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Kellerwessel
Wulf Kellerwessel: “Denn sie wissen nicht, wovon sie reden”: Referenz, religiöse Glaubenssätze und Religionskritik aus sprachanalytischer Sicht
Würzburg: Königshausen & Neumann, 2011. Broschiert, 113 Seiten – Kellerwessel LinksKellerwessel Literatur
Der Autor klärt hier sprachphilosophisch, ob das Wort »Gott« überhaupt referiert. Es ist der wichtigste Begriff zahlreicher Religionen, allen voran in die grossen Monotheismen. Umso erstaunlicher ist es, dass zur Referenzfrage noch keine umfassende Untersuchung vorgelegt wurde.
Da man sich bei religiös-analytischen Werke schnell in die Schusslinie der Gläubigen begibt, wird Kellerwessel nicht müde öfters Abgrenzungen vorzunehmen. Es handle sich nicht um eine theologische Untersuchung (die ihren Gegenstand schon voraussetzt und auch heilige Schriften als Autorität akzeptiert), es geht nicht um Gefühle oder private Einstellungen. Es sollen ausschließlich rationale Argumente verwendet werden (S. 7).
Zudem muss der Autor bezüglich der Gottesvorstellung einige Annahmen treffen, da die Ansichten darüber, was Gott ist, wem gehorcht wird oder was verehrt wird in den vielen Religionen stark divergieren. Kellerwessel geht davon aus, dass »Gott«, wenn der Begriff überhaupt referiert, einen transzendenten Bezug hat. Er schränkt es noch weiter ein:  »Gott« soll eine existierende transzendente Person sein (S. 14).
Er konzentriert sich auf die drei grossen Monotheismen  Judentum, Christentum und Islam ohne den Polytheismus aus dem Auge zu verlieren. So kommt es, dass er „Zeus“ und „Odin“ gelegentlich als leere Eigennamen deklariert (z.B. S. 51). Dass „Zeus“ und „Odin“ keine wirkliche Referenz aufweisen, müßte der Autor ja erst zeigen.
Wie genau der Autor seine Problemstellung nimmt zeigt sich daran, dass er zunächst herausarbeitet, dass der Begriff »Gott« in den genannten Religionen einen wichtigen Stellenwert hat, die Referenz also ungemein bedeutsam ist.
Die religöse Rede von Gott erfüllt drei Bedingungen:
  1. Es ist eine verständliche Aussage
  2. Sie erhebt einen Wahrheitsanspruch
  3. Sie will etwas über die transzendente Person aussagen (S. 25).
Den Glaubenssätzen kommt eine zentrale Rolle innerhalb der jeweiligen Religion zu.
All diese Vorarbeiten sind nötig um späteren „Ausreden“ zuvor zu kommen.
Im zweiten Teil der Arbeit geht Kellerwessel systematisch die möglichen Verwendungsweisen für »Gott« durch. Nicht alle sind mit den Bedeutungs- und Referneztheorien der Altmeister Gottlob Frege und Bertrand Russell einverstanden:
  • »Gott« als Prädikt
  • in Existenzsätzen
  • als Kennzeichnung
  • als Name
  • als Name in deskriptiven Theorien
  • als Name in der Bündeltheorie
  • als Name in historischen und kausalen Referenztheorien
  • als demonstrativistischer Begriff, Indexwort und pronomenartiger Terminus
  • als Titel.
Das Resümee der akribischen Untersuchung ist ernüchternd.
  • „Niemand kennt das Einzelwesen, für das der angebliche Eigenname »Gott« steht“ (Zimmermann 2010, S. 78, zitiert nach Kellerwessel, S. 78)
  • Es bleibt unklar, ob »Gott« referiert. Wer »Gott« verwendet, kann nicht davon ausgehen, über etwas zu sprechen, dass es gibt (S. 85).
Und schließlich:
  • „Ob »Gott« einen tatsächlichen Referenten hat oder nur ein mythologischer bzw. fiktionaler Terminus ist, der lediglich zu referieren scheint, ohne es tatsächlich zu tun, ist nicht entscheidbar.“
Hier wäre ich nicht so vorsichtig. Da gezeigt wurde, dass »Gott« in keiner Bedeutungstheorie referiert, hat dieser Begriff – bis das Gegenteil nachgewiesen wird – keinen Referenten.
Dabei macht es sich Kellerwessel nicht leicht. Immer wieder bringt er mögliche Einwände oder Auswege. So könnte »Gott« ja auf Jesus von Nazareth referieren, eine historische Person, von deren Existenz wir einige Nachweise haben. Doch Jesus war Mensch und kein transzendentes Wesen. Die dritte wesentliche Bedingung religöser Rede über Gott wäre nicht erfüllt. Hier ist ein Einwand des Religionsphilosophen Ingolf U. Dalferths einschlägig (Dalferth 1981), den Kellerwessel aber entkräftet. Nur wer bereits Christ ist, kann durch Dalferths Einwand überzeugt werden. (S. 59).
Hier ist bedauerlich, dass Kellerwessel keine neueren einschlägigen Werke des Religionsphilosophen Ingolf U. Dalferth heranzieht ( KellerwesselLiteratur).
Eine durchgehende Schwierigkeit der Bezugnahme auf ein transzendentes Wesen ist die Überprüfung der behaupteten Referenz. Kann sie nicht angegeben werden, ist sie zurückzuweisen, da sonst mit gleicher Berechtigung jegliches transzendente Wesen (z. B. das Fliegende Spaghettimonster oder der Grosse Kürbis, Kellerwessel Links) behauptet werden könnte und da darüber geredet wird, wäre es existent. Wie diese Überprüfung aussehen könnte ist weiterhin unklar.
In zwei weiteren Kapitel behandelt Kellerwessel die Konsequenzen seines Befunds.
Gottesbeweise
War der Status der Gottesbeweise bislang schon schwach, so macht die Nicht-Referenz von »Gott« die Gottesbeweise noch fragwürdiger.
Auswege
Will man weiterhin vernünftig über Gott reden, hat man verschiedene, kaum zufriedenstellende Optionen.
  • Festhalten am Glauben trotz allem einsichtig machen: man kann die vorgelegte Argumentation in diesem Buch erschüttern. Das wird schwierig werden.
  • Verzicht auf jegliche religiöse Aussagen und Vorstellungen. Ddamit gesteht man zu, dass alle religiösen Aussagen sinnlos sind; jetzt aber nicht wegen mangelnder Verifikationsmöglichkeit (Wiener Kreis), sondern aufgrund des hier vorliegenden sprachphilosophischen Nachweises. Dem Selbstverständnis der Gläubigen und Theologen wäre das Fundament entzogen.
Wie es der Titel des Buchs schon ahnen läßt: „Diejenigen, die affirmativ religöse Glaubenssätze gebrauchen, wissen nicht, wovon sie reden“ (S. 101). Kellerwessel schließt mit dem Titel an Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben und an „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34; aus den Sieben Letzten Worten Jesus Christus) an.
Mit diesem schmalen Werk liegt ein ausführlicher und überzeugender Nachweis vor, dass die Rede von „Gott“ vermutlich leeres Gerede ist. Kellerwessel drückt manchmal etwas sehr auf den Punkt, das macht aber die Lektüre gerade für Laien durchsichtiger.
Ich habe zum Beginn der Lektüre nicht gedacht, dass das Ergebnis so niederschmetternd für einen Grossteil der Menschheit ist.
Links
KellerwesselKönigshausen & Neumann
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KellerwesselDie Sieben Letzten Worte Jesu Christi
Literatur
Clifford, Paul R. (1967): “The Factual Reference of Theological Assertions”. Religious Studies 3:1, S. 339-346.
Dalferth, Ingolf U (1981): Religiöse Rede von Gott. Studien zur Analytischen Religionsphilosophie und Theologie, München: Kaiser.
Nielsen, Kai (1966): “On Fixing the Reference Range of ‘God’”. Religious Studies 2:1, S. 13-36.
Shepherd, John J. (1974): “Referring to God”. Religious Studies 10:1, S. 67-80.
Zimmer, Christoph (2009): "Deus". Logische Syntax und Semantik. Bonn: Linguistica Biblica, 1991 (Forum Theologiae Linguisticae, Bd. 20) – ZimmerOnline (pdf)
Zimmer, Christoph (2006): Definierbarkeit und Definition des Ausdrucks "Gott". Teil 1: Linguistica Biblica 62, 1989, S. 5-48; Teil 2: Linguistica Biblica 63, 1989, S. 5-32, 2.  – ZimmerOnline (pdf)
Zimmer, Christoph (2006): Was ist unter einer theologischen Aussage zu verstehen? Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie 36, 1989, S. 311-340. – ZimmerOnline (pdf)
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Ingolf U. Dalferth, Philipp Stoellger, Hg.: Gott Nennen: Gottes Namen und Gott als Name. Mohr Siebeck, 2008. Broschiert, 326 Seiten Kellerwessel
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Gunter Zimmermann: Der Begriff „Gott“. Ein Beitrag zur Auflösung des Atheismus-Problems. Hamburg: Kovac, 2010. Taschenbuch, 274 Seiten Kellerwessel
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.4.2012