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Haught
John F. Haught:
God and the New Atheism: A Critical Response to Dawkins, Harris, and Hitchens
Louisville, Kentucky: Westminster, 2007. Broschiert, 124 Seiten – Haught LinksHaught Literatur
John F. Haught ist römisch-katholischer Theologe an der Georgetown University, einer Hochschule der Jesuiten in Washington, D.C. Er hat viele apologetische (u.a.) Bücher veröffentlicht. Mit God and the New Atheism: A Critical Response to Dawkins, Harris, and Hitchens will er grundlegende Fehler der Neuen Atheisten aufdecken. Er bezieht sich exemplarisch auf Richard Dawkins, Sam Harris und Christopher Hitchens ( = DHH), hat aber auch Daniel Dennett immer im Auge. Gelegentlich bezieht er sich auf Victor J. Stenger und andere. Sein Vorhaben misslingt unterm Strich ist aber trotzdem sehr zu empfehlen.
Inhalt
Preface – Introduction
How New Is the New Atheism?
How Atheistic Is the New Atheism?
Does Theology Matter?
Is God a Hypothesis?
Why Do People Believe?
Can We Be Good without God?
Is God Personal?
Christian Theology and the New Atheism
Suggestions for Further Reading
Notes – Index
Der Autor ist dafür zu loben, dass er, obwohl er den plakativen Vorwürfen der Theologen an DHH durchaus zustimmt, dennoch eine gut lesbare, knappe Erwiderung geschrieben hat. Die gemeinten Vorwürfe, in zahlreichen Medien abwertend verbreitet, sind:
  1. DHH bringen nichts Neues
  2. die Auflistung der Schandtaten der Christen ist wohl bekannt
  3. zahlreiche Religionskritiker vor DHH waren schärfer und gefährlicher
  4. DHH gehen viel zu pauschalierend vor
  5. das Gottes- und Glaubensverständnis von DHH ist zu vulgär und nicht mit der modernen Theologie übereinstimmend
  6. DHH gebärden sich missionarisch
Zu 1 und 2: Alter und häufige Anwendung schaden guten Argumenten nicht. Man kann ein Argument nicht dadurch abblocken, dass man sagt: „Das hast du schon gestern vorgebracht“ oder „Dein Argument ist wohl bekannt“, also „Bitte bring ein neues Argument“.
Zu 3: Nicht jedem sind die Kontroversen um Karl Marx, Ludwig Feuerbach, Sigmund Freud, Jürgen Habermas etc. geläufig. Mit Recht erwarten die Leser von DHH, dass sich die Apologeten aufgrund dieser Vorwürfe nicht zurücklehnen und abfällig verstummen, nur weil es Altbekanntes sei.
Zu 4 und 5: Das sind die gehaltvollsten Vorwürfe. Auf sie werde ich ausführlich eingehen.
Kurz zum Vorwurf 6: dazu gilt was auf manch andere Riposten der Theologen (beispielsweise: auch DHH machen Glaubensannahmen, siehe unten) zutrifft: selbst wenn der Vorwurf berechtigt ist, dann sind DHH in diesem Punkt gleich mit den Religionen, die jene Theologen vertreten. Wer im gläsernen Missionshaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.
Einige Argumente, die meist über die oben genannten hinausgehen, beleuchte ich im Folgenden.
Ein Manko an Haughts Ausführungen ist, dass er die Thesen von DHH so eng formuliert, dass sie für ihn leicht angreifbar sind. Ich habe es nicht im jeden Einzelfall überprüft, es kann sein, dass DHH hierbei manchmal zu ungenau formulieren. Haught greift sie dann zurecht an.
Wissenschaftlicher Naturalismus und Szientismus
Es gibt mannigfaltige Ausprägungen naturalistischer Anschauungen (siehe dazu Keil 2000, Haught Links). Die Annahmen, die Haught dem wissenschaftlichen Naturalismus unterlegt (S. xiii-xiv), muss nicht jeder Naturalist unterschreiben und wird es auch nicht. Ohne sich in den vielen Naturalismen zu verlieren sollte man zumindest zwischen einem methodologischen und einen ontologischen Naturalismus unterscheiden. (Das deckt sich mit dem schwachen und starken Naturalismus bei Kanitscheider 2007, S. 70-71, Haught Links.)
• Der methodologische Naturalismus beschränkt sich auf natürliche Phänomene. Er untersucht sie mit wissenschaftlichen Methoden.
• Der ontologische oder auch metaphysische Naturalismus fügt hinzu: Darüber hinaus gibt es nichts.
Wer sich nur auf den methodologischen Naturalismus beschränkt kann einigen Einwürfe Haughts sofort die Spitze nehmen. Die erste These Haughts ist dem ontologischen Naturalismus verpflichtet: „Apart from nature [...] there is nothing. There is no God, no soul, and no life beyond death“ (S. xiii). Allerdings kann der methodologische Naturalist diese weitergehende These auch als Konklusion gewinnen. Man geht in etwa von der plausiblen Prämisse aus: „Alles in der Welt geht mit rechten Dingen zu“ (siehe dazu Kanitscheider 2007, Haught Links) und formuliert dieses Argument:
  • Sofern keine Belege für Objekte, Entitäten, ... vorliegen, gilt: gibt es nicht. Oder anders: Existenzbehauptungen müssen belegt werden, ansonsten gilt „by default“: gibt es nicht. Oder, nochmals anders: die Beweislast für (neue) Objekte, Entitäten, ... liegt beim Behaupter.
  • Für Götter, Seelen im religiösen Sinn, Leben nach dem Tod liegen keine Belege vor.
  • Daher gilt: Götter, Seelen im religiösen Sinne, Leben nach dem Tod gibt es nicht.
Vielen Riposten durch Haught wird damit der Stachel genommen.
Auch der erkenntnistheoretische Naturalismus behauptet nur in einer sehr starken Variante, dass ausschließlich die Naturwissenschaften und ihre Methoden zu einer wahren Beschreibung der Welt führen. Man kann bescheidener reklamieren, dass uns bisher die Methoden der Naturwissenschaften zu einer brauchbaren Vorstellung der Welt und zu leistungsstarken Theorien über die Wirklichkeit führten. Solange das von anderen Methoden (z.B. Astrologie, Kaffeesatz-Lesen, Intuition, Hellseherei, Einbildungskraft, Gottesvertrauen, Expertenhörigkeit, ...) nicht gezeigt werden kann, sind diese Methoden nicht oder nur mit extremen Vorbehalt geeignet unsere Erkenntnis zu erweitern. Damit muss man Haught nicht zustimmen, wenn er den neuen Atheisten einen Szientismus (Haught Links) attestiert: Nur Vernunft und Wissenschaft würden zur Wahrheit führen (S. 11) und diesen tadelt.
Haught reklamiert, dass auch die von ihm zu eng formulierten Naturalismusthesen Annahmen sind, die man glauben kann oder eben auch nicht. Dazu gleich mehr: Haught Annahmen der Neuen Atheisten.
Anmerkung: Haught wirft DHH eine allzu strikte Lesart der Bibel vor und stellt sie deshalb den Kreationisten und ID-Vertretern gleich. Er wendet die Nivellierungsfigur, deren sich jene bedienen, ebenfalls an. Sie versuchen
• entweder die Wissenschaftlichkeit ihrer Theorie zu zeigen und dann kann man sie ja wohl mit der Evolutionstheorie gleichbehandeln („to teach both sides“, meine George W. Bush),
• oder den hypothetischen Charakter jeglicher wissenschaftlicher Theorie zu betonen und dann ist die Evolutionstheorie ebenso fragwürdig oder seriös wie jede beliebige Theorie.
Annahmen der Neuen Atheisten
Haught reklamiert mehrfach, dass auch DHH und die Wissenschaft Annahmen ohne ausreichende absichernde Beweise benötigten. Dies ist prima facie ein gutes Argument und Haught nennt dazu zwei Hauptannahmen:
  • Nur die wissenschaftlichen Methoden sind respektabel
  • Nur belegbare und nachvollziehbare Begründungen führen zur Erkenntnis.
Mit diesem Tu-quoque- oder Ad-hominem-Argument wird der Vorwurf, die Religiösen würden aufgrund unzuverlässiger Methoden und ohne Belege glauben, an die Neuen Atheisten zurückgegeben. Dann muss es ja wohl erlaubt sein, selbst auch ohne Belege zu Überzeugungen zu kommen. Schauen wir uns die beiden Stoßrichtungen genauer an.
1) Nur die wissenschaftlichen Methoden sind respektabel
Haught moniert: „the claim that truth can be attained only by reason and science functioning independently of any faith is itself a faith claim.“ (S. 11). Da hat Haught recht. Zur engen These des wissenschaftlichen Naturalismus und dem Vorwurf des Szientismus habe ich oben bereits vorgeschlagen, – wenn man will, zugestanden –, dass der Ausschließlichkeitsanspruch seitens DHH aufgeben werden kann und muss.
Der Einwand Haughts übersieht, dass dies eine Annahme ist, die die Theologen und alle religiös Gläubigen ebenfalls machen (sie wollen auf wissenschaftliche Erkenntnisse ja nicht verzichten; so selbstverständlich auch Haught S. 76) und aus pragmatischen und anderen Gründen geboten ist.
Die Erfahrung zeigt, dass die wissenschaftlichen Methoden erfolgreiche Vorhersagen erlauben und dadurch die zugrundeliegenden Theorien vorläufig als wahr angenommen werden dürfen. Um Haughts Vorwurf zu entkräften, schwächt man – wie schon oben geschehen – ab: bisher sehen wir allenfalls mit Vernunft und Wissenschaft eine Chance der Wahrheit näher zu kommen. Andere Methoden können auch zur Wahrheit führen, doch fehlt dafür der Nachweis und wir können nie glaubhaft machen, dass wir wissen. Es kann ja wahr sein, dass es Engel gibt und sie in Erzengel, Schutzengel und gewöhnliche Engel eingeteilt sind. Doch wir haben – soweit ich sehe – nicht die geringste Chance, diese Wahrheit auch nur annähernd festzustellen. Mit der Methode der Wahrnehmung kann ich jedoch einigermassen berechtigt zur Überzeugung gelangen (immer als Poppersches Vermutungswissen verstanden), dass der Baum in meinem Garten noch dort steht.
Der Vorwurf kann also leicht entkräftet werden, indem man das „nur“ streicht. Wahrheit kann – wenn überhaupt – durch Vernunft und Wissenschaft erreicht oder sich ihr angenähert werden. Bis jetzt ist kein zuverlässiges anderes Verfahren bekannt. Andere Verfahren sollten daher – bis anderes festgestellt wird – nicht herangezogen werden.
2) Nur belegbare und nachvollziehbare Begründungen führen zur Erkenntnis
Mehrere Überlegungen sollten diese Forderung einsichtig machen und den Annahmen-Charakter wegfegen.
• a) Die Forderung, nur belegbare Überzeugungen anzunehmen, ist keine reine Annahme, sondern gründet im methodologischen Naturalismus und auf den bisherigen Erfolgen. Belegte Wettervorhersagen treffen viel häufiger ziemlich genau zu als die Wettervorsage mittels Vogelflugschau oder Intuition oder dem Frosch im Glas.
• b) Die zweite Überlegung ist eine Reductio-ad-absurdum. Haught selbst deutet sie an, indem er die zweite Prämisse des folgenden Arguments nennt: „anything could become admissable in the religious mind, including the belief that martyrdom by suicide bombing will launch one immediately into paradise“ (Haught 5)
Pragmatisches Reductio-Argument für die Forderung nach Belegen („evidence“):
“evidence”: ground for belief or disbelief; data on which to base proof or to establish truth or falsehood Hanks, Patrick, Mcleod, William T., & Urdang, Laurence, Hg. (1986): Collins Dictionary of the English Language. London, Glasgow: Collins.
(1) „belief without evidence“ ist in Ordnung
(2) Wenn man nicht willkürlich sein will, muss man auch andere „beliefs without evidence“ zulassen, wie beispielsweise „martyrdom by suicide bombing will launch one immediately into paradise“.
(3) Der Glaube unter (2) ist als absurd offensichtlich abzulehnen.
Folglich hat man nur drei Möglichkeiten: Man greift an / verzichtet auf / negiert (1), (2) oder (3).
DHH entscheiden sich dafür (1) abzulehnen und bestehen stattdessen auf begründeten und belegbaren Aussagen. Das ist also eine wohl begründete Forderung und nicht gleichzusetzen (wie es Haught mehrfach macht) mit Annahmen von übernatürlichen Wesen, Seelen usw.
• c) Ein zweites Reductio-Argument:
(1) Haught plädiert dafür auch Aussagen ohne Belege zuzulassen.
(2) DHH Behauptung: "Keine ernsthafte Überzeugungen ohne angemessen Begründung".
(3) Haught verlangt für (2) eine Begründung. Das verträgt sich nicht mit (1).
Dabei vergisst Haught auch Petrus: “Always be prepared to give an answer to everyone who asks you to give the reason for the hope you have.” 1 Petrus 3,15.
• d) Cliffords These
Die These von William K. Clifford „To sum up: it is wrong always, everywhere, and for anyone, to believe anything upon insufficient evidence“ muss nicht so rigoros formuliert werden. Freilich kann es aus pragmatischen Gründen angebracht sein, etwas zu glauben, für das man keine genügenden Belege hat (beispielsweise ein Schiffbrüchiger der sich nicht aufgibt, obwohl er meilenweit vom Ufer entfernt ist). Durch den Essay von William James: „The Will to Believe“ scheint mir der Kern der Cliffordschen Forderung (ohne ihrem universalen Anspruch) nicht widerlegt zu sein (Haught S. 6).
• e) Kein Wahrheitssinn
Das epistemische Ziel ist – grob umrissen – möglichst viele wahre und möglichst wenig falsche Überzeugungen zu haben. Überzeugungen erkennt man nicht an, ob sie wahr oder falsch sind. Man muss sie überprüfen. Wir haben keinen Wahrheitssinn: wir müssen uns auf Belege („evidence“) verlassen. Zeugnisse Dritter sind nur derivativ und nur zuverlässig, wenn man davon ausgehen kann, dass letztlich auch hinter dem Zeugnis Dritter Belege stehen.
Sowohl in der Theorie als auch in der Praxis ist daher die Rechtfertigung für eine Überzeugung nahezu unerlässlich.
Theorie: Wer Wissen beansprucht – so die allermeisten Erkenntnistheoretiker – muss dafür eine angemessene Rechtfertigung vorbringen.
Praxis: Der Kontrolleur in der Bahn, im Theater, Konzert oder wo auch immer, akzeptiert es nicht, wenn der Kunde sagt: “Ich bin rechtmässig hier. Glaube das ohne Belege!”
• f) Pluralismusargument
Insbesondere wenn mehrere sich widersprechende Thesen vorliegen und zu entscheiden ist, muss man unabhängige Kriterien heranziehen. Das kann nur „evidence“ sein. Es gibt beispielsweise zahlreiche sich widersprechende Religionen. Man sehe nur mal die, sicher nicht erschöpfende Liste von Religionen und Weltanschauungen (Haught Links) an. Wie soll man rational entscheiden, welche Religion und welches Gottesbild anzunehmen ist? Gerade die röm.kath. Kirche des John Haught weist hier jede Beliebigkeit scharf zurück. Milliarden von Gläubigen bleiben bei der von Geburt auf anerzogenen Religion. Das scheint ein recht zufälliges, beliebiges Kriterium zu sein. Den Milliarden von Gläubigen genügt diese Beliebigkeit offensichtlich. Ein rational denkender Menschen kann sich da nicht anschließen.
Daher: Clifford's These soweit möglich einhalten!
• g) Verschiedene Blickwinkel auch für „faith“
Haught argumentiert selbst, dass man zu manchen Phänomenen verschiedene Zugänge und Erklärungen haben kann, beispielsweise dafür, dass man ein Buch so liest, wie man es gerade in der Hand hat. Das kann einmal rein mechanisch mit dem Drucker und Verlag erklärt werden, einmal mit dem Verleger, der die Ausgabe des Buchs übernahm, zum Dritten mit dem Autor, der die Worte ins Manuskript schrieb usw. All diese Erklärungen sind nur aus verschiedenen Blickwinkeln und cum grano salis gleichberechtigt. So ist es auch für die Erklärung von „faith“. Die Theologen mögen viele unterschiedliche und gut ausgefeilte haben, doch die durch DHH als „belief without evidence“ passt ebenso. Haughts Vorwurf, DHH gehen von einem falschen Konzept für „faith“ aus (= „belief without evidence“) ist zurückzuweisen.
Haughts skeptischer Einwand: Warum muss man den Nachweis führen, warum bestehen DHH ständig auf Belegen? sollte beantwortet sein.
Keinesfalls kommt man in einen Selbstwiderspruch, wenn man für Überzeugungen fordert, dass sie belegt und begründet werden müssen. Diese Forderung ist seinerseits wohl begründet. Nicht von ungefähr fordern auch die allermeisten Explikationen des Wissens eine ausreichende Rechtfertigung.
DHH gehen von einem falschen Gottesbegriff aus
Ein Hauptwurf nicht nur Haughts an DHH ist, dass die Neuen Atheisten von einem falschen Gottesbegriff ausgehen. DHH lesen aus der Bibel, dass Gott rachsüchtig, mitleidslos, strafend und zürnend ist. Dabei übersehen sie – so Haught – dass die moderne Theologie schon sehr viel weiter ist und den Gottesbegriff entwickelt hat.
Wir haben es hier mit einer dreifachen Position zum Gottesbegriff zu tun: DHH, moderne Theologie und dazwischen stehend der volkstümliche Gottesbegriff. Dieser ist mit ewigem Höllenfeuer und ähnlichen Strafen verbunden.
• Die Kirchenvertreter tun wenig um den Gottesbegriff der modernen Theologie (und das dazugehörige moderne Bibelverständnis) unter das Volk zu bringen.
• Der Gottesbegriff der modernen Theologie scheint nur nach ausgiebigen Studien einsehbar.
• Jahrhundertelang vertrat die Theologie ebenfalls einen strafenden Gott oder einen, der dem heutigen volkstümlichen Gottesbegriff näher stand.
• Die Frage ist, warum der durch DHH aus der Bibel abgeleitete Gott so falsch sein soll. Jedenfalls geht er einsichtiger aus der Heiligen Schrift hervor, als der mühsam durch die moderne Theologie erarbeitete. • Zudem wenden sich die populären Streitschriften von DHH an den interessierten Laien, nicht an moderne Theologen. Sie legen daher auch deren Gottesbild zugrunde.
Solange die Kirchenlehrer dazu keine öffentliche Richtigstellung geben und das volkstümliche Gottesbild korrigieren, sind DHH berechtigt für ihr Gottesbild die Bibel ohne jahrelanges Bibelstudium zu Rate zu ziehen.
DHH gehen von einem falschen Glaubensbegriff aus
Ähnlich wie Haught den Neuen Atheisten einen falschen Gottesbegriff vorwirft, so tadelt er auch das stereotype „Faith is belief without evidence“ als das Credo der Neuen Atheisten. Haught gibt zahlreiche andere Erklärungen / Formulierungen / Definitionen für „faith“, so:
• „the commitment of one's whole being to God“ (S. 5)
• „a state of self-surrender in which one's whole being, and not just the intellect, is experienced as being carried away into a dimension of reality that is much deeper and more real than anything that could be grasped by science and reason“ (S. 13).
• „there is no knowing without going“ (S. 46)
• sich öffnen für eine personelle Umformung, damit man von der unbegrenzten Líebe ergriffen wird (S. 46)
• „the state of being drawn toward or being grasped by something of utmost importance, by what Tillich calls »ultimate concern«“ (S. 61)
• „an adventurous movement of trust that opens reason up to its appropriate living space, ...“ (S. 75) Ohne Theologe zu sein: die Quintessenz der blumigen und schwammigen Explikationen scheint – in Anlehnung an Blaise Pascal – zu sein: glaube erst mal in blindem Vertrauen, dann wird's schon! Pascal meint, man solle die Gläubigen nachahmen, das Weihwasser nehmen und die Messe besuchen. Es ist schon anmassend DHH die Forderung nach Belegen für eigene Überzeugungen als selbstwiderlegend vorzuwerfen und dann selbst sich sehr weitgehenden Überzeugungen (allmächtiger, allgütiger, allwissender Gott etc.) anzuvertrauen.
Manche Formulierungen des „faith“ treffen auch auf Drogen zu („carried away into a dimension of reality that is much deeper and more real than anything“ Drogen).
Wissenschaft hat ihre Domäne und keine Aussagekraft für theologische Fragen
Mehrfach wirft Haught ins Feld, dass die Wissenschaft per definitionem nichts über Gott, Bedeutung, Werte und Absichten zu sagen hat (S. 18). Die Forderung, insbesondere von Richard Dawkins, theologische Fragen als wissenschaftliche zu behandeln, verfehlt sei (S. 29). Die Wissenschaft íst nicht geeignet um Gott zu entdecken oder auszuschließen (S. 51).
Dabei übersieht Haught einen Punkt, den auch Dawkins betont. Solange die Theologie etwas zum Übernatürlichen behauptet, das keine Wirkung in unserer Realität hat, kann sie das tun, ohne dass man es widerlegen kann. Die sorgsame Trennung der beiden Wissensbereiche, auf die Haught soviel Wert legt, wäre kaum angreifbar. Doch kaum ein Gläubiger ist so bescheiden. Sobald jemand aber einen übernatürlichen Eingriff in unsere Wirklichkeit behauptet, so muss sich die/derjenige gefallen lassen, dass man diese Wirkung mit wissenschaftlichen Methoden nachweist. Eine nicht nachweisbare Wirkung hier und jetzt ist keine; es ist ein Widerspruch in sich.
Damit hat das Beharren auf den zwei unabhängigen Wissensbereich nur eine sehr begrenzte Berechtigung.
Bibel
Vorwürfe zum Inhalt der Bibel seitens DHH blockt Haught mit den üblichen Verfahren ab:
• Widersprüche in der Bibel sollen nicht so wörtlich genommen werden, dass dadurch die göttliche Inspiration in Frage gestellt wird (S. 31)
• Widersprüche in der Bibel sind Gelegenheit tiefer zu gehen oder verschiedene Perspektiven einzunehmen (S. 32)
• Die Bibel ist für die Gemeinden, für die sie gedacht ist (S. 35)
• Man soll sich nicht auf die extremen Bibelleser, die wörtlichen Interpretierer, Sektierer, Inquisitoiren und Terroristen fokussieren (S. 36).
All diese Verfahren sind verdächtig. Wenn man beispielsweise Widersprüche nicht als solche sehen soll, sondern ... (siehe oben), dann fägt man sich, warum Haught so auf den (angeblichen) Selbstwiderspruch der Forderung nach ausschließlich belegbaren Überzeugungen herumreitet.
Viele lesen die Bibel wörtlich oder nahezu wörtlich. In Internetforen diskutierte ich mit Christen, die sogar das wörtlich wörtlich nahmen. Mein Vorwurf, dass jede Übersetzung an sich schon eine Änderung bedeute und der Interpretation bedürfe, wurde zurückgewiesen.
Haught geht wieder von studierten Theologen und Bibelexegeten aus. DHH haben aber das normale Lesepublikum im Visier. Zur Gemeinde- und Zeitbezogenheit der Bibel ist zu sagen: warum sollen wir die Bibel dann heute noch lesen oder gar beherzigen? Das ist ein Eigentor.
Das perfekte Universum wäre tödlich
Das größte Eigentor schießt Haught aber im letzten Kapitel. Da geißelt er die von DHH ohne Religion erstrebte friedliche, heile Welt. Wenn man Selbstmordbomber nicht mag, solle man sich doch mal ein ideales Universum vorstellen, so Haught. Ein Schöpfer, der die Freiheit und Vielfalt liebt, könnte nie ein Universum von ewiger idealer Gleichmässigkeit schaffen. Ein von Anfang an perfektes Universum wäre tödlich (S. 105-106). Ganz abgesehen davon, dass so eine Welt auch DHH nicht anstreben, doch: was verspricht sich die Christenheit nach dem Jüngsten Tag? Mir scheint, Haught malt diese Welt der ewigen Glückseligkeit als Menetekel an die Wand. Dann wäre dies nicht erstrebenswert!?
Beseitigung der Religion führt zu einer Welt ohne Leid
Wenn diese Behauptung von DHH so platt gegeben wird, hat Haught recht: damit bedient man sich der Seichtheit der religiösen Fundamentalisten (S. 12). Aber ich meine, auch hier formuliert Haught einen wahren Kern zu rigoros. All-Aussagen („nur“, siehe oben; hier: „ohne“) können leicht zu Fall gebracht werden. Doch weniger Leid gäbe es ohne Religion schon. Bereits John Lennon wusste es: „Imagine ... no religion too“.
Intoleranz zur Toleranz gegenüber Religion
Besonders Harris, aber auch Dawkins proklamieren eine Intoleranz zur Toleranz gegenüber Religion. Hierzu gibt Haught zu bedenken: Nur dank der Toleranz gelang es den wissenschaftlichen Naturalismus zu etablieren. (S. 10) Der wissenschaftliche Naturalismus fusst letztlich auch auf Glauben (S. 11). Wenn das Neue am Neuen Atheismus von DHH aus den beiden letzten Thesen besteht (Beseitigung der Religion, Intoleranz gegenüber Religionen), so haben sie der bekannten Kritik wahrlich nichts Stichhaltiges hinzugefügt.
Ich meine aber, die Religionsvertreter und Theologen haben genügend damit zu tun, die alten Argumenten zu entkräften, statt: „Das kennen wir schon!“ zu rufen. Haught stimmt nicht in diesen ignoranten Chor ein und wir Leser profitieren davon.
Stichhaltig bleiben:
Vieles gerät DHH zu pauschal. Nicht alle religiös Gläubigen sind Terroristen oder dafür anfällig. Die Gefahr dazu ist aber kaum zu leugnen. Mit intoleranten Forderungen schießen DHH aber übers Ziel hinaus.
Die kritische Antwort an DHH ist mit Gewinn lesbar. Es ist amüsant (befriedigend ?) zu lesen, wie ein seminarerprobter Theologe daran scheitert, seinen „belief without evidence“ gegen einen belegbaren wissenschaftlichen Anspruch zu verteidigen. Haught überzeugt mehr als Alexander Kissler mit Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam (Haught Links). God and the New Atheism ist hilfreich für
• alle Atheisten, weil sie erkennen, wo die Argumente von Atheisten korrekturbedürftig sind,
• alle Fans und Nachfolger von DHH, da sie speziell sehen, wo DHH schief liegen,
• alle Gläubigen (insbesondere Christen), weil ihr Argumentationsinstrumentarium gegen Atheisten und Agnostiker geschärft wird, und vor allem für
• alle christlichen Fundamentalisten, da sie lesen werden, wie nahe sie (angeblich) bei manchen Atheisten stehen und wo die moderne Theologie weit über ihr Religionsverständnis hinausgeht.
Links
John F. Haught: HaughtJohn F. Haught, Ph. D, Senior Fellow, Science & ReligionHaughtWikipedia
Ratzinger Argument für den Atheismus von Joseph Ratzinger aka Papst Benedikt XVI.
HaughtArgumentum ad hominem
Haught Richard Dawkins: The God Delusion
Haught Sam Harris: The End of Faith. Religion, Terror, and the Future of Reason
Haught Christopher Hitchens: God Is Not Great: The Case Against Religion
HaughtWilliam James: „The Will to Believe“
Haught Bernulf Kanitscheider (2007): Die Materie und ihre Schatten. Naturalistische Wissenschaftsphilosophie
Haught Geert Keil, Herbert Schnädelbach, Hg. (2000): Naturalismus. Philosophische Beiträge
Haught Timothy Keller: The Reason for God: Belief in an Age of Skepticism
Haught Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam
HaughtKlink, Bart (2009): "Review of God and the New Atheism (2009)"
HaughtListe von Religionen und Weltanschauungen
Haught Literatur zu religiöser Glaube und Vernunft – Faith and Reason
Haught Literatur zu Terror, Religion und Geheimbünden
HaughtNaturalism
HaughtNaturalismus
Haught Michel Onfray: Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss
HaughtPaulson, Steve (2007): "The atheist delusion"
Haught Religiöser Glaube und Vernunft – Faith and Reason
HaughtSheppard, Kenneth (2010): "God's Not Dead Yet. Five recent responses to the “new atheism” by prominent Christian scholars, reviewed."
HaughtSweeney, Jon M. , John F. Haught "The New Atheists' Mistake – God and the New Atheism author Dr. John Haught explains. Interviewed by Jon M. Sweeney"
HaughtSzientismus
HaughtTu quoque
HaughtTWC (2008): "Projecting God: The Psychology of Theological Justification"
Haught Die vier Reiter der Gegen-Apokalypse
Haught Zitate William K. Clifford
Literatur
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Haught HaughtJohn F. Haught: God and the New Atheism: A Critical Response to Dawkins, Harris, and Hitchens. Louisville, Kentucky: Westminster, 2007. Broschiert, 124 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.11.2010