Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Religion
Brian Leiter: Why Tolerate Religion?
Princeton: Princeton UP, 2012. Gebunden, 192 Seiten – Leiter LinksLeiter Literatur
Die Titelfrage "Warum Religion tolerieren?" ist arg verkürzt, sie läßt die Komplexität der Antwort kaum erahnen. Das Tolerieren ist dabei sehr weit aufzufassen. Es umfasst das Ausüben von Religion, auch wenn es mit dem anzuwendenden Recht kollidiert. Die eigentlichen Fragen, die in dieser Studie beantwortet werden, sind:
  • Soll die Gemeinschaft, repräsentiert durch den Staat, Ausnahmen von bestimmten Gesetzen zulassen, wenn diese Ausnahmen religiös begründet werden?
  • Wenn ja, warum sollen diese Ausnahmen nicht auch dann gelten, wenn der Konflikt mit dem Gesetz durch andere (nicht-religiöse) Verpflichtungen begründet wird?
In vielen nationalen Verfassungen ist das Recht der freien Religionsausübung verankert. Oft wird aber auch eine Trennung von Staat und Religion deklariert (und nicht immer eingehalten). Im Konfliktfall der freien Religionsausübung mit anderen Verfassungsgrundsätzen wird der Relgionsausübung oft der Vorrang eingeräumt. Dafür wurde aber – so Brian Leiter – nie ein grundlegendes Argument gegeben (S. 7).
Brian Leiter gliedert seine Argumentation zur Beantwortung der genannten Fragen wie folgt:
1 Toleration
Leiter versteht unter »Toleranz« in seinen Ausführungen nicht das bloße Stillhalten, wenn man eh nichts gegen die entsprechende Gruppe, Religionsausübung oder bestimmte Verhaltensweisen hat. Toleranz ist vielmehr, dass man Verhalten, Rituale und Ansichten akzeptiert, die einem zuwider sind.
Für das Recht der freien Religionsausübung gibt es zwei grundsätzliche Begründungen: moralisch und epistemisch. Das moralische Argument gibt es in zwei Ausprägungen (S. 15f):
  • Es gibt ein Recht auf freie Religionsausübung (Immanuel Kant; John Rawls)
  • Die freie Religionsausübung dient dem Gemeinwohl (Utilitarismus)
Das epistemische Argument geht davon aus, dass es ein Recht auf Wissen gibt (S. 19f):
  1. Die Aufdeckung der Wahrheit (bezüglich Glaubenssystemen) trägt zum Gesamtwohl bei.
  2. Die Wahrheit (bezüglich Glaubenssystemen) kann nur aufgedeckt werden, wenn man unterschiedliche Glaubenssystem zuläßt.
Das epistemische Argument führt Leiter auf John Stuart Mill zurück. Die Zulassung umfasst bei diesem Argument auch, dass man den Glauben leben und ausüben darf. Beide Argumentationen räumen keineswegs aus, dass die so begründete Religionsausübung ihre Grenzen hat (S. 21). Die Grenze zieht John Stuart Mill in On Liberty: Harm Principle / Schadensprinzip. Danach findet die freie Religionsausübung dort ihre Grenzen, wo die Rechte anderer verletzt werden.
2 Religion
Im zweiten Kapitel behandelt Leiter diese beiden Fragen:
  • Was ist Religion in Abgrenzung zu anderen Glaubenssystemen, Bekenntnissen und Riten?
  • Warum sollte man der Religion spezielle moralische und juristische Behandlung zugestehen, d.h. unter Umständen Verstöße gegen die Grundrechte zu billigen, und nicht auch anderen Gemeinschaften und Bekenntnissen?
Dabei ist die Definition von Religion schon extrem heikel. Sie soll alles einschließen, was gemeinhin unter Religion verstanden wird (also z.B. auch den Buddhismus) und alles ausschließen, was man nicht darunter versteht, also z.B. Faschismus und Fanclub einer Fussballmannschaft. Leiter legt zwei Merkmal zugrunde:
  1. Kategorische Normativität der Gebote, die die Handlungen der Religionsmitglieder bestimmen
  2. Religiöser Glaube gründet sich nicht auf Belege und für alle einsehbare vernünftige Gründe (»evidence«) sondern auf Vertrauen (»faith«).
    Vor allem christliche Religionen berufen sich auf Zeugenaussagen, die in der Bibel überliefert sind. Leiter weist diese als Begründungen zurück. Wo Zeugen so eklatant dem anerkannten Wissen widersprechen (kein Mensch kann Wasser in Wein verwandelt; von den Toten auferstehen, usw.), wird deren Zeugnis wertlos (S. 41).
Üblicherweise ist ein weiteres Merkmal von Religionen der Glaube an eine metaphysische Realität (S. 47). Auf dieses Merkmal meint Leiter verzichten zu können (S. 49). Das scheint mir voreilig. Als viertes Merkmal dient, dass Religionen notwendigerweise existenzielle Fakten des Lebens, wie Leiden und Tod, erträglich machen. Sie geben existenziellen Trost (S. 52).
3 Why Tolerate Religion?
Nach den Begriffsklärungen widmet sich der Autor der Frage:
Darf Religion auf eine extra Behandlung pochen?
Leiter findet keine überzeugenden Gründe für eine positive Antwort. Vorgebrachte Gründe lassen sich auf alle Glaubenssysteme anwenden, seien sie religiös oder nicht. Man könnte Religionsausübung im Konfliktfall also tolerieren, wenn man diese bevorzugte Behandlung allen Glaubenssystemen und Riten zukommen lassen würde. Diese Ausweitung weist Leiter jedoch als völlig überzogen zurück.
4 Why Respect Religion?
Eine engere Frage wird im Kapitel 4 behandelt: Soll man Religion und Religionsausübung respektieren? Hier greift der Autor Simon Blackburn auf. Dieser spricht Religionen den Respekt ab, da sie gefährliche falsche und epistemisch tadelnswerte Überzeugungen vertreten (S. 75-78; Blackburn 2007). Die abscheulichen Folgen von Religionen und Religionsausübungen sind bekannt. Stehen ihnen nicht auch gute Seiten gegenüber? Dazu beruft sich Leiter immer wieder auf Widerstand gegen Faschismus und Rassismus (z.B. S. 85). Das wäre aber genauer zu untersuchen, da Widerstand oft nur dann entsteht, wenn religiöse Belange (z.B. Abhängen der Kreuze in Schulen) betroffen sind.
5 The Law of Religious Liberty in a Tolerant Society
Wie haben also die Gesetze zur Religionsausübung auszusehen?
  • Universale Ausnahmen für alle Gewissensausübungen: nicht praktikabel. Wie will man in einem Rechtsstreit die Gewissensüberzeugungen überprüfen? (S. 94-100)
    Anmerkung: in Deutschland wurde die Überprüfung der Gewissensüberzeugung bei der Verweigerung des Wehrdienstes jahrezehntelang durchgeführt. Eine lächerliche Praxis.
  • Keine Ausnahmen: das kann zu Gesetzen führen, die scheinbar für alle gelten, aber auf eine Religion gemünzt sind, z.B. beim Kopftuchverbot; evtl. sogar nur Kopftuchverbote für Muslime (S. 105).
    Anmerkung: in Deutschland werden kurzerhand scheinbar neutrale Gesetze für alle erlasssen, die aber von Ausnahmen für die bevorzugten Religionen durchlöchert sind. So ist das Tragen religiöser Kleidung (z.B. Kopftuch) als Lehrer(in) verboten, doch christliche Tracht (z.B. Ordensschwesternhabitus oder Kutte der Mönche) ist zulässig. Ein Schlag ins Gesicht jeder Rechsstaatlichkeit.
Leiter spricht sich für freie Religionsausübung und Gewissensausübungen ganz allgemein aus, solange Mills Schadenprinzip nicht verletzt wird (S. 114). Es ist falsch hierbei die Religion zu bevorzugen.
Zum Abschluss diskutiert Leiter das schwierige Thema der Trennung von Religion und Staat im Allgemeinen und in der Schule im Besonderen.

Leiter argumentiert umsichtig. Er will die Sache für die Religion nicht zu schnell aufgeben und geht manchen Auswegen nach. Die stringente Argumentation franst da aus. Doch es ist löblich Thesen auf verlorenem Posten ("Die Religionsausübung ist auch dann zu gewährleisten, wenn sie gegen bestehendes Recht verstößt.") Schlupflöcher zu zeigen. Doch selbst diese sind versperrt: der Religionsausübung gebührt gegenüber anderen Glaubenssystemen kein besonderer Respekt.
Anmerkungen zu anderen Besprechungen
Ryan Anderson leitet seine kurze "Besprechung" (Leiter Links) ein mit
„Brian Leiter [...] asks why Western democracies have sought to promote and protect religion—and religious liberty—in both law and culture.”
Diese historische Frage stellt Brian Leiter gerade nicht. Er stellt vielmehr fest, dass Religion einen Sonderstatus genießt und fragt dann nach den aktuell gültigen Gründen dafür. Er stellt die grundsätzliche Frage: Ist das berechtigt?
Die diesem Einleitungssatz unterliegende Interpretation deckt sich mit einigen Antworten auf Diskussionswebseiten über das Buch: „Why tolerate it? Because the majority of the people in the U.S. and Canada have always been religious and, therefore, have demanded, expected, and received special consideration.” Das Argument Ad Populum beruft sich auf die Mehrheit und ist hier falsch.
Die Fragen werden sehr tiefschürfend analysiert und beantwortet. Leiter kommt zu dem Schluss, dass religiöse Gründe keine herausgehobene Basis dafür geben, andere Grundrechte zu verletzen. Leiters durchgehendes Beispiel ist ein Schüler, Anhänger der Sikh-Religion, der in die Schule ein gefährliches Messer mitnahm und durch alle Instanzen recht bekam. Aus nicht-religösen Gründen wäre ihm das nie erlaubt worden. Das ist aufgrund Leiters Argumentation falsch und ungerecht. Religiöse Begründungen dürfen daher keine Sonderstellung erhalten.  
Zu einer gegenteiligen Folgerung scheint Paul Tiedemann: Religionsfreiheit - Menschenrecht oder Toleranzgebot? Was Religion ist und warum sie rechtlichen Schutz verdient zu kommen.
Siehe Leiter Literatur.
Links
LeiterWhy Tolerate Religion? @Princeton University Press
LeiterBrian Leiter, University of Chicago, The Law School
LeiterBrian Leiter: Why Tolerate Religion? Constitutional Commentary, Winter 2008 (pdf)
LeiterBrian Leiter: Foundations of Religious Liberty: Toleration or Respect? U of Chicago, Public Law Working Paper No. 275 San Diego Law Review, Forthcoming. 2009 (pdf)
LeiterBrian Leiter discusses religious toleration - September 2010 Leiter audio!
LeiterLeiter Reports: A Philosophy Blog
LeiterBrian Leiter (Wikipedia)
LeiterNew book asks, Why Tolerate Religion, WBEZ's Afternoon Shift Jan 2013 Leiter audio!
Rezensionen
LeiterReviewed by Robert Merrihew Adams, University of North Carolina, Chapel Hill, NDPR
LeiterRyan Anderson: A Leiter Case for the Superfluousness of Religious Liberty, Library of Law and Liberty
LeiterStanley Fish: Religious Exemptions and the Liberal State: A Christmas Column.
New York Times, Dec. 24, 2012
LeiterStanley Fish Reviews Leiter's "Why Tolerate Religion?" University of Chicago, Dec 26, 2012
LeiterDavid Gordon: Freedom of Conscience: To What Extent? Dec 12, 2012
LeiterJohn Gray: „Giant leaps for mankind. Why tolerate religion? Most of our beliefs are unwarranted, even absurd, says John Gray”. New Statesman, 29 November 2012
LeiterStudent Blogger: Brian Leiter: “Why Tolerate Religion?” University of Chicago, Oct 9, 2008
LeiterRobert Talisse: Brain Leiter: Why Tolerate Religion? 3. Jan. 2013 & Interview with Brian Leiter 1:06
LeiterTodd Zywicki: „Ryan Anderson Reviews Brian Leiter’s New Book on Freedom of Religion” Nov 25, 2012

Leiter Art.4 Die Freiheit des Glaubens
Leiter Compelle intrare - Nötige sie hereinzukommen
Leiter Keiner verachte den Andern. Georg Forsters Toleranzappell
Harm Principle / Schadensprinzip (John Stuart Mill): LeiterSchadensprinzipLeiterWikipedia
LeiterPercila Jackson: John Stuart Mill's Harm Principle, Apr 12, 2010 
Leiter Literatur zu Terror, Gewalt, Religion und Geheimbünden
Leiter Gerd Lüdemann: Die Intoleranz des Evangeliums
Leiter Privilegien der Kirchen: abschaffen!
Leiter Religiöse Gefühle
Leiter Rezensionen philosophischer und verwandter Bücher
Leiter Rezensionen politischer und anderer Sachbücher
Leiter Trennung von Religion, Kirche, Politik und Staat
Literatur
Blackburn, Simon (2007): "Religion and Respect". In: Antony, Louise M. (2007): Philosophers without Gods: Meditations on Atheism and the Secular Life. Oxford, USA: Oxford University Press. S. 179-183. LeiterRevised Version August 2004 online (pdf)
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Leiter LeiterBrian Leiter: Why Tolerate Religion? Princeton: Princeton UP, 2012. Gebunden, 192 Seiten
antony LeiterLouise M. Antony: Philosophers without Gods: Meditations on Atheism and the Secular Life. Oxford, USA: Oxford UP, 2007. Gebunden, 352 Seiten
LeiterReviewed by George I. Mavrodes, University of Michigan
Schweizer
Gerhard Schweizer: Ungläubig sind immer die anderen: Weltreligionen zwischen Toleranz und Fanatismus. Klett-Cotta, 2001. Gebunden, 480 Seiten Leiter
Tiedemann SpringerPaul Tiedemann: Religionsfreiheit - Menschenrecht oder Toleranzgebot? Was Religion ist und warum sie rechtlichen Schutz verdient. Springer, 2012. Gebunden, 193 Seiten

Leiter Anfang

Religion
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 31.8.2015