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Keller
Timothy Keller: The Reason for God: Belief in an Age of Skepticism
Chicago, IL: Gale, 2009 Broschiert, 467 Seiten
Deutsche Ausgabe: Warum Gott? Vernünftiger Glaube oder Irrlicht der Menschheit? Friedemann Lux, Übs. Gießen: Brunnen, 2010. Gebunden, 336 Seiten – Keller Ausführliche Besprechungrezension Linksrezension Literatur
Aus der Praxis für die Praxis
Timothy Keller ist praktizierender Pastor einer Presbyterier Gemeinde in New York an der er Frage- und Antwortsitzungen abhält. Er pflegt demgemäss eine verständliche Sprache. Er nimmt auch die Zweifel und die Zweifler ernst. Die arrogante Haltung mancher Theologen: Eure Einwände sind uralt und ohne Wissen um die aktuelle theologische Diskussion! teilt Keller nicht.
Daher mahnt Keller sowohl die Gläubigen (“Gläubige” sind hier immer – sofern nicht anders angeführt – religiös Gläubige) Gründe für ihren Glauben zu finden, aber auch die Skeptiker, die Annahmen hinter ihren Überzeugungen ausfindig zu machen (S. 22).
Viele Kapitel leitet er mit Fragen oder Bemerkungen aus dem Kreis seiner Gemeinde ein. Der Beantwortung widmet er dann das ganze Kapitel, formuliert allerdings die Fragen um, so dass am Ende die eigentlichen Fragen oft unbeantwortet bleiben. Dazu gleich ein Beispiel: “Christen glauben, dass sie die absolute Wahrheit haben, die jeder andere zu glauben habe. Das gefährdet die Freiheit” lautet die ausgezeichnete Laienbemerkung zum Kapitel 3. Man ist gespannt, denn jetzt will man wissen, ob Christen wirklich meinen, die absolute Wahrheit zu haben, die jeder andere zu glauben habe. Doch Keller formuliert sofort seine eigene Frage zum Unterthema der Laienbemerkung: Ist ein Glaube an die absolute Wahrheit der Feind der Freiheit? (S. 82). Ein glatte Antwort auf die interessantere Frage vermisst man.
Aufgrund der medienwirksamen Beachtung dieses New York Times Bestsellers habe ich das Werk ausführlich besprochen. Diese Besprechung findet man hier: Keller Timothy Keller: The Reason for God (ausführlich). Für die meisten Leser gibt die nachfolgende, stark gekürzte Besprechung ausreichend Information um zu entscheiden, ob man das Buch liest oder nicht oder zuerst noch die ausführliche Besprechung zu Rate zieht.
Drei Hauptprobleme
Keller plagten drei Hauptprobleme (S. 14):
  • Pluralismus der Religionen
  • Theodizee
  • Warum überhaupt glauben?
Darauf will Keller antworten und gliedert seinen Stoff in zwei Abschnitte mit je sieben Kapiteln.
• Teil 1 soll zweifelnde Fragen beantworten, also negative Gründe zum religiösen Glauben ausräumen,
• Teil 2 will positive Gründe für den Glauben geben.
Beides gelingt, wenn überhaupt, nur sehr beschränkt. Die drei Hauptprobleme bleiben offen.
Grundsätzliche inhaltliche Probleme
1. Glaubenssprung
Vielen Zweiflern wirft Keller vor, dass sie einen Glaubenssprung vollziehen. Implizierter Vorwurf: warum dann nicht auch die Glaubensannahmen des Christen teilen? Prinzipiell hat Keller recht. Doch was sind die Glaubenssprünge des Alltags und der Wissenschaft verglichen mit jenen die Keller seinen Lesern zumutet? Keller aber stellt die Sprünge auf dieselbe Stufe. Mehrfach ermuntert Keller die Zweifler und Leser den Sprung in den religiösen Glauben zu wagen.
2. Relativismus zum Relativismus
Vielfach nimmt Keller zweispältige Positionen ein. So steht seinem Appell an einen Relativismus bei der Beurteilung der Bibel (Kap. 7) eine Verurteilung jeglichen Relativismus bei der Grundlegung der Moral (Kap. 9) und bei der Wahrheit des religiösen Glaubens (Kap. 3) gegenüber.
3. Falsche Vorstellung von einer Tatsache
4. Das Fehlen von Belegen für etwas ist kein Beleg dafür, dass es dieses Etwas nicht gibt
5. Der Autor ist Praktiker

Keller schreibt aus der Praxis mit Fragen, wie sie oft Laien stellen. Sie sind daher verständlich gestellt und oft prima facie nachvollziehbar beantwortet. Das hat aber auch den Nachteil, dass der Text mit Bekehrungsgeschichten, Bibelinterpretationen oder Predigtauszügen durchsetzt ist.
Formale Probleme
• Obwohl die 14 Kapitel thematisch gut gegliedert sind wird manches immer wieder diskutiert.
• Die Kapitelfragen werden oft nicht konkret beantwortet. Typische Beispiele: Kap. 1 Es kann nicht nur eine wahre Religion geben und Kap. 3 Das Christentum ist eine Zwangsjacke. Keller vertritt die Ansicht das Chistentum ist die einzig wahre Religion. Hätte er es konkret hingeschrieben wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass er nur für die Presbyterianer schreibt. Es gibt zahllose christliche Religionen, die sich zum Teil stark widersprechen. Die Kapitelfrage 3 beantwortet er sich lange windend mit “Ja, aber der Christ empfindet es nicht so”.
Fazit
Nach interessantem Beginn, in dem Keller einige Klärungen und überlegenswerte Riposten zu den Argumenten der Nichtgläubigen auffährt, wird The Reason for God besonders im zweiten Teil schwach und sandet in einen Katechismusunterricht aus. Zugute halten kann man, dass Keller brennende Fragen nicht scheut. Er bespricht sie verständlich. Allerdings bleibt er dann nicht immer beim Thema, sondern beantwortet andere Fragen.
Das Buch eignet sich damit für alle jene,
• die auf schwierige Fragen allzu leichte Antworten suchen,
• Christen, die für ihren Glauben nachträglich Gründe suchen,
• die meinen, die Theologen, theologischen Praktiker und Apologeten haben auf die schwierigen Fragen schon passende Antworten. Sie werden erkennen: zumindest Timothy Keller hat kaum überzeugende Antworten.
Wenn dies die beste Begründung des Glaubens, die in diesem Jahrhundert geschrieben wurde, ist (wie man in Besprechungen lesen kann), dann steht es schlecht um die Vernünftigkeit des Glaubens. Aber das Jahrhundert ist ja noch jung.
Links
KellerTimothy J. Keller
KellerTim Keller - The Reason For God
Weitere Links in der ausführlichen Besprechung: rezension Timothy Keller: The Reason for God (ausführlich).
de Sousa Pascals Wette
Literatur
Hoerster, Norbert (1985): "Unlösbarkeit des Theodizee-Problems". Theologie und Philosophie 60:3, S. 400-409. Kelleronline
Kaempfer, Ralf (2010): "Ermutigung zum Zweifeln". pro Christliches Medienmagazin 4, S. 26-27
Sober, Elliott (2009): "Absence of Evidence and Evidence of Absence: Evidential Transitivity in Connection with Fossils, Fishing, Fine-Tuning, and Firing Squads". Philosophical Studies 143, S. 63-90.
Walton, Douglas N. (1999): "The Appeal to Ignorance, or Argumentum Ad Ignorantiam". Argumentation 13, S. 367-377. Kelleronline (pdf)
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Mackie, John Leslie. Das Wunder des Theismus. Argumente für und gegen die Existenz Gottes. Rudolf Ginters, Übs. Ditzingen: Reclam, 1985. Broschiert, 424 Seiten Mackie
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 3.12.2010