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Everitt
Nicholas Everitt: The Non-Existence of God
London, New York: Routledge, 2004. Taschenbuch, 326 Seiten – Everitt LinksEveritt Literatur
Nicholas Everitt, ehemals Professor an der University of East Anglia, konzentiert sich in diesem Werk auf die Frage nach der Existenz Gottes. Wie der Titel nahelegt kommt er nach Bewertung zahlreicher Argumente für die Existenz und einiger weniger gegen sie zum abgewogenen Urteil: Es ist wahrscheinlicher, dass Gott nicht existiert. Er geht nicht nur auf die seit Thomas von Aquin bekannten Argumente ein, sondern ausführlich auch auf neuere Argumentationsketten von William Alston, Alvin Plantinga und Richard Swinburne. Er bringt mehrere Argumente gegen Gott, zwei davon, das Argumente der Größenordnung und das Argument mit der perfekten Welt haben grosse Durchschlagskraft. Everitt
© Nick Everitt
With kind permission
Everitt gliedert die Diskussion in die folgenden Kapitel
1 Reasoning about God
2 Reformed Epistemology
3 Ontological Arguments
4 Cosmological Arguments
5 Teleological Arguments
6 Arguments to and from Miracles
7 God and Morality
8 Religious Experiences
9 Naturalism, Evolution and Rationality
10 Prudential Arguments
11 Arguments from Scale
12 Problems about Evil
13 Omnipotence
14 Eternity and Omnipresence
15 Omniscience
16 Conclusions
Im ersten Kapitel weist Everitt diejenigen zurück, die meinen, über Gott kann man nicht vernünftig nachdenken: Vernunft tauge nur für weltliche Sachverhalte oder: es ist fruchtlos, da es sowohl Gründe pro als auch contra gebe. Das gesamte Werk widerlegt diese nörgelnden Kritiker.
Nach Everitts Auffassung halten Theisten die Existenz Gottes für wahrscheinlicher, Atheisten dagegen die Nicht-Existenz (S. 14) . Er legt damit nicht so scharfe Grenzen zugrunde wie J. Angelo Corlett in The Errors of Atheism (Everitt Links). Alle, die sich auf der Wahrscheinlichkeitsskala exklusive 0 und 1 bewegen sind für Corlett Agnostiker. Ich denke, Everitts Einschätzung deckt sich mehr mit dem üblichen Gebrauch der Begriffe. Agnostiker ist demnach nur diejenige Person, für die der Ausschlag weder nach der Existenz noch der Nicht- Existenz überwiegt (oder derjenige, den die Antwort der Gottesfrage überhaupt nicht interessiert).
Everitt fällt auch unter Corletts Kritik, dass er nahezu ausschließlich den traditionellen christlichen Gott mit den Supereigenschaften (Allmacht, Allwissenheit, perfekt gut, usw.) untersucht. Eine Begründung dafür gibt Everitt im letzten Abschnitt: jeder Gott, dem es an den Supereigenschaften mangelt, kann übertroffen werden und müßte dann etwas über sich anerkennen. Es ist sehr fraglich, ob so ein Gott unserer Anbetung würdig ist (S. 306). Eine weitere Begründung für die Beschränkung auf den traditionellen christlichen Gott ist, dass Everitt nur damit genügend vertraut ist (S. 14). Ich denke, beide Begründungen überzeugen gegen Corletts Vorwürfe.
In guter analytisch-philosospischer Manier gibt Everitt noch eine Definition des Gottesbildes, das er zugrunde legt (S. 15).
Als erstes nimmt Everitt die Winkelzüge der Reformed Epistemology auseinander. Ausführlich geht er auf einen der berühmtesten Gottesbeweise, dem ontologischen, ein. (Zu diesem und einigen der folgenden Argumente siehe auch Horst Seidl, Hg. Thomas von Aquin. Die Gottesbeweise in der "Summe gegen die Heiden" und der "Summe der Theologie" unter Everitt Links). Alleine durch Überlegen will der ontologische Gottesbeweis die Existenz Gottes als notwendig nachweisen. Dazu Arthur Schopenhauer:
»Wär' der Gedank' nicht so verwünscht gescheut, Man wär' versucht ihn herzlich dumm zu nennen.«
Schopenhauer: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (Everitt Links).
Everitt beleuchtet fünf Versionen dieses Arguments und alle sind unzureichend.
Unter den kosmologischen Argumenten fasst Everitt einige seit Thomas von Aquin altbekannten zusammen, so das Argumente der ersten Ursache und das Kontingenzargument. Es ist fast ebenso lang bekannt, dass sie nicht durchschlagen. Siehe dazu das vergriffene Donald R. Burrill, Hg. (1967): The Cosmological Arguments. A Spectrum of Opinion, unter Everitt Literatur.
Im fünften Kapitel behandelt Everitt die teleologischen Argumente.
Darunter fallen das Design-Argument, das Anthropische Prinzip und Michael Behes irreduzible Komplexität (Everitt Links). Dieses Kapitel und das folgende über Wunder sind besonders starke Kapitel des Werks.
Die Argumente mit und über Wunder gliedert Everitt in vier Arten der Wunderauffassung: Verletzung eines Naturgesetzes, direkt gewollte Ereignisse, Unerklärliches und Zufälliges. Schon David Hume hat Wunder stark desavouiert (Everitt Links), Everitt macht es noch genauer und auf breiterer Basis.
In "God and Morality" bewertet Everitt die unterstellte starke Verbindung zwischen Religion und Moral. Er bespricht das "Geschenk des Lebens" (S. 130), das Euthyphro Dilemma (S. 134) und Immanuel Kants Argumentation der moralischen Notwendigkeit Gottes (S. 136-138). Everitt kommt zum überzeugenden Befund: die moralischen Argumente für Gott müssen als wertlos eingestuft werden (S. 148).
Einem heiklen Thema wendet sich der Autor im 8. Kapitel zu: Religiöse Erfahrung. Die subtilen Pros und Contras muss man selbst lesen. Ich erwähne nur zwei Punkte:
• Es ist seltsam, dass Gott religiöse Erfahrungen meist denjenigen widerfahren lässt, die eh schon religiös sind.
• Es ist zudem ungerecht oder gar grausam von Gott, dass er die Direkterfahrung nur wenigen Auserwählten zukommen läßt.
Deshalb antwortete Bertrand Russell (Everitt Links) auf die Frage, was er sagen wird, wenn er nach dem Tod doch Gott gegenübersteht: “Too little evidence”. Er schrieb an anderer Stelle über die Existenz eines Gottes: “there is no shred of evidence in favor of there being one.” (Zitate Russell unter Everitt Links).
Im 9. Kapitel widmet sich Everitt einem modernen, gefeierten Argument des Philosophen Alvin Plantinga. Mittels Naturalismus und Evolution will Plantinga beweisen, dass Atheismus und Agnostizismus unhaltbar sind. Die verbleibende Position wäre der Glaube an die Götter. Diese Argumentation fusst auf der Verläßlichkeit unserer kognitiven Fähigkeiten.
Es hat mich noch nie überzeugt, denn für die kognitiven Fähigkeiten gibt es natürliche evolutionäre Erklärungen. Auch Everitt kommt zum Schluss: greift nicht (S. 190).
Schwierig zu bewerten sind die Argumente, die darauf bauen, dass es vorteilhaft ist, an Gott zu glauben. Das berühmteste darunter ist Blaise Pascals Wette (Everitt Links). Doch weder dieses noch die anderen "prudential arguments" überzeugen Leute, die nicht auf ihren Vorteil bedacht ist, sondern die Gottesfrage davon unabhängig geklärt wissen wollen.
Ab dem 11.Kapitel dreht Everitt den Spieß um. Während er bislang nur Argumente pro Gott zerpflückte, diskutiert er nun Argumente, die für die Nicht-Existenz der Götter sprechen. Dabei war gleich die erste Gruppe, die Argumente der Größenordnung, für mich neu und sehr beeindruckend. Kurz gesagt gehen diese Argumente wie folgt (ich gebe zwei Varianten):
(1) Gott schuf das Universum mit dem Menschen als Krone seiner Schöpfung (wobei mir jetzt auffällt: laut Genesis fällt ihm das mit dem Menschen erst später ein, oder? Das wäre ein kleiner Wermutstropfen im Wein der Argumente der Größenordnung).
(2a) Dann dauerte es 15.000 Millionen Jahre und erst vor rund 3-4 Millionen Jahren traten die ersten Urmenschen auf.
(3a) Etwas lange und umständlich!
(2b) 100 Billionen Galaxien, jede mit etwa 1 Milliarde Sterne, ergibt etwa 100.000.000.000. 000.000.000.000 Sterne.
(3b) Bei weitem überdimensioniert für das Menschengeschlecht auf einem einzigen Planeten in einem dieser vielen Sonnensysteme! Wobei es sein könnte, dass es woanders auch (menschliches) Leben gibt. Aber warum dann an verschiedenen Plätzen?
Die modernen Wissenschaft reduziert also – entgegen verbreiteter Ansicht, die beide Domänen auseinander halten will – die Wahrscheinlichkeit, dass der Gottesglaube auf Wahrheit beruht sehr (S. 218). Everitt diskutiert einige Einwände gegen dieses Argument. Der beste scheint mir zu sein: Wir sollten nicht erwarten alles zu verstehen, was Gott macht (S. 224). Doch andrerseits verlangt Gott einiges von uns, warum erschwert er es völlig unnötig? Siehe dazu auch oben Russells “Too little evidence”. Der Theist braucht zumindest die neue zusätzliche Hypothese, dass Gott andere, für uns uneinsichtige Gründe hat (S. 224).
„The upshot of this line of thought, then, is that there is indeed a mismatch between the universe as revealed to us by modern science and the universe which we would expect, given the hypothesis of theism.“ (S. 225)
Hinter den "Problems about Evil" des Kapitels 12 steckt die Theodizeefrage. Diese Probleme halten viele als entscheidend gegen ein Gott mit gewissen superlativen Attributen.
“Die theoretische Stärke des Atheismus ist der spätesens seit Kant gescheiterte Versuch von Gottesbeweisen, sein Fels ist das Scheitern der Theodizee-Frage: die Übel der Welt sind mit einem gleichzeitig gerechten, allwissenden und allmächtigen Gott schwer zu vereinbaren”, so kann man es knapp zusammenfassen (Czermak 2009, S. 34).
Lange Zeit hielt ich die damit für das christliche Gotteskonzept verbundenen Probleme lösbar (ich baute auf eine Diskrepanz des Bösen aus menschlichen Blickwinkel gegenüber dem Gottesstandpunkt), aber das war verfehlt. Die Theodizeefrage ist tatsächlich extrem schwierig für den Christen zu beantworten. Manche Entgegnungen eignen sich bedingt für menschliches Leid, doch zum natürlichen Leid (Erdbeben, Tsunami, Vulkane, etc.) und zum Leid der Tiere und speziell zum Leid bevor der Mensch die Bühne betrat leisten diese Entgegnungen nichts.
„The so-called logical problem of evil tries to show that ‘the existence of evil is logically inconsistent with the existence of a being which is all- powerful, all-knowing and perfectly good [... ]. So, if there is evil in the world, it follows with certainty that there is no God. The so-called evidential problem of evil tries to show ‘not that the existence of evil is logically inconsistentwith God’s existence, but simply that the existence and amounts and types of evil in the world makes it very unlikelythat there is an all-knowing, all-powerful, and perfectly good divine being’“ (S. 218)
Verknappt: Gott der Allmächtige hätte alles auch ohne Leid & Pein hingekriegt.
Im Rahmen dieses Kapitels bringt der Autor das Perfekte Welt Argument (S. 243-244). Auch dieses war für mich neu. Es ist für den Theisten (immer wieder: traditionelles, christliches Gotteskonzept) vernichtend.
Die folgenden Kapitel zu den Attributen des traditionellen, christlichen Gottes (Allmacht, Ewigkeit und Allgegenwart, Allwissenheit) sind sehr lesenswert. Mich überzeugten sie aus verschiedenen Gründen (z.B. Gottes Attribute werden zu antropomorph gedacht) nicht völlig. Das kann für andere Leser anders sein.

Im Abschlusskapitel fasst Everitt zusammen und geht auf einige weitere Argumente ein. darunter eines, das ich noch aus dem Religionsunterricht Anfang der sechziger der 20. Jhdts. kenne: die einzelnen Argumente pro Gottes Existenz schlagen nicht durch, doch kollektiv gesehen – ähnlich wie die Zeugen und Belege im Gerichtsverfahren – sind sie durchschlagend. Auch dieses Argument erschüttert der Autor. Selbst wenn es durchginge spricht jedes einzelne Pro-Gott-Argument nur für einen bestimmten Gott. Nichts spricht dafür, dass all diese Götter ein und derselbe sind: „... there is no reason to think that even if each argument has some probative force, it is one and the same being who is referred to in the conclusion of each argument.“ (S. 301-302)
S. 94 unterlief eine kleine Fehlbezeichnung die 100 hoch 10 sind 10 hoch 20, also – egal welches Begriffssystem man verwendet: kontinental oder angelsächisch – sehr viel mehr als 1 Billion.
(Bestätigt durch den Autor per E-Mail vom 17. April 2011.)
Nicholas Everitt war Professor an der University of East Anglia, hat sich aber ins Semi-Privatleben zurückgezogen, siehe Everitt Links.
The Non-Existence of God ist nicht das Nonplusultra auf dem Gebiet der Frage nach Gottes Existenz. Dazu ist es zu knapp, ausserdem gibt es das Nonplusultra auch hier nicht (nachlesen im Buch selbst zu den superlativen Attributen Gottes, besonders die Allwissenheit). Es ist aber argumentativ, ausgewogen (der Theist liest einige gute Riposten für sich) und anregend. Außerdem gab es mir zwei neue Argumente und schärfte viele andere.
Hervorragende Empfehlung für diejenigen, die sich für Gott interessieren.
Links
EverittNick Everitt's HomepageEveritt@University of East Anglia
Everitt Allmachtsparadox
Everitt Anthropisches Prinzip
Everitt Czermak, Gerhard (2009): Religion und Weltanschauung in Gesellschaft und Recht: Ein Lexikon für Praxis und Wissenschaft
Everitt J. Angelo Corlett: The Errors of Atheism
Everitt Evolution – Anthropisches Prinzip – Intelligent Design – Kreationismus
Everitt Glaube und Vernunft
Everitt Gottesbeweise: Links und Literatur
Everitt Gottesbeweise und Gegenbeweise nicht ganz ernsthaft
EverittDavid Hume: Of Miracles
Everitt Literatur zu religiöser Glaube und Vernunft
de Sousa Pascals Wette
Everitt Bertrand Russell
EverittArthur Schopenhauer: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 2. Übersicht zum Satz vom zureichenden Grunde. § 7. Cartesius
Everitt Horst Seidl, Hg.: Thomas von Aquin. Die Gottesbeweise in der "Summe gegen die Heiden" und der "Summe der Theologie"
Everitt Zitate John Locke
Everitt Zitate Bertrand Russell
Literatur
Alston, William P. (1986): "Perceiving God". The Journal of Philosophy 83:11, S. 655-665.
Burrill, Donald R., Hg. (1967): The Cosmological Arguments. A Spectrum of Opinion. Garden City: Anchor.
Carlson, Erik, Olsson, Erik J. (2001): "The Presumption of Nothingness". Ratio 13:3, S. 203-221.
Davidson, Scott A. (2007): "Book Review: Nicholas Everitt: The Non- Existence of God". International Journal for Philosophy of Religion 61, S. 127-129.
Everitt, Nicholas (2000): "Why Only Perfection Is Good Enough". Philosophical Papers 29, S. 155–8
Grünbaum, Adolf (2009): "Why is There a World AT ALL, Rather Than Just Nothing?". Ontology Studies 9, S. 7-19.
Inwagen, Peter van (1996), "Why Is There Anything at All?". Proceedings of the Aristotelian Society, 70 (suppl. Vol.), S. 95-110.
Oppy, Graham (2006): "The Non-existence of God. By Nicholas Everitt". Philosophical Books 47:2, S. 187-189.
Rundle, Rundle (2004): Why there is Something rather than Nothing. Oxford: Oxford UP
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 17.4.2011