert Literatur
Joseph Ratzinger, der jetzige Stellvertreter Gottes als Papst Benedikt XVI., gilt als kluger Intellektueller. Aufgrund seiner Glaubenszugehörigkeit und hohen Stellung in der Hierarchie hat er einerseits Millionen Anhänger und ist andrerseits gegenüber Kritik sakrosankt.
• Wie sehr die Anhänger in Ehrfurcht erstarren zeigte sich mich kurz nach seinem Bayernbesuch als Papst. Eine Frau erzählte mir im Münchner Bus 51 unaufgefordert, wie nahe sie dem Papst am letzten Wochenende gewesen sei. Die anhaltende Verzückung war ihr abzulesen.
• Die Kritik am Staatsoberhaupt des Vatikans (zur Erinnerung: Ratzinger hob die Exkommunikation der Piusbrüder auf, darunter auch der Holocaustleugner Williamson) durch die Bundeskanzlerin Angela Merkel empörte viele. Eine Leserbriefschreiberin wies in der Süddeutschen Zeitung darauf hin, dass Ratzinger für Katholiken in erster Linie Stellvertreter Gottes und damit jeder Kritik entzogen sei. Hier agieren viele ähnlich wie Ratzinger mit der Vernunft. Einmal wird Ratzinger als Staatsoberhaupt behandelt (zurecht), andrerseits aber als Kirchenoberhaupt, das jeweils andere wird strikt abgelehnt.
• Ratzinger behauptet in seinen Schriften, der christliche Glaube, hier: der katholische, sei direkte Ausgeburt des Logos, der Vernunft.
• Will man mit vernünftigen Argumenten kontern, wird man darauf hingewiesen, dass der Gottesglaube jeder vernünftigen Kritik entzogen ist.
Hans Albert arbeitet in Joseph Ratzingers Rettung des Christentums diese Beschränkungen des Vernunftgebrauchs im Dienste des Glaubens heraus. Er gliedert sein Werk in fünf Abschnitte.
• Zuerst kritisiert er Ratzingers Umgang mit den Problemen, die sich im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben stellen. Insbesondere beim Theodizee-Problem hinkt Ratzinger der gegenwärtigen Diskussion weit nach: er weicht dem Problem aus. Diese Rückständigkeit zur theologischen und historischen Forschung zeigt sich auch in Ratzingers Einstellung zum Leben Jesu (und seinen rückwärts gewandten Erlassen; Stichworte: Karfreitagsgebet, Pius-Bruderschaft, Exorzismus, Opus Dei). Sie ist ein Pfeiler der Kritik Alberts an Ratzinger. Der Theologe Ratzinger fällt mit seinen veralteten Standpunkten innerhalb der historisch-kritischen Forschung sogar der Kritik seiner eigenen Zunft anheim. Mich persönlich beeindruckt das Theodizee-Problem nicht sonderlich. Es entsteht hauptsächlich durch zahlreiche Zusatzannahmen (beispielsweise, dass wir wissen, was Gut und Böse ist und dass diese Sichtweise mit der Gottes übereinstimmt; ich verneine beide Thesen, allerdings machen weitere Katechismusgrundsätze – Mensch als Ebenbild Gottes etc. – dieselbe Verneinung für Christen schwer), die ich nicht unbedingt teile.
Albert spricht auf den wenigen Seiten des ersten Teils aber ein verblüffenderes Problem an, das in der Kritik des Christentums (und demzufolge auch in der Apologie) zu wenig angesprochen wird (S. 14). Warum musste Gott für sein Ziel (Erlösung der Menschheit) seinen Sohn auf eine grausame Selbstmordmission schicken? Diese Frage stellt Albert im dritten Teil noch ausführlicher (S. 60-61), freilich ohne eine befriedignde Antwort bei Ratzinger zu erhalten.
In Alberts Traktat ist nicht immer klar erkennbar, auf welches Buch Ratzingers er sich gerade bezieht. Zur gerade formulierten Frage beruft Albert sich auf seine Kritik „an seinem früheren Buch“ (S. 14). Über einen Aufsatz (Albert 2007, Albert Literatur) vermute ich, er bezieht sich da auf Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum (Albert Literatur).
• Im zweiten Teil, dem religiösen Denken seit der Aufklärung gewidmet, zeigt Albert wie die christlichen Theologen mit entsprechender Zeitverzögerung ihre Lehre immer den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen anpassten. Er konstatiert den traurigen Befund (Gottesgläubige erfreut er), dass die Aufklärung nicht die Wirkung hatte, die man sich erhoffte und die Kant im „Sapere aude!“ prägnat zusammenfasste. Noch immer wird ab der Zwangstaufe und durch einseitige religiöse Bildung ein fundamentiertes Weltbild vermittelt, das durch Argumente kaum zu erschüttern ist und lieber Illusionen nachhängt, die dann zu so extremen Taten wie am 11. September 2001 gipfeln. Zu einem ähnlichen Befund kam auch Graham Ward in True Religion (Albert Links).
• Im dritten Teil geht Albert auf Ratzingers Glaubensverständnis näher ein. Ratzinger möchte zeigen, dass der christliche Glaube vernünftig ist. Dagegen unterliege der wissenschaftliche Zugang zur Wirklichkeit einer methodischen Beschränktheit und muss daher unbedingt durch den Glauben ergänzt werden. Entscheidend in Ratzingers Weltauffassung (und der christlichen ganz allgemein) ist, dass sie (die Weltauffassung) sich nicht mit der Herrlichkeit der Welt und mit der Freude an wissenschaftlicher Erkenntnis über die Welt zufrieden gibt. Sie benötigt daher ein göttliches Wesen, das den Sinnzusammenhang herstellt und die Geborgenheit schenkt und "alles wird gut" verspricht, wenn man nur gewisse Regeln und Gebote einhält (S. 27). Albert zitiert Ratzinger (leider ohne Quellenangabe und offenbar mit Hinzufügung von "gar"):
„Sinn, der selbst gemacht ist, ist im letzten gar kein Sinn. Sinn, das heißt der Boden, worauf unsere Existenz als ganze stehen und leben kann, kann nicht gemacht, sondern nur empfangen werden“ (Ratzinger nach Albert, S. 29).
„Sinn, der selbst gemacht ist, ist im letzten kein Sinn. Sinn, das heißt der Boden, worauf unsere Existenz als ganze stehen und leben kann, kann nicht gemacht, sondern nur empfangen werden”, Ratzinger: Einführung in das Christentum, 1977, S. 39
Zurecht kritisiert Albert, dass hier kühne Behauptungen einfach hingeschrieben werden. Dass man das ganz anders sehen kann (siehe „Viktor Frankls Prinzip“ oder „Glück - Sinn – Zufriedenheit“, Albert Links) kommt Ratzinger nicht in den Sinn. Oder doch? Im L'Osservatore Romano schrieb er 2007 gegenteilig:
„Wenn es Gott nicht gibt und er nicht der Schöpfer auch meines Lebens ist, dann ist das Leben in Wirklichkeit einfach nur ein Stück Evolution, weiter nichts, und es hat in sich selbst keinen Sinn. Ich muß jedoch versuchen, diesem Stück Sein einen Sinn zu geben.”
Benedikt XVI., Begegnung mit dem Klerus der Diözesen Belluno-Feltre und Treviso in Auronzo die Cadore am 24. Juli 2007, in: L'Osservatore Romano 34/2007, S. 8, zitiert nach AlbertLibreria Editrice Vaticana.
Also doch „Ich muß jedoch versuchen, diesem Stück Sein einen Sinn zu geben”. Belassen wir es dabei: wer nur dank externer Sinnvorgabe Sinn findet führt tatsächlich ein kümmerliches Leben.
Die Unterordnung der Wissenschaft und damit der Vernunft unter den Glauben (nur dieser kann angeblich Gewissheiten bieten) wird oft mit religiöser Erfahrung, Mystik und einem unerschütterlichen Gottvertrauen begründet. Albert bemerkt, dass der Ungläubige dieselbe Organausstattung hat wie der Christ (S. 31). Es ist daher sonderbar, dass ein Teil der Menschen angeblich Erkenntnisfähigkeiten hat (bezüglich Dreieiniger Gott, Allah, Jehova, Zeus, hinduistische Gottesvorstellungen, ...) die anderen völlig abgehen oder auf ganz andere und widersprüchliche Bezugsobjekte (Allah, Jehova, Zeus, hinduistische Gottesvorstellungen, ...) verweisen.
• Der vierte Teil des Buchs betrifft Ratzingers Jesusdeutung, geht also auf den Bestseller Ratzingers: Jesus von Nazareth (Albert Literatur) zurück.
• Der letzte kurze Abschnitt behandelt die beiden veröffentlichten Dialoge Ratzingers mit den Philosophen Flores d'Arcais (Albert Links) und Jürgen Habermas. Hier bemängelt Albert erneut (es kam schon mehrfach vor), dass sich Ratzinger und Habermas einig sind, dass es religiöse Einsichten gäbe, die sich der wissenschaftlichen Untersuchung und Begründung entziehen und die sich deshalb auf wissenschaftlicher Grundlage nicht kritisieren lassen (S. 97).
Allgemein tadelt Albert – nach den Zitaten und mir aus anderen Quellen bekannten Textstellen völlig zurecht – die lockere Begriffsverwendung und -gleichsetzung bei Joseph Ratzinger. Da wird Wahrheit mit Sein, Sinn und Verstehen gleichgesetzt und diese Identitäten erschweren die Textanalyse vollends. Durchgängig zeigt sich, dass Ratzinger die wissenschaftlichen Erkenntnisse als lückenhaft bemängelt, in diese Lücke schiebt er die christliche Gotteslehre, die damit automatisch außerhalb wissenschaftlicher Kritik steht. Diese Scheuklappen sollten nicht für andere Denker verbindlich gemacht werden (S. 101).
Eine höchst anregende Kritik an einigen Werken Ratzingers. Vielleicht will man jetzt eines der Ratzingerbücher selbst nachlesen, man weiß nach der Lektüre von Joseph Ratzingers Rettung des Christentums allerdings, dass es nicht unbedingt nötig ist.
Links
  Hans Albert: AlbertHans Albert: Kritischer RationalistAlbertphilolexAlbertWikipedia
  AlbertStudienführer Hans Albert
  AlbertPlädoyer für kritische Vernunft. Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Hans Albert. MIZ 3/2001
  AlbertHans Albert im Interview mit Martin Bauer: Christentum und Deutungskunststücke, 4 Aug 2008

AlbertFalk: Der päpstliche Poet, brights Blog August 25, 2008
AlbertArmin Pfahl-Traughber: Zugeschnittene besondere Papst-Logik, 24 Nov 2008
AlbertJan Philipp Reemtsma: "Christen und wir. Gedanken zu Ratzinger, Habermas, Wieland, Lessing und zur Achtung vor Religiosität", literaturkritik.de 12, Dezember 2005
Albert Flores d'Arcais, Paolo, Joseph Ratzinger (2006): Gibt es Gott? Wahrheit, Glaube, Atheismus
Albert Glück - Sinn – Zufriedenheit
Albert Viktor Frankls Prinzip
Albert Joseph Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen
Albert Religiöser Glaube und Vernunft
Albert Ward, Graham (2003): True Religion
Literatur
Albert, Hans (2007): "Joseph Ratzingers Apologie des Christentums. Bibeldeutung auf der Basis einer spiritualistischen Metaphysik". Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 59:1, S. 14-35.
Posener Posener, Alan (2009): Benedikts Kreuzzug: Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft
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albert AlbertHans Albert: Joseph Ratzingers Rettung des Christentums: Beschränkungen des Vernunftgebrauchs im Dienste des Glaubens. Aschaffenburg: Alibri, 2008. Broschiert, 126 Seiten Ratzinger
Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das apostolische Glaubensbekenntnis. München Kösel 2000. Gebunden, 366 Seiten Albert
Jesus jesus Joseph Ratzinger: Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Freiburg: Herder, 2008. Broschiert, 448 Seiten jesus
Joseph Ratzinger: Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Freiburg: Herder, 2007. Gebunden, 447 SeitenRatzinger
ratzinger RatzingerJoseph Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen. Freiburg: Herder, 2005. Taschenbuch: 156 Seiten ratzinger
Joseph Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen. Steinbach Sprechende Bücher 2006. 4 Audio CDs, Specher: Edgar M. Böhlke Ratzinger
gott gottJoseph Ratzinger, Paolo Flores d'Arcais: Gibt es Gott? Wahrheit, Glaube, Atheismus. Berlin: Wagenbach, 2006. Broschiert, 105 Seiten glaube
Joseph Ratzinger, Gesine Schwan, Adel Th. Khoury, Karl Lehmann: Glaube und Vernunft. Die Regensburger Vorlesung von Benedikt XVI. Freiburg: Herder, 2006. Gebunden, 141 Seiten gott
Ratzinger jesus "Jesus von Nazareth" kontrovers: Rückfragen an Joseph Ratzinger von Karl Lehmann, Christoph Schönborn, Adolf Holl, und Klaus Berger. Münster: Lit, 2007. Broschiert, 168 Seiten corell
Richard Corell, Ronald Koch: Papst ohne Heiligenschein? Joseph Ratzinger in seiner Zeit und Geschichte. Zambon 2006. Broschiert, 340 Seiten Ratzinger
kissler jesus Alexander Kissler: Der deutsche Papst. Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat. Freiburg: Herder, 2005. Gebunden, 192 Seiten. Besprechung zu Kissler Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam jesus
Gerd Lüdemann: Das Jesusbild des Papstes. Über Joseph Ratzingers kühnen Umgang mit den Quellen. Zu Klampen 2007. Gebunden, 157 Seiten Ratzinger
mai jesus Klaus-Rüdiger Mai: Benedikt XVI. Joseph Ratzinger: sein Leben - sein Glaube - seine Ziele. Lübbe 2005. Gebunden, 255 Seiten. 2., Aufl. mynarek
Hubertus Mynarek: Papst-Entzauberung. Books on Demand 2007. Gebunden, 288 Seiten mynarek
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Thomas Söding: Das Jesus-Buch des Papstes: Die Antwort der Neutestamentler. Freiburg: Herder, 2007. Broschiert, 158 Seiten Albert
sommer sommerNorbert Sommer, Thomas Seiterich, Hg.: Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Oberursel: Publik-Forum, 2009. 222 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 31.12.2011