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Kein Unterschied
Argument der Vergeblichkeit / Nutzlosigkeit oder auch
Argument Es-macht-keinen-Unterschied

Makes No Difference Argument – argument Linksargument Literatur
Oft werden in ethischen Diskussionen oder im politischen Alltag Argumente gebraucht wie diese:
Tony Blair, UK:
„If we want to stop the defence industry operating in this country, we can do so. The result incidentally would be that someone else supplies the arms that we supply.”
Tony Blair, The Mirror 25 July 2002
Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, CSU, sagte zu den Zeitungen der Funke-Mediengruppe über das millionenfache Töten von Küken:
„Bei einem Verbot würden die Brütereien in Deutschland schließen und ins Ausland abwandern.” Dort würden männliche Küken aber ebenfalls geschreddert.
No DifferenceCSU-Agrarminister verteidigt millionenfaches Kükenschreddern, SZ, 31.3.2016
Argumentationsschema
(1) Die Tätigkeit X von Y1 hat das Ergebnis Z
(2) Z ist ethisch verwerflich (oder auch: höchst zweifelhaft)

(3) Y1 sollte die Tätigkeit X einstellen
***
Gegenargument mit der Vergeblichkeit / Nutzlosigkeit
(4) Wenn Y1 die Tätigkeit X einstellt, wird sie von Y2 ausgeführt
(5) Die Tätigkeit X von Y2 hat das Ergebnis Z

(6) Die Einstellung von X durch Y1 ist vergeblich / nutzlos

(7) Wenn die Einstellung von X durch Y1 vergeblich / nutzlos ist, dann gibt es für Y1 keinen Grund X einzustellen

(8) Es gibt für Y1 keinen Grund X einzustellen (aus 6 und 7)

Das Gegenargument wird in der englischen Literatur zu „If I don’t do it somebody else will” verkürzt, oder „Wenn ich damit aufhöre, macht es jemand anders”. Es wird auch  The Futility Illusion oder  The Futility Thesis genannt (Hirschman 1991).
Wie ist dieses Argumentationsschema zu beurteilen?
Zunächst ist zu beachten, dass alleine durch die Gegenargumentation implizit die Prämisse (2) zugestanden wird. Der Diskursgegner greift ja die Argumentation nicht direkt an, sondern behauptet mit seinem Gegenargument zweierlei:
  1. Die Einstellung der Tätigkeit X ist vergeblich / nutzlos / macht keinen Unterschied
  2. Folglich gibt es für Y1 keinen Grund X einzustellen.
Die/der Angegriffene kann also zweifach gegen das Gegenargument vorgehen:
  1. Sie/er bestreitet, dass es keinen Unterschied macht, ob Y1 die Tätigkeit X einstellt oder nicht, oder anders ausgedrückt: die Einstellung von X durch Y1 macht sehr wohl einen Unterschied
  2. Auch wenn es keinen Unterschied macht, gibt es für Y1 gute Gründe X einzustellen.
Nefsky 2015, S. 246, siehe argument Literatur
Die 1. Vorgehensweise beruht auf rein sachlichen Gründen und daher vom Argumentinhalt abhängig. Sie kann und wird hier nicht weiter erörtert. Die 2. Vorgehensweise ist dagegen prinzipiell und abhängig davon, welche Moraltheorie man anwendet. In gewisser Weise behauptet die 2. Vorgehensweise doch, dass es einen Unterschied macht, eben weil mein nicht (nur) auf das (sofortige, kurzfristige) Ergebnis schauen darf.
Das Gegenargument „If I don’t do it somebody else will” kann man auch wie folgt entkräften. Wenn man der Konklusion "(8) Es gibt für Y1 keinen Grund X einzustellen" folgt, kann man nicht vermeiden, dass auch Y2 X ausführt. Ergebnis: Y1 und Y2 führen X aus. Das Ergebnis Z ergibt sich also weiterhin, eventuell sogar zweifach (durch Y1 und Y2).
Die Prämisse "(2) Z ist ethisch verwerflich" wurde aber zugestanden.
Es gibt damit im Endeffekt zweimal das verwerfliche Ergebnis Z. Doch es gilt: „two wrongs never make a right”.
Folgt man der Gegenargumentation rennt man folglich in die Falle von „two wrongs”.
Die diskutierten Argumentationen sind moralisch und beruhen auf einem moralischen Prinzip. Wesentliche Prinzipien einer Moraltheorie können u.a. sein:
  • regelgeleitet, an den Pflichten orientiert (deontologisch)
  • an den Konsequenzen orientiert (Utilitarismus; teleologisch)
  • tugend– oder wertebasiert
Die Übergänge sind fließend, es gibt viele Mischformen.
Im Hinblick auf eine konsequentalistische Ethik, die sich nur am allgemeinen Glück orientiert, ist das Gegenargument akzeptabel. Die Akzeptanz wird dadurch verstärkt, dass Y1 mit der Tätigkeit X normalerweise das eigene Glück (Profit!) erhöht.
Eine streng konsequentalistische Ethik, die sich auf die einzelne Handlung bezieht, hat jedoch enorme Schwierigkeiten. Das beginnt beispielsweise bei der Bewertung der Frage ob man zu einer demokratischen Wahl gehen soll, wenn man ziemlich genau weiß: "Egal, ob ich wähle oder nicht, und was ich wähle, es gewinnt trotzdem die Partei A".
Die konsequentalistische Ethik wird deshalb oft durch Regeln abgestützt und verallgemeinert. Davon gibt es zahlreiche Spielarten.
Das Prinzip der Verallgemeinerung besagt beispielsweise, daß eine Tätigkeit dann nicht ausgeführt werden sollte, wenn ihre Ausführung durch alle schlechte Folgen hätte (Hoerster 1977, S. 41). Auf die eingangs genannten Beispiele bezogen:
  • Wenn alle Kriegsgüter produzieren würden (die dann verkauft und eingesetzt werden), hätte das verheerende Folgen.
  • Wenn alle (millionenfach) Küken schreddern würden, wäre das nicht hinnehmbar.
Damit ist auch für den Regelutilitaristen dieser Prägung klar: Rüstungsgüter sollten nicht exportiert werden und Küken sollten nicht millionenfach geschreddert werden.
Das Argument der Vergeblichkeit wird von Jonathan Glover und M. Scott-Taggart eingehend untersucht (Glover 1975, siehe argument Literatur).
  • Was oft übersehen wird: mit dem Gegenargument der Vergeblichkeit gibt der/die Angesprochene – wie oben bereits angesprochen – implizit zu, dass die beanstandete Tätigkeit eigentlich verwerflich ist. Der/die Angesprochene bestreitet ja nicht die Prämisse (2), sondern stellt das positive Ergebnis in Frage.
  • Oft steckt hinter der Argumentation mit dem Argument der Vergeblichkeit Selbstinteresse: man will die Handlung nicht aufgeben, obwohl man erkannt hat, dass sie verwerfliche Konsequenzen hat. Man würde etwas verlieren, wenn man auf die Handlung verzichtet. Vergleiche dazu den Song aus 1904: „It makes no difference what you do, get the money” (argument Links).
Jeder, der nicht strikt eine streng eine konsequentalistische Ethik vertritt (und die kann man kaum seriöserweise nicht vertreten), muss das Vergeblichkeitsargument zurückweisen.
„»If I don’t do it, somebody else will« is generally speaking a weak justification for wrongdoing. You are responsible for the wrong you do, regardless of whether or not others would have done it anyway.” (Baggini 2006, S. 19). Julian Baggini führt das folgende Beispiel an. Wenn man einen verlassenen offenen Sportwagen sieht, mit dem Schlüssel im Zündschloß, man springt hinein und fährt weg, dann ist und bleibt dies ehtisch verwerflich, auch wenn es nur eine Frage der Zeit war, bis ein anderer dasselbe gemacht hätte.
Ähnlich warnt Bernard Chapin davor, auf dieses Arumentationsmuster hereinzufallen (argument Links).
Alexander Solschenizyn stellte in seiner nicht gehaltenen Rede zur Verleihung des Nobelpreises fest, dass man an Tätigkeiten, die man als moralisch verwerflich einstuft, nicht teilnehmen soll:
„And the simple step of a simple courageous man is not to partake in falsehood, not to support false actions! Let THAT enter the world, let it even reign in the world - but not with my help.”
Matthew Rendall von der University of Nottingham argumentiert am konkreten Beispiel der Reduzierung des Kohlenstoffsausstosses ebenfalls gegen das "Argument Es-macht-keinen-Unterschied" an (Rendall 2015).
Das Argument der Vergeblichkeit / Nutzlosigkeit, das Argument des insignifikanten Unterschieds oder auch Argument "Es-macht-keinen-Unterschied" ist sehr kritisch zu sehen. Wenn man nicht einen strikten Utilitarismus vertritt ist es kaum einschlägig und sollte zurück gewiesen werden.
Links
No DifferenceJulian Baggini: If I don’t do it somebody else will
The Futility Illusion "If I don't do it, somebody else will." – No DifferenceQuelle 1No DifferenceQuelle 2
No DifferenceThe Rhetoric of Reaction
chapinChapin, Bernard: Fallacy: Appeal to Futility, 17.8.2014
No DifferenceNefsky, Julia (2014): „How You Can Help, Without Making a Difference”
No DifferenceNefsky, Julia (2012): „The Morality of Collective Harm”. Diss. University of California, Berkeley.
No Difference„It makes no difference what you do, get the money”
No DifferenceAlexandr Solzhenitsyn - Nobel Lecture – The Nobel Prize in Literature 1970
Vergeblichkeit Critical Thinking: Links
No DifferenceMacht es einen Unterschied Vegetarier zu sein?
Vergeblichkeit Literatur zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
Vergeblichkeit Anmerkungen zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
Two wrongsTwo wrongs make a right
Vergeblichkeit Anfang
Literatur
Hoerster, Norbert (1977): Utilitaristische Ethik und Verallgemeinerung. Freiburg [Breisgau], München: Alber.
Glover, Jonathan, M.J. Scott-Taggart (1975): „It Makes no Difference Whether or Not I Do It”. Proceedings of the Aristotelian Society, Supplementary Volumes 49, S. 171-209.
No DifferenceOnline verfügbar
Kim, Seahwa (2009): „Counterlegals and the ‘Makes No Difference’ Argument”. Erkenntnis 70:3, S. 419-426.
Nefsky, Julia (2015); „Fairness, Participation, and the Real Problem of Collective Harm”. In: Mark Timmons, Hg.: Oxford Studies in Normative Ethics 5. S. 245-271.
Nefsky, Julia (2012): „Consequentialism and the Problem of Collective Harm: A Reply to Kagan”. Philosophy & Public Affairs 39:4, S. 364-395.
Rendall, Matthew (2015): „Carbon Leakage and the Argument from No Difference”. Environmental Values 24, S. 535-552.
Spiekermann, Kai (2014): „Small Impacts and Imperceptible Effects: Causing Harm with Others”. Hg.: Midwest Studies In Philosophy XXXVIII. S. 75-90.
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Baggini No DifferenceJulian Baggini: The Pig That Wants to Be Eaten: 100 Experiments for the Armchair Philosopher. New York, Plume, 2006. Taschenbuch, 320 Seiten Baggini
Julian Baggini: 100 philosophische Gedankenspiele. München, Zürich: Piper, 2008, Taschenbuch, 320 Seiten No Difference
Hirschman No DifferenceAlbert O. Hirschman: The Rhetoric of Reaction – Perversity, Futility, Jeopardy. Cambridge, MA: Harvard UP, 1991. Taschenbuch, 224 Seiten Timmons

Mark Timmons, Hg.: Oxford Studies in Normative Ethics, Volume 5. Oxford: Oxford UP, 2015. Taschenbuch, 348 Seiten No Difference
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